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Juli 2023: Die essenziellen Alben (Teil 2)

Haruomi Hosono – N.D.E. (Rush Hour Music) [Reissue]

Der Enkel eines Titanic-Überlebenden avanciert zu einem der einflussreichsten Musiker Japans: die Biografie des Yellow-Magic-Orchestra-Gründers Haruomi Hosono bietet viel Stoff für Leinwandgeschichten. Sein weitverzweigtes musikalisches Œuvre ermöglicht noch größere Illusionen im Kino der Musik. Jüngstes Beispiel: das vom Amsterdamer Label Rush Hour erstmals auf Vinyl neu aufgelegte Album N.D.E., ursprünglich 1995 auf dem japanischen Label Sun & Moon als CD veröffentlicht. Ein heterogenes, knapp einstündiges Kunstwerk zwischen Ambient, abstrakter Elektronik und fernöstlicher Musikkultur, das mit jedem neuen Stück Überraschungen aufdeckt.

Nebliger Zeitlupen-Space-Dub steigt zu fesselnden Ambient-Harmonien auf, wilde Saxofontöne gleiten über lässigem Funkbassspiel, pochende Techno-Grooves treffen Ambient-Elektronik à la Fax +49-69/450464, zittrige Tabla-Percussions schaukeln zu brodelnden Synth-Echos und sanfte Gamelan-Wellen streicheln traurige Streicher, stets psychedelisch, sanft bewusstseinsverändernd. Alles inspiriert von der elektronischen Musik der Zeit, wie dem Ambient-Techno und House eines Spacetime Continuum und The Orb oder dem Illbient der New Yorker Word-Sound-Szene.

Deren Mittelpunkt war damals der US-Bassist Bill Laswell, der gemeinsam mit Hosono sowie weiteren Gästen wie der New Yorker DJ- und Produzentenlegende Francois K und dem japanischen Ambient-Pionier Yasuaki Shimizu N.D.E. in Brooklyn und Tokio einspielte. Eine Teamarbeit, die nicht aus der Zeit gefallen ist. Denn dass das alles fast 30 Jahre lebt, ist diesem immer noch zukünftigen Album nie anzumerken. Schön, dass es endlich wieder jenseits der Sammlerkreise zaubert. Michael Leuffen

K-LONE – Swells (Wisdom Teeth)

Da hat K-Lone ja genau zur richtigen Zeit genau das richtige Album parat. Fluffig leicht kommt es daher, die Zehenspitzen scheinen beim Umhertanzen kaum den Boden zu berühren. Leichtfüßig sind also die Rhythmen des Albums, zumeist durch Rolands Drummachine CR-78 von 1978 angetrieben. Irgendwo zwischen House und UK Garage swingen sie durch die warme Luft, wehen die warmen Basslines und Akkordfolgen in den hellblauen, nur von wenigen weißen Wolkentupfern besprenkelten Himmel empor.

Die CR-78 war seinerzeit, noch vor 808 und 909 die erste programmierbare Drummachine und damit höchst futuristisch. Heute verleiht ihr nunmehr retrofuturistischer Charme dem Album genau die Dosis Patina, die es benötigt, um gemeinsam mit den melancholischen Akkorden und schnörkeligen, sich jedoch nie in den Vordergrund spielenden Melodiesequenzen organisch und warm zu tönen. Hier wird nicht in dunklen, feuchten Kellern geravet, sondern auf grünen Wiesen, in lichten Wäldern oder vielleicht auch auf einer kleinstädtischen Hinterhof-Party.

Denn das ist der andere Aspekt von K-Lones Musik – sie vermittelt Nähe und Geborgenheit, so als würde man Zeit mit alten Freunden verbringen. Und ist man dann erschöpft vom Tanzen, lässt man sich einfach nieder und genießt eines der zahlreichen eher Electronica- oder Ambient-artigen Stücke der Platte – die Tracks des Albums changieren alle in wohltemperierter Abwechslung im Bereich von 90 bis 140 BPM. Auch sie vermitteln alle eine schwül-warme, doch nie drückend-unangenehme Atmosphäre. Mit anderen Worten: ein perfektes Sommeralbum. Tim Lorenz

Kuna Maze – Night Shift (Tru Thoughts)

Dass die Neunziger wieder verstärkt da sind, mag man nicht uneingeschränkt begrüßen. Andererseits bedeutet das ja nicht, dass man jetzt ausschließlich Trance oder Eurodance, oder beides in wechselnden Anteilen kombiniert, von jungen Produzent:innen serviert bekommt. Man kann auch auf Musiker:innen treffen, die, wie Edouard Gilbert alias Kuna Maze in Brüssel, sich eher auf die Nu-Jazz-Tradition verstehen und überhaupt dem Funk viel Entfaltungsmöglichkeit zubilligen.

Bei ihm kommen zu diesem Zweck sanfte Klänge und Rhythmen ohne allzu aggressiven Rumms zum Einsatz. Geht ihm halt um die Nacht, jedoch eine, in der man nicht zwangsläufig bis zum Anschlag druff ist, sondern womöglich bloß leicht berauscht. Das Ganze schämt sich nicht der eigenen Nostalgie. Diese zelebriert Kuna Maze dafür mit so viel Leidenschaft und Auge fürs Detail, dass man sich ebenfalls nicht schämen muss, wenn man Gefallen daran findet. Ob allein und instrumental oder verstärkt von Gästen wie Steve Spacek, plädiert Kuna Maze auf seinem Debütalbum überzeugend für diese vielleicht weniger revolutionären, dafür recht alterungsbeständigen Errungenschaften des Techno-Jahrzehnts. Tim Caspar Boehme

Laurent Garnier – 33 Tours Et Puis S’en Vont (COD3 QR)

Laurent Garnier geht in Rente. Also bald, weil er ja schon einen großen Teil der letzten 35 Jahre was gemacht hat. Techno, House, alles gesehen, vieles vergessen. So ist das mit dem Alter. Und so jung kommen wir bestimmt nicht mehr zusammen. Weil man mit einer Platte nicht geht, sind es drei geworden. Das ist schon mal eine gute Zahl, das macht was her, das bleibt den Leuten in Erinnerung. Und so soll das ja sein.

Über jeden Trend erhaben, garniert Laurent sein Lebenswerk. Techno darf Techno sein. House bleibt House. Da muss man nichts überstürzen. Da lässt man sich Zeit. Die Kunst liegt in der Wiederholung. Und so weiter und so fort. Und dann sind schon wieder zehn Minuten vergangen, und es kommt der nächste Track, der wieder zehn Minuten dauert, weil die hier alle zehn Minuten dauern, mindestens, meistens sogar länger, ganz selten kürzer, da hat man sehr viel Zeit, um sich Gedanken zu machen – über die schönen Farben auf dem Cover oder den Französisch-Kurs, den man nie gemacht hat, vielleicht denkt man auch ans Leben, den Tod oder den lieben Gott. Jedenfalls geht das alles, und dann wünscht man sich, dass Garnier doch erst in ein paar Jahren in Rente geht, weil: Das ist halt schon sehr gut und eigentlich viel besser als der andere Scheiß. Christoph Benkeser

Lindstrøm – Everyone Else Is A Stranger (Smalltown Supersound)

Disco ist doof, heißt es. Was Lindstrøm auf seiner jüngsten Platte bietet, verdient sogar den Namen Cosmic Disco. Folgt man dem Gedanken, wäre die Sache mithin eine Blödheit kosmischen Ausmaßes. Was andererseits bloß eine Seite ist, um die Musik von Everyone Else Is a Stranger zu betrachten. Denn Disco tut bekanntlich auch gut, wenn man sich ihrer mit Sinn und Verstand annimmt. Das gilt ausdrücklich für die Hymnen, die der norwegische Produzent auf seinem sechsten Album losrollen lässt. Sie beanspruchen nicht bloß etwas Zeit, zwischen sieben und elf Minuten, sie schaffen zugleich viel Raum für Euphorie.

Manchmal, wie im eröffnenden „Syreen”, mit kleinen Überraschungen wie den scheinbar endlos aufsteigenden Akkorden. Gerade im Vergleich zu Lindstrøms verhalteneren Platten aus jüngerer Zeit macht sich diesmal eine konsequente balearische Feierfreude bemerkbar, die keinen trotzigen, aber dafür einen entschiedenen Optimismus verströmt. Um zum Anfang zurückzukehren: Man kann das alles selbstverständlich immer noch doof finden. Oder sich einfach von der nach allen Regeln der Kunst gebündelten Energie anstecken lassen. Tim Caspar Boehme

Lucas Croon – Hals und Kopf (Ediciones Villasonora)

Der Resident-DJ des Salon des Amateurs hat bereits in den vergangenen Jahren mit einer kleinen Schau exzellenter EPs bewiesen, dass er eine eigene Handschrift zwischen Italo, Downbeat und kosmischer Musik gefunden hat. Dabei stellt seine erste LP für das neue Label Ediciones Villasonora sowas die Spitze seines bisherigen Werks dar.

Funky Basslines, wenig Beat aus der Retorte, dafür viele und dichte Synthesizer, in die man sich am liebsten reinlegen würde. Die klingen zwar gezwungenermaßen retro-esk, werden aber so charmant und überzeugend vorgetragen, dass sie nicht einfach nach Nostalgie schmecken, sondern konsequent ihren speziellen Klangkosmos erschaffen. In diesem breitet sich Croon dann auf zehn Tracks aus, kombiniert klassische Drummachines mit Vintage-Synthesizern, die jeweils eine eigene Geschichte erzählen. Obwohl hier vieles unterhalb der 100 BPM passiert, sind die Tracks mit ihren starken Grooves stets auch für den Dancefloor geeignet. Und die Varianz in Geschwindigkeit wiederum kommt dem Album beim Konsum auf Kopfhörern oder daheim zugute.

Croon mischt also geschickt und munter verschiedene Einflüsse aus Dub und Jazz mit den prägenden Sounds aus frühem Acid und dem opulenten Funk der Siebziger, während teilweise ein gewisser Neunziger-Vibe à la Thievery Corporation mitschwingt. Eine potente wie selbstbewusste Melange, die sich selbst feiert und dabei eine ziemlich gute Figur macht. Leopold Hutter

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