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Juni 2023: Die essenziellen Alben (Teil 1)

Adam Pits – Synthetic Serenity (On Rotation)

Der überaus produktive Engländer Adam Pits hat sein zweites Album veröffentlicht. Wie zuvor schon A Recurring Nature setzt sich auch Synthetic Serenity von seinen eher clubfokussierten EPs ab. Sechseinhalb Minuten dauert es, bis erstmals eine Kickdrum zu hören ist („Sleepless”). Beispielhaft für ein Album, dessen Produzent die Zeit zu nutzen weiß, die ihm das Format verschafft. Ein wenig Geduld ist an der ein oder anderen Stelle erforderlich, zahlt sich jedoch aus, da die Tracks sich oft langsam entfalten, dadurch aber auch eine transportierende Qualität offenbaren. Das Album zieht seine Hörer:innen in eine Klangwelt, die zwar in der Tat synthetisch klingt, ihre Verbindung zur Natur (und damit zum ersten Album) dennoch nicht verloren hat. Exemplarisch ist dafür der siebenminütige „Brain Breach”, der klingt wie eine künstliche Intelligenz auf Dschungelexpedition.

Progressiv geht es also erneut zu auf diesem Album, das aber weder typisch Prog-House noch Techno ist. Zwar ließen sich die meisten Tracks im Club spielen, ihre Energie ist aber eher traum- als Rave-induzierend. Dass diese Träume auch finster sein können, zeigt die titelgebende C2, die zunächst weiträumig herumwabert, sich zur Mitte hin klanglich verdüstert und in der Dunkelheit eine beachtliche Energie entwickelt. Die beiden A-Seiten „Lost in the Ether” und „Sleepless” sind da schon eher meditationstauglich.Wie A Recurring Nature bespielt dieses Album die psychedelische Seite progressiver elektronischer Musik. Doch wo die Debüt-LP nach verwunschenem Wald auf Acid klang, tönt der Nachfolger futuristischer und lenkt den Blick von der Erde zum Himmel und auf das Extraterrestrische. Ruben Drückler

Ahmet Sisman – The Third Space (The Third Room) 

The Third Room ist eine Veranstaltungsreihe im Ruhrgebiet, organisiert vom gleichnamigen Kollektiv, dessen Kopf Ahmet Sisman heißt.Der Name des Tracks „Groove Patterns” zeigt das Wesen seiner Produktionsweise. Auf den Mustern, den perkussiven Mustern liegt sein Fokus. Dabei greift er zu puristischen Detroit-Sounds, dazu aber zu Beat-Mathematiken im Stile Matrixxmans. In „Hybridity” hält ein lautes, hölzernes Klackern den Groove aufrecht, bei „Transcendence” eine durch diverse Delays gejagte Roboterstimme. Puristischer Techno in entspannter Dunkelheit. „Darbuka” schließlich öffnet die Pforten und schafft einen weiten Klangraum, in dem es angenehm scheppert. Um dann im spannungsreichen, das Wohlgefühl beim Anblick der Morgensonne fassenden „The Break Of Dawn“ zu enden und somit bei einem Neuanfang. Ein wohlverdientes Ende für diesen Ort der Möglichkeiten. Christoph Braun

Zu dem Album ist leider kein Prelistening verfügbar.

Al Wootton – We Have Come To Banish The Dark (Trule)

Allen Wooton hat auch unter den Pseudonymen Immrama, J.V. Lightbody, Deadboy und Deadboy Racer sowie in Projekten wie Hyper Black Bass, DBM und natürlich Holy Tongue Musik veröffentlicht sowie zuletzt mit Azu Tiwaline zusammengearbeitet. In den letzten drei, vier Jahren hat der Betreiber des Labels Trule so ein geradezu beängstigendes Tempo an den Tag gelegt, sich zugleich aber auch als innovative Kraft in Bassmusik, Dub und deren grauschattigen Zwischenräumen etabliert. Um all das weniger kompliziert auszudrücken: Al Wootton ist einer der Geilsten, die wir haben. Und jetzt legt er auch noch ein zweites Solo-Album obendrauf.

We Have Come To Banish The Dark verspricht, zugleich Bestandsaufnahme von und Antidot gegen dystopische Zeiten zu sein. Mit einem technoiden Stepper setzt Wootton an, und Techno mit all seiner atmosphärischen Ambivalenz zwischen utopischen Visionen und dystopischer Ästhetik bleibt auch der stilistische rote Faden der folgenden, vergleichsweise kurzen acht Stücke. Dabei bedient sich Wootton Gamelan-ähnlichen Klängen („All The World Is A Hospital”), der Unwucht gebrochener Beats („A Pox Cast”), verhetzter Bleeps („The Norman Yoke”) und rumpelig-rüder Basslines („A Cruel Sun Over Catalonia”). Er differenziert die Möglichkeiten des Genres unter seinen ganz eigenen, vom Hardcore Continuum geprägten Bedingungen aus.

Mit „May Your Angels of Light Accept Him” schließt das Album mit einem groovenden Track, der das emotionale Kippspiel auf die Spitze treibt. Dräuend-treibender Rhythmus, MDMA-Schaumbad-Pads zum Abschmecken: Dieses Ende ist ein offenes. Und danach zumindest klar, dass Wootton sich erneut übertroffen hat. Kristoffer Cornils

Anthemic Tapes – Anthemic Beliefs (Hypercolour)

Ein so obskures wie wunderschönes musikalisches Kleinod hat der im Schatten bleibende (so beschreibt ihn zumindest der Pressetext seines Plattenlabels) Produzent unter dem Pseudonym Anthemic Tapes zusammengefügt. Der Name beschreibt dabei Inhalt wie Methode. Inhalt, weil hier abstrahierte Versatzstücke hymnischer Techno-House-Klassik auseinandergenommen, verdreht und neu zusammengesetzt werden. Methode, weil all dies auf Kassette aufgenommen und so durch einen gesättigten Lo-Fi-Filter gedreht wurde, der das Material weit vom Ursprung, dem sonischen Dancefloor, entfernt und in eine verwischte Listening-Atmosphäre überträgt.

Denn auch wenn die Grundelemente von der Tanzfläche kommen, mitunter direkte Bezüge zur Techno-Geschichte genommen werden (der Track „Nothing Else Matters (Real Version)” etwa verwendet den Titel der Metallica-Hymne für einen sehr eindeutigen Edit des Detroit-Klassikers „Surkit” von Reel By Real), ist dies mehr ein Ambient-Album als alles andere. Dabei werden Beats so verzerrt, dass sie als reine Noise-Elemente in den Hintergrund treten. Oder gleich abgebrochen. Und Rave-Signale werden dergestalt verdreht, dass aus schweißtropfender Euphorie melancholische Schönheit wird. Ein wenig wie Burial für Rave-Klassiker statt Hardcore Continuum. Tim Lorenz

Anthony Naples – orbs (ANS)

Könnte das hier etwa einen eigenen Stil begründen? Angelehnt an die Reihe Too Slow to Disco ließe sich für Anthony Naples’ neues Album orbs jedenfalls die Phrase „Too slow to lounge” bemühen. Der New Yorker Produzent erkundet diesmal einen Ort, an dem Groove einerseits auf seine Rudimente heruntergebrochen wird und andererseits in einem so gemächlichen Tempo schwingt, dass er sich zwischen den einzelnen Tönen und Beats, falls Letztere überhaupt vorkommen, fast zu verlieren scheint. Naples macht daraus jedoch keine trockenen Exerzitien oder formale Etüden, sondern etwas, das auf seine ganz eigene Weise den Faden weiterführt und mit unmerklich gerahmter Offenheit verführt. Dub spielt, wie auch auf seinen früheren Platten immer wieder, eine Rolle, diesmal sogar eine dominierende. Von Schwere jedoch keine Spur. Der Platz zwischen den Klängen bleibt elastisch, federt mit.Bei „Strobe“ schließlich könnte man sogar ans Tanzen denken. Behutsam, der eine oder die andere ist nach der Zwangszäsur vielleicht noch leicht entwöhnt. Doch wenn man so wunderbare Begleiter im Alltag hat wie orbs, mag das über einiges hinwegtrösten. Tim Caspar Boehme

Black Spuma – No No No (Permanent Vacation)

Mit einer Handvoll herausragender, zwischen Nu-Disco und Italo-House pendelnder EPs auf Top-Notch-Labels wie International Feel, Futureboogie und Live at Robert Johnson hat sich das Duo Black Spuma in der vergangenen Dekade ein mehr als respektables Standing erworben. Mit seinem Debütalbum hat sich das Producer-Dreamteam indes Zeit gelassen: Erst jetzt legen Fabrizio Mammarella und Phillip Lauer mit No No No ein Werk vor, das die Bandbreite ihrer Produktionen summarisch und kohärent abbildet. Dennoch stellen Italo-Disco und Achtziger-Synth-Wave-Pop auch für die zehn neuen Tracks so etwas wie den größten gemeinsamen Nenner dar.Darauf aufbauend und davon ausgehend, bahnen die meisten sich direkt den Weg auf den Dancefloor, allenfalls „Alpha Synthauri” und (bedingt) „Pendido Acid” können als Ambient durchgehen. Der emblematische Auftakt-Hit „Spumatore” nimmt sofort für sich ein, bevor mit „Giro D’Italia” ein housigerer Tune folgt, „Decathlon” tanzt dann schon nah an die Grenze zum Pastiche heran. Weitere Höhepunkte: der hymnische Titeltrack, der energische Drive von „Obereggen” und „Corporate Mind Disintegration”, der Achtziger-Tropfsteinhöhlen-Kling-Klong-Maschinen-Sound in „Dillingen”, der Neunziger-UK-Rave-Touch im breakigen „Fracture”. Wie die Binnengestaltung der einzelnen Tracks mit ihren melodischen Hooks, pulsierenden Grooves und effizient austarierten Spannungsbögen ist auch die Gesamtdramaturgie des Albums außerordentlich souverän ausgefallen. Toller Erstlingslongplayer, vorgemerkt für den Poll 2023. Harry Schmidt

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