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Mai 2023: Die essenziellen Alben (Teil 3)

​​third wife – Everything Has Washed Away (Concrete Lab)

Aller guten Dinge sind drei. Das dachte sich Mikkel Sönnichsen und nannte sich third wife, weil – na ja, man muss wohl dabei gewesen sein. Jedenfalls produziert er seit einigen Jahren Techno. Weil er aus Kopenhagen kommt, kann er das besonders gut. Außerdem gibt er eine bimmelnde Cowbell auf andere Meinungen, deshalb arbeitet er nicht nur als Kulturredakteur, sondern bringt auch seine eigene Mucke raus.

Everything Has Washed Away ist das erste Album. Es erscheint auf Sönnichsens Label Concrete Lab. Neun Tracks füllen dafür das Frequenzspektrum, als verbrächten die Heartstrings ihre Sommerfrische in einem Strandkorb an der Nordsee. Heißt: Sönnichsen spannt die galoppierende 909 unter catchy Vocals und schmuggelt auf weißen Tasten Autodrom-Momente in den Club. Manchmal will man sofort die nächste Sommerhymne auserkoren wissen („Alright”), in anderen spült man zwischenzeitlich durch und zieht die schweren Vorhänge doch noch zu („Blinded By The Lights”). Weil Sönnichsen ein Ehrenmann ist, gönnt er seiner Sängerin Coco Moon den Closer. Einmal Stimme – nicht geschüttelt, nur gerührt. Christoph Benkeser

Thomas Bangalter – Mythologies (Warner)

Wie viele Menschen pumpen Daft Punk und schwanentänzeln danach ins Ballett? Zwei? 5000? 40 Millionen? Wenn Thomas Bangalter, ehemaliger Helmist und Hälfte der französischen Futuristen, für ein Orchester komponiert, klickt sogar Techno-Thommi rein. Das dachte sich auch Bangalter – und stattete das Ballett in Bordeaux mit Partituren aus.

Mythologies ist sein erster Ausflug in die bestuhlten Konzertsäle, wo alte Menschen viel Geld dafür zahlen, noch ältere Musik zu hören. Man will es sich mit ihnen nicht verscherzen, am Ende wirft noch einer mit Hundescheiße. Also schnappte sich der ehemalige Daft Punk die dritte Auflage von Orchestrierung für Anfänger und legte los. Ohne Helm, tabula rasa. Natürlich erklärte irgendein Schlaumeier bei Pitchfork, dass die Stücke nicht so toll sind wie jene von Daft Punk. Ich mein: For real? Aus Bangalter wird vielleicht kein Beethoven mehr, für schöne Akkordfolgen ist sich der Mann mit knapp 50 trotzdem nicht zu schade. Außerdem hätte sich Bangalter als gemachter Frührentner durchaus unvernünftigeren Hobbys wie Klippenspringen oder Rallyefahren widmen können. Solange er in seiner Kemenate den Schreibstock schwingt, kann ihm wenigstens nichts passieren. Und wir hoffen weiter auf die Daft-Punk-Reunion! Christoph Benkeser

Trevino – Back (Birdie)

Marcus Julian Kaye aus dem englischen Lancashire hostete schon 1993 eine Drum’n’Bass-Show und produzierte als Marcus Intalex jede Menge erstaunlicher funky Breaks. Eine weitere Art des motorischen Beats begann er in den Zehnerjahren zu pflegen. In diesen begann seine Zeit als Trevino mit durchpochenden Bassdrums und gleißender Futuristik. Kurz vor seinem frühen Tod, der 1971 geborene Kaye verstarb 2017, veröffentlichte Trevino das Debütalbum Front. Nun folgt posthum Back, und damit setzt Trevino einen würdigen Schlusspunkt.

Was die Motorik betrifft, entwickelt Back keine Tiefe, nein, das ist Deepness, die hier ins Werk gesetzt wird. In „No Response” etwa zuckt die Hi-Hat stracks durch, und es braucht nur zwei Wölkchen oben und eine Bassline aus der Ferne, schon entwickelt sich: die Deepness. Mit „The End” verbeugt sich Trevino vor den Belleville Three, Juan Atkins, Derrick May und Kevin Saunderson. Die Detroiter Techno-Producer gab Kaye als Fixsterne für Trevino an. So swingt eine heitere Vocoder-Stimme durch die Eiswüsten von „Arctic”, pumpt „Eve” elastisch in die Samstagnacht, und schabt „Dance Decay” durch gespenstische Lagerhallen. Wunderbarer Nachlass. Christoph Braun

Wata Igarashi – Agartha (Kompakt)

Der japanische Produzent Wata Igarashi arbeitet gerne mit sich wiederholenden, kurzen Sequenzen – wahrlich nichts Ungewöhnliches in der elektronischen Musik des Bereichs, der in der GROOVE vornehmlich verhandelt wird. Aber Igarashis Gebrauch dieser Sequenzierungen verweist über Techno hinaus auf Komponisten wie Philip Glass und klassische Minimal Music. Fällt der Name Glass, braucht die Assoziation Filmmusik nicht lange, um aufzupoppen, und tatsächlich ist der Japaner in diesem Genre seit Jahren unterwegs.

Agartha wiederum ist nun kein Soundtrack, jedoch stellte sich Igarashi beim Produzieren der Stücke Szenen eines imaginären Films vor und hangelte sich an diesen Fantasien kompositorisch entlang. Besonders nachvollziehbar kommt dies in dem Stück „Ceremony Of The Dead” zum Ausdruck, das mit einer wilden Fünf-über-vier-Synthie-Figur beginnt, dann aber durch das Einführen einer Chor-Sequenz mit anderer Zählzeit und komplett entgegengesetzter Stimmung einen ungewöhnlich Twist nimmt – ein Bruch von eindringlicher, bildhafter Kraft, wie er leider nicht allzu oft in der von den ungeschriebenen Gesetzen der Clubdramaturgie geprägten elektronischen Musik zu hören ist. Diese und andere, ähnlich inspirierte Ideen wie die Sechs-Viertel-Synthesizer-Figur in „Burning” oder die subtile Entwicklung in dem trippigen Minimal-Epos „Floating Against Time” heben Agartha ein gutes Stück ab von anderen, während der Pandemie entstandenen Listening-Alben, denen man anmerkt, dass die Produzent:innen eher auf die reale Situation als auf einen schöpferischen Impuls reagierten. Mathias Schaffhäuser

Wladimir M. – 2023 (Delsin)

Etwas ungewöhnliche Veröffentlichung: Niederländische Techno-Veteranen der ersten Stunde (Eevo Lute Muzique war 1991 eines der ersten dortigen Techno-Labels) finden sich zusammen, um Pop-Hits ihrer Achtziger-Jugend in Spoken-Word-Techno zu verwurschteln.

Das klingt akustisch sehr viel nüchterner, als es sich vielleicht liest. Denn auch wenn es sich um Popmusik als Vorlage handelt (selbst Tina Turner ist dabei), ist die Vortragsweise staubtrocken und von ziemlich stoischen Beats umgeben. Das Ergebnis ist für Nicht-Landsleute schon aufgrund der Sprachbarriere schwer zugänglich, und auch musikalisch nicht immer das unterhaltsamste. Teilweise schleppt sich ein simpler Drum-Machine-Loop durch das gesamte Stück, dann ist es vielleicht nur eine Synth-Nudel über einer Kick. Schlecht produziert ist das natürlich nicht; Kraft, Komposition und Konzept-Umsetzung stimmen schon. Nur fragt man sich eben, wer außer den beiden Künstlern selbst und ihrem direkten demografischen Dunstkreis mit dieser Platte sonst noch viel anfangen könnte. Leopold Hutter

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