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Die Platten der Woche mit Böhm, Kincaid, Lisene, Metrist und Takuya Matsumoto

Böhm – Connected EP (MOS Recordings)

Das holländische Label MOS („Muziek Over Steden”, „Musik über Städte”) fährt einen puristischen Analog-Sound voller Drummachines und Vintage-Synths. Auch auf Böhms neuer EP Connected, deren vier unkomplizierte Tracks den Dancefloor aufheizen.

Der Opener bleibt deep mit verheißungsvollen Chords und einer verspielten Bleep-Melodie, während die A2 mehr Perkussion, Wumms und Rotlicht-Flair mitbringt. Richtig in Fahrt kommt alles auf der Flip, in „Back Alley” lebt das Thema der IDM-Bleeps weiter, tanzende Hats und ein tightes Kick-Snare-Pattern lassen den Track ordentlich nach vorne marschieren. Den Schluss markiert ein vertrippteres Stück, „Underground” lebt vom Dialog der verschiedenen Synths über starken Strings und bis zum Brummen verzerrten 808-Kicks.

Eine gelungene EP von einem noch recht unbekannten Produzenten aus Utrecht, der schon auf Steffis Dolly und bei den Londonern von EYA veröffentlicht hat – im Auge behalten! Leopold Hutter

Hörbeispiele findet ihr in den einschlägigen Stores.

Kincaid  – Don’t Get No Sun (Redstone Press) 

Seit 2011 veröffentlicht der britische Musiker, Produzent und Komponist Joe Arthur Musik. Zunächst unter dem Alias Apple Bottom und seit etwa fünf Jahren als Kincaid. War er früher in Deep House, UK-Garage und Minimal beheimatet, widmet sich der Sohn des britischen Sängers Neil Arthur, bekannt als Frontmann der Band Blancmange, in jüngster Zeit detaillierter elektronischer Musik, die Experiment und Dancefloor futuristisch vereint.

Stilistisch bewegt sich seine jüngste EP Don’t Get No Sun zwischen Downbeat, wundersam lässig ausgespielt im Tune „Getting More Sun”, UK-Bass, hüpfend verteilt im Track „Gutter”, oder nervös technoidem Reggaeton, gespenstisch präsentiert im Tune „On Hands”. Und dann ist da noch der Titeltrack, der eine klare Genrezuordnung ablehnt. Trippiger IDM, veredelt mit UK-Bass-Nuancen und Ghettotech-Momenten. Im Zusammenspiel klingt alles nach Designer-AI-Musik. Vielleicht liegt das an Kincaids letztjähriger Zusammenarbeit mit dem britischen Choreografen Alexander Whitley. Dieser diskutiert in seiner Arbeit das digitale Zeitalter, KI und den möglichen Untergang des menschlichen Bewusstseins und hat auf Kincaid großen Eindruck hinterlassen. Michael Leuffen

Lisene – Square One EP (Craigie Knowes)

Lisene läutert Leeds. Dort kommt der Mann her. Dort baut er seine Beats. Zur Verfügung stehen ihm dieselben Methoden, mit denen seine Heroes vor 35 Jahren feierlich die Kellerdisse eröffneten. Drumcomputer, Synthesizer, Halligalli! Ach ja, Lisene steht auf Techno, der 1994 auf Djax-Up-Beats rauskam. Er fährt aber auch auf Electro aus den Neunzigern ab. Wer seine Bässe inspiziert, wird außerdem Reste von Psy und fluoreszierender Wandfarbe entdecken. Das ist nicht so schlimm. Lisene weiß schließlich, wie sich aus vollgekritzelten Mandalas konzentriertes Gefahrengut pressen lässt.

Square One sind vier vergessene Freudentränen, die einem über die Wangen kullern, während man sich in Gran Turismo 3 einen Werks-Mazda schnappt und über die Nordschleife holzt. Das Wartezimmer ist deine Kindheit. Der Soundtrack ihre Erinnerung. Gut, dass es mit den Schotten von Craigie Knowes noch Labels gibt, die solche Spezialanfertigungen zu schätzen wissen. Christoph Benkeser

Metrist – Pollen. Pt. III (Timedance)

Endlich wieder Heuschnupfensaison. Metrist lässt mit etwas Verspätung – zwischen den Jahren 2020 und 2023 muss wohl was passiert sein – den dritten und letzten Teil seiner laufenden EP-Serie Pollen für Timedance folgen.

Schon der Opener „Leven Lever Liver Love” macht im klanglichen Grenzgebiet zwischen bassigem UK-Sound und sprödem raster-noton-Funk klar, dass der Londoner Produzent Bock auf Peaktime und nur eben ein gänzlich anderes Verständnis davon hat, was gemeinhin darunter aufgefasst wird.

Die fünf Stücke sind von einer gewissen Verspieltheit geprägt, wie sie einst SOPHIE oder aktuell upsammy eigen waren und sind: Ständig passiert was, doch niemals das Erwartbare. Im Kern steht aber das Bekenntnis zur heilenden und bisweilen alles zermalmenden Kraft des Basses. Was Metrist von anderen Innovator:innen aus zum Beispiel den Livity-Sound– oder Gobstopper-Camps unterscheidet, ist sein Gespür für atmosphärische Feinheiten, die selbst noch zwischen den wildesten perkussiven Patterns und trötenden Sample-Bricolagen spürbar werden. Krachbumpeng mit Herz, auch eher eine Seltenheit. Kristoffer Cornils

Takuya Matsumoto – 90-93 (Clone Jack for Daze)

Man darf sich hier nicht in die Irre führen lassen: Der Titel der neuesten EP des japanischen Produzenten Takuya Matsumoto ist kein Hinweis auf die Entstehungszeit der Tracks, sondern, wie zuvor 85-88, als Tribut an die Frühzeit von House und Techno gedacht.

„90” verneigt sich vor dem großen Bleep, „91” lässt an die liebevoll kruden Samples etwa von Dance Mania denken. In „92” rummst es dann kräftig im Deep-House-Schunkel. Bei „93” kommt das gute alte House Piano hinzu. Stilvoll, das alles. Tim Caspar Boehme

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