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Die Platten der Woche mit J. Albert, Lutto Lento, Mr. Ho, Neel und der neuen Running Back

J. Albert – E.O.Y. EP (Self-released)

An Kreativität scheint es dem New Yorker Jiovanni Nadal nicht zu mangeln. Seit 2015 hat er als J. Albert beeindruckend beständig EPs veröffentlicht und es dabei sogar noch auf vier Longplayer nebst eigenem Label gebracht.

Die neueste, selbstverlegte Scheibe spinnt den Future Sound of London weiter, straight outta Big Apple. Der Opener rasselt mit Oldschool-Drums, Wobble-Bass und verträumten Synths vor sich hin und hängt wie das phantomhafte Überbleibsel einer guten Party in der Luft. Weiter geht’s mit gesampleten Folk-Strings und einem verschachtelten Stepper, der an Floating Points zu besten Zeiten denken lässt. Die Assoziation setzt sich im fort, wenn UKG samt Rudebwoy-Bassline auf Piano-Melodie trifft. Zuletzt sorgen Aphex Twin’sche Chimes für einen melancholisch-einfühlsamen Abschluss dieser abwechslungsreichen und dennoch stilistisch einheitlichen EP. Leopold Hutter

J. Albert – E.O.Y. EP (Self-released)

Lutto Lento – Mondo Hehe EP (Transatlantyk)

Mit seinem Künstlernamen Lutto Lento hat sich der Warschauer Produzent Lubomir Grzelak ein Pseudonym zugelegt, dessen Bedeutung, „Langsame Trauer”, in direktem Widerspruch zu seiner Musik zu stehen scheint.

Was er auf seiner 2015 zum ersten Mal erschienen, nun wiederveröffentlichten Mondo Hehe EP an entdeckungsfreudigen House-Entwürfen darbietet, ist nicht übermäßig langsam, und wenn Trauer darin stecken sollte, ist sie sehr gut hinter Grzelaks Witz versteckt. Seine Beat-Sample-Collagen schichten die unterschiedlichsten Klänge und Stimmungen aufeinander, arbeiten gern mit Dialogen (aus Kinderfilmen?), die bestens zu diesem freundlich-surrealen Trip passen, in dem man durch eine Welt reist, der das Lachen beim Tanzen keineswegs fremd ist. Selbst der discoid-aufgekratzte Groove von „Casino” federt irgendwie verschmitzt. Mondo Hehe eben. Tim Caspar Boehme

Lutto Lento – Mondo Hehe EP (Transatlantyk)

Mr. Ho – JIN07 (JIN)

Michael Ho muss als Mitgründer von Klasse Wrecks nicht vorgestellt werden. Er hat auch auf ESP Institute und NEUBAU veröffentlicht. „Burrow” auf dieser Platte auf seinem eigenen Label JIN ist ein Jackhouse-Track, der vielleicht auch zwischen 2002 und 2006 auch auf dem Ghostly-International-Sublabel Spectral hätte erscheinen können. Ein wenig klingt die ganze EP auch nach Joakim oder den Schwarz-Brüdern aus Stuttgart. Die hölzernen Sounds der TR-707 – ganz gleich, ob Original oder eine Simulation, die Sounds in der TR-707 sind letztlich digitale Samples – gehen aggressiv auf den Dancefloor zu.

Gleich darauf linst „TBC2” mit einem klassischen Chicago-Dreiklang-Basslauf um die Ecke. „Shoplift” kommt mit dem wohl meistgenutzten 08/15-Conga-Disco-Break-Sample aus den Neunzigern, dem Apache-Break der Incredible Bongo Band, träumerisch um die Ecke. Der Titelname ist Programm.

„Drumthul” ist schön laut, klingt aber leider auch digital bereinigt und in den unteren Frequenzen nach zu viel Digital-Distortion. Auch dieser Track hält sich an die Soundpalette der TR-707. Der zweite Mann von Klasse Wrecks, Luca Lozano, liefert den Remix zu „Shoplift”, der in dem Zusammenhang Sinn macht: Die metallische Nu-Disco-Balearic-House-Nummer passt stilistisch auch in die Jahre 2000 bis 2005. Mirko Hecktor

Mr. Ho - JIN07 EP (禁 JIN)

Neel – The 808 Archive (Non Series)

Minimalismus mal (wieder) anders. Und, das sei vorab verraten, großartig umgesetzt. Dabei sollte man den EP-Titel nicht allzu wörtlich nehmen, pure Roland 808-Ästhetik ist auf dieser Veröffentlichung auf dem ebenso tollen spanischen Label Non Series nicht zu erwarten. Aber konsequente Reduktion, gegen die 80 Prozent aller Minimal-Techno-Produktionen wirken wie opulente Opern.

Die vier Tracks konzentrieren sich jeweils über etwas mehr als fünf Minuten auf eine kurze Beat-Sequenz, dazu kommt in erwartbaren Abständen ein weiteres, meist ebenfalls rhythmisches Element. Fertig. Und wunderbar. Weil scheinbar unter größter Inspiration entstanden – ein Geschenk für den Künstler wie auch für uns, die wir daran teilhaben dürfen.

Für die, die den größeren Überblick schätzen und ungerne recherchieren: Giuseppe Tillieci alias Neel musiziert auch zusammen mit Donato Dozzy als Voices From The Lake, Non Series wiederum wird betrieben von Manuel Anós alias Psyk. Gibt’s übrigens auch auf Vinyl. Mathias Schaffhäuser

Neel - The 808 Archive (Non Series)

VA – Double Copy Sampler (Running Back Double Copy)

Hi Leser:in, hast du genug von Winterwetter, täglichen Schreckensmeldungen und – zu allem Überfluss – nerviger Musik auf allen Plattformen und Partys? Dann brauchst du diese Four-Track-Compilation auf Gerd Jansons Label Running Back Double Copy. Tongewordenes Soulfood mit rhythmischen Heilkräften. Hier nervt NICHTS, kein Sound und kein kreischendes Sample wird dich runterziehen, du wirst auch genauso wenig für dumm verkauft von vermeintlicher Hipness und fancy Marketing.

Nein, alle vier Tracks auf dem Double Copy Sampler sind klassische House-Originale aus den Neunzigern mit eingebauter Euphorie-Stimulanz, seinerzeit produziert von Earth Boys (feat. Roy Davis Jr. !), Family of Few, Dummy Head und Karim, jetzt geschmackssicher und liebevoll zusammengestellt von Running Backs Abteilung für verschollene Wiederentdeckungen der Housegeschichte. Und klar, früher war nicht alles besser, mitnichten, aber diese Stücke sind schwer zu toppen. Mathias Schaffhäuser

VA - Double Copy Sampler (Running Back Double Copy)

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