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Die Platten der Woche mit Frantzvaag, Jéroboam, Opal Sunn, Shjva und X-Coast

Frantzvaag – bliss 1 (Full Pupp)

Für House war 2022 ein schwieriges Jahr. Fast nur US-Amerikaner wie Theo Parrish oder Rick Wade konnten ihre Position verteidigen. In Europa klang vieles allzu gefällig, bei Afterlife oder Keinemusik etwa. Labels, die eigenwillige, verschrobene Alternativen entwickelt hatten, waren ungewöhnlich still. Zu den wenigen Ausnahme gehörten Smallville aus Hamburg und Full Pupp aus Oslo. Der Norweger Frantzvaag ist gleich auf beiden Labels aktiv.

Auch auf seiner zweiten Full-Pupp-EP setzt er weder auf die trancige Popformel von Afterlife oder Keinemusik noch auf eine Verneigung vor US-amerikanischen Roots. Drumming und Grooves sind ebenso von Hip Hop informiert wie von House, sind so tight wie zurückhaltend. Die digitalen, kleinteiligen Sounds laden ein, sich in einem intimen Spiegelkabinett zu verlieren. Statt die lichtdurchflutete Euphorie-Formel aufzurufen oder melancholische Entrücktheit, überzeugt Frantzvaag mit leichter Unterhaltung. Alexis Waltz

Frantzvaag – bliss 1 (Full Pupp)

Jéroboam – Freakshow (Space Grapes)

Hinter dem niederländischen Label Space Grapes stehen Bobby van Putten und Danilo Plessow, seines Zeichens Motor City Drum Ensemble. Mit bisher fünf Veröffentlichungen liegt Space Grapes’ Fokus auf zeitgenössischem Funk, Jazz und Disco, der in Live-Sessions mit echten Musiker:innen und analogen Instrumenten eingespielt und aufgenommen wird. Das volle Retro-Repertoire also. Wen wundert’s, dass Space-Grapes-Veröffentlichungen für Liebhaber:innen analoger Sounds derzeit the thing sind.

Für ihren neuesten Streich haben sich van Putten und Plessow die Pariser Band Jéroboam ins Studio geladen. Und diese liefert mit der Freakshow EP (gleichzeitig der Titel der A1) und der B1 „Mystic Beauty (Part 1 & 2)” gleich zwei zeitlose Funk-Juwele ab, die sich, jeweils über die epische Länge von zehn Minuten hinaus, alle Zeit der Welt nehmen, unter Einsatz eines großen Fundus an Instrumenten und Live-Vocals ihre unbestechliche Cool- und Sexyness zu entfalten. Nathanael Stute

Jéroboam – Freakshow (Space Grapes)

Opal Sunn – The Problem With George / The Mystery of Mr Lee (ESP Institute)

Opal Sunn bringen mit ihrer ersten Veröffentlichung seit zwei Jahren eine angenehm entschleunigte EP auf ESP Institute raus. Den Titel hat sich das Duo aus Alex Kassian und Hiroaki OBA gleich mal gespart. Dafür wurde in die Namen der zwei Tracks umso mehr Zeit investiert, muten diese doch fast wie kurze Geschichten an.

„The Problem With George” klebt auf halber Geschwindigkeit die Füße auf die Tanzfläche. Der Kontrast von treibender Tribal-Percussion zu maximal entspannten, dubbigen Akkorden geht dank des interessanten Arrangements über die gesamte Spielzeit gut ins Ohr. Auf der B-Seite startet „The Mystery Of Mr Lee” mit geraderen Drums, bleibt aber immer leicht versetzt. Der Track baut sich langsam auf, bis er mit Einführung einer simplen, aber effektiven Synth-Hook nach knapp vier Minuten kulminiert.

Insgesamt liefern Opal Sunn mit dieser EP qualitativ hochwertige und intelligente Tracks für alles abseits der Peaktime. Bastian Kunau

Opal Sunn – The Problem With George : The Mystery of Mr Lee (ESP Institute)

Shjva – Lutsk (Brutaż)

Wie klingt es oben im Weltall, wenn man denn mal hinauffliegen könnte? Die DJ und Produzentin Shjva bringt Antworten, und das so, als hätte sie erst gestern hinter unser Sonnensystem gelauscht.

Mit ihrer Debüt-EP Lutsk hebt die gebürtige Ukrainerin ab und landet vier Tracks später irgendwo auf dem Mond. Während „Mystery Dream” die Platte mit kräftigen Basslinien eröffnet, brechen im nächsten Moment tiefe Tonsequenzen an. Warme Synthpads bewahren die Tracks vor der Dämmerung und akzentuieren die futuristische Klangfarbe des Psytrance. Mit Feingefühl in den Fingerspitzen und genussdurstiger Entschlossenheit sinniert Shjva durch den kosmischen Breitengrad einer Platte, die Downtempo, House und Trance zu einem galaktischen Klangerlebnis verformt. Wencke Riede

Shjva – Lutsk (Brutaż)

X-Coast – Pianissimo (Steel City Dance Discs)

Der „most famous shaver” (@Vincent Frisch) haut wieder eine Platte raus. Pianissimo stutzt den graumelierten Rauschebart von Techno – vier Bänger schnippeln am Dickicht rum, die Verwahrlosung landet in dicken Büscheln am Boden, am Ende traut man seinen Augen kaum: Der Bursche sieht 30 Jahre jünger aus, „Party Time”!

Dass X-Coast, der Producer aus Brooklyn, an Mukke schraubt, für die man sich Gurken ins Gesicht pflastert oder zur LED-Lichtmaske greift, könnte man gehört haben. Der YouTube-Algo rasierte den Mann bis ins Berliner Badezimmer, ins Bassiani oder auf die Mango Bay. Mittlerweile laufen seine Platten sogar in Barbershops. Kein Wunder. Wer den Buddy von Mall Grab mal hinter den Decks gesehen hat, checkt: X-Coast beherrscht die Gute-Laune-Funktion von Techno.

Pumpende Bässe und Kompressor-Kicks? Kein Problem! Zwischen French-House-Hymne, 90s-Vibes und einem Nachmittag im Eso-Shop liegen nur zwei lustige Lines! Und ein paar Ballaballa-Breaks und Druffi-Drops. Übrigens: Mit Pianissimo, dem Titel der neuen Platte auf Steel City Dance Discs, lügt uns X-Coast gnadenlos ins Gesicht. Wenn hier wer leise ist, dann nur die Hater! Christoph Benkeser

X-Coast – Pianissimo (Steel City Dance Discs)

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