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Die Platten der Woche: Getting into the Christmas spirit with Daniel Wang

Weihnachten ist irgendwie immer auch die Zeit von Funk, Disco und anderen lebensbejahenden Spielarten von Tanzmusik, die außerhalb des Technobunkers und im Kreise der Liebsten funktionieren.

Mit Daniel Wang präsentiert uns ein wandelndes Lexikon in diesem Metier fünf Platten, die für ihn den Weihnachtsgeist einfangen. Zu Rap, unbekannten Disco-Instrumentals und mehrstimmigen Sensationen aus dem Schwarzwald zieht Wang Querverweise auf Klassische und sakrale Musik und erkennt nebenbei gänzlich neue Karrierepotenziale für aufstrebende Producer – fröhliche Weihnachten also!

Daniel Wang (Foto: Susanna Grippo)
Daniel Wang (Foto: Susanna Grippo)

Kurtis Blow – Christmas Rappin’ (Mercury/ 1979)

Überraschenderweise erschien diese Platte von Kurtis Blow bereits 1979, etwa ein halbes Jahr vor seinem größten Erfolg „The Breaks”. Es gibt eine ganze Reihe von Songs aus der Ära mit dieser Klangpalette und einem ählichen Tempo (circa 112 BPM), das fürs Rollerskating ideal ist – man brauchte nur einen funky Bass, ein paar Gitarrenriffs und coole, lässige Akkorde, gespielt auf einem Fender-Rhodes-E-Klavier, um den Groove zu vervollständigen.

Etwas ungewöhnlicher ist die Tatsache, dass diese Veröffentlichung zum Thema Weihnachten seine allererste war, denn die Christmas-Platte war damals eine übliche Verkaufsstrategie der Plattenfirmen in den USA für die großen Künstler, die sich schon etabliert hatten. Ich vermute, dass „The Breaks”, von den gleichen Musikern komponiert und produziert, ursprünglich als die erste Single geplant war. Aber dann kamen November oder Dezember 1979, und „Christmas Rappin’” passte natürlich besser zur Jahreszeit. Bei Immobilien geht es um die Location, und in der Popmusik-Branche geht es manchmal nur ums Timing. Christmas ist nicht nur heilig, ein großes Geschäft ist es auch!

Kurtis Blow – Christmas Rappin'

Paul Mauriat and Orchestra – „Love Is (Still) Blue” (Salsoul/ 1976)

Warum erwähne ich diese relativ unbekannte Disco-Instrumental-Version, die nicht unbedingt direkt was mit Weihnachten zu tun hat? Weil sie im Siebziger-Disco-Kanon ziemlich einmalig ist, weil das Arrangement (wenn man aufmerksam zuhört) sich teilweise direkt von älterer sakraler Musik (sagen wir etwa den Fugen des Johann Sebastian Bach) ableitet.

Nach der Einführung des Leitmotivs in den ersten 16 Takten spielen die Streicher auf einmal eine ganz neue Partitur in Kontrapunkt. Und als wäre das nicht genug, kommen acht Takte später Chorstimmen und ein Synthesizer-Arpeggio dazu, um diese virtuose kontrapunktale Aktion zu ergänzen und erweitern, bevor der Song in einen repetitiven Groove eintaucht, den man in den frühen Neunzigern als „Anonymer Disco Re-Edit” auf NuGroove und auf Black Cock Records wiederentdecken konnte.

Aber dieser coole Track von 1976 war eigentlich ein raffinierter Disco-Remix. „Love Is Blue” war davor schon ein riesiger Erfolg für Paul Mauriat, komplett mit Cemballo (schon wieder Bach und Weihnachtsbäumchen), gemischt mit Rock-Gitarren, und das 1968!

Paul Mauriat and Orchestra - “Love Is (Still) Blue” (Salsoul 1976)

Carol Williams – „Love Is You” (Salsoul/ 1977)

Sehr viele Discoplatten mit Weihnachtsstimmung gibt es nicht, denn die Moll-Akkorde auf vielen früheren Popmusik-Platten stammen von Jazz und Blues, und die extrem fröhlichen Dur-Akkorde vieler Weihnachtslieder klingen nicht besonders jazzig. Es existieren jedoch einige tolle Ausnahmen, darunter dieser Dancefloor-Klassiker in grandiosem C-Dur, der vom Salsoul-Maestro Vincent Montana Jr. komponiert und dann von DJ Spiller aus Venedig auf seinem großen Erfolg „Groovejet” im Jahr 2000 gesamplet und wiederbelebt wurde.

Obwohl die Geschichte über Philadelphia und London lief (mit der bekannten Vocal-Version von Sophie Ellis-Bextor), könnte man behaupten, dass alle Wege zurück nach Italien führen: Vince Montanas Familie wanderte aus Neapel ein. Und es gibt nichts Weihnachtlicheres als eine kultige Krippe aus der Altstadt Neapels. Carol Williams ist eine unterschätzte Sängerin, die man auch in Produktionen von Tony Valor hören konnte, zum Beispiel auf seiner wunderschönen Disco-Single „Love Has Come My Way”.

Carol Williams - “Love Is You” (Salsoul 1977)

Johnny Mathis – Begin The Beguine (Columbia/ 1979)

Noch eine schöne Melodie in festlichen C-Dur-Akkorden, diesmal mit einer männlichen Stimme, dennoch genauso tanzbar und stimmungsvoll. C-Dur ist für populäre Komponisten wahrscheinlich so was wie Thunfisch-Nigiri für Sushi-Köche: niemals exotisch oder schwierig, aber trotzdem beliebt, und das aus gutem Grund.

Eigentlich ist der Song ein alter Jazz-Standard von Cole Porter aus dem Jahr 1935, und Fred Astaire hat sogar eine ausführliche Tanzroutine für den Song im Schwarz-Weiß-Film Broadway Melody of 1940 choreografiert. Aber der Beguine ist einer von diesen Tanzstilen, der sich ganz leicht über einen 4/4-Rhythmus arrangieren lässt. Er ist dem Rumba ähnlich und hat sicherlich einen afrikanischen Ursprung, anders als der Walzer, der die Europäer für Jahrhunderte begeisterte, bevor Techno auftauchte. Gibt es fröhliche elektronische Tanzmusik im 3/4-Takt überhaupt? Rein theoretisch könnte jemand daraus eine große Karriere machen.

Carol Williams - “Love Is You” (Salsoul 1977)

The Singers Unlimited – Christmas (Musikproduktion Schwarzwald/ 1972)

Obwohl ich lieber nicht so dogmatisch klingen würde, muss ich diese Platte erwähnen, weil sie in Deutschland (und zwar im Schwarzwald) aufgenommen und produziert wurde. Disco oder Jazz-Funk oder elektronisch ist sie gar nicht, aber sie ist eines der besten Beispiele für das hohe Niveau der analogen Tonstudio-Technik, das man vor 50 Jahren schon erreicht hat, lange bevor es Digital oder Automatisierung gab.

The Singers Unlimited war ein Vocal-Quartett aus dem Mittleren Westen der USA, alle vier mit deutschen Wurzeln und einem perfekten Sinn für präzise Harmonien. Der Gruppenleiter Gene Puerling war Autodidakt und hat jeden Satz selbst arrangiert. Die Singers haben Dutzende von Platten aufgenommen und machten Studioaufnahmen auf 20 bis 30 Spuren, die von Toningenieuren akribisch abgemischt wurden, um einen Klangeffekt zu kreieren, den manche Kritiker mit den choralen Werken von Palestrina verglichen haben. Jegliche Live-Auftritte haben sie abgelehnt – Puerling meinte, dass es unmöglich wäre, die Komplexität der Harmonien bei Live-Shows zu rekonstruieren.

Vielleicht vergisst man heutzutage, wie mühsam es einst war, wirklich kreative und einmalige Tonaufnahmen zu schaffen, doch die Anzahl solcher Tracks und Alben aus dem deutschsprachigen Raum wird von Außenseitern womöglich unterschätzt. Nicht nur The Singers Unlimited und die Disco-Hits von Giorgio Moroder und den Münchner Musikern in seinem Umfeld, sondern auch internationale Hits aus den Siebzigern und Achtzigern wie Jumbos „Turn On To Love” oder Tacos „Putting On The Ritz” wurden in Deutschland produziert und klingen immer noch glänzend und spannend. Gute Musik stirbt nicht, aber vielleicht ermöglicht ein Blick in die Welt dieser quasi vergessenen Schallplatten, Sounds für eine menschlichere und lebendigere popmusikalische Zukunft zu schaffen?

The Singers Unlimited - das Christmas LP (MPS “Musikproduktion Schwarzwald” 1972)

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