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Johannes Albert und Frank Music: Arbeit, Dranbleiben und ein wenig Glück

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Johannes Albert (Sämtliche Fotos: Gordon Schirmer)

Johannes Albert ist als DJ, Producer und Labelmacher schon lange ein Fixpunkt der Berliner House-Szene. Dabei ist er alles andere als ein Purist. Nachtschwärmer*innen schätzen ihn für seinen eklektischen Ansatz, der immer für eine Überraschung gut ist. Moderne Disco-Euphorie mischt er etwa mit einer Dosis Acid, um dann im richtigen Moment einen Klassiker zu zocken. Und auch vor Genres jenseits des House-Zusammenhangs hat er keine Scheu.

Diesen so stilfoffenen wie geschmackssicheren Sound verfolgt der als Resident im Salon zur wilden Renate beheimatete DJ nicht nur auf dem Dancefloor, sondern auch in seinen Veröffentlichungen: Da setzt der aus dem fränkischen Würzburg stammende Musiker mal auf einen eher klassischen Deep-House-Sound, um unerwartet mit einem Dark-Wave-Track zu kontern, um sich dann mit einem Ambient-Album komplett vom Dancefloor zu verabschieden – zumindest temporär.

Dass Ende letzten Jahres sein Label Frank Music zehn Jahre alt wurde und man dort auf fast 40 Veröffentlichungen zurückblicken kann, feiert Albert mit einer so feinen wie zurückgenommenen Compilation. Unsere Autorin Andrea Würtenberger hat diesen Geburtstag zum Anlass genommen, Johannes Albert zu treffen, um unter anderem zu erfahren, wie die Compilation Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Labels spiegelt. Ferner wollte sie herausfinden, wie das Kraftzentrum gelagert ist, das den farbigen Musikkosmos von Johannes Albert zusammenhält.


Bei unserer Verabredung in einem Bagel-Laden in Berlin-Friedrichshain macht Johannes Albert einen aufgeschlossenen und unkomplizierten Eindruck. Er wirkt zufrieden mit dem, was er bisher erreicht hat, ohne auf Gedeih und Verderb etwas erzwingen zu wollen. Eher wird die Go-With-The-Flow-Mentalität seiner Sets spürbar.

Fast 40 Veröffentlichungen, sieben davon Alben, an den Start zu bringen, ist durchaus eine Herausforderung. Meine Frage, mit welchen assoziativen Begriffen er auf die letzten zehn Jahre zurückblickt, beantwortet er belustigt und ironisch mit den Worten „Wow! Blood, sweat and tears”. Albert habe negative wie positive Erfahrungung sammeln können, „tears and laughter”, erzählt er. „Ich habe lang überlegt, was ich für das Label-Jubiläum mache. Wird es ein Riesenprojekt in Form einer Vierfach-Compilation? Oder eine Ausstellung mit Plattencovern? Oder mache ich ein, zwei Partys und eine Platte? Ich wollte kein Riesending draus machen und habe mich im Endeffekt dann für ein kleineres Projekt entschieden – für eine Platte mit insgesamt sechs Stücken.”

Für die Compilation hat Albert zum einen ein paar neue Musiker ins Boot geholt, etwa Max Lessig aus Leipzig. Zum anderen wollte er einige Stammkünstler und Freunde dabei haben. „Die ersten drei Stücke gehen in Richtung 80er-Disco-Sound”, rekapituliert er die Compilation. „Die Platte startet mit einem Track des Berliner Produzenten Amount. Das zweite Stück von Captain of Your Heart enthält noch ein wenig mehr Synth Pop. Die dritte, etwas ruhigere Deep-House-Nummer von Levitation Venue haben Freunde aus Darmstadt produziert. Die B-Seite ist etwas straffer, mit einem Track von mir, einem von Iron Curtis, einem guten Freund, der für die Compilation ein Electro-Stück mit einer Westbam-Referenz produzierte.”

Dessen Track „Münster West” ist eine Hommage an den Mayday- und Loveparade-Veteranen Westbam und dessen Techno-Rokoko. Der oben erwähnte Max Lessig beendet die EP mit einem Stück, „das für das Ende eines Abends bestimmt ist.”

2020, das sich als pandemische Herausforderung für alle Bereiche erwies, nahm Albert für Frank Music als Chance wahr. „Alle waren viel zu Hause und hatten Zeit. Klar, für Tanzmusik war die Zeit schwierig, aber die Menschen hörten ja trotzdem Musik – und sie gaben mehr Geld für sie aus”, erklärt er.

„Deshalb war 2020 das bisher beste Verkaufsjahr für Frank Music. Für mein Label war es Glück im Unglück, dass es durch den pandemischen Ausnahmezustand eine Aufmerksamkeit gab, die nicht vom ständigen Partybetrieb gebrochen wurde. Vieles geht eben in unserer Schnelllebigkeit unter. Ich habe die Zeit genutzt, um zum Beispiel auch ältere Platten auf Instagram zu posten, um diese wieder in Erinnerung zu bringen, konzipierte Vinylpakete und schickte hin und wieder persönliche Notizen mit. Ich hatte die große Hoffnung, dass man Menschen erreicht, die davor noch nicht dabei waren – und nach meinen Zahlen hat sich dies bestätigt.”


„Ich hab’ immer versucht, offen zu bleiben. Das ist wohl auch ein Grund, warum ich noch dabei bin.”


Im Lauf der Jahre hat sich einiges verändert bei Frank Music – ohne dass Johannes dabei einzelne Etappen oder klare Brüche ausmachen könnte. „Am Anfang ging es viel um das Thema Vinyl. Es gab weder Spotify noch Bandcamp, insofern hatte ich es damals mit einer ganz anderen Situation zu tun.” Und die Musik hat sich im vergangenen Jahrzehnt natürlich auch geändert. „Wenn ich mir zum Beispiel ein Max-Lessig-Stück anhöre und das dann mit der ersten Platte der Labels vergleiche, merkt man schon einen Stilwandel, am Anfang steht Deep House, dann kommt Ambient und zuletzt Techno und Dark Wave – das sind zwar keine Welten, aber trotzdem: eine Art musikalische Wandlung, eine Art Reise, hat Frank Music schon mitgemacht.” Dass Albert das erst im Nachhinein auffällt, bestätigt auch die eingangs beobachtete Go-With-The-Flow-Mentalität.

Alberts Label begann 2010 mit seiner ersten Platte Wooden Pearls, die noch auf einem anderen Label erschien – auf White von Oskar Offermann. Dabei stellte er fest, dass die Nachfrage nach Vinyl sehr groß war. Da er schon immer mal alles über den Produktionsablauf einer Schallplatte erfahren wollte, entschied er sich, eine einzige Platte von Anfang bis zum Ende selbst anzufertigen. So komponierte er Songs, produzierte sie aus, kümmerte sich um Mastering, das Design des Labels, um die Pressung und um Vertrieb und Vermarktung. Und siehe da: Mit der ersten selbst produzierten Platte – ​​Frank Music Vol. I – Let’s Be Frank! – stellte sich für ihn heraus, dass ihn der gesamte Prozess begeisterte, und er entschied sich, in Zukunft alles selbst in die Hand zu nehmen – so war Berlin um ein Label reicher. 

Ein solides Handwerk

In dieser Zeit war er gerade erst in die Metropole der Nacht gezogen. Aufgewachsen ist Albert im fränkischen Würzburg. In den späten 2000ern entdeckte er dort House und Disco und wenig später auch Techno, Acid, Electro und Italo. Dort begann er auch aufzulegen, aber als DJ etablieren konnte er sich erst in Berlin, nachdem seine erste Platte erschienen war. „Vor elf Jahren wurde ich mit Wooden Pearls auf White zu Labelpartys mitgenommen und konnte zügig Kontakte aufbauen”, erinnert er sich. „Der Rest war Arbeit und Dranbleiben – und ein wenig Glück. Es war auch wichtig, mit der Zeit zu gehen, da vor zehn Jahren natürlich noch ganz andere Musik lief als jetzt. Für mich war es hilfreich, nicht nur in einem Sound oder Subgenre verhaftet zu bleiben. Das stelle ich mir schwierig vor, das war nie etwas für mich. Ich hab’ immer versucht, offen zu bleiben. Das ist wohl auch ein Grund, warum ich noch dabei bin. Ich habe Lust auf neue Einflüsse, weil ich mich schnell langweile.”

Höhepunkte in Alberts musikalischem Werdegang sind seine drei Soloalben: 2013 erschien Hotel Novalis, eine Deep-House Platte mit Piano- und Vocal-Samples, 2019 folgte Lichtenberg, das von New-Wave- und 80er-Elementen geprägt ist. 2020 erschien sein Ambient-Album Spessart. Nebenher produzierte er noch etliche EPs und Remixe – Tracks wie „Giovanni Frizzante” und „Fountain Of Youth” wurden zu Panorama-Bar-Hymnen. Zudem gründete er zusammen mit Tilman Schwarz Fine Records, das ganz und gar der House Music verpflichtet ist. Produkt der langjährigen Zusammenarbeit mit Iron Curtis sind die beiden gemeinsamen Album Moon I und Moon II.


„Mein Studio ist über dem Floor der Renate. Es ist lustig, wenn man an einem Dienstag vor der Studiotür steht und dann noch ein wenig die DNA des Wochenendes in den Gängen hängt.”


Für DJs und Producer ist Berlin zugleich Paradies und Hexenkessel, die Konkurrenz kann bisweilen erdrückend sein. Manch ein*e Musiker*in, der oder die sich nicht als internationale Marke etabliert, geht schnell im Getümmel unter. Nicht so einfach, da herauszustechen. „Ich weiß gar nicht, ob ich herausstechen möchte”, sagt Albert dazu. „Ich bin kein Fan davon, in die Welt zu schreien. Ich sehe meine Arbeit auch eher als Handwerk, weniger als Kunst. Ich mag den Kunstbegriff in meinem Bereich von Musik nicht so gerne, für mich ist es ein solides Handwerk. Das Rad bei Tanzmusik neu zu erfinden, ist sowieso schwierig, obwohl es natürlich immer neue Einflüsse gibt. Ich sehe mich da nicht an vorderster Front. Ich spiele mit Retro-Bezügen, ich nehme schon bestehende Musik auf. Ich steche eher durch meine Konsistenz über die Jahre hervor, bin immer drangeblieben.”

Albert merkt, dass mich diese Antwort nicht so ganz überzeugt. Auch ein Handwerker muss sich im kompetitiven Umfeld abgrenzen. So versucht er es nochmal anders: „Zwar sind zehn Jahre noch nicht so lang, es gibt gerade mal 40 Platten auf dem Label. Ich möchte gar nicht als Person herausstechen, sondern Platten machen. Mir ist ganz wichtig, dass jede Platte für sich steht – nicht, dass Frank Music einen bestimmten Sound repräsentiert.”

Neben seinem Label gibt es einen zweiten Fixpunkt in Alberts Karriere. Den Salon zur wilden Renate. Mehr oder weniger seit dem Beginn des Clubs ist er dort Resident. „Die Renate machte genau wie mein Label einen Wandel im Sound durch, sie existiert seit 14 Jahren. Ich hab’ das Auflegen erst so wirklich in der Renate gelernt, mir wurde da immer sehr viel Vertrauen entgegengebracht. Sie ließen mich zu jeder Zeit auftreten – mein erster Gig war gleich zur Primetime, von drei bis sechs. Ich bin dankbar, so eine Chance bekommen zu haben. So eine Session, die morgens außerplanmäßig bis zu sechs Stunden andauert, das fordert ungemein. Das war für mich die beste Schule.”

Dabei hat die Residency Albert nicht nur musikalisch geprägt: „Eine Residency zu haben als Berufs-DJ ist für die musikalische und die wirtschaftliche Seite wichtig, wobei mir die Renate immer viel Vertrauen und Rückhalt geboten hat”, erklärt er. „Die Renate ist auch so eine Art Spielplatz für mich, auf dem ich unveröffentlichte Tracks und Sounds ausprobieren kann, um zu testen, ob sie auch gut ankommen. Das gibt mir dann auch das Selbstvertrauen, die Tracks zu veröffentlichen. Mein Studio ist über dem Floor der Renate. Es ist lustig, wenn man an einem Dienstag vor der Studiotür steht und dann noch ein wenig die DNA des Wochenendes in den Gängen hängt.”


„Ich hab’ eigentlich gar nicht so den Plan. Ich hangle mich durch, von einer Platte zur nächsten. Momentan bin ich sehr motiviert.”


Wie stiloffen Alberts Sets sind, lässt sich auch an seinem Auftritt bei HÖR ablesen. Er startet mit ein paar schwungvollen Disco-Nummern, um sich in der Mitte geradlinigem Deep House zuzuwenden. Am Ende sorgt er mit einem funkinfizierten Groove für eine ausgelassene Fröhlichkeit, die ihn offensichtlich selbst begeistert. „Wie gesagt langweile ich mich sehr schnell. Ich war mal auf einem Gig eines Kollegen, der wirklich guten Chicago-Acid-House aufgelegt hat. Die Platten der einzelnen Tracks für sich wären wahrscheinlich der Hammer gewesen. Aber nach drei, vier Stunden klang für mich alles gleich und mir sind mir die Füße eingeschlafen.”

Dabei geht es um mehr als um Alberts persönliche Aufmerksamkeitsspanne. „Das Leben ist nicht so gradlinig, und so ein Clubabend doch auch nicht. Ich bin ein Fan vom Auf und Ab eines Sets. Man eckt zwar an, wenn die Leute eigentlich nur noch auf ein Sub-Genre Bock haben. Aber mich freut es immer, wenn ich vor Techno-Hardliner*innen stehe, Disco auflege und dann irgendwer auf der Tanzfläche losschreit.” Gerade die Ablehnung motiviert Johannes. „Letztendlich kriegst du dann doch alle rum. Aber eben nicht wie mit der Brechstange, sondern man lässt einen Trojaner reinfahren, wie DJ Koze das mal genannt hat. Da bin ich zu 100 Prozent dabei: Den Leuten was unterjubeln, was sie auf dem Papier gar nicht mögen.”

Das Interview neigt sich dem Ende zu. Zeit Bilanz zu ziehen. Wie steht er heute zu seiner Arbeit und seinem Umfeld? „Ich fühle mich tatsächlich noch viel wohler als vor zehn Jahren. Mir hat es damals auch schon gefallen. Aber mein gegenwärtiger Platz, den ich innerhalb meiner zehnjährige Reise erreicht habe, gefällt mir noch viel besser. Ein zehnjähriges Jubiläum veranlasst natürlich auch dazu, einen Blick in die Zukunft zu wagen. „Erwartest du wieder blood, sweat and tears?” „Nein,”, erwidert Albert auf die ironisch neckende Frage und lacht. „Es ist alles viel besser geworden. Ich hab’ eigentlich gar nicht so den Plan. Ich hangle mich durch, von einer Platte zur nächsten. Momentan bin ich sehr motiviert. Das Einzige, was wirklich feststeht, ist, dass ich weitermachen möchte.”

So hat Albert allen Grund, zufrieden zu sein. Einen Wermutstropfen gibt es aber doch.  Manche*r Leser*in hat vielleicht bemerkt, dass oben bei der Geburtstagscompilation nur von Künstlern die Rede war, nicht von Künstler*innen. Das ist kein Versehen, es befinden sich nur männliche Künstler auf der Platte. Das bedauert Johannes Albert. „Das ist ein wichtiges Thema. Ich würde mir wünschen, dass mir mehr Frauen Musik schicken. Bei 20 Demos, die ich zugeschickt bekomme, ist maximal eine Frau dabei, was sehr traurig ist. Es gibt zwar in Berlin schon eine Menge weibliche DJs, aber immer noch wenige Produzentinnen. Es wäre schön, wenn sich das bald ändert.” Producerinnen sind hier also explizit aufgefordert, Albert ihre Musik zukommen zu lassen.


Wir verlosen drei Exemplare der Jubiläumscompilation 10 Years of Frank Music. Schickt dazu euren vollen Namen mit dem Betreff 10 Years Of Frank Music bis einschließlich 20. März an gewinnen@groove.de.

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