Vertrauen verloren: „Ich habe jedem zugetraut, dass er da eine Kamera einbaut”

Am Wochenende nach der Veröffentlichung der Recherche hat Judith eine Panikattacke, als sie nach einem Gig auf der Toilette im Backstage ist. „Das ist ja sogar ein Klo, wo nicht alle hin können, von dem man meint, da sei es besonders sicher. Aber der Typ war ja auch in der Orga-Struktur. In dem Moment habe ich eigentlich auch jedem Mann aus unserem Kollektiv zugetraut, dass er da eine Kamera einbaut. Dann hatte ich diese Panikattacke, saß heulend auf dem Backstage-Klo und wollte nur noch nach Hause. Wir sind dann auch gegangen.”


„Ich wünsche mir Verständnis von meinem männlichen Umfeld. Dass denen klar wird, dass ich das nicht böse meine, aber das Vertrauen total verloren hab.”


So hat der Vorfall auch ihren Blick auf Crew-Strukturen verändert. „Vorher dachte ich wirklich, dass wir Crew-intern alle ein ähnliches Verständnis von Moral haben und sowas nicht passiert. Ich habe leider auch teilweise Misstrauen gegenüber Menschen aus meinen eigenen Crews entwickelt, weil es einfach Männer sind.” Teilweise wird ihr von Männern aus ihrem Umfeld vorgeworfen, sie würde Männern durch ihr Misstrauen Unrecht tun. Andere erklären ihr ausführlich, weshalb sie zu den ‚Guten’ gehören würden. „Es tut mir leid für jeden, dem ich da Unrecht tue – aber die können sich bei ihren Kumpels bedanken, dass ich misstrauisch bin. Ich selbst habe auch mal einen Übergriff erlebt von jemandem, den ich mochte. Ich wünsche mir Verständnis von meinem männlichen Umfeld. Dass denen klar wird, dass ich das nicht böse meine, aber das Vertrauen total verloren hab.”

Keine Safe Spaces: „Ich werde diesen Kontrollverlust niemals erleben”

Ihre Betroffenheit in dem Fall hat Judiths Wahrnehmung und Verhalten nachhaltig geprägt. Auf allen Toiletten außerhalb ihrer Wohnung geht sie davon aus, potenziell eine versteckte Kamera vorzufinden, sagt sie – egal ob öffentlich oder privat. „In diesem Bericht geht es ja auch um eine Frau, die von ihrem Kumpel bei ihm zuhause gefilmt wird. Ich gucke immer nach. Ich kann das nicht ablegen.”

Für Judith und viele andere wurde durch die Aufnahmen deutlich: Safe Spaces gibt es nicht – auch nicht in Räumen, denen dieser Begriff zugeschrieben wird. Eine Konsequenz: „Ich werde diesen Partyrausch, diesen Kontrollverlust niemals erleben. Wie viele Typen haben mir erzählt, dass sie im Club eingeschlafen sind oder im Busch vor ihrer Haustür aufgewacht sind. Dann wird gelacht, ‚haha, wie peinlich’. Und ich denke: Mir darf sowas nicht passieren. Ich wache wahrscheinlich auf und mein Schlüpfer ist weg.”

Eine kollektive Antwort auf ein kollektives Problem

Judith weiß nicht, ob ein solches Video von ihr existiert und möchte es auch nicht wissen. Aus Angst, mit einem potenziellen Video erpresst zu werden, hatte sie eine Weile gezögert, sich öffentlich als Betroffene im Monis-Rache-Fall zu outen. „Aber ich hab irgendwann beschlossen, dass ich sage, dass ich betroffen bin. Und dass ich meine Reichweite dafür nutze, darauf aufmerksam zu machen, damit dieser Fall jetzt bitte mal der Wendepunkt ist und wir uns mal mit dieser ganzen Thematik beschäftigen.”


„Ich finde das Öffentlichmachen meiner Emotion und meiner Verletzbarkeit eigentlich auch kollektiv. Ich weiß auch, dass ich anspreche und ausspreche, was sich viele nicht trauen.”


Auch vor diesem Interview hat Judith überlegt, ob sie ihre Betroffenheit ansprechen möchte. „Natürlich ist eine Angst dabei, das öffentlich zu machen. Ich mache mich ja schon wieder angreifbar damit. Aber es ist ein kollektives Problem. Ich finde auch, diese Monis-Rache-Videos waren eine kollektive Antwort auf unsere Szene, in der gewaltig was schief läuft. Deshalb finde ich das Öffentlichmachen meiner Emotion und meiner Verletzbarkeit eigentlich auch kollektiv. Ich weiß auch, dass ich anspreche und ausspreche, was sich viele nicht trauen. Mir schreiben viele Frauen im privaten Chat, dass sie froh sind, dass ich das sage.”

Wie ‚Quotenfrau’-Bookings mit dem Monis-Rache-Fall zusammenhängen

Aus diesem Grund nimmt sie die Einladung an, im November 2020 einen Vortrag bei der Festival-Messe ‚Future of Festivals’ über Sicherheit auf Festivals zu halten. Doch statt über Kameras auf Dixi-Klos zu sprechen, widmet sie ihren Vortrag der Aufklärung über Sexismus in der Musikbranche, gespickt mit zahlreichen Beispielen sexistischer Diskriminierung, die DJ-Kolleg*innen und sie selbst in ihrem Arbeitsalltag erleben.

Was haben ‚Quotenfrau’-Bookings mit sexualisierter Gewalt auf dem Monis-Rache-Festival zu tun? Judith antwortet mit einer Gegenfrage: „Wie kannst du dich auf einem Festival sicher fühlen, wo du auf der Bühne gar nicht stattfindest? Du wirst doch ganz klar als Menschengruppe nicht ernstgenommen. Du musst nicht mal gezeigt werden, aber du darfst sehr gerne dein Geld dafür ausgeben, die Jungs anzuschauen. Und die Jungs wurden von Männern gebucht, die dafür auch Geld bekommen.” Hierarchien, Macht, Unterdrückung von als Frauen gelesenen Menschen – all das äußert sich auf unterschiedliche Weise, doch dasselbe steckt dahinter: Sexismus. „Und dann kommt jemand, der in den Orga-Strukturen des Monis Rache steckt und für die Sicherheit der Gäste verantwortlich war, auf die Idee, eine Kamera ins Klo zu bauen und Aufnahmen auf Porno-Seiten zu verkaufen.”


„Diese kleinen Übergriffe, die alle schon so schrecklich sind, führen dazu, dass am Ende ein großer Übergriff passiert.”


Eine Kernbotschaft von Judith: Sexistische ‚Witze’, Gender Pay Gaps, Hassnachrichten und sexualisierte Gewalt wie die Aufnahmen von Monis Rache – alles hängt zusammen. Alle Formen der Gewalt gegen unterdrückte Gruppen sind Ausdruck der sozialen Hierarchisierung und führen die Unterdrückung fort. Im Fall von Sexismus erklärt Judith es so: „Wir sind damit groß geworden, dass Frauen nicht ernstgenommen werden. Wir bekommen weniger Gehalt, finden auf der Bühne nicht statt, müssen uns sexistische Beleidigungen gefallen lassen. Diese ganz kleinen Sachen, mal hier, mal dort angefasst. Diese kleinen Übergriffe, die alle schon so schrecklich sind, führen dazu, dass am Ende ein großer Übergriff passiert. Und im schlimmsten Fall ist es ein Femizid.”

Statistischer Blick auf sexistische Hasskriminalität

Um die Eskalationsstufen patriarchaler Gewalt statistisch – wenn auch nur in binären Geschlechtskategorien – begreifbar zu machen: Laut einer Studie der Agentur der EU für Grundrechte wurde die Hälfte aller Frauen in der EU sexuell belästigt. Jede dritte Frau in der EU hat körperliche und/oder sexualisierte Gewalt erfahren. Eine von 20 Frauen in der EU hat eine Vergewaltigung überlebt. Jeden dritten Tag wird in Deutschland eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. An jedem Tag findet der Versuch eines Femizids durch den (Ex-)Partner statt. 

Bei Frauen mit Behinderungen ist der Anteil der von Gewalt Betroffenen noch höher: In Deutschland hat laut einer Studie fast jede zweite Frau mit Behinderung sexualisierte Gewalt erlebt, von körperlicher Gewalt waren drei von vier Frauen mit Behinderung betroffen. 

Die sexistisch motivierte, queerfeindliche Gewalt gegen Lesben, Schwule, bisexuelle, trans, inter und andere queere Menschen nimmt seit Jahren kontinuierlich zu – auch in Deutschland. 782 Straftaten von Hasskriminalität gegen LGBTIQ* wurden 2020 bundesweit registriert, darunter 144 Körperverletzungen. Und doch bilden diese Zahlen nur einen Bruchteil eines riesigen Dunkelfeldes ab.

„Wir haben dieses Klima erschaffen”

Das alles ist das Ergebnis der patriarchalen Strukturen, schlussfolgert Judith. „Wir haben dieses Klima erschaffen, in dem Täter sich solche Übergriffe trauen, wie die vom frohfroh-Feature und auf Monis Rache. Das hat ja niemand in einem Vakuum gemacht, es ist im Konstrukt unserer Gesellschaft passiert. Da spielen wir alle irgendeine Rolle – die einen mehr, die anderen weniger.”

„Wir treffen uns nicht, um rumzumeckern, sondern – unentgeldlich – um Lösungen zu erarbeiten.” (Illustration: Dominika Huber)

Die Öffentlichwerdung des Monis-Rache-Falls sieht Judith als Initialzündung in der Szene. „Das Privileg der Ahnungslosigkeit ist vorbei. Jetzt gibt es keine Ausreden mehr, es kann nicht ignoriert werden. Monis Rache ist der beste Beweis dafür, dass da richtig, richtig was doll im Argen liegt, von dem viele in der Bubble sagen, es sei nicht da – wir sind ja die Guten, die anderen sind die Bösen. Aber ja, einer von den Guten hat uns halt in den Arsch gefilmt und das an Porno-Seiten verkauft. Und dieser Mensch war für unsere Sicherheit auf dem Festival zuständig und gehörte zur Crew.”

Kollektiver Schmerz und Selbstermächtigung

Die Frage, ob ihre Betroffenheit in diesem Fall einen Einfluss auf ihre aktivistische Arbeit gehabt habe, bejaht sie entschieden. „Seitdem ist es viel mehr geworden. Weil es so schmerzhaft war – und weil es kollektiv schmerzhaft war.” Nachdem der Fall bekannt geworden war, hatte Judith zusammen mit anderen ein offenes Treffen für die Betroffenen in Leipzig organisiert. „Das werde ich nie vergessen. Da waren über 100 Frauen, die sich teilweise kannten, teilweise nicht. Und wir haben zusammen geheult. Es hat wahnsinnig viel gemacht, dass wir diese Geschichte alle zusammen erlebt haben. Wir haben kollektiv erfahren, dass man uns in die letzte Pore kriechen kann, wenn du denkst, du bist sicher.”

Ihr Kampf gegen Sexismus ist für Judith ein Akt der Selbstermächtigung. „Wie viele war ich in einer Ohnmacht. Für mich war das eine Handlungsstrategie, wieder eine Selbstwirksamkeit zu spüren. Ich bin wieder handlungsfähig.” Auch der Vortrag bei ‚Future of Festivals’ war Teil dieser Handlungsstrategie.

‚My Body is not your Porn’ und der ‚Hack-Sexism’-Hackathon

Als Reaktion auf den Monis-Rache-Fall haben sich mehrere Betroffene zum Kollektiv ‚My Body is not your Porn‘ (MBINYP) zusammengeschlossen. Im April veranstaltete das Kollektiv den sogenannten Social Hackathon ‚Hack Sexism’. Festivalveranstalter*innen, Besucher*innen, Expert*innen, Künstler*innen und Interessierte haben sich dafür an einem Wochenende in thematischen Arbeitsgruppen online ausgetauscht und gemeinsam praktische Lösungen und Maßnahmen gegen Sexismus und sexualisierte Gewalt auf Festivals erarbeitet. MBINYP hat die vielfältigen Ergebnisse der einzelnen Hackathon-Arbeitstreffen in kurzen Videos zusammengefasst.


„Wir treffen uns nicht, um rumzumeckern, sondern um – unentgeltlich – Lösungen zu erarbeiten. Da können wir fordern, wie wir wollen – das müssen alle umsetzen.”


Auch Judith hat teilgenommen und sich in ihrer Arbeitsgruppe mit diversen Stellenbesetzungen auseinandergesetzt. „Wir treffen uns nicht, um rumzumeckern, sondern um – unentgeltlich – Lösungen zu erarbeiten. Da können wir fordern, wie wir wollen – das müssen alle umsetzen. Und das heißt auch, Männer in Entscheidungspositionen müssen dafür sorgen, dass diese Vorschläge umgesetzt werden.”

Der Hackathon hat Judith empowert und ihr Mut gemacht, sagt sie. „Weil mir das Hoffnung gegeben hat, dass wir was verändern können. Und dass, wenn es wieder losgeht, ein paar Sachen ganz anders laufen. Ich hätte mir natürlich gewünscht, dass mehr Männer teilnehmen. Aber: Ich habe gesehen, dass welche teilnehmen. Und es waren auch ein paar dabei, die eine Entscheidungsfunktion haben für Clubs, für Festivals. Die das hoffentlich in ihre Bubble weitertragen. Und die setzt sich damit auseinander und trägt es vielleicht weiter in die nächsten fünf Bubbles.”

Erschöpft, empowert, erschrocken – und optimistisch

Judith gibt es nicht gern zu – doch angesichts des Sturms, der ihr so oft entgegenschlägt, bereut sie manchmal, ihre Stimme zu erheben und Sexismus laut zu kritisieren. Mit ihrer Rolle als unbequeme Wahrheiten aussprechende Aktivistin in der Öffentlichkeit fühlt sie sich nicht wohl, doch sie scheint ihr alternativlos. „Das ist die Krux. Die Lösung ist ja ganz einfach: Ich kann es lassen. Aber das ist nicht der richtige Weg – deshalb mach’ ich das.”

Sich die Bedeutung ihrer Arbeit vor Augen zu führen, hilft ihr dabei, durchzuhalten: „Aufklärung ist gerade so wichtig. Und das hat eine Vorbild-Funktion, sodass noch mehr Leute Dinge sichtbar machen. Frauen haben mir zurückgemeldet, dass sie jetzt anfangen, Sachen öffentlich zu machen, weil sie sich trauen, weil auch andere sich schon getraut haben. Und ich bin eine davon.”


„Ich hatte von der Szene erwartet, dass gesagt wird: ‚Huch, oh, da müssen wir dran arbeiten.’ Ich war ganz schön erschrocken, dass sich mehr Mühe gegeben wird, mich leise zu machen, als mir zuzuhören.”


Hätte sie je gedacht, wegen des Ansprechens von Missständen derartigen Hass innerhalb der Clubszene zu erleben? „Nein. Weil wir ja die tolle, aufgeklärte, profeministische Szene sind und die Leute nicht müde werden, ‚No Sexism’ in ihre Veranstaltungstexte zu schreiben. Also hatte ich auch von der Szene erwartet, wenn ich sowas anspreche, dass gesagt wird: ‚Huch, oh, da müssen wir ran, da müssen wir dran arbeiten.’ Ich hab’ nicht damit gerechnet, dass das so krass ist. Ich war ganz schön erschrocken, dass sich mehr Mühe gegeben wird, mich leise zu machen, als mir zuzuhören.” Ihre letzten Worte klingen ungemein erschöpft.  

Doch Judith versucht, ihren positiven Blick auf die Dinge zu bewahren und die Hoffnung auf Veränderung nicht zu verlieren. „Ich will gerne zuversichtlich sein, ja. Sonst würde ich es auch gar nicht aushalten.” Viele junge Menschen finden über kurz oder lang den Weg auf die Dancefloors der Clubs. Darin liegt viel Potenzial – aber auch viel Verantwortung. „Am Ende ist das jugendpolitische Arbeit, wenn du so willst. Eigentlich haben wir die Möglichkeit, denen zu zeigen, in welcher Gesellschaft wir leben wollen. Und wir wollen in einer gleichberechtigten Gesellschaft leben.”

Transparenzhinweis: Judith van Waterkant und Lea Schröder sind Mitglieder des Leipziger Netzwerks fem*vak.

Was können Veranstalter:innen, Clubs, Crews, DJs, Gäst:innen – wir alle – tun, um die patriarchalen Missstände der Clubszene zu überwinden und der gleichgestellten Gesellschaft näher zu kommen? Judiths Antworten auf diese Frage lest ihr in Teil III.

Unterstützungs- und Beratungsangebote: 

Hilfetelefon für Unterstützung, Beratung und Weitervermittlung bei jeder Form der Gewalt gegen FLINTA*, für Betroffene und Unterstützende: 08000 116 016

Bundesweite Hilfe und Beratung vor Ort auf frauen-gegen-gewalt.de 

Bundesweite Fachberatungsstellen und Selbsthilfegruppen für queere Menschen auf regenbogenportal.de

Beratungsstelle für Betroffene digitaler Gewalt auf hateaid.org

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