Foto: Frank P. Eckert

Die Jahreshälfte ist gerade mal durch, die Hoffnung wieder etwas größer, beginnen wir also mit dem vermutlichen Album des Jahres 2021 in dieser Kolumne. Damiana nennt sich das Duo der Chicagoer Produzentinnen Natalie Chami (solo als Synthesizer-Wizard TALsounds unterwegs und als Drittel der Hausu-Mountain-Hausband Good Willsmith notorisch) und Whitney Johnson (die als Matchess minimalistische Klangforschung an Synthesizer und Violine betreibt). Ihr gemeinsames Debüt-Tape Vines (Hausu Mountain, 16. Juli) sammelt vier lange (will sagen: viel zu kurze) Tracks aus vollendeten experimentellen Drone-Pops, in der dir delikate Synthie-Schmetterlinge nur so durchs Ohr flittern. Das hat mit der mikrotonal kargen Strenge, die Matchess solo kultiviert, genauso viel zu tun wie mit den Synthesizer-Improv-Freakouts, in denen sich TALsounds in ihren Kollaborationsprojekten gerne mal auflöst: von der freundlich-warmen Sound-Oberfläche her offenbar wenig und doch eigentlich alles, denn beider ausprobierende, Freiheit-suchende Arbeitsweise ist fundamental für das Album. Avantgardistische Exploration muss nicht abgehoben, verschroben eigenwillig oder fremd sein. Sie kann auch mit warmem Lächeln umarmen und dennoch ganz vorne dabei sein, was neu und anders Klingen angeht.

Die Japanerin Haco ist da schon seit mehr als 40 Jahren dabei, sie war bei den J-Pop-Avantgardisten After Dinner, hat solo so gut wie alles gekonnt, von hibbelig-punkigem Pop und fluffiger Elektronik bis hin zum leicht shoegazigen Free-Pop und Hauch-Ambient, den sie seit geraumer Zeit so produziert – zum Glück jüngst in wieder etwas höherer Veröffentlichungs-Frequenz. Nova Naturo (Someone Good/Room40) ist also die alte Liebe in immer Neu. Super-Kawaii und doch vertrackt mit Widerhaken, die nicht verletzen wollen, niemals schaden anrichten würden. Wie wenig und doch alles sich bei Haco immer ändert, zeigen die gerade digital wiederveröffentlichte erste Single von After Dinner, nämlich After Dinner (Single) (Haco/Kagero/Disc Union) von 1982 oder Happiness Proof (Haco/P-Vine/ReR Megacorp) von 1999.

Und auf andere Weise vergleichbar bezaubernd und ähnlich von Shoegaze verzaubert treibt The Quiet Drift (Western Vinyl, 16. Juli) von Hollie Kenniff heran. Kenniff, die ansonsten mit ihrem Ehemann Keith „Goldmund” Kenniff als Mint Julep eher gutgelaunten, quietschbunten Synth-Pop macht, lebt hier ihre introvertierte Seite aus. Das sparsame, aber klangtechnisch gleißende Ambient-Pop-Album ist in den Mitteln und im Charakter absolut oldschool: ruhig fließende Streicherflächen, hin und und wieder perlende Gitarrenläufe und ein solider, warmer Bass und wortloses Gesangshauchen sprechen Shoegaze im originalen Verständnis. Das Sounddesign ist allerdings zu 100 Prozent von heute, hier ist nichts Lo-Fi, nichts zufällig und die pastelligen Klangfarben mit schillernden Spitzen vermatschen nie, sie bleiben stets separat erkennbar im steten Fluss. Müßig zu erwähnen hoffentlich, dass sich das nicht nur super anhört, sondern sich eben auch super gut anfühlt. Als wäre da eventuell noch ein Stückchen mehr Liebe drin als im Genre üblich.

Der im Motherboard schon öfter erwähnte Matt Christensen, hyperproduktiver Postrocker, Gitarrenheld alter Schule, ist Sohn und Erbe, Fortträger einer Shoegaze-Sensibilität seit mehr als 20 Jahren. Auf Constant Green (Miasmah, 16. Juni) macht er mal wieder ganze Songs und singt sogar dazu. In aller gebotenen Zurückhaltung selbstverständlich. Christensen mag die schüchternste Rampensau ever sein, seine Songs (seine Lieben) müssen jedoch raus in die Welt.

Die Into The Great Unknown EP (Elninodiablomusic, 30. Juni) des Berliner Label- und Produzentenprojekts Elninodiablo schwelgt ebenfalls in weichen, psychedelischen Sounds, die über ein solides Beat-Fundament mäandern dürfen oder zufrieden ermattet um balearische Sonnenuntergangs-Electronica und moderne Trip-Hop-Beats herumflattern, um sich am Nektar der kühlenden Elektronik zu laben. Mit dem Unterschied, dass hier im Hintergrund und im Vordergrund so viel mehr passiert als im Genre üblich.

Vom schwitzigen Strand in den kühlen Weltraum. Gregory Ferguson aus Belfast hat für sein zweites Album als Lunar Orbit Rendezvous/LOR die irdischen Beats vollständig abgekoppelt und lässt auf Faith/Reason (Ransom Note, 16. Juli) die klassischen Space-Krautsysnthesizer wabern, dass es eine helle Freude ist. Denn bei aller metaphorischen Weltraumeinsamkeit ist das Album doch ein Trip nach innen. In melodische Weiten wie intime psychedelisch-psychologische Einsichten. Stücke heißen hier einerseits „Music For Spaceport”, aber ebenso „Trouble in the Neighbourhood”. Das Album sei ganz spezifisch als sommerlicher Sundowner empfohlen.

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