Die zahllosen Charity-Compilations der Coronazeit ließen das Segment explodieren. So wichtig es ist, das Netzwerk in der Krise am Leben zu erhalten und den Musiker*innen im eigenen Umfeld auch in dieser Zeit ein Forum zu verschaffen, klangen viele dieser Zusammenstellungen doch oft ein wenig beliebig. Einmal mehr wurde deutlich, dass Compilations eine Kunstform für sich sind, dass es auch 2020 darum geht, heterogene Ansätze in ein kohärentes Ganzes zu überführen. Zwischen Label-Werkschauen und Archiv-Zusammenstellungen bieten die folgenden, alphabetisch angeordneten Compilations über die bloße Kurationsleistung hinaus einen enormen Mehrwert.

Air Texture VII (Air Texture)

Die Produktionen von Rrose und Silent Servant sind sich musikalisch enge Verwandte. Gut, wo Silent Servant auf atmosphärische Elemente setzt, mag Sutekhs weibliches Alter Ego Rrose analytischer und kühler klingen. Dennoch: Dass ausgerechnet diese beiden eingeladen waren, die jüngste Ausgabe der Air-Texture-Serie zusammenzustellen, scheint schon recht zwingend. Wie immer geht es um Ambient, nicht aber ums Diggen: Hier gibt es ausschließlich exklusive Stücke zu hören.
Das scheint umso erstaunlicher, wenn man sich den ersten Part anhört, den Rrose zu verantworten hat. Der nämlich klingt extrem hermetisch, obwohl Artists wie Charlemagne Palestine und Ron Morelli auf den ersten Blick nicht viel miteinander zu tun haben. Loops und Drones an den Rändern der Tonalität dominieren diese erste, sehr intensive Stunde. Klingt sperrig? Ist es auch, gerät aber niemals inkommensurabel. Die versammelten Tracks von Anthony ChildLucrecia Dalt oder Maggi Payne scheinen sich an den ambienten Arbeiten von Granden des Industrial wie Coil, Nurse with Wounds oder Zoviet France abzuarbeiten und halten die Balance zwischen kompositorischer Strenge und dem mystischen Raunen dunkler Esoterik. Selbst Robert Aiki Aubrey Lowe kommt von seinem Hippie-Film runter und verantwortet stattdessen den vielleicht seltsamsten, aber auch eigenwilligsten aller Beiträge: Ein harmonisch modulierender Melodiefetzen, ummauert von schönstem Zirpen, Klackern und Maunzen. Rrose nennt ihren eigenen Beitrag „For Bass Clarinet 8.97“: Das klingt nach Neuer Musik, aber auch hier vollzieht die Bassklarinette hypnotische, sozusagen post-psychedelische Kreise. Einzig Laurel Halos vergleichsweise freundlicher Track und die mit Filter-Spielereien garnierten, cinematisch-schimmernden Scapes von Octo Octa sorgen für etwas Variationen in der Tonalität. Christian Blumberg

Chill Pill II (Public Possession)

Und unsere jährliche Chill Pill gib uns heute. Fast genau ein Jahr nach seiner ersten dezidierten Ambient-Compilation legt das überaus geschmackssichere Münchner Label Public Possession einen Nachfolger vor, der dem Debüt der Reihe in nichts nachsteht. War dieses noch von einer konkreten Location auf Ibiza, dem Eivissa Gardening & Recreation Center, inspiriert, für die passende Tracks zusammengetragen wurden, ist der Grundgedanke, Club-affine Musik jenseits des Dancefloors zu präsentieren, auf Chill Pill II globaler, auch planvoller abgefasst. Offenbar hat man diesmal zuerst die Producer*innen ausgewählt, die dann um Exklusives angefragt wurden. Mit Andrew Wilson alias Andras, von dem auch noch eine gemixte Fassung der Tracklist angekündigt ist, Nice Girl, Vanessa Worm und Sui Zhen sind auffällig viele australische Acts vertreten. Der Einstieg mit Popps „Amina” und Worms „Orion No. 3” klingt in etwa so, als hätte sich Angelo Badalamenti an einer Balearic-Produktion versucht. Dann lädt DJ Batman in den kommenden zehn Minuten dazu ein, sich in einer ungreifbaren elektronisch-psychedelischen Welt zu verlieren. Mit dem folkigen Synth-Pop von „M6 North” der Songwriterin Laura Groves, einem der Centerpieces dieser herausragenden Zusammenstellung, tritt man den Weg nach Schottland an. Weitere Highlights kommen von Public-Possession-Regulars wie Bell Towers, Obalski, Eden Burns, Sofie (mit einer echten Coverversion!), RIP Swirl und DJ City, während Young Marco, Secret Circuit, JD Twitch und Apiento hier ihre Labelpremiere feiern. Mit Chill Pill II haben Public Possession den Spacenight-Vibe sowohl zurück auf die Erde als auch ins Hier und Heute gebeamt: Die Compilation des Jahres steht bereits im Hochsommer fest. Harry Schmidt

Consequences (Decisions)

Decisions, das Label von Air Max ’97, feiert fünf Jahre Chaos in der Clubmukke. Wer da nicht den Laptop aufklappt, um an Hi-Hats mitzuhäckseln und ein paar Magic-Kerzen in die Basstrommel zu rammen, salutiert auf Keta bei Vierviertel-Geschranze zu Gebrauchsmusik für Gelegenheitsdilettanten. Denn Consequences, die 15 Artists umfassende Labelparty von Decisions, hat mit Linearität so wenig zu tun wie ein abgebrochenes Geo-Dreieck im Weiterbildungskurs für darstellende Geometrie. Ob der radikalisierte Goblin-Verschnitt von Emily Glass’ „Scribble Machine” oder das an den Ritalin-Rückständen schlabbernde „Walking With The Tasman Abel” von Ido Plumes, der abgefackelte Flipperautomat von Oroboro („Absolute Schism”), das als Hyper-Grime kostümierte „Neighbour Mr Tumnus” von SCAM & Sevy oder die Memphis-Beats, die der in Frankfurt wohnende Avbvrn in einem Ambient-Tunnel zündet, die Geburstagsplatte zum vollen Fünfer lallt aus vollem Halse „Deconstructed Club Music” – nur ohne die beschissene Borniertheit, die man sonst von der Akademie für Intellektuellen-Gebumms zu hören bekommt. Christoph Benkeser

Evident Ware (Sneaker Social Club)

Wer dem UK-Underground bereits seit den 1990ern die Treue hält, der kann die mitgemachten Jungle-Revivals wahrscheinlich kaum noch an einer Hand abzählen. Jede Produzenten-Generation scheint sich aufs Neue an den Bausteinen und Überbleibseln des Hardcore-Kontinuums zu versuchen. Was damals noch neu und aufregend war, den Sci-Fi-Geist verkörpernd und gleichzeitig die harte Realität von Londons Straßen abbildete, ist längst zur Historie geworden, an der sich Produzent*innen gerne bedienen, wenn es ihnen darum geht, diesen Vibe abzubilden. 
Street Credibility, Soundsystem Culture, Underground und Rave sind die sofortigen Assoziationen, bringt man abgehackte Breakbeats, MC-Vocals und Alarmsirenen-Synths ins Spiel.
Auf der jetzt in zwei Teilen erschienen Compilation des bristolischen Labels Sneaker Social Club dürfen sich nochmal alle an ihre Neu-Interpretation des Hardcore-Sounds wagen. Mit dabei viele alte Bekannte wie Dubstep-Pionier Appleblim oder die 2-Step-Veteranen Horsepower Productions. Aber auch eher mit Techno in Verbindung stehende Akteure wie Peder Mannerfelt oder Clouds. Dann aber auch neuere Künstler*innen wie Forest Drive West, der seit jeher eine spannende Brücke zwischen den klassischen Elementen von UK-Hardcore und Techno-Grooves baut.
Dieser Mix mit verschiedenen Backgrounds und Ideen zu den Themene Jungle, Breaks und UK-Bass macht die Compilation zu mehr als dem x-ten Revival. Während sie stilsicher in stolpernder Beat-Science-Manier startet, findet man sich schon bald in unterschiedlichsten Tempi wieder, und gerade die zweite Hälfte des ersten Teils geht stark ins noisige Overdrive-Chaos.
Ebenso frei agiert der Part 2 der Compilation, wo auch beatlose Stücke (Konx-om-Pax) erscheinen dürfen, und Tracks wie „Closer Rave Casual” vom Manchester-Produzenten Anz zeigen, dass Hardcore heutzutage komplett losgelöst vom bisher gedachten, engen Korsett aus gechoppten Breaks und Subbassline stehen kann.
Dass sich das Gesamtpaket Evident Ware immer noch eindeutig als Nachfahre dieser Tradition identifizieren lässt, obwohl die Bausteine hier so mächtig entkernt und herumgewürfelt wurden, wie vielleicht noch nie zuvor, muss man als Erfolg ansehen. Auch 30 Jahre nach der Geburtsstunde von Hardcore lebt die Bewegung also weiter, ist offener für Neues denn je zuvor und klingt gleichzeitig so cool, authentisch und eindrücklich wie einst in den 90ern. Leopold Hutter 

IDMEMO: Future Of Nostalgia compiled by Vladimir Ivkovic and Ivan Smagghe (Above Board Projects)

Keinen repräsentativen Abriss der IDM-geschichtlichen Neunziger versprechen die DJs und Neo-Kuratoren Vladimir Ivkovic und Ivan Smagghe mit ihrem „Anti-Archiv” getauften Abriss der IDM-geschichtlichen Neunziger. IDMEMO: Future of Nostalgia geizt zwar nicht mit kulturtheoretischem Bullshitbingo im Titel, liefert aber eine Fundgrube an elektronischen Raritäten aus einer Zeit, in der Aphex Twin noch mit geiler Mukke und weniger mit peinlichen Interviews aufgefallen ist. Riecht zunächst nach „Hach, weißte noch, damals?”-Momenten für Menschen, die mit Mitte 50 immer vom Punk-Spirit im 90s-Techno schwafeln, während sie mit Warp-T-Shirts bei Finissagen rumlaufen, mittlerweile aber Management-Positionen in DAX-Unternehmen besetzen und sich am Wochenende drei Flaschen Schampus in die Birne knallen, um sich den 80-Stunden-Burnout in der agilen Matrix schönzusaufen. Ivkovic und Smagghe haben damit aber nichts zu tun. Sie zerreißen die IDM-Fibeln und verlieren sich in der Discogs-Zone, um einen „Snapshot” ihrer Karriere hinter den Decks auf zwei CDs bei Above Board Projects zu brennen. Wo läuft schon der Spiritualized-Remix „Anyway That You Want Me” neben dem 16-Minuten-Monster „Alpha Phase FM” von Chapterhouse und Marco Passaranis Detroit-verhuschtem Breakbeat-Trip „Ixora”. Und wo buddelt man sonst noch Perlen wie Zugzwangs „Euphonic” aus? Eben. IDMEMO zerschießt uns garantiert den YouTube-Algorithmus – danke dafür! Christoph Benkeser

Join The Future – UK Bleep & Bass 1988-91 (Cease and Desist)

Der in den späten Achtzigern entstandene Bleep-Sound gilt als erstes originär eigenes Clubmusik-Genre Großbritanniens. Längst gibt es Compilations, die sich Phänomenen wie indonesischem 70s-Funk widmen. Dass es bislang keine amtliche Bleep-Compilation gab, erscheint ein bisschen rätselhaft. Mit der Veröffentlichung von Join the Future: UK Bleep & Bass 1988-91 wird dieser Missstand behoben. Zu verdanken haben wir das dem Label Cease & Desist, das gerade von JD Twitch (Optimo) gegründet worden ist, und dem britischen Musikjournalisten Matt Anniss. Der hat das kürzlich erschienene Buch Join the Future – Bleep Techno and the Birth of British Bass Music geschrieben und außerdem diese hervorragende Compilation zusammengestellt. Der Titel seines Buches impliziert völlig berechtigterweise eine Kontinuität von Bleep bis zu den Bass-Music-Varianten vergangener Jahre. Ohne Bleep wäre der UK-Breakbeat-Sound, der ab 1990 auf dessen Fundament aufbaute, nicht denkbar gewesen.
Es folgten die Hardcore-Rave-Jahre, Jungle, Drum’n’Bass, Dubstep und Grime. Dann kam die Post-Dubstep-Bass-Ära, und der UK-Garage-Nachfolger Bassline wäre auch noch zu nennen. Warum es diese Kontinuität gibt, lässt sich beim Hören von Join the Future: UK Bleep & Bass 1988-91 nachvollziehen. Beim Bleep-Sound fanden verschiedene Strömungen zusammen. Die Vorliebe für so bislang noch nicht gehörte Sub-Bässe hat ihren Ursprung in der gewichtigen Rolle, die Reggae und die Soundsystem-Kultur ehemaliger britischer Kolonien in England schon seit längerer Zeit spielten. In „Dub Feels Nice” von Alfanso, hier erstmals offiziell veröffentlicht (und das in einem nie zuvor gehörten Mix), steckt zum Beispiel ganz schön viel Prince-Jammy-Digital-Dancehall. Noch ganz am Anfang war damals die UK-Rap-Szene, die ebenfalls in Teilen an Bleep andockte. Und dann waren da natürlich Acid und der frühe Detroit Techno als Initialzündung.
Es ist die nordenglische Stahlstadt Sheffield, die man vor allem mit Bleep in Verbindung bringt. Dort ansässig ist das Label Warp, das in seiner Frühphase den Sound maßgeblich definierte und erfolgreich machte. Ebenso aus Sheffield kommt das einstige Industrial-/Post Punk-Duo Cabaret Voltaire. Als Acid groß wurde, zogen Stephen Mallinder und Richard H. Kirk einfach weiter und ließen ihre Vergangenheit hinter sich. Nachzuhören ist das hier auf dem Cabaret-Voltaire-Track „Easy Life”. Doch auch in Yorkshire, so zum Beispiel in Bradbury, pulsierten die Bleep-Bässe, dank Unique 3. Deren 1988 beim legendären Label Chill veröffentlichter Track „Only the Beginning” war der vermutlich erste Bleep-Track überhaupt. Dass Matt Anniss in seiner Track-Auswahl nicht an Warp vorbeikommt, liegt auf der Hand. So ist der Tuff-Little-Unit-Track „Join the Future”, vielleicht die größte Bleep-Anthem von allen, hier enthalten, Nightmares On Wax ist auch dabei. Eine besondere Erwähnung verdient natürlich Robert Gordon (Forgemasters, Tuff Little Unit). Ohne sein Mastering und seine Produktionsskills wäre Warp damals nicht Warp gewesen. Und so hat er auch diese Compilation gemastert – und endlich mal diesen Alfanso-Track rausgerückt. Holger Klein

Kulør 006 (Kulør)

Das Kopenhagener Label Kulør startete 2018 mit einer ersten Compilation, die eine junge Generation von Technoproduzenten aus der dänischen Metropole der interessierten Szene vorstellte. Der Aspekt der Jugendlichkeit scheint Kulør wichtig zu sein, an mehreren Stellen im Infotext zu der Veröffentlichung wird das Alter der Musiker*innen betont, die oft gerade erst die Schule abgeschlossen hätten. Kulør 006 geht stilistisch jetzt allerdings über Techno weit hinaus, die Zusammenstellung ist gleichzeitig der Soundtrack einer 30-minütigen Videoarbeit des Künstlers David Stjernholm und verbindet verschiedenste Stile der Electronica-Palette. Ambient- und Listening-Tracks, gerne mit einer nicht unerheblichen Industrial-Verwandtschaft, überwiegen, „Cold Bright Hard Light” von Varnrable geht aber auch ohne Scheu in Richtung Electro-Pop und zählt zu den interessantesten Tracks der Compilation, genau wie „Dares Soar” von X & Yde, die die bemerkenswerte Leistung vollbringen, Pop mit Hip Hop und Prog-Rock zu verbandeln. Der darauf folgende Ambient-Track von Ibon bildet einen konsequenten Kontrapunkt zu der Nervosität des Vorgängers, das folgende finale Stück kippt diese Versöhnlichkeit aber wieder über Bord mit zappeliger Stakkatorhythmik und einem dekonstruktvistischen Breakdown – und nach zweieinhalb Minuten ist wieder alles vorbei. The danish kids are alright! Mathias Schaffhäuser

Lifesaver Compilation 4 – Dedicated to Andrew Weatherall (Live At Robert Johnson)

Umfangreicher denn je erscheint die vierte Lifesaver-Compilation zur Feier des 21-jährigen Bestehens der Offenbacher Club-Institution Robert Johnson. Gleichzeitig möchte Live At Robert Johnson mit den 21 Tracks auf der Lifesaver Compilation 4 des im Februar verstorbenen britischen Produzenten Andrew Weatherall gedenken, der als DJ zu den Residents des Clubs am Mainufer gehörte. Und dieser Umstand dürfte dafür verantwortlich sein, dass dies eine der Anthologien geworden ist, die den Spirit einer kompletten Epoche erfassen, um sie gleichzeitig zu überdauern: eine Compilation, die man noch Jahrzehnte später hören wird. Im Bewusstsein, hier einen der großen Freigeister der Clubkultur zu würdigen, ist niemand auf die Idee verfallen, Festplattenausschuss zu sichten. Im Gegenteil darf vermutet werden, dass nicht wenige der Tracks ganz gezielt für diesen Anlass entstanden sind, sich die Producer*innen im Lockdown in Klausur begeben haben, um das Andenken Weatheralls zu ehren. Allein die ersten drei Nummern würden ausreichen, dieser Compilation einen Platz im Olymp derartiger Zusammenstellung zu sichern: Perels Italo-Freestyle-Hymne „Feuer + Wasser” klingt, als hätte Tony Garcia einen Track von Newcleus produziert, Benjamin Fröhlichs „The Road Leads Back To You” ist ein stilistisch ähnlich veranlagter Hit mit Evergreen-Funk-Imprägnierung, Panthera Krauses „Strings of Plagwitz” entdeckt Leipzig als „Funky Town”. Weitere Sternstunden: Gerd Jansons „Ramona Remix” von Portables „Unity”, Johannes Alberts Yello-meets-Klein-&-MBO-artiges „Shattered Dreams”, Kogas minimal-bleep-funkiges „Enter The Tekn”, Roman Flügels kontemplatives, „Flat Beat”-inspiriertes „Another Day”. Viele greifen spezifische Aspekte von Weatheralls Soundästhetik auf: Davis’ „Mil Reais” verknüpft UK-Breakbeat mit Acid, TCB elegischen Dub mit Sakralcharakter, Alex Boman selbigen mit surrealistischem Touch, das Duo Red Axes sowie Chinaski psychedelische und ravige Elemente, Form Tribales mit Sphärischem, Cédric Dekowski Dub Techno und Minimal House. Damiano von Erckert, Llewellyn sowie Secretsundaze adressieren Balearic Beats in je unterschiedlicher Ausprägung, Black Spuma Cosmic Disco. Besonders anrührend: Massimiliano Pagliaras zärtlicher Nachruf „Before I Let You Go”. Der hohe Anspruch, der im Namen dieser Reihe steckt, wird mit der Lifesaver Compilation 4, physikalisch auch als limitiertes Fünffach-Vinyl-Box-Set erhältlich, vollständig eingelöst: Unverzichtbar, lebensrettend, unvergesslich ist nahezu jeder Track hier. Aber auch als Lebenszeichen eines der weltweit wichtigsten und sympathischsten Clubs von unschätzbarem Wert. Wie gesagt: Weitaus mehr als die Compilation des Jahres. Harry Schmidt

Physically Sick 3 (Allergy Season)

Es gibt einiges, auf das Menschen allergisch reagieren sollten: Rassismus, Antisemitismus, Sexismus, Homosexuellen- und Transfeindlichkeit zum Beispiel. Das Kollektiv Discwoman und das Label Allergy Season haben 2017 das erste Mal eine Compilation mit dem Titel Physically Sick herausgebracht. Damals drückten sie damit ihre Wut und die Befürchtungen davor aus, was mit der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der USA kommen würde. Heute, drei Jahre später, scheint es nicht weniger Gründe zu geben, frustriert und wütend zu sein, weder in den USA noch global: „Ok yes… the world is sicker than ever, but that doesn’t mean we get to stop”, schreiben Frankie Decaiza Hutchinson, Umfang (beide Discwoman) und Physical Therapy (Allergy Season) in den Liner Notes zu Physically Sick 3. Dieses Mal lenkt die Compilation den Fokus auf die Protestbewegungen der vergangenen Monate gegen Rassismus und Polizeigewalt in den USA und darüber hinaus. Die Botschaft ist klar: Techno, House und die Vielfalt der elektronischen Dance Music hat sich aus Communitys von BPoC entwickelt. Dance Music sollte sich dafür einsetzen, diese Communitys zu schützen. Das kann nicht durch Musik allein geschehen. Aber die 27 Tracks von Produzent*innen wie Anz, Shyboi, Bearcat, Special Request, Surgeon oder MoMA Ready liefern in ihrer Vielfalt von Ambient über Dubstep zu Jungle, House und Techno Motivation für Veränderung. Physically Sick 3 kanalisiert Wut, Trauer und Ängste zu Energie, um nicht nur Symptome anzugehen, sondern die Ursachen zu bekämpfen und Gesellschaften zu ändern. Und das Geld, das in den durchweg starken Tracks gut angelegt ist, hilft der Organisation Equality For Flatbush aus Brooklyn ganz konkret bei ihrem Einsatz gegen Gentrifizierung und Polizeigewalt. Philipp Weichenrieder

Sharpen, Moving (Timedance)

Omar McCutcheon alias Batu ist aus der derzeitigen Bass-Musik nicht wegzudenken. Seit vielen Jahren tüftelt der Brite an Klängen, die den Spagat zwischen intellektueller Tiefe und derben Breakbeat-Drives erfolgreich meistern. Seit fünf Jahren führt er das Label Timedance, das nun anlässlich dieses jungen Geburtstags den neuen Sampler Sharpen, Moving präsentiert. Zwölf Künstler*innen offerieren darauf ihre individuellen, rastlosen Klangvisionen, und reißen den*die Hörer*in in den UK-Underground. Egal ob Cleyras lebendiger Drum’n’Bass oder Happas Vollrausch-Dubstep bei „15Three”, der Drang zu hoher Plastizität in den Produktionen ist bei allen Tracks festzustellen. Intsektoid flirren Hi-Hats nicht nur bei Bruces „Longshot” durch die Klangräume. Kontrastiert wird die aufkommende Zartheit von den notwendigen bratzigen Elementen, seien es die zerhackten Stimmen in Metrists „Total Paper” oder auch Mang x GRAŃs brachiale Bass-Schläge.
Zum Tanzen taugt das alles nur bedingt. Klar, bewegen muss man sich dazu, aber die Breaks rauschen teilweise so plötzlich heran, dass man sich an ein neues Soundbild gewöhnen muss, ohne das vorherige recht verdaut zu haben. Deshalb sollte man sich unter Umständen sicherheitshalber eher in den wippenden Sessel setzen, die Füße hochlegen und sich an dem musikalisch hochgezüchteten Dickicht erfreuen, dass hier von talentierten Leuten auf gewalttätige, aber doch konzentrierte Weise dynamisch durchdrungen wird. Lucas Hösel

Dieser Beitrag ist Teil unseres Jahresrückblicks REWIND2020. Alle Artikel findet ihr hier.