Alterity (Houndstooth)

Der Titel für diese hypermoderne Dance Music-Compilation hätte treffender nicht gewählt sein können. Die Musik der 15 Künstler*Innen, die das zum Fabric-Universum gehörende Label Houndstooth hier präsentiert, besticht nämlich tatsächlich durch einhundertprozentige Nonkonfirmität. Dass diese sich wirklich noch vom ersten bis zum letzten Titel durchzuziehen vermag, zeugt vom Musikverständnis Rob Butterworths, der für die Kuration verantwortlich ist. Selbst wenn man experimentelle Beatkultur und Adventure-Trap-Trance nerdet, wie kein*e Zweite*r, wird einem hier bewusst, dass man immer noch ein wenig tiefer schürfen kann. Osheyack, den man als Teil des SVBKVLT-Label aus Shanghai kennt, und die Tunesierin Deena Abdelwahed sind hier unbestreitbar die größten Fische in einem Marianengraben-tiefen Meer voller abstrakter Beats und verzerrter Vocal-Samples. Ersterer arbeitet sich an einem Powell-esquem Drumming ab, das er mit Snare Rolls, nervöser Acid-Line und zwei konträr gepitchten Stimmfetzen veredelt. Deena Abdelwahed geht das Ganze wiederum ein wenig straighter an und kombiniert ein orientalisch angehauchtes Drumpattern mit diversen Synthwolken und einer stark modulierten Pungi, dem Instrument der Schlangenbeschwörer Indiens. Wem das alles nicht jetzt schon viel zu abgefahren ist, sollte sich unbedingt in diese keine Grenzen kennende Compilation hineinstürzen, die so cutting edge ist, dass man sich – Aua! – gerade geschnitten hat. Andreas Cevatli

Chill Pill II (Public Possession)

Und unsere jährliche Chill Pill gib uns heute … Fast genau ein Jahr nach seiner ersten dezidierten Ambient-Compilation legt das überaus geschmackssichere Münchner Label Public Possession einen Nachfolger vor, der dem Debüt der Reihe in nichts nachsteht. War dieses noch von einer konkreten Location auf Ibiza, dem Eivissa Gardening & Recreation Center, inspiriert, für die passende Tracks zusammengetragen wurden, ist der Grundgedanke, Club-affine Musik jenseits des Dancefloors zu präsentieren, auf Chill Pill II globaler, auch planvoller abgefasst. Offenbar hat man diesmal zuerst die Producer*innen ausgewählt, die dann um Exklusives angefragt wurden. Mit Andrew Wilson alias Andras, von dem auch noch eine gemixte Fassung der Tracklist angekündigt ist, Nice Girl, Vanessa Worm und Sui Zhen sind auffällig viele australische Acts vertreten. Der Einstieg mit Popps „Amina“ und Worms „Orion No. 3“ klingt in etwa so, als hätte sich Angelo Badalamenti an einer Balearic-Produktion versucht. Dann lädt DJ Batman in den kommenden zehn Minuten dazu ein, sich in einer ungreifbaren elektronisch-psychedelischen Welt zu verlieren. Mit dem folkigen Synth-Pop von „M6 North“ der Songwriterin Laura Groves, einem der Centerpieces dieser herausragenden Zusammenstellung, tritt man den Weg nach Schottland an. Weitere Highlights kommen von Public-Possession-Regulars wie Bell Towers, Obalski, Eden Burns, Sofie (mit einer echten Coverversion!), RIP Swirl und DJ City, während Young Marco, Secret Circuit, JD Twitch und Apiento hier ihre Labelpremiere feiern. Mit Chill Pill II haben Public Possession den „Spacenight“-Vibe sowohl zurück auf die Erde als auch ins Hier und Heute gebeamt: Die Compilation des Jahres steht bereits im Hochsommer fest. Harry Schmidt 

Hudson Mohawke – B.B.H.E. (Warp)

Warp Records ist seit dreißig Jahren eines der einflussreichsten Labels elektronische Musik aus Großbritannien. Dort veröffentlicht der schottische Musikproduzent Hudson Mohawke – der bereits für Kanye West produzierte – seit 2009. Sein neues von 1990er Jahre-HipHop und Electronica geprägtes Album besteht aus unveröffentlichten, älteren Tracks, die er während des Corona Lockdowns wiederentdeckte. Teilweise klingen diese mit einer gewissen Eastcoast-Boom-Bap-Ästethik, als hätte Hudson vor einem Jahrzehnt den SP1200 Sampler für sich entdeckt. Diesen Produktionsstil mischt er mit Microcutting-Glitches, zeitgedehnter Klangsynthese, klassischen Battlescratchtool-Samples und auch einigen Verweisen aus der UKGarage/Breakbeat-Ecke. Dabei schwingen einige der HipHop-Instrumental-Tracks irgendwo zwischen dem opulent-epischen, überhöhenden Sounddesign von RJD2, neuerer Ableton Live-808-Sample-Metrik u.s.-amerikanischer Cloudrap-Produktionen („Brooklyn”/ „100HM”) und der Electronica-Sound-Zerhäckselung á la Funkstörung und DJ Peabird um das Jahr 2000 herum. „Macanudo“ erinnert an kitschigen Gamekonsolen-Backgroundsound aus dieser Zeit. „Brooklyn” wurde 2013 von Pusha T und Lil Wayne in Auftrag gegeben. Ab und an bekommt man das Gefühl, der QuickTime-Player läuft auf Fast Forward, eine Effekt der nicht mehr gerade neu ist („Liquid Heat”/ „Mandarania”). Während die Beats von „Spruce Illest Bumper” mit der wilden Transponierung der 808-Cowbell/-Conga vom Groove her irgendwie Missy Elliots “Work It” auf Crack-Version sein könnte. Im Ganzen der Mix dennoch, als wäre er massentauglich für das Wochenendprogramm auf BBC Radio 1 produzierte worden. Dort liefen einige der Nummern wahrscheinlich auch schon in den letzten zehn Jahren in Mohawks exklusiven Mixetapes. Mirko Hecktor

Kompakt 20 (Kompakt)

Neben den Fabric– und Fabric Live-Anthologien sowie der DJ-Kicks-Serie von Studio K7 dürfte Kompakts Total-Reihe zu den traditionsreichsten Compilations in der Welt der elektronischen Musik gehören. Umso erstaunlicher ist die fluffige Leichtigkeit, mit der die 22 Tracks der Doppel-CD-Version auf Total 20 aus den Speakern rollen. Das Konzept folgt dem bewährten Muster: Während sich auf der Vinyl-Edition acht bislang unveröffentlichte Beiträge, in erster Linie von Kompakt-Labelheads und -Rumpf-Playern wie Voigt & Voigt, Jürgen Paape, Jörg Burger und Sascha Funke, versammelt finden – wobei vor allem Michael Mayers unwiderstehlicher Mover „Agita“, Jürgen Paapes faszinierendes „Vox Acris“ und das deepe „Lose Control“ des Amsterdamer Producers David Douglas, der hier sein Labeldebüt feiert, hervorzuheben sind –, verstehen sich die weiteren 15 Tracks als Querschnitt und Blütenlese des vergangenen Jahrgangs, die gleichzeitig das gesamte Labelspektrum – vom unbeschwerten Disco-Hit (Kiwi: „Hello Echo“) über Synthesizer- und Vocoder-verliebten Italo (Agents Of Time: „Drive Me Crazy“) und Leftfield-Deephouse (Robag Wruhme: „Calma Calma“) bis zum Techno-Jazz-Hybrid (Yotam Avni: „It Was What It Was“) abdeckt. Mag Kompakt in der Wahrnehmung vieler Technofans auch nicht mehr in der vordersten Innovationsfrontlinie stehen, markiert die Veröffentlichung von Total 20 doch ganz unangestrengt den enormen und bleibenden Stellenwert des Kölner Label sowie den hohen Produktionsstandard, den es auch durch diese Compilationreihe mitdefiniert hat. Harry Schmidt  

Physically Sick 3 (Allergy Season)

Es gibt einiges, auf das Menschen allergisch reagieren sollten: Rassismus, Antisemitismus, Sexismus, Homosexuellen- und Transfeindlichkeit zum Beispiel. Das Kollektiv Discwoman und das Label Allergy Season haben 2017 das erste Mal eine Compilation mit dem Titel Physically Sick herausgebracht. Damals drückten sie damit ihre Wut und die Befürchtungen darüber aus, was mit der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der USA kommen würde. Heute, drei Jahre später, scheint es nicht weniger Gründe zu geben, frustriert und wütend zu sein, weder in den USA noch global: „Ok yes… the world is sicker than ever, but that doesn’t mean we get to stop“, schreiben Frankie Decaiza Hutchinson, Umfang (beide Discwoman) und Physical Therapy (Allergy Season) in den liner notes zu Physically Sick 3. Dieses Mal lenkt die Compilation den Fokus auf die Protest-Bewegungen der vergangenen Monate gegen Rassismus und Polizeigewalt in den USA und darüber hinaus. Die Botschaft ist klar: Techno, House und die Vielfalt der elektronischen Dance Music hat sich aus Communities von BPoC entwickelt. Dance Music sollte sich dafür einsetzen, diese Communities zu schützen. Das kann nicht durch Musik allein geschehen. Aber die 27 Tracks von Produzent*innen wie Anz, Shyboi, Bearcat, Special Request, Surgeon oder MoMA Ready liefern in ihrer Vielfalt von Ambient über Dubstep zu Jungle, House und Techno Motivation für Veränderung. Physically Sick 3 kanalisiert Wut, Trauer und Ängste zu Energie, um nicht nur Symptome anzugehen, sondern die Ursachen zu bekämpfen und Gesellschaften zu ändern. Und das Geld, das in den durchweg starken Tracks gut angelegt ist, hilft der Organisation Equality For Flatbush aus Brooklyn ganz konkret bei ihrem Einsatz gegen Gentrifizierung und Polizeigewalt. Philipp Weichenrieder

The Sound Of Love International 003 (Love International) 

Das im kroatischen Tisno stattfindende Festival Love International ist eines der Highlights für viele House-Heads im jährlichen Festival-Turnus. Denn hier gibt sich eine besonders ausgesuchte Mischung von DJs die Ehre, die oft weit mehr als Selector denn als Produzenten gerühmt werden. Das ganze vor malerischer Kulisse an der Adria, legendäre Boot-Partys inklusive.

Natürlich musste auch hier die 2020-Edition gestrichen werden, trotzdem geht aber die vor Kurzem eingeführte Compilation-Serie in die nächste Runde. Nachdem Gatto Fritto (2018) und Beautiful Swimmers (2019) bereits ihr Abbild des eklektischen House, Disco und Boogie-Sounds des Festivals beisteuern durften, ist jetzt die britische DJ der Stunde Shanti Celeste an der Reihe.

Die in London wohnende Künstlerin mit chilenischen Wurzeln hat ein besonderes Händchen dafür, Tracks mit Rumms und Wumms so zu platzieren, dass auch ihre leichte Seite zum Vorschein kommt. Diese Fingerfertigkeit beim Aussuchen besonders schön balancierter Tracks, vom Oldie bis zu einer eigenen neuen Produktion (zusammen mit Kollegin Saoirse) verleiht der Love International-Compilation ihr gewisses Extra. Da gibt es Oldschool-Perlen wie das muskulös-funkige „Crank von Mark Seven” (1998) oder die noch ältere, verträumt-schöne „Feel The Magic” von Fade 2 End. Selbst im Fall von Tech-House schafft Shanti es, der Musik ihre vertrippt-treibenden Qualitäten abzuringen (Gideon Jackson – „Taj Mahal”) und auch ihre Wahlheimat Bristol kommt mit dem Soundsystem-Ambient-Interlude „Furda Murda” der Seekers International zum Zuge. Insgesamt bleibt das Tempo rasch, der Spaß steht im Vordergrund, obwohl keiner der Tracks den nötigen Tiefgang vermissen lässt. Allein zum Schluss wird es nochmal New Age mit einem Synth-Konzert der blinden Komponistin Pauline Anna Strom aus den 80ern. Leopold Hutter