Foto: Presse (Introversion)

Julius Debler gehört zu einer Gruppe junger DJs und Produzent*innen deren eigenes Release-Date hinter denen ihrer Haupteinflüsse liegt: Junge Menschen, die Techno aus den frühen Neunzigern bis Ende des Jahrzehnts mit den Mitteln der Gegenwart einen neuen Schliff verleihen. Als Introversion hat der Wahlberliner vor allem mit seinen Releases für ARTS auf sich aufmerksam gemacht. Darauf zu hören: Feinsinnig austarierter Techno, der ebenso euphorisch wie melancholisch sein kann, wummernde Four-to-the-Floor-Beiträge für die Peak-Time genauso anbietet wie melancholische Comedown-Momente. Dementsprechend vielschichtig und -seitig ist auch Introversions Mix für den Groove-Podcast geworden: ob geradeheraus oder querwärts, Techno wird hier auf viele verschiedene Arten gedacht.


Wie ist es dir in den letzten Monaten ergangen?

Die letzten Monate waren ein ständiges Auf und Ab der Gefühle und Motivation. Während die Coronakrise Anfang März in Deutschland ankam, war ich noch auf Asien Tour und hatte große Angst nicht mehr nach Deutschland reisen zu können, da sich täglich die Reisebestimmungen änderten und alles sehr chaotisch verlief. Als ich dann Ende März wieder nach Hause kam, sprudelten die Ideen für neue Musik aus mir heraus, allerdings hatte ich durch den Lockdown und die damit verbundene Zeit zu Hause große Schwierigkeiten, Projekte zu einem zufriedenstellenden Ergebnis zu bringen. Es fehlte die Inspiration und der Einfluss von außen, hauptsächlich von den Parties, Auftritten und sozialen Interaktionen. Inzwischen wird es wieder besser und ich versuche, neue musikalische Horizonte zu ergründen.

Du machst seit deiner Kindheit Musik. Wie sah deine Frühsozialisation aus?

Ich begann schon im Kindergarten damit auf allen möglichen Möbeln und Gegenständen herum zu klopfen, weshalb meinen Eltern dringend angeraten wurde, mich zum Schlagzeugunterricht anzumelden. Ich lernte also schon sehr früh, mich mit Rhythmik und Komposition auseinander zu setzen. Es war mir immer viel wichtiger, eigene Stücke zu erfinden und nicht stumpf anderer Leute Musik nachzuspielen. Im örtlichen Musikverein, im Schulorchester und in einer Schülerband spielte ich das Schlagzeug und die Percussions. Als das nicht mehr reichte, nahm ich noch E-Gitarren-Unterricht, aber auch hier wollte ich viel lieber eigene Songs komponieren und brachte damit meinen Lehrer zur Verzweiflung.

Dass du eine Karriere als Musiker eingeschlagen hast, war deinen Aussagen zufolge nie geplant. Wie kam es aber dazu?

Im Jahr 2014 zog ich nach Berlin, um eine Sounddesign-Ausbildung an der Wave-Akademie zu beginnen. Damals hatte ich noch keine großen Vorstellungen davon, wo ich damit später mal arbeiten würde. Da ich mich aber schon immer für Filmmusik, Foley und das generelle Sounddesign in diesem Bereich interessierte, war die Ausbildung nur eine logische Konsequenz. Ich habe davor auch schon den einen oder anderen Track produziert, aber mir fehlte das Knowledge in der Theorie. Relativ schnell wurden meine Tracks dann ausgefeilter und ich fing an sie an Freunde und Labels zu verschicken. Den großen “Durchbruch” erlangte ich durch meine Dystopia-EP auf dem Label ARTS, von da an ging alles sehr schnell und ich bekam einige Bookings und Anfragen für weitere EPs und Remixes. All das war aber nie als Karriere geplant und ist wie von selbst entstanden, worüber ich aus heutiger Sicht noch immer sehr erstaunt bin. Auf dem Weg dorthin habe ich sehr viele neue Freund*innen und tolle Menschen kennen gelernt, die mir weitergeholfen haben und ohne die ich nie dort wäre, wo ich heute bin, wofür ich sehr dankbar bin!

Was beinhaltete dein Sounddesign-Studiengang und wie hat es sich auf deine Arbeit im Studio ausgewirkt?

Die Sounddesign-Ausbildung war sehr vielschichtig, hat sich im Groben aber hauptsächlich mit Tontechnik, sprich Aufnahmen für allerlei Instrumente, Vocals und Geräuschen, ebenso aber auch mit Klangsynthese, Musiktheorie und dem Arbeiten an Filmen sowie mit dem Radio beschäftigt. Was mich natürlich sehr weitergebracht hat, war das Grundverständnis von Akustik und die damit verbundenen technischen Aspekte. Wie funktioniert ein Mikro, warum arbeitet es auf diese Weise und wie kann ich es beeinflussen? Was sind Synthesizer, wie sind sie aufgebaut und weshalb klingt ein bestimmter Sound so wie er klingt? Das sind nur ein paar Fragen die sich mir durch die Ausbildung erschlossen haben. Grob kann man sagen: Ich weiß nun, wie Sound funktioniert und wie ich ihn so hinbiegen kann, wie ich es möchte. Und doch ist es ein unendlich großes Feld, in dem man immer neue Dinge entdecken beziehungsweise erhören kann.

Drums spielen in deiner Arbeit eine zentrale Rolle. Wie gestaltet sich dein Arbeitsprozess in rhythmischer Hinsicht?

Ich beginne immer mit der Kickdrum, hier verliere ich mich nicht selten in stundenlanger Arbeit, bevor überhaupt ein anderes Element hinzukommt. Anschließend kümmere ich mich meist um die Hi-Hats, welche ich stets versuche so abwechslungsreich und groovy wie möglich zu gestalten. Oft arbeite ich aber auch mit alten Breakbeat-Aufnahmen, die eine so wundervolle und unvergleichbare Klangästhetik beherbergen, die mich selbst nach all den Jahren, die ich schon an elektronischer Musik arbeite, immer noch faszinieren.

Im März wurde deine Asientour abrupt unterbrochen und du musstest in Vietnam in Quarantäne gehen. Was genau war passiert?

Nach dem dritten Gig meiner Asien-Tour, in Singapur, war ich bereits früh morgens auf dem Weg zum letzten Ziel der Reise, nach Ho-Chi-Minh-Stadt in Vietnam. Als ich ankam, bekamen alle Passagier*innen ein Formular zur Sicherheitsvorkehrung zum Schutz vor COVID-19, was nichts Neues mehr für mich war, da das auf jedem der Flüge in Asien üblich war. Man musste seine persönlichen Daten, Kontaktmöglichkeiten und die letzten Reiseziele angeben. Mein zweiter Stopp in Asien war Seoul in Südkorea, wo ich im sagenumwobenen FAUST Klub auflegen durfte. Was ich allerdings nicht wusste: Um Mitternacht, nur wenige Stunden vor meinem Abflug, wurde ein Gesetz verabschiedet, das allen Reisenden aus Italien, China und Südkorea verbot, einzureisen, außer wenn man bereit war, eine 14-tägige Quarantäne abzusitzen. Man fing mich also bei der Einreisekontrolle ab und setze mich in einen abgezäunten Bereich in der Transitzone. Es wurde mir dann klar gemacht, dass ich wieder ausreisen muss, wenn ich mit der 14-tägigen Quarantäne nicht einverstanden bin. Ich versuchte dann mithilfe einer Mitarbeiterin des Flughafenpersonals einen Rückflug nach Deutschland zu finden, da ich aufgrund des geänderten Gesetzes auch nicht mehr nach Singapur zurückfliegen durfte. Sehr schnell wurde dann aber ersichtlich, dass keine einzige Airline Personen transportieren würde, die in den letzten 14 Tagen in Südkorea waren. So blieb mir nur noch die Option, nach Vietnam einzureisen und mich in Quarantäne zu begeben. Den ganzen Tag über wurde der abgesperrte Bereich immer voller und erst Abends wurden wir alle gemeinsam, mit einem Bus, in ein ehemaliges Militärkrankenhaus befördert, wo zu meinem Pech niemand Englisch sprach. Ich versuchte natürlich über die deutsche Botschaft einen Kontakt herzustellen um herauszufinden, ob ich durch einen möglichen Corona-Test den 14 Tagen entgehen konnte, aber mir wurde von allen Seiten mitgeteilt, dass dies nicht möglich sei und so gab ich mich meinem Schicksal hin und versuchte das beste daraus zu machen – 14 Tage Netflix und Gratisessen. Es hätte mich durchaus schlimmer treffen können.

Was war die Idee hinter deinem Mix für unsere Groove-Podcast?

In meinem Mix für den Groove-Podcast zeige ich Techno aus vielerlei Richtungen. Von Breakbeat zu trippy-hypnotischen Tools, über treibende Peak-Time-Banger, mit einer kleinen Exkursion in experimentellere Tempi und Rhythmuswechsel, bis hin zu emotional aufgeladenen Tracks.

Last but not least: Was sind deine Pläne für die Zukunft?

Ich plane nichts Genaues, bin mir aber sicher, dass ich zukünftig etwas mehr aus dem Genre Techno als solchem ausbrechen werde und mein Klangspektrum nicht mehr nur auf Software-Instrumente beschränken möchte. Vielleicht werde ich auch mal einen Metal-Song oder Hip-Hop-Beats produzieren. Ich weiß es nicht, bin aber für alles offen. Musik begeistert mich in all ihren Facetten und das wird mich weiter antreiben.

Stream: Introversion – Groove Podcast 267

01. Reflec – Remnants
02. DJ Savage – Excuses
03. Blue Hour – Front (D. Dan Remix)
04. Banke – Yellower
05. Yan Cook – Counterclockwise
06. Viers – Who Do Ya Truss
07. Nicolas Bougaieff – Nexus
08. Amotik – Unat
09. Phara – Dear, Come in
10. Stef Mendesidis – Sairex
11. Wave Corners – Even Mike (Dissolver Remix)
12. SHDW & Obscure Shape – Blick des Bösen
13. P.E.A.R.L. – Choice
14. CVesth – Approach
15. Introversion – Myoclonus (unreleased)
16. Sustention – Sun
17. Are.gone – Ya no es tan rojo
18. Blue Hour – Shimmer (Vladimir Dubyshkin Body Mix)
19. Głós – Phantasm (Cut Through Nylon Tights) (unreleased)
20. Kmyle – Empathy