Auch in Zeiten des Coronavirus erscheinen Alben am laufenden Band. Da die Übersicht behalten zu wollen und die passenden Langspieler für die Club-freie Zeit zu küren, wird zum Fulltime-Job. Ein Glück, dass unser Fulltime-Job die Musik ist. Zum Ende jedes Monats stellt die Groove-Redaktion Alben der vergangenen vier Wochen vor, die unserer Meinung nach relevant waren. Im ersten Teil des Juli-Rückblicks mit Alton Miller, Daniel AveryHadone und sechs weiteren Künstler*innen – wie immer in alphabetischer Reihenfolge.

Actress – 88 (self-released)

Actress – 88 (self released)

Jaaaa, Actress hat ein neues Album veröffentlicht! Neeeein, es ist nicht das Album, auf das wir alle gewartet haben. Macht das einen Unterschied? Hängt wohl vom eigenen Karma und Desire ab. 88 ist ein nur mit Passwort zu knackender 49-minütiger Montageschrank – ein Track, keine Cuts. Dafür ganz schön viele Titelnamen, die Darren Cunningham beim letzten Guerilla-Marketing-Kurs für verkannte Superhelden aufgeschnappt hat. So ein bisschen nach dem Motto: schnippelt euch zusammen, was zusammen gehört, wenn ihr findet, was zusammenfinden soll. Das ist ein bisschen cool, weil Arca mit @@@@@ bereits zu Beginn des Jahres ähnliche Scherereien durchexerziert hat. Damals war die Welt noch in Ordnung, jetzt ist alles kaputt. 88 steht damit wie ein Überbleibsel in einer Welt, in der man sich mit verknisterten Ambient-Konserven und Simulakrum-Techno aus der Sportabteilung eingedeckt hat, um angesichts der beschissenen Allgemeinsituation nicht sofort loszuflennen. Wir hören Soma für die Geister aus dem Ambient-Keller und gurgeln Sprudelwasser bei Electro-Houdinis im Streaming-Wohnzimmer. Als Appetizer für die längst überfällige Platte im Herbst gerade richtig. Und für einen Ex-Fußballer immer noch besser als Fußball. Christoph Benkeser

AKSK – Things We Do (Running Back Incantations)

AKSK – Things We Do (Running Back Incantations)

Gut Ding braucht Weile, im Fall von AKSK sieben Jahre. So lange haben Suzanne Kraft und Adda Kaleh an ihrer Debüt-LP auf Running Back geschnürt. Zwischendurch schickte man einen Brummi für Gerd Jansons Music For Autobahns über den Asphalt, droppte die Chill Pill für Public Possession und wetransferte Trackfetzen zwischen den Niederlanden und Rumänien hin und her. Das hat funktioniert, seitdem heulen die Synth-Pop-Sirenen. Things We Do biegt vom ersten Moment von der Schnellstraße ab, um auf unbefahrenen Waldwegen die Fenster runterzukurbeln und den alten Kadett mit Sonnenstrahlen aus den 80ern zu tanken. Natürlich nicht, ohne zuerst das Kassettendeck mit dem Mixtape aus Jugendjahren zu füttern. Man klatscht sich mit der Hand schon mal vor Verzückung auf die Stirn, weil die catchy-kitschigen Melodien mehr nach Schulterpolster und Seapunk schreien als nach Masken-Sommer ohne Flipper. Die Frage ist: Wer braucht schon Pastell-Palmen und verpixelte Windows-Logos, wenn man mit der als Reissue-Attrappe getarnten Platte direkt ins hazy Abendrot seiner eigenen Imagination cruisen kann? Christoph Benkeser

Alton Miller – Souls Like Mine (Music Institute)

Alton Miller – Souls Like Mine (Music Institute)

Unter den Detroiter Produzenten, die seit den Neunzigern aktiv sind und für diverse namhafte Techno- und House-Labels produziert haben, zählt Alton Miller zu den weniger bekannten, trotz stetigen Outputs und Freundschaften mit Derrick May oder Chez Damier. Daher kann man sein schon 2007 erschienenes – und auch damals in Groove besprochenes – Album jetzt, mit 13 Jahren Abstand, gleich noch einmal neu entdecken. Miller vertritt einen maximal entspannten House-Ansatz, in dem die Soul-Tradition oft wichtiger erscheint als, sagen wir, Disco. Die Beat-Struktur hingegen darf bei ihm durchaus komplex sein. Für Polyrhythmisches sorgt neben seinen Maschinen gern Handbetriebenes wie Congas, eine Djembe kann auch schon mal mit im Spiel sein. Gesang, Millers eigener, wie im Titelsong, oder von diversen Gästen, spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Mitschunkeln um jeden Preis will Miller dabei nicht erreichen, eher lässt er die Melodie gegenüber dem Beat in den Hintergrund treten. Was die Gefahr birgt, dass man ihn erneut überhört oder vielmehr über seine sorgsam geschichteten Produktionen hinweg hört. Dabei verlangt diese Musik gar nicht viel. Man muss sie bloß hereinlassen und ihr Zeit geben, da drinnen zu wirken. Tim Caspar Boehme

Cyan85 – Lucid Intervals (VOITAX)

Cyan85 – Lucid Intervals (Voitax)

Lucid Intervals heißt das Debütalbum des Erfurter Künstlers Cyan85, das auf dem Berliner Label VOITAX erscheint. Beim ersten Hören wirken die neun Tracks wie ein lydischer Probierstein, der den vielseitigen Abgründen des Electros nachspürt und dabei das dem Genre eigentümliche Gefühl eines unnahbaren Retro-Futurismus heraufbeschwört. Bei genauerem Hinhören zeigt sich dann aber auch das durchaus eigenständige und teilweise geradezu mystisch anmutende Abarbeiten des Künstlers am Genre. Ganz so nüchtern-maschinell, wie man zunächst denken mag, ist Electro ohnehin nie gewesen. Der synkopierte 808-Funk, der ihn auf basaler Ebene antreibt, steht einer mechanistischen Maschinenwelt mindestens widerspenstig entgegen. Dieses Spannungsverhältnis fängt Cyan85 auf Lucid Intervals immer wieder ein. Die erste Hälfte bietet zunächst recht traditionelle Electro-Referenzen: Geradlinig-ratternde 808-Rythmen und heftige Riffs verschmelzen mit befremdlichen Klangsphären zu einem unheimlich wabernden Electro-Gallert. In „Contamination Ph0nk” ist das Riff bereits etwas wässriger und die repulsiv-bedrohlichen Klangtropfen, die nach oben hin brechen, erzeugen tatsächlich den Eindruck einer kontaminierten Sperrzone. Auf der B-Seite treten die Riffs zugunsten versponnen-träumerischer Melodien und Pads teilweise zurück. Während es zu jeder Zeit funky bleibt, bilden diese hypnotisch anmutenden Tracks den musikalisch interessanteren Teil des Albums. In „Aquasma” findet dieses Schwebend-Poetische schließlich seinen hypnotischen Höhepunkt. Die titelgebenden luziden Momente sollten womöglich weniger als Vernunfterkenntnis denn als Gefühl eines in befremdlich-träumerischer Nacht mit unmittelbarer Klarheit Erlebenden verstanden werden. Moritz Hoffmann

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Daniel Avery – Love + Light (Phantasy Sound)

Daniel Avery – Love + Light (Phantasy Sound)

Es ist nahezu unmöglich, bei der Beschreibung von Daniel Averys Musik Genauigkeit herzustellen. Selbstverständlich eine recht triviale Plattitüde, die auf alle Produktionen von Qualität zutreffen sollte. Eine vergleichbare Ergründung von emotionaler Tiefe und ein derartig atmosphärisch breitgefächertes Spektrum findet sich aber eben nur selten auf anderen Langspielern. Seine neueste Veröffentlichung Love + Light gliedert sich mit A- und B- Seite auch von der musikalischen Konzeption her klar in zwei Teile auf. Der erste Abschnitt wird bestimmt von Gefühlen der Anspannung, dem Wunsch nach Entgrenzung und dem damit verbundenen Nervenrasen. Deshalb gibt es auch nur auf der ersten LP- Seite Raum für den Dancefloor, wie mit dem drivigen Warehouse-Techno von „Dusting for smoke” oder „Darlinn”. Dazwischen finden sich atmosphärisch dichte Ambient-Skizzen, wie „Katana” oder „Searing Light, Forward Motion”. Die B- Seite bietet dann das Gegenteil – ergo beseelte Entspannung. Eine verschwommene Stille breitet sich aus, aber niemals klischeebeladen. Auf den meisterhaft produzierten Drones, die sich sanft in die Gehörgänge schieben und absolute Kontrolle über die empfundene Stimmung behalten, ziehen kleine Riffs und zarte Sounds alles Gewicht aus den Köpfen und machen IDM-Tracks wie „In the arms of stillness” zu den schönsten und wohltuendsten des Jahres. Das gemeinsame Album Illusion of Time mit Kollege Alessandro Cortini Anfang des Jahres war eindrucksvoll, doch hier zeigt sich, welche entrückende Kraft Daniel Averys Schöpfungen haben, wenn er keine Kompromisse eingehen muss. Das neue Album ist auf seinem Gebiet nämlich definitiv ein Meisterwerk mit einer riesigen musikalischen Strahlkraft. Lucas Hösel

Earth Boys – Earth Tones (Shall Not Fade)

Earth Boys – Earth Tones (Shall Not Fade)

Anders als es ihr Name und der Titel ihrer dritten LP denken lassen, berühren Earth Boys mit Earth Tones den Boden nie ganz, immer nur fast. Einen Zentimeter über dem heißen Asphalt New Yorks, von dem der Dunst des letzten Sommerregens aufsteigt, schlendern die Tracks daher. Damit versprüht das Album eine Art schwebender Ästhetik. Allen voran der Titeltrack, der unprätentiös leicht, aber nicht seicht, und ohne übermäßigen Schnickschnack produziert klingt. Die entzerrten Beats des Brooklyner Duos treffen gelegentlich auf verspielte Saxophonklänge wie bei „Sonoma” und „Los Angeles” oder schillernde Perkussionen bei „Mushroom Cloud”. Die Earth Boys, das sind Julian Duron und Michael Sherburn, bleiben dabei in ihrem gewohnten Territorium des von den Neunzigern inspirierten House. Dachterrassen-House wäre da vielleicht eine undankbare Bezeichnung, doch passt sie hier; die erste kühle Brise des Tages spürt man schon fast um die Nase wehen und der Aperol Spritz scheint zum Greifen nahe. Die Sonne neigt sich langsam dem Horizont zu. Mit Earth Tones grooven Earth Boys auf eine easy-listening-Erfahrung zu, wobei „Amazon Prime (Jungle)” noch in eine andere, etwas dichtere Richtung schwenkt. Vielleicht nicht für die wildesten aller Nächte gemacht, lädt Earth Tones auf einen entspannten Sommerabend ein. Louisa Neitz

Future Beat Alliance – Beginner’s Mind (Reward System)

Future Beat Alliance – Beginner’s Mind (Reward System)

In den letzten zehn Jahren hat Matthew Puffett einen guten Teil seiner Studiozeit für James Lavelles Projekt UNKLE aufgewendet. Das ist schade, denn unter dem Pseudonym Future Beat Alliance hat der Engländer wirklich tolle Musik gemacht. Und ausgerechnet UNKLE. Puffett selbst mag die Sache deutlich weniger skeptisch sehen, immerhin war er als Toningenieur und Programmierer für UNKLE an so manchem Film-, TV- oder Werbeprojekt beteiligt. Aufträge, an die er ohne James Lavelle womöglich nicht gekommen wäre. Das neue Album seines Soloprojekts klingt aber leider über weite Strecken wie ein Showreel für die TV-, Film- und Werbebranche. Im Grundsatz bleibt Puffett der Future Beat-Alliance-Idee treu: Techno mit Detroit-Bezug und Electro-Anleihen, wunderbare Melodien, irgendwie futuristisch-urban, irgendwie aber auch pastoral und in sich gekehrt. Aber allzu oft hängt auf Beginner’s Mind der Himmel voller Geigen. Auf „Tell Me About These Dreams” steigt gar eine Sopranstimme vom Himmel. Andererseits klingt Beginner’s Mind aber unfassbar gut, besser als jeder Future-Beat-Alliance-Track zuvor. Alles so crisp, transparent und perfekt ausbalanciert. Aber letztlich wirkt diese klangliche Vollkommenheit wie ein Re-Enactment von Future Beat Alliance auf der Höhe heutiger Studiotechnik. Holger Klein

Hadone – And Then You Were None (Taapion)

Hadone – And Then You Were None (Taapion)

Zweifelsohne ist Hadone eines der Aushängeschilder einer neuen Generation von Techno- Produzent*innen. Auf seinem Debütalbum And Then You Were None, das über Taapion veröffentlicht wird, will er diesem Status gerecht werden. Bis auf einige Ambient- und Jungle-Abstecher ist die LP nämlich vor allem eines – eine Platte, die im Club gespielt werden will. Gerade Titel wie „Let The Bodies Hit The Floor” oder „Your Vision” definieren sich in erster Linie über ihre kompromisslose Percussion. Doch die Stärke des Albums liegt in seinen melodischen Momenten. Zwar verlassen sich auch Nummern wie „Endless Back And Forth” und „Heat From His Dreams” auf ihre aufrichtigen, Club-tauglichen Beat-Strukturen; die flächigen Synth-Vertonungen hauchen den Tracks aber solch eine Stimmung ein, dass sie auch über Club-Grenzen hinaus funktionieren. Die Frage, ob wir trotz oder gerade wegen der aktuellen Umstände Clubmusik heute vielleicht noch mehr brauchen als in der Vergangenheit, sei mal dahingestellt. Gerade die besagten Jungle- und Breakbeat-Nummern lösen zusätzlich die Anspannung, die durch mehrere Four-To-The-Floor-Tracks nacheinander aufkommt. Auch wenn Hadone mit seinem ersten Album das Rad nicht neu erfindet, festigt er hiermit seinen Platz als poster child junger Techno-Künstler*innen. Ein sehr gelungenes Debüt. Jonas Hellberg

Howling – Colure (Counter Records/Ninja Tune)

Howling – Colure (Counter Records:Ninja Tune)

Nach ihrem ersten Howling-Album Sacred Ground veröffentlichen Ry X von The Acid und Âmes Frank Wiedemann ihr zweites Album Colure. Howling stehen für eine Öffnung zwischen dem flächigen, sphärischen Clubsound von Innervisions und den Folksongs des australischen Sängers, der sich nur zu gerne von seinen eigenen Emotionen überwältigen lässt.

Colure knüpft direkt an Howlings Debutalbum an. Mit ihrer melodramatischen Stimmung verfolgen die Songs einen Afterhour-Sound. Eigentlich geht es aber noch weniger um das Feiern als bisher. Frank Wiedemann schafft mit weichen Pads Aquarell-Landschaften, über denen Rys Stimme majestätisch schwebt. Oft verschwindet das Drumming und ein einziger Orgelton bleibt stehen, um Ry möglichst viel Raum zu geben. Ry ist nicht auf der Suche nach einer kollektiven Erfahrung, seine eigenen Gefühle sind wichtigster Gegenstand. Er hegt und pflegt sie wie ein Hobbygärtner seine Sprösslinge.  Johanna Urbancik