Blawan – Immulsion EP (Ternesc)

Blawan - Immulsion EP (Ternesc)

Die ersehnte neue Solo-Platte von Jamie Roberts alias Blawan ließ ein Weilchen auf sich warten. Jetzt erfreut er gleich mit zwei Veröffentlichungen. Anfang Juni kam ja schließlich auch das neue Karenn-Projekt  Music Sounds Better with Shoe mit Kollege Pariah, welches durch eine neuere, hellere Klangästhetik überrascht hat. Anders ist da der Techno auf der neuen EP Immulsion. Die Tracks bewegen sich fast alle in einer krieselnd-ernsten Atmosphäre. Durch insektoide Geräusche und kleinere Drones entsteht eine Art Soundnebel, durch den sich der Beat stoisch durchboxt, ohne ernsthaft aus der Spur zu geraten. Oft gibt es ja dann das Problem, dass alles schnell verwaschen klingt – hier jedoch nicht! Der Brite beweist erneut sein enormes Talent für sensible und distinkte Produktionen, die zuverlässig einen aufregenden Drive entwickeln. Herausragend aber doch der funkige „Immulsion-The Kind of Kink Mix” mit seinen irre-flirrenden Klangfarben. Lucas Hösel

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D. Tiffany – Cruel Trance (LKR)

D. Tiffany - Cruel Trance (LKR)

Cruel Trance startet zurückhaltend und nimmt sich einen kompletten Track Zeit, um eine Grundstimmung zu kreieren, die wichtig ist für den Fortlauf der gesamten EP – was den ungeduldigen DJ/Konsumenten dazu verleiten könnte, schnell weiter zu skippen. Deswegen soll in dieser Besprechung das Fazit gleich zu Anfang stehen: Diese Platte ist wunderschön, geradezu phänomenal. Sophie Sweetland alias D. Tiffany lässt ein impressionistisch anmutendes und sehr persönliches Traumland entstehen – in Abwandlung einer der schönsten Textzeilen der Pet Shop Boys würde „Debussy to an Electro beat” passen, damit allerdings nur sehr plakativ etwas beschreiben, das viel zu subtil und vielschichtig für solche Slogans ist. Aber tatsächlich findet sich in der Gleichzeitigkeit von Fragilität und bildhafter Musik gerade der ersten beiden Stücke auf Cruel Trance eine gewisse Analogie zum musikalischen Impressionismus. Und Electro als Groove-Rahmen der vier Stücke zu bezeichnen, führt keinesfalls in die Irre. Nur geht es hier nicht in der Hauptsache um fette, funky Basslines oder gar 90er-Zitate. Sweetlands Musik besticht vielmehr durch kaum zu kategorisierenden pulsierenden Ideenreichtum. Nach den ersten beiden verhaltenen Tracks lebt der Titeltrack dann zum ersten Mal von klarer Betonung des Grooves, erscheint aber in keinem Moment als reines Club-Tool oder DJ-Food – obwohl er gleichwohl bestens auf dem Dancefloor eingesetzt werden kann. Das abschließende „8 In Conga R” fasst dann auf über acht Minuten die in den drei vorangegangenen Tracks aufgebaute Stimmung und das stilistisch-kreative Spektrum nochmals zusammen. zu einem komplexen Track mit perkussiv-treibenden Teilen, spacigen Ruhepausen, den eingangs erwähnten impressionistischen Harmoniegebilden und mit einem im elektronischen Kontext höchst ungewöhnlichen dramaturgischen Ablauf. Bitte mehr von dieser grausamen Trance! Mathias Schaffhäuser

Niklas Wandt – Erdtöne (Kryptox)

Niklas Wandt - Erdtöne (Krytox)

Wer sich noch an die beiden Wolf-Müller-Releases auf Themes For Great Cities erinnern kann, wird beim Hören der neuen Platte des in Berlin residierenden Niklas Wandt gleich mal einige erfreuliche Parallelen feststellen dürfen. Das liegt daran, dass ebendieser nämlich schon bei besagten Werken diverse Schlaginstrumente spielte und genau dieses einzigartige Drumming auch in sein neuestes Werk mit einbringt. In Kombination mit funky Bässen, mitreißenden vokalen Elementen, spaced-out Synths und ganz viel Herzblut ergibt sich so die wildeste Fusion aus Jazz, Ethno und Prog-Rock des bisherigen Jahres – und dann ist das Ganze auch noch hyper-tanzbar! Mann, mann, mann! Dieter Moebius, Jaki Liebezeit und Holger Czukay hätten Wandt zu dieser Veröffentlichung höchstwahrscheinlich nur wohlwollend gratuliert. Denn wem diese abenteuerliche Musik kein Lächeln ins Gesicht zaubert, dem ist einfach nicht mehr zu helfen. Andreas Cevatli

Rheji Burrell Presents: The Utopia Project & N.Y. House ‘N Authority – Out Of Body Experience & The “V” EP (Running Back)

Rheji Burell Presents- NY House 'N Authority's Out Of Body & The Utopia Project’s The ”V” EP  (Running Back)

Reginald ’Rheji’ Burrell reaktiviert für je eine EP auf Running Back zwei seiner Pseudonyme der klassischen Nu-Groove-Epoche. Die zwölf neuen Tracks – sieben finden sich auf der hinreichend mit den charakteristischen Trademark-Sounds wie jazzigen Samples und ultratiefen Reggae-Subbässen ausgestatteten Out Of Body Experience, fünf auf der noch etwas deeperen und kohärenteren The “V” EP – erinnern auch 20 Jahre später noch an die Magie der damaligen Zeit. House war noch kein durchkonfektioniertes Genre und erhielt durch das vom Output der Zwillinge Reginald und Ronald Burrell maßgeblich geprägte Label Nu Groove entscheidende Impulse. Alle Stücke sind ungefähr gleich lang, dauern mehr als vier, aber weniger als fünf Minuten – ganz offensichtlich hat Burrell keinen Zweifel daran, dass diese Spanne die ideale Erzählzeit für ihn ist, in der alles gesagt sein muss, was es in einem Housetrack zu sagen gibt. Auch sonst haftet den Tunes nichts Skizzenhaftes an: Ist ein Drumpattern holprig programmiert, klingt das nicht nach einer Suchbewegung, sondern wirkt wie eine dezidierte Setzung. Highlights der N.Y.-House-‘N-Authority-EP sind „2nd Time”, das in aller Nonchalance die Hookline von „The Bomb! (These Sounds Fall into My Mind)” vor sich hinpfeift(!), das energisch-trippige „5th Time” und die Choral-Hymne „7th Time”; „Destiny”, „Epiphany”, „Euphoria” und „Karma” heißen die Anspieltipps für die The-Utopia-Project-Platte. Eine grandiose Kollektion zeitloser Instant-Classics, die keinen Nostalgie-Bonus nötig hat. Harry Schmidt

Skee Mask – ISS005 & ISS006 (Ilian Tape)

Skee Mask - ISS005 & ISS006 (Ilian Tape)

Skee Mask also endlich wieder mit neuem Album, sozusagen. Zwei EPs eigentlich, die aber am gleichen Tag veröffentlicht in Kombination ein knapp einstündiges Gesamtwerk ergeben, das beide Seiten des Münchener Ilian-Tape-Schützlings in fein voneinander getrennten Destillaten zeigt – mit Betonung auf fein. Die fünf Tracks von ISS005 bieten zunächst wuchtig wummernde Wonky-Bässe und Breakbeats wie vom Millimeterpapier, für die der Mann spätestens seit Compro als einer der wenigen authentischen Erben der IDM-Hochphase gehandelt wird. Wer „Reefer Madness” hört, möchte wohl auch noch die goldenen Dubstep-Jahre der frühen 2000er ins Spiel bringen, Marke Loefah oder Digital Mystikz. Geschenkt. „Zzodiac” schlägt mit sphärischen Pads unter den Bruch-Bässen und verschwitzter Warehouse-Atmosphäre in eine ähnliche Kerbe, klingt aber auf merkwürdige Weise tierisch modern. Muss wohl an der Produktion liegen, die ist nämlich mal wieder auf einem durchweg krossen Niveau, was während der gesamten ISS006 vielleicht noch besser zur Geltung kommt, auch wenn hier deutlich weniger passiert. Also fast gar nichts, im Vergleich zum vorher Gehörten. An- und abschwellender Ambient der sublimen Sorte bestimmt jene andere Seite von Skee Mask, der man sonst eben nur in Kombination mit konturierter Rhythmik begegnet. Es zeigt sich in „Cafe Mu” oder „Dolby”, dass er mit seinem Repertoire diese sphärisch gedehnten Soundscapes ähnlich gut stemmt und selbst ausufernden FX-Studien wie „Mbass123 Excerpt” oder dem abschließenden „Henk (Version Whatever)” noch spannende Momente abzuringen weiß. Vielleicht pusht er ähnliche Experimente – denn experimentierfreudig klingen beinahe alle Tracks dieser beiden EPs – auf dem nächsten Langspieler sogar etwas weiter in die eingeschlagenen Richtungen und wagt die konsequente Entzerrung der hochgradig organischen ersten beiden Alben. Mutig wäre das. Nils Schlechtriemen