Primavera am Strand (Foto: Paco Amate)

Traditionsbewusste Indie-Fans, distinguierte Popper*innen, urbane Hip-Hop-Heads und nicht zuletzt auch feierwütige Raver*innen fühlen sich auf dem Primavera Sound seit Jahren pudelwohl. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die eben erwähnten Klischees beim 220.000 Besucher*innen starken Musikmarathon in Barcelona ein ums andere Mal verschmelzen. Egal mit welchen Vorsätzen man aufs Primavera fährt, man kommt nicht umhin, im gigantischen Line-Up Neues für sich zu entdecken. Welche konzeptionellen Leitlinien das Festival dennoch hat und wie die Macher*innen ihr Publikum einschätzen, verriet uns im Vorfeld Marta Pallarès, Head of international press & PR des Primavera.

Hi Marta, kannst du für den Anfang einen kurzen Überblick über deine Tätigkeit und deine Geschichte mit dem Primavera Sound geben?

Ich leite die internationale Presse- und PR-Abteilung. Für das Festival arbeite ich bereits seit 2015, habe es als Musikjournalistin aber schon seit 2012 begleitet. Ich habe also eine relativ lange Beziehung zum Festival.

Bei den riesigen und stilistisch doch sehr diversen Line-Ups, die das Primavera jedes Jahr hat – worauf zielt es musikalisch deiner Meinung nach ab?

Nun, das hast du schon sehr präzise ausgedrückt. (lacht) Unser Aufgebot soll die Leute mit großen Namen begeistern, dabei aber breit aufgestellt sein. Wir versuchen uns dabei natürlich treu zu bleiben und feiern dieses Jahr außerdem unseren 20. Geburtstag. Klar haben wir in all den Jahren legendäre Indie-Rock-Bands eingeladen. Wir wollen aber stets eine klare Vorstellung davon haben, was in Zukunft gefragt ist. Das heißt übrigens auch, dass wir unser Line-Up wieder geschlechtergerecht buchen. Es macht uns aus, dass du hier ein Metal-Konzert, sagen wir von Carcass, anhören und gleichzeitig bei Lana del Rey stehen könntest. Oder ein riesiges Areal nur für elektronische Musik und gleichzeitig ein intimes Auditorium für spannende Ensembles zu haben. Wir wollen gewissermaßen ein Festival of Festivals sein. Jede*r der 220.000 Besucher*innen hat eine eigene, individuell zugeschnittene Erfahrung.

Wie setzt sich dieses riesige Publikum denn zusammen?

Natürlich sehr divers! Die Statistik besagt, dass die Hälfte der Leute aus dem Ausland kommen. Auch der Geschlechteranteil ist gleichmäßig verteilt. Was aber den Geschmack angeht, ist das kaum runter zu brechen. Du hast die absoluten Hardcore-Indie-Fans, die The Strokes sehen wollen, oder eher Leute aus dem Punk-Bereich, die dieses Jahr vielleicht wegen Bikini Kill oder Iggy Pop kommen. Dann gibt es ein jüngeres Publikum, das sich eben für Lana del Rey interessiert. Wir wissen auch, dass unser Publikum immer jünger wird. Deshalb haben wir neue Genres wie R’n’B, Trap oder Hip Hop im Programm.

Nachdem es letztes Jahr ja mehr in diese Richtungen ging, scheint der Schwerpunkt 2020 wieder mehr auf Indie- und Gitarren-Sound zu liegen. Wie kommt’s?

Es ist tatsächlich so, dass manche der Headliner*innen dieses Jahr diese Musik spielen. Wenn du aber ans Line-Up 2019 denkst, waren sie da auch vertreten. Die Prominenz anderer Acts hat möglicherweise auch die Wahrnehmung etwas verzerrt. Aber es stimmt schon, dass wir uns zum 20. Geburtstag dazu entschieden haben, diesen Anlass mit unseren langjährigen Besucher*innen zu feiern. Und auch mit Künstler*innen, die Teil der Familie sind. Man kommt aber auch als Reggaeton-, R’n’B- oder Techno-Fan sicherlich nicht zu kurz.

Wie kombiniert ihr elektronische Musik denn mit den anderen Genres auf dem Line-Up? Und wie darf man sich die Atmosphäre bei den elektronischen Bühnen vorstellen?

Wir haben ja schon vor ein paar Jahren mit Primavera Bits ein Areal nur für elektronische Musik ins Leben gerufen. Letztes Jahr waren das vier Bühnen in Strandnähe, die noch früher als die anderen öffneten. Das Programm dort läuft von Mittag bis 6 Uhr morgens. Die Bühnen unterscheiden sich stilistisch und repräsentieren ein Spektrum von Richie Hawtin his Helena Hauff. Wir denken ganz grundsätzlich, dass elektronische Musik mit dem kompletten Restprogramm des Primavera vereinbar ist. Deshalb findet sie sowohl im Bits-Sektor als auch auf den großen Bühnen statt. Im Rahmen unseres 20. Geburtstags gibt’s am Sonntag, den 7. Juni, außerdem einen Tag, der nur für Tanzmusik-Fans konzipiert wurde. Da spielen dann Amelie Lens, Chaos In The CBD, Héctor Oaks oder Nina Kraviz. Insgesamt lässt sich sagen, dass elektronische Musik für uns definitiv immer wichtiger wird.

Auf welche Acts freust du dich selbst am meisten? Wenn du denn die Zeit hast, sie überhaupt zu sehen.

(lacht) Das ist leider tatsächlich ein Störfaktor. Es ist gleichzeitig Fluch und Segen, für dieses Festival zu arbeiten. Denn du kannst auf keinen Fall so viele Shows sehen, wie du eigentlich willst. Dieses Jahr freue ich mich besonders auf Lana del Rey, weil sie letztes Jahr das beste Album abgeliefert hat. Ich bin auch gespannt, wie sie ihre zarte Stimme auf so einer großen Bühne zur Geltung bringen wird. Auf Bikini Kill freue mich als alter Riot-Grrrl-Fan auch. Auch den 80er-Synth-Pop der Chromatics, die ich noch nie live gesehen habe, liebe ich.

Primavera Line-Up 2020

Primavera Sound 2020

3. bis 7. Juni 2020

Tickets: Tagesticket 80€, Festivalticket 195€

Primavera Sound
Parc del Fòrum
Barcelona