Foto: Ronja Falkenbach (Vivian Koch)

„Auf die Residents kann man sich verlassen, persönlich und inhaltlich. Sie kennen den Club, die Gäste, die Anlage, und sie sind ein Grundpfeiler der musikalischen Identität eines Clubs, also ebenso wichtig wie die Architektur, der Raumklang oder die Gestaltung“, sagte einst Nick Höppner in der Groove. Mit unserem zweimonatlichen Resident Podcast wollen wir ihnen den gebührenden Respekt zukommen lassen.

In der sechsten Ausgabe kommen wir endlich in Berlin an. Vivian Koch gehört zwar erst seit Kurzem zu den Residents der Berliner Griessmuehle, bringt in ihren Sets aber wie keine andere den Sound des multifunktionalen Abenteuerwunderlands an der Station Sonnenallee auf den Punkt: nach allen Seiten hin offen und doch Floor-fixiert. Ein Anspruch, dem die Mitveranstalterin der audiovisuell ausgerichteten Partyreihe Olympe beziehungsweise Olympe Fatale auch als Produzentin: Mit The Owleon für a.r.t.less und die EP Insomiami auf Danny DazeOmnidiscs bewies sich Koch als versierte Produzentin, deren breaklastiger Sound fest in der Gegenwart verankert und doch mit allen Wassern klassischer Dance-Konventionen gewaschen ist.

Ein aufregendes Jahr also. Und nun? Nun knipst Vivian Koch mit ihrem Mix für den Resident Podcast das Putzlicht an. “Herzerwärmend und beruhigend” soll das wirken – und tut es auch.


Die Griessmuehle wurde zum Jahreswechsel 2011/2012 eingeweiht, du hast dort 2018 zum ersten Mal gespielt. Kannst du dich noch an deinen ersten Abend als Gast erinnern?

Zugegeben hab ich erst super spät den Club ausgecheckt – keine Ahnung wieso. Das war im Sommer 2017 – zur Doom Chakra Label Party. Ich bin so ein Fan von Giraffi Dog und hab dementsprechend da dann schon sehr gute Stunden verlebt. (lacht) Ich hab mich direkt wohlgefühlt und war ab dem Zeitpunkt regelmäßig zu Gast.

Dein erstes Set hast du im Rahmen einer der von dir und Jessica Tille veranstalteten Olympe- beziehungsweise Olympe-Fatale-Partys gespielt. Welches Konzept verfolgt ihr mit der Reihe?

Exakt. Das erste Set je in der Griessmuehle selbst war auf der eigenen Olympe. Mittlerweile hat sich aus dem Zweierprojekt ein kleines Kollektiv aus sieben Leuten gebildet. Unser vorrangiges Ziel ist es, jeglichen Sound in einem aus unserer Sicht hochwertigen Programm simpel miteinander zu verknüpfen. Mir liegt es echt am Herzen, dass man mit Diversität nicht nur ein breites Publikum anzieht, sondern auch die Gäste in irgendeiner Form teachen kann. Vielleicht kommen manche Gäste am Abend nur wegen einem Electro-Act zu uns und sind zuvor nie richtig mit slowem, Dark-Disco-Kram – zum Beispiel Carolain Lufs Sound aus unserer Gruppe – konfrontiert worden. Die Gefahr besteht offensichtlich darin, dass wir einzelne vor den Kopf stoßen, weil sie nicht hundertprozentig abschätzen können, was sie letztendlich bei uns bekommen. Aber gerade das sollte eine Clubnacht mit sich bringen und sowieso wieder mehr von Promotern generiert werden – Offenheit des Publikums in jedwede Richtung. Wir werden weiterhin großen Wert auf das Spektrum des Bookings legen, sodass man erst gar nicht in ein begrenztes Raster kategorisiert werden kann, allgemein aber für anspruchsvollen Sound steht. Ich bin damals selbst mit Begeisterung in die Muehle gekommen, weil ich einfach immer wieder überzeugt von der Varietät des musikalischen Programms war. Ich bin extrem motiviert, dies mit unserem Anteil aufrecht zu erhalten, wenn nicht sogar im allgemeinen Clubkontext – was die gesamte Stadt betrifft – endlich mal etwas zurück zu geben statt nur zu konsumieren.

Insbesondere bei den Olympe-Veranstaltungen legst du ein Faible für B2B-Sets an den Tag, vor allem Isa Wolff tritt häufig als deine Sparringspartnerin in Erscheinung. Was reizt dich an diesem Format, insbesondere im Kontext eurer eigenen Partys?
Yepp, wenn es passt, spiele ich sehr gern mit Isa, Carolain Luf oder Shokhi zusammen. Mich reizt einfach der Spass an der Sache. Ich bekomme teilweise Schweißausbrüche dabei, wenn meine kleinen Sweethearts Nummern zücken, die ich noch nie zuvor gehört habe und die wirklich wieder zu 200% meinen Geschmack treffen. Es gibt Momente, in denen man sich echt nur noch anschaut und vor lauter Aufregung kurz vor einem Herzinfarkt steht. Ich könnte mich nach jeder Party darüber totlachen und weiß dann wieder, warum ich das überhaupt alles mache, wenn ich mal wieder ins Zweifeln komme… Mit Isa kann ich mich immer dem absolut sphärisch-verträumten und doch fordernden Electro hingeben. Bei Caro kann ich trockene, slowe Disco-Nummern rausholen und mit Dave spiele ich eher düsteren Electro, teilweise Hip Hop. Ich bevorzuge es immer genreübergreifend oder relativ „breit“ zu spielen, finde es aber oft nicht so einfach, dann alleine auch alles binnen von einem Set zu verbinden, ohne den Flow dabei zu verlieren. Das heißt nicht, dass B2Bs einfacher wären. Sie stellen für mich aber eine Möglichkeit dar, mich in unterschiedlichsten Stilen auszutoben – abgesehen davon, dass man technisch auch irgendwie ganz anders an die Sache rangeht, je nachdem mit wem man spielt – macht das irgendwie Sinn?!

Als feste Club-Resident bist du seit Frühjahr in der Griessmuehle 2019 dabei. Wie kam es dazu?
Johann – auch bekannt als Prantel und Resident der Griessmuehle – hat mich im Februar nach unserer Olympe X Omnidisc Party gefragt, ob ich mir prinzipiell vorstellen könnte, als Resident Bestandteil der Crew zu sein. Ich hab mich natürlich mega darüber gefreut und zugesagt. Das Team hat glaube einfach gemerkt, dass ich mich sehr wohl fühle und mit Olympe mein Bestes gebe, viel Herz und Energie in den Club zu tragen.

Gab es für dich während deiner Zeit als Resident einen besonders denkwürdigen Abend?
Um ganz ehrlich zu sein waren bisher alle Nächte supercool. Angefangen von der Solar-One-Music-Label Night mit den Exaltics, Helena Hauff, Luke Eargoggle und so weiter, die so einen Spass gemacht hat, weil ich unten im Silo vier Stunden straight Electro spielen konnte – ohne jegliche Kompromisse. Gefolgt von unserer kleinen Olympe-Collab mit Omnidiscs im Februar bis hin zu Johanns letzter Antidote-Party im August, die genauso schön für mich war. Ich durfte in der Halle das Closing spielen, welches für meine Begriffe schon das härteste Set war, was ich je gespielt habe. Es mündete irgendwann von ziemlich schnellen Techno in meine absoluten Lieblings Drum-‘n’-Bass- und Dubstep-Tracks. Es waren wieder so viele Freunde da, mit denen ich sogar noch den ganzen Folgetag dort verbracht habe. Obwohl der diesjährige Geburtstag im Mai irgendwie auch richtig sweet war und ich das Gefühl hatte, meine persönliche Hip-Hop- und Drum’n’Bass-Reise von meinem halben Leben im Wintergarten abzugrasen. Ach, keine Ahnung – es war alles geil. Das ist ja eben das Schöne, dass jeder Raum des Clubs so unterschiedliche Energien mit sich bringt und man immer wieder komplett anders spielen kann.

Seit diesem Jahr bist du auch als Produzentin aktiv. The Owleon erschien im Februar bei a.r.t.less, Insomiami im August auf Danny Daze’ Label Omnidisc. Stilistisch ergeben sie ein vielseitiges Gesamtbild, vor allem Electro aber scheint – wie auch in deinen DJ-Sets – ein wichtiger Grundpfeiler deines Sounds zu sein. Welche Verbindung hast zu dem Genre?
Ich war seit jeher ein absoluter Fan von Broken Beat. Zu der Art von Electro, die ich mag, macht es aus meiner Sicht einfach am meisten Spass zu tanzen. Es kann super schnell gespielt werden, verkörpert dabei dennoch sowas gediegenes und doch kraftvolles. Es wird mir auf jeden Fall nie zu viel davon. Schuld dazu trägt definitiv mein größerer Bruder. Wir haben damals nur Hip Hop zusammen gehört und ich konnte elektronische Musik nie so richtig verstehen, empfand es als superlangweilig. Tatsächlich bin ich dann aber wiederum durch ihn in sehr sehr jungem Alter in die ganze Szene rein gerutscht. Er fing irgendwann an, Oldschool-Disco zu spielen, und hat mich damit krass mitgezogen. Dann hab ich mit etwa 15, 16 Jahren begonnen, mit seinen Platten zu spielen, bis ich mir eigene kaufen konnte. Ich wurde im Laufe der Jahre immer düsterer, schneller, technoider… Bis ich mich irgendwann wieder beruhigt hatte und zu mehr UK, Breakbeat und Electro kam – was bezogen auf die Rhythmen ja wieder eine Verbindung zu Hip Hop herstellt. Jetzt hab ich endlich das Gefühl, alles vereinen zu können, was mich schon immer beflügelt hat.

Welche Rolle spielt das Produzieren überhaupt in deinem Leben?
Abgesehen davon, dass ich nie gedacht habe, je damit anzufangen, weil ich aus irgendwelchen Gründen riesigen Respekt davor hatte und dachte, dass ich das wohl nicht kann, bin ich ziemlich schnell süchtig geworden. Eigentlich so extrem, dass meine Laune davon abhängt. Je nachdem ob ich in der Lage bin und die Zeit habe, in der Woche Musik zu machen, die irgendwas in mir auslöst oder nicht… Das ist für mich so ein unersättliches Feld, was ich ja gerade mal betreten habe. Ich bekomme ehrlich gesagt oft Angst davor, dass mir die Zeit davon rennt und ich dementsprechend nicht mal alles schaffe, was ich noch machen will – gleichzeitig versuche darüber nicht gestresst zu sein. So’ne Rolle ungefähr.

Was war die Idee hinter deinem Beitrag für unseren Resident-Podcast?
Ich mag ganz simpel mit dem Mix das Jahr 2019 abschließen, was sehr hart, aber auch auflösend war. Vielleicht können sich sogar einige damit identifizieren und finden die Nummern hoffentlich genau so herzerwärmend und beruhigend, wie ich.

Last but not least: Was sind deine Pläne für die Zukunft und was steht in der Griessmuehle in nächster Zeit an?
Wir haben mit Olympe langsam eine gute Basis erreicht, sodass wir die Reihe ab 2020 noch mehr ausbauen können. Es steht zu Beginn des Jahres eine kleine US Tour an, ansonsten hab ich mir gar nichts vorgenommen. Ich bin ja normalerweise so’n Listenmensch und hab mir immer tausend Pläne geschrieben, was ich in Zukunft alles so machen möchte. Damit mag ich jetzt aufhören, um mich selbst mal runter zu fahren. Go with the flow.

Stream: Vivian Koch – Groove Resident Podcast 6

01. Solitary Dancer – Test Dream
02. Unknown Artist – Untitled
03. Adlas – Drift
04. INVT – Saturn
05. Ishi Vu – Metamorfos
06. INVT – Morning Breaks
07. Unreleased
08. Loop LF – Always NV
09. Quirke – Flesh rez v70
10. Niño Árbol – San José II
11. vester koza – don’t hurt me
12. Reel by Real – I Won’t Follow
13. LMajor – The Future
14. Imre Kiss – Shadow Universe
15. LMajor – Raving Cru (Caldera Remix)
16. Local Group – Inside Out
17. Quirke – Spinhaunt Coil