Foto: Martina Lajczak (Gerald VDH)

„Auf die Residents kann man sich verlassen, persönlich und inhaltlich. Sie kennen den Club, die Gäste, die Anlage, und sie sind ein Grundpfeiler der musikalischen Identität eines Clubs, also ebenso wichtig wie die Architektur, der Raumklang oder die Gestaltung“, sagte einst Nick Höppner in der Groove. Mit unserem neuen zweimonatlichen Resident Podcast wollen wir ihnen den gebührenden Respekt zukommen lassen. Für die fünfte Ausgabe dehnen wir den Begriff der Residency etwas aus: Gerald VDH ist nämlich zwar sehr oft in der Grellen Forelle in Wien hinter den Decks zu erleben, seine Veranstaltungsreihen Meat Market, Fish Market, Mutter und F*cken Plus geben sich aber tendenziell nomadisch.

So unterschiedlich sich diese Reihen auch musikalisch oder atmosphärisch gestalten, sie alle eint die klare Kante, die der DJ und Produzent im Club und außerhalb zeigt. Gerald Wenschitz versteht Raven offensichtlich noch – oder mit Blick auf österreichische Wahlergebnisse gesprochen vielleicht heute umso mehr als vormals – als soziale Praxis und damit politische Angelegenheit: Diskriminierendes Verhalten ist unerwünscht, idealer Weise wird stattdessen für eine Nacht ein dezidiert queerer und sicherer Ort geschaffen. Das hebt die Veranstaltungen nicht allein in Wien, sondern in der europäischen Szene überhaupt hervor.

Dieses Jahr feiert Meat Market bereits Zehnjähriges und ein Ende ist nicht in Sicht – ganz im Gegenteil drehen Gerald VDH und Specific Objects sowie Matt Mor nicht allein mit ihrem Label Meat Recordings voll auf, sondern haben auch mehr Partys als zuvor anstehen und noch größere Pläne obendrein. Zuerst aber bringt Wenschitz in seinem Beitrag zum Groove Resident Podcast alt und neu zusammen: Neues Material aus dem hauseigenen Label trifft auf ein paar Classics von Marco Carola und anderen.


Meat Market feiert 2019 sein zehnjähriges Jubiläum. Aus welchem Gedanken heraus wurde die Reihe ins Leben gerufen?

Aus meiner Sicht fehlte in Wien eine Plattform, die einen Safe-Space für LGBTIQ+ bietet und bei der gleichzeitig Wert auf qualitätsvolle elektronische Musik gelegt wird. Ich ging damals selbst gerne in die sogenannte „Szene“ um dort Menschen kennenzulernen und konnte diese vielen Nächte mit rotz-schlechter Pop-Mucke oder Pseudo-House einfach nicht mehr ertragen. Offenbar ging es nicht nur mir so.

Wie verlief die allererste Meat-Market-Nacht und was war für dich der denkwürdigste Abend der letzten zehn Jahre?

Der erste Meat Market ging musikalisch noch in eine andere Richtung. Wir hatten aber da bereits vor, unser Publikum zum heutigen Meat Market-Sound zu erziehen. Tatsächlich war die erste Party bereits ein Erfolg. Mein Geburtstagsfest ist jedes Jahr ein Highlight. Wir könnten den Club da jedes Jahr locker doppelt füllen. Der großartigste Moment der letzten Jahre war aber bestimmt unser Wagen bei der EuroPride 2019. Mit Hilfe von Pro Performance und Jan Neubauer haben wir den lautesten Wagen in der Geschichte der Regenbogenparade über den Asphalt der Ringstraße in Wien geschickt. Die offenen Münder und die glänzenden Augen: Das werde ich nie vergessen.

Mit Fish Market, F*cken Plus und der House-lastigen Reihe Mutter kamen über die Zeit andere Formate hinzu, die zum Teil in anderen Wiener Clubs stattfinden. Wie strikt trennst du zwischen all diesen Formaten und welche Rolle spielen dabei die jeweiligen Clubs?

Jede Party hat ganz besondere Eigenschaften. Mutter ist unsere Vinyl-Only-House-Party. Sie findet in einem kleinen aber feinen Boutique-Club in der Innenstadt statt. F*cken Plus kombiniert Techno und Trash und hat schon hunderte Neo-Techno-Heads angefixt. Der Club Das Werk spielt dabei eine ganz besondere Rolle. Wir waren eine der ersten Partys überhaupt an diesem Ort und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass diese Party jemals woanders stattfindet.

Der Meat sowie der Fish Market selbst sind für gewöhnlich in der Grellen Forelle beheimatet. Was macht diesen Club im Speziellen für dich aus?

Die Grelle Forelle ist der Flaggschiff-Club Wiens. Alle unsere internationalen Gäste sind immer ganz begeistert und gleichzeitig erstaunt, dass man so eine Perle in Wien finden kann. Das Herzstück ist sicher das unfehlbare Soundsystem. Nächstes Jahr haben wir dort zwölf Partys geplant. Zwei davon werden als unser neues und deklariertes Pro-Sex-Konzept programmiert, bei dem das erste Mal in der Geschichte von Meat Market ein Dresscode – Sports, Fetisch, Naked – eingeführt wird.

Der Sound des Meat Markets ist von hartem Techno geprägt, als Resident nimmst du aber für gewöhnlich eher den Support-Slot ein. Wie bereitest du dich auf die Sets bei Meat Market vor?

Ich bin DJ aus Leib und Seele. Ich bereite mich täglich aufs Spielen vor. Ich digge und nerde praktisch ständig Musik. Vor einem Gig nehme ich mir dann die Zeit das Ganze in eine gewisse Ordnung zu bringen. Diese Ordnung hängt natürlich stark von der Party oder dem Slot ab. Ein Opening ist dabei sicher die anspruchsvollste Aufgabe. Dafür verwende ich oft viele Stunden. Bei einem Closing auf einer unserer Partys kann man bestimmt nicht von einem „Support-Slot“ sprechen. Das ist in Wahrheit die allerbeste Zeit! Dementsprechend habe ich auch als Resident-DJ das Glück regelmäßig eine total enthusiasmierte Menge übernehmen und begeistern zu dürfen. Life’s great.

„No homophobia, no sexism, no racism, no discussion“ lauten eure Hausregeln. Wie stellt ihr sicher, dass diese befolgt und umgesetzt werden?

Am wichtigsten ist es, diese Regeln im Vorfeld klar zu kommunizieren. Vor Ort haben wir geschulte Securities und in manchen Fällen auch Awareness-Teams, die vor allem vor den Darkrooms zu finden sind. Dass bei uns viele Leute unsere Hausregeln stolz auf den T-Shirts tragen hilft natürlich auch. Man kann leider nie ganz verhindern, dass Arschlöcher auf eine Party kommen. Da bin ich dann immer auf die Mithilfe von unseren Gästen angewiesen. Einer meiner Stehsätze ist: Ein Club ist kein Hotel! Auch wenn man Eintritt zahlt – da muss man auch einen inhaltlichen Beitrag leisten. Wenn ich nicht gerade auflege, dann kümmere ich mich auch gerne selbst um die Einhaltung dieser – im Grunde – Selbstverständlichkeiten.

In einem Interview anlässlich des zehnten Geburtstages von Meat Market hast du dich selbstkritisch über die mangelnde Genderparität in euren Line-Ups geäußert. Siehst du ähnliche Defizite hinsichtlich des Publikums?

Unser Publikum ist mittlerweile sehr gemischt. Es kommen immer mehr Frauen auf unsere Feste, was uns mehr als nur freut. Schwule Männer waren immer unser Hauptpublikum. Das darf auch so sein. Es soll aber niemals zum Ghetto werden und deshalb freue ich mich, dass es monatlich immer bunter und vielfältiger bei uns wird. Auch an den Decks kommen immer mehr Frauen zum Zug. DJing ist momentan von heterosexuellen, weißen cis Männern aus der Mittel- und Oberschicht dominiert. Ich hoffe, das bricht irgendwann auf.

Allgemein trittst du als dezidiert politischer Veranstalter auf. Welchen gesamtgesellschaftlichen Beitrag kann die Clubkultur deiner Auffassung nach im aktuellen politischen Klima leisten?

Der Club ist ein Raum für gesellschaftliche Visionen und Utopien. Wir können hier vormachen, wie es besser geht. Ein positives Miteinander ohne Diskriminierung ist möglich. Freie Sexualität ohne Grenzüberschreitungen ist möglich. Hedonismus und Rücksicht sind kombinierbar. Während der Wahnsinn vor der Clubtüre zunimmt, können wir einen Safe-Space für Eskapismus und Selbstverwirklichung bieten. Feiern ist in unserer Gesellschaft ein wichtiger Teil der Sozialisierung. Was beim Feiern erlebt wird, wird ins echte Leben transportiert. Aus dem Bierzelt werden Rape-Culture, Sexismus, Rassismus, Antisemitismus und Homophobie in die Welt getragen und dort alltäglich gelebt. Wir wollen das Gegenkonzept sein. Ich lebe in der Hoffnung, dass Dinge die in kleinen Systemen funktionieren, mit viel Arbeit auf große Systeme übertragbar sind. Wenn ein gewaltfreier Club ohne Diskriminierung möglich ist, dann sollte es auch in einer ganzen Stadt möglich sein. Wenn Menschen im Club den Unterschied zwischen Anstarren und Anschauen verstehen und das dann in der Arbeitswelt oder in der U-Bahn auch leben, dann haben wir einen Beitrag geleistet.

2017 habt ihr das Label Meat Recordings gegründet, die Releases kamen vor allem von dir, Specific Objects und Matt Mor. Welches Konzept verfolgt ihr mit dem Label?

Meat Recordings ist eine Plattform auf der wir unsere eigene Mucke der Weltöffentlichkeit präsentieren wollen. Musikalisch geht es um elektronische Musik, die unseren eigenen hohen Qualitätsansprüchen genügt, die aber trotzdem für den Dancefloor geschaffen ist. Ich nenne das „prêt-à-dancer“. Mittlerweile sind es schon zwölf Releases und die Nummer 13 von Matt Mor ist auf dem Weg zum Mastering. Vorerst sind – bis auf wenige Ausnahmen – nur Tracks von eigenen Artists bei uns erscheinen. Wir halten uns aber offen, das Label in den nächsten Jahren für andere Musiker*innen zu öffnen.

Was war die Idee hinter deinem Mix für unseren Resident-Podcast?

Mein Resident-Mix ist ein Studio-Mix mit einigen aktuellen aber auch alten Lieblingstracks. Er repräsentiert in dieser Hinsicht auch meine Arbeit im Club. Ich suche und spiele immer auch ältere Tunes in meinen Sets. Ich habe bewusst versucht die Stimmung zur Prime-Time einzufangen. Deshalb ist der Mix auch entsprechend treibend und druckvoll. Ich habe auch drei Tracks von unserem aktuellen Release eingebaut. Unser Soundtrack zum Kinofilm Nevrland ist erst vor Kurzem auf Doppel-Vinyl erschienen. Ihr solltet euch dringend den Film ansehen, solange er in den Kinos läuft. Sucht euch ein Kino mit fettem Soundsystem. Das werdet ihr nicht bereuen.

Last but not least: Was sind deine Pläne für die Zukunft von Meat, Fish, F*cken Plus und Mutter sowie für dich als DJ und Produzent?

Ich arbeite gerade an meinem ersten Album. Es wird Zeit, dass die Leute mich nicht nur als DJ, sondern auch als Produzent wahrnehmen. Ich hoffe in Zukunft viele Reisen unternehmen zu dürfen. Mich interessieren vor allem Asien und Südamerika. Demnächst spiele ich in Kolumbien. Das ist ein schöner Auftakt für dieses Fernziel. Neben unseren Clubnights soll nächstes Jahr auch ein großes Event in einer noch geheimen Location dazukommen. F*cken Plus und Fish Market gibt es ab 2020 jeweils zwölf Mal im Jahr. Mutter bleibt vorerst so wunderbar wie sie ist und wie wir sie lieben. Busy times ahead. Und ich freue mich auf jede Minute davon.

Stream: Gerald VDH – Groove Resident Podcast 5

01. Positive Centre – Lilith (Abyss)
02. Oscar Mulero – Generator (Warm Up)
03. Dave Simon – Stripes Of Soden (TWCOR Remix) (PTT)
04. Stigmata – Anonoxia (Modular Source)
05. Industrialyzer – Pulse (Second State)
06. Gerald VDH – Bro (MEAT Rec.)
07. Dimi Angelis – Firewall (Self Reflektion)
08. Tomy Holluhan – Ask For Absolution (Haven)
09. Marco Carola – 7th Question (Question)
10. Specific Objects – Elevate (MEAT Rec.)
11. Rommwick – Choreo (Code Is Law)
12. Works Unit – Sweatbox (Works Unit)
13. Sateoc Mass – Bluebells (Soma)
14. The Maillard Reaction – NEVRLAND (MEAT Rec.)