Pavlo Poputalo (Foto: Privat)

Vor zwei Wochen schreibt mir Pavlo Poputalo aus der Ostukraine. Er ist 29 Jahre alt, produziert Techno, organisierte in einer Kleinstadt bis vor Kurzem Partys. Ich lerne ihn kennen, als ich für einen Text über die Situation von DJs im Krieg recherchiere. Gestern sei der Bahnhof seiner Stadt bombardiert worden. Darauf sendet er ein Foto, Pavlo steht inmitten eines Kraters, rundherum: Zerstörung. Es gehe ihm aber gut, sein größtes Problem sei gerade die fehlende Internetverbindung – er will Samples saugen, um während der Nacht im Luftschutzbunker produzieren zu können.

Pavlo Poputalo (Foto: Privat)

Ich fühle mich leer, wenn ich seine Sätze lese. Sätze, die mir andere Menschen aus anderen Teilen des Landes in ähnlicher Weise schildern. Tag und Nacht heulen Sirenen, weshalb viele Leute nicht mehr wissen, ob sie echt seien oder man sich das Geräusch nur einbilde. Irgendwie, so heißt es, arrangiere man sich aber, die Moral vor Ort sei gut. „Wir werden gewinnen, ganz bestimmt”, schreiben die Meisten. Trotzdem: Jedes Mal, wenn das WhatsApp-Zeichen einer meiner Kontakte aus der Ukraine auf meinem Handy aufblinkt, spüre ich eine machtlose Taubheit in meinem Körper. Was kann ich – ein paar hundert Kilometer entfernt und mich in Sicherheit wissend – tun, um zu helfen? Warum müssen Menschen, die bis vor wenigen Wochen noch nie eine Waffe in der Hand hielten, in den Krieg ziehen? Und: Wie kann ich es trotz allem mit meinem Gewissen vereinbaren, am Freitag zu Vierviertelgestampfe loszulassen, während andere in Bunkern ausharren?

Gerald VDH (Foto: Martina Lajczak)

Fragen, die sich seit der russischen Invasion in der Ukraine viele Menschen stellen – auch in Clubs, bei Veranstalter*innen und DJs in Deutschland und Österreich. „Mein erster Impuls war, mich zurückziehen”, sagt Gerald VDH. Er ist Produzent in Wien und veranstaltet mit seiner Meat-Market-Reihe seit Jahren queere Techno-Partys. Sich von Kriegsverbrechern einen Teil des eigenen Lebensinhalts nehmen zu lassen, kam für ihn trotzdem oder gerade deswegen nicht infrage. „Der Gedanke des Rückzugs schlug in eine kämpferische Haltung um, weil gerade die Art von Veranstaltungen, die ich mache, Putin ein Dorn im Auge wären. Sie widersprechen diametral seiner Vorstellung von Gesellschaft und Zusammenleben”, so VDH. Schließlich sei Feiern immer auch Eskapismus und Widerstand. „Menschen haben selbst in den größten Krisen und Kriegen immer Wege gesucht, um sich zu treffen und miteinander eine gute Zeit zu erleben – auch wenn sie für eine Feier ihr Leben riskieren mussten.”

Annika Stein (Foto: Marcel Plavec)

Dabei sei es umso wichtiger, zu definieren, was wir aktuell in manchen Clubs unter Feiern verstünden, sagt Annika Stein. Die Produzentin, DJ und Labelbetreiberin von Tongræber möchte klar differenzieren. „Für Menschen, die das nur von außen betrachten, mag es vielleicht ignorant wirken, sich ein paar Stunden in einer Gruppe von all den Sorgen und von all dem Schmerz freizutanzen – ist es aber nicht!” Es gebe natürlich solche Leute, die sich teure Markenflaschen mit Sprühkerzen bestellen, um sich wegzukübeln. „Es gibt aber auch Clubbesucher*innen, die an einem Ort zusammenkommen, um mit Leuten zu tanzen, die Solidarität hochhalten und teilen.” Dafür fehle zwar das allgemeine Bewusstsein, so Stein. Trotzdem sei das Nachtleben für den Alltag und die Solidarität in unserer Gesellschaft wichtig. „Niemandem auf der Welt würde es helfen, gerade jetzt zu schweigen und nichts zu tun.”

Das unterstreicht auch die Philosophin Ania Gleich. Betroffenheit helfe nichts, wenn sie uns in eine unbewegliche Ohnmacht manövriere. „So sehr wir unsere Gedanken in Konzepte fügen wollen, die uns Ordnung und Sicherheit geben, so sehr müssen wir uns bewusst sein, dass die Realitäten, mit denen wir derzeit konfrontiert sind, geradezu schmerzhaft ambivalent sind.” 

Deshalb begeben wir uns permanent in einen Zustand des moralischen Verpflichtungsgefühls – oder auch nicht. „Denn sobald wir das Smartphone weglegen oder das Radio ausschalten”, so Gleich, „sind wir doch nur in unserer Gegenwart: eine seltsam anmutende Parallelwelt zu denjenigen, die sich gerade quer durch Europa auf der Flucht oder in Bunkern befinden.” Das heißt nicht, dass wir nichts tun können. Wir leben in unserer Realität in Sicherheit und müssen lernen, sie anzunehmen, wie sie ist. Nur so können wir weiterhin Handlungsspielräume freiräumen, innerhalb derer wir in der Lage sind, als politische Wesen zu agieren. 


„Wir gehen in den Club, um zu spüren, dass wir nicht allein sind.”

Annika Stein

In Clubs funktioniert das aktuell gut. Die meisten Menschen, die Teil des Nachtlebens sind, sich dem Kunst- und Kulturbetrieb zuordnen und darin arbeiten, zeigen viel Mitgefühl. Es gebe etliche Spendenaktionen, solidarische Kulturarbeit und Veranstaltungen, bei denen alle Gagen direkt an Hilfsorganisationen gehen, so Annika Stein. Mit ihrem Label und zwei Dutzend Artists hat die Künstlerin zuletzt mit einer Compilation Geld für Hilfsorganisationen gesammelt. „Wir zelebrieren es, frei zu sein, solidarisch, und arbeiten auf vielen Events mit wichtigen Grundregeln für ein besseres Miteinander. Das ist genau das, was ich beim Feiern im Club beobachte.” Schließlich übertrage sich das friedvolle Zusammensein positiv auf den Alltag, weil man im Nachtleben ein soziales Bewusstsein schaffe, das gerade in Kriegszeiten wichtig sei. „Viele gehen nicht in Clubs, weil es ihnen super geht”, so Stein. „Wir gehen unter anderem dorthin, um zu spüren, dass wir nicht allein sind.”

Laura BCR (Foto: Presse)

Laura Le Marchand führt mit On Board Music eine Bookingagentur in Berlin und legt unter ihrem Künstlerinnenamen Laura BCR auf. Sie sieht die Situation ähnlich: „Wir alle wissen, dass überall auf diesem Planeten Kriege stattfinden – Völkermorde, gewalttätige Kämpfe. Die Ukraine ist nur eines der jüngsten Beispiele für den Irrsinn der Welt.” Dennoch betrachte sie die Tanzfläche als Ort der Freiheit, wo Menschen all ihre Frustrationen ablassen können, die sie während der vergangenen Wochen ertragen haben – auch wenn es manchmal schwierig sei, die Schuldgefühle zu überwinden. Aber: Wie solle man diesen Wahnsinn sonst ertragen, würde man nicht ein paar Stunden Zeit haben, um sich auszudrücken, aus sich herauszugehen? „Lachen, Kontakte knüpfen, tanzen, Momente mit der Gemeinschaft teilen – das ist es, was den Menschen hilft. All die Mächtigen, die die Welt zu einem schlechteren Ort machen wollen, sollten uns das niemals nehmen können”, so Le Marchand.

Finn Johannsen (Foto: Presse)

Dass Feiern vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse ein schwieriges Thema bleibt, schwingt dennoch als Grundtenor innerhalb der Szene mit. Finn Johannsen, Labelchef von Macro und einer der Booker und Residents der Paloma Bar am Kotti in Berlin, betont die Bedeutung des Kontextes. „Natürlich kann es sich hohl anfühlen, pietätlos und auch einfach falsch, gerade jetzt im Club zu feiern – und in bestimmten Zusammenhängen ist es das wohl auch. Ich finde es deshalb nicht richtig, einfach auszublenden, was woanders passiert.” Vielmehr glaube der Paloma-Booker, dass Feiern eine wichtige Funktion übernehmen könne. „Um dem ganzen Tod ein Bekenntnis zum Leben entgegenzusetzen und den Menschen eine temporäre Erleichterung zu ermöglichen, die dann wiederum die Kraft gibt, die man braucht, um mit so einer Situation umzugehen. Es kann deshalb ein wichtiges Zeichen sein, Solidarität zu zeigen”, so Johannsen.


„Wenn ich nicht überzeugt wäre, dass es gerade wichtig und richtig ist, zu spielen, dann würde ich es auch nicht tun.”

Gerald VDH

Lässt sich das eigene Gewissen also einfach im Geiste des Friedens an der Garderobe abgeben? „Die Entscheidung, ob und wie jemand in dieser beschissenen Zeit feiern kann oder will, ist natürlich jeder und jedem selbst überlassen”, sagt Gerald VDH. „Den Menschen kategorisch das Nachtleben verbieten zu wollen oder zu unterstellen, dass Feiern in Zeiten von Krieg unmoralisch ist, halte ich allerdings für schwierig.” Schließlich dürfe Kultur weder zum Spielball moralinsaurer Selbstüberhöhung werden, noch einem Selbstzweck dienen. Ein Club habe vielmehr die Aufgabe, auf aktuelle politischen Geschehnisse einzugehen. Seine Events aus der Meat-Market-Reihe veranstaltet Gerald VDH deshalb aus der Überzeugung, wichtige Bedürfnisse bedienen zu können – auch, weil sie eine tiefere Bedeutung haben als den bloßen Exzess. „Wenn ich nicht überzeugt wäre, dass es gerade wichtig und richtig ist, zu spielen, dann würde ich es auch nicht tun”, so VDH. Schließlich sei Feiern niemals unpolitisch. „Und das darf es auch im bequemen Zuckerwatte-Leben an einem sicheren Ort wie Wien nicht sein.”

Pavlo Poputalo (Foto: Privat)

Als ich die letzten Zeilen dieses Textes tippe, meldet sich erneut Pavlo aus der Ostukraine. Die Fliegeralarme in seiner Gegend seien noch häufiger geworden. Er schreibt, dass er an die Stärke der ukrainischen Gesellschaft glaube. „Wir hoffen, dass ihr das alles mitbekommt. Hört niemals auf, darüber zu sprechen” Dann schickt er mir ein Bild. Er sitzt am Boden, in seinen Händen hält er ein Sturmgewehr. Darunter: ein Herz-Emoji und die ukrainische Flagge.

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