Illustration: Dominika Huber

Instagram und Co. sind schlecht für die Gesundheit, machen süchtig und führen zu ständigen Vergleichen, heißt es. Dennoch kann kaum ein DJ auf die sozialen Medien verzichten. Unser Autor Christoph Benkeser erklärt, warum das Geschehen in den Socials trotzdem oft die wirkliche Welt überschattet.


Sie sind digitale Kataloge für aktuelle Bademodenkollektionen, gute Vibes und Sneaker-Sammlungen – Social-Media-Kanäle von DJs und Produzent*innen. Wer im Privatjet um die Welt düst, am Pool an Daiquiris schlürft oder den Strand aufräumt, erfährt man über Instagram-Kanäle und gelegentlich auch auf TikTok-Profilen. DJs posten gerne. Und viel. Gerade im Sommer und Herbst, nachdem in vielen Ländern die Corona-Lockerungen fielen und Feiern für einen kurzen Zeitraum möglich war. Der Backstage-Bereich wird zur Theaterbühne. Die Show zum Side-Gig. Das Leben zur Story, die man sich ansieht, weil man dahinter die Gewissheit vermutet, dass es immer weitergeht. Vom Berghain nach Ibiza. Und wieder zurück.


„Ich komme gut ohne soziale Medien aus. Das gibt mir ein wohliges Gefühl, weil ich alles, was ich erreicht habe, zu meinen eigenen Bedingungen gestalten konnte.”

DJ Marcelle 

Soziale Medien gehören zum Techno-Business wie Awareness-Teams auf den Dancefloor. Sie sind keine bloße Möglichkeit, um sich selbst zu präsentieren; sie seien eine Notwendigkeit, erklären Ratgeber für DJs, die zu ihrer eigenen Marke werden wollen. „5 Killer Instagram Tips for DJs”, „5 Steps To DJ Sucess with Social Media”, „7 Social Media Hacks for DJs”. Ein paar stylische Fotos faken, 1000 Follower*innen kaufen und peng! Glitzer, Glanz und Gloria zwischen Mile High Club und Technokeller – so zumindest die Versprechung.

Die Realität sieht anders aus. Wird aber ausgeblendet, weil Vorbilder die Hoffnung wahren: Fotos von 5-Sterne Hotels, Schildkröten vor Turntables, und Outfits, die so aussehen, als wäre man versehentlich in der nächsten Staffel von Tiger King gelandet. Den Leuten gefällt’s. 5,7 Millionen Menschen haben allein den Account von Diplo abonniert. Klar, das ist die Spitze des Ausverkaufs und ein dreifacher Auerbachsalto in den Infinity-Pool des schlechten Geschmacks. Aber wo ist der Unterschied zum mürrisch dreinblickenden DJ, der vor einem alten Heizwerk posiert und Techno in die Hashtags setzt? Beide arbeiten an ihrem Auftritt. Beide zeigen sich so, wie sie gesehen werden wollen. Und werden dadurch zu einer Marke, bei der es nicht mehr darum geht, was sie leistet, sondern welches Gefühl sie erzeugt.

DJ Marcelle: Fischsuppe essen und echte Menschen beobachten

„Ich benutze Fakebook – wie ich es nenne – nur für die Arbeit, um meine Gigs anzukündigen oder Sets zu posten”, sagt DJ Marcelle zur GROOVE. Die Facebook-Seiten von anderen Leuten schaue sich die niederländische Musikerin so gut wie nie an. „Schließlich hab ich kein Smartphone. Das macht nur süchtig nach etwas, das zu 90 Prozent Unsinn ist.”

Während Marcelle das sagt, teilt sie einen Link zu einem Facebook-Posting. Ein Foto ploppt auf – man sieht einen aufblasbaren Pool ohne Wasser. „Ich mache seit langer Zeit eine Serie namens Where’s DJ Marcelle?”, sagt die Künstlerin. Es gehe dabei darum, dass sie an verschiedenen Ecken dieser Welt Fotos aufnimmt, auf denen man sehe, wie sie schwimmt – oder eben nicht. „Das nimmt was von dem Druck als DJ, sich selbst zu ernst zu nehmen und nur als Marke zu verkaufen.”


 „Ich zerbreche mir oft den Kopf darüber, ob ich den Text zu einem neuen Release lang und ausführlich auf Instagram poste, weil es Menschen interessieren und motivieren könnte – oder ob ich den Scheiß einfach hinrotze, weil es dann undergroundig rüberkommt?”

BYDL

Denn der Drang, an soziale Medien teilzunehmen, würde eine*n als DJ zwingen, sich selbst zur Marke zu machen, die man promoten muss. Man kümmere sich nur noch darum, wie man rüberkommt, mache aus dem eigenen Leben einen Film, der niemals zu Ende geht. Dadurch würde man aber anfangen, sich zu sorgen, was die Leute über einen schreiben. „Total schlecht”, sagt Marcelle.

Ohne den Stress, ihre eigene „Story” zu posten, sei ihr Leben entspannter – auch weil sie sich keine Gedanken darüber machen muss, was andere davon halten. „Ich komme gut ohne soziale Medien aus. Das gibt mir ein wohliges Gefühl, weil ich alles, was ich erreicht habe, zu meinen eigenen Bedingungen gestalten konnte. Hinter mir steht keine Promo-Maschine. Und ich habe mich nicht in einen Fake verwandelt.”

BYDL: Prokrastination und Inspiration

Fake it till you make it ist auch für Sandro Nicolussi keine Haltung, die er vertreten will. Allein schon aus beruflichen Gründen. Der in Wien lebende Künstler ist Journalist und Aktivist, nimmt unter dem Namen BYDL aber eine wichtige Rolle in der Wiener Technoszene ein. Inzwischen habe er als DJ eine ambivalente Beziehung zu Social Media entwickelt. „Manchmal ist sie toxisch, dann wieder großartig”, sagt er und meint, dass er jeden Tag fast zwei Stunden auf Instagram verbringe.

BYDL (Foto: Presse)

„Obwohl ich dank der Socials schon an Gigs gekommen bin und Releases einfädeln konnte, habe ich das permanente Gefühl, dort meine Zeit zu verschwenden. Andererseits erlange ich in diesen Phasen der Prokrastination immer Inspiration, weil ich Accounts folge, die ohne großes Herumprotzen ihre Kreativität veranschaulichen”, so BYDL. Man bekomme schnell einen Überblick über szenige Nischen und Veranstaltungen, kratze aber doch nur an der Oberfläche dessen, was eigentlich abgehe.

Andererseits eigneten sich die Plattformen dafür, die eigene Kunst mit einer interessierten Community zu teilen. „Ich zerbreche mir oft den Kopf darüber, ob ich den Text zu einem neuen Release lang und ausführlich auf Instagram poste, weil es Menschen interessieren und motivieren könnte – oder ob ich den Scheiß einfach hinrotze, weil es dann undergroundig rüberkommt?” 


„Durch soziale Medien ist ein Überangebot vorhanden und viel Bullshit am Start, der sich in einer analogeren Welt schwerer durchgesetzt hätte.”

Gerald VDH

Eine Antwort darauf hat Nicolussi nicht. Es sei ein ständiges Hadern. Schließlich bleiben die Fragen, ob der Aufwand etwas bringt und ob die kritischen und politischen Postings von jenen gelesen werden, die sie lesen sollten, unbeantwortet. „Vielleicht ist es auch egal, und wir sollten uns eher darauf konzentrieren, Kunst – und das menschliche Leben – von Verwertungszwängen zu lösen, damit wir mehr an den Problemen arbeiten können, die uns in immer schnellerer Frequenz kollektiv betreffen.”

Gerald VDH: Social Media nutzen, ohne darin zu leben

Ähnlich kritisch steht Gerald VDH den Möglichkeiten und Unmöglichkeiten von sozialen Medien gegenüber. Wenn auch aus anderen Gründen. Seine Veranstaltungsreihe Meat Market ist seit über elf Jahren ein Fixpunkt der Wiener Clubszene – mittlerweile kann er Events über seinen Telegram-Kanal ausverkaufen. „Ich erreiche meine Community binnen Sekunden und kann schnell und aktuell agieren. Umgekehrt erreichen mich Rückmeldungen sofort und können so wieder blitzschnell in meine Arbeit einfließen. Außerdem bin ich froh, dass wir Flyer nicht mehr per Hand austeilen, sondern digital zustellen.”


 Gerald VDH (Foto: Martina Lajczak)

Das spart Zeit und Nerven, setzt aber voraus, dass man mit anderen um begrenzte Aufmerksamkeit konkurriert. „Durch soziale Medien ist ein Überangebot vorhanden und viel Bullshit am Start, der sich in einer analogeren Welt schwerer durchgesetzt hätte”, so der Wiener Veranstalter. Gerald VDH spricht indirekt DJs an, die keine Musiker*innen seien, sondern als Influencer*innen glauben, solche sein zu können.

Dass er inzwischen selbst als Influencer über die Szene hinaus wirkt, ist kein Widerspruch. Er hat sich ein Standing erarbeitet. Politische wie musikalische Themen stehen bei Meat Market zwar nebeneinander, bedingen sich aber und greifen ineinander. Bei jedem Meat-Market-Event schwingt auch eine persönliche Verantwortung mit. Man tritt gegen Rassismus, gegen Diskriminierung und Homophobie auf. Alle, die ihm auf seinen Kanälen folgen, wissen das, weil er es über Jahre und in vielen Postings klargemacht hat. Eine Selbstverständlichkeit für Gerald VDH. Schließlich dürfe man Social Media nicht einfach den Idiot*innen überlassen.


„Gerade in letzter Zeit und mit dem Comeback der Gigs und des Tourens haben viele DJs den Drang, präsent zu sein, um damit zu signalisieren, dass man wieder spielt.”

Laura BCR

Dass für ihn die positiven Effekte überwiegen, macht Gerald VDH mit solchen Aussagen klar. Es gehe um die Art, wie man soziale Medien einsetzt – was voraussetzt, dass man mit ihnen anders umgehen kann, als sie von ihren Macher*innen im Silicon Valley gedacht werden. Das ist die Möglichkeit für einen Hack der Gegenwart. Einer, der nicht vorgesehen ist, aber doch passieren kann.

Weil man soziale Medien nicht aufgibt, sondern sie annimmt, indem man herausfinden will, wie man eine instrumentelle Beziehung zu ihnen entwickeln könnte. „Wir sollten sie nutzen – als Mittel zur Verbreitung, Kommunikation und Distribution –, ohne darin zu leben”, schrieb Mark Fisher. Etwas, das einfacher klingt, als es ist, weil soziale Medien einem ständigen Wandel unterliegen – und ihn gleichzeitig vorgeben.

Laura BCR: Geschichten, die Sinn machen

„Das ist für Künstler*innen, die sich an neue Kommunikationswege anpassen müssen, manchmal ziemlich beunruhigend”, sagt Laura BCR. Die in Berlin lebende Musikerin führt eine Booking-Agentur, hat in den Zehnerjahren einen Plattenladen geöffnet und wieder geschlossen – und in diesem Jahr ihre erste EP auf Something Happening Somewhere veröffentlicht.

Jede Form von Social Media sei eine heikle Art der Kommunikation, meint sie. Die Kanäle nutze sie hauptsächlich, um die Arbeit von Künstler*innen, die sie mit On Board Music vertritt, zu bewerben. Manchmal auch ihre eigene. Allerdings will sie nicht aufdringlich rüberkommen, sondern versucht, so „organisch wie möglich” zu sein. „Deshalb erzähle ich gerne kleine Geschichten in den Beiträgen. Die können auch lustig sein. Nur Sinn müssen sie machen”, so Laura Le Merchand.

Laura BCR (Foto: Marie Staggat)

Gleichzeitig wisse sie, dass der Auftritt in den sozialen Medien nicht das reale Leben widerspiegelt. „Ich spreche vor allem von Instagram. Gerade in letzter Zeit und mit dem Comeback der Gigs und des Tourens haben viele DJs den Drang, präsent zu sein, um damit zu signalisieren, dass man wieder spielt.” Timelines sind voll mit Bildern von Warehouse-Raves und Open-Airs. Nachdem man sich eineinhalb Jahre im Studio isoliert hat, wandelt Instagram wieder zwischen Bildern von DJs auf Langstreckenflügen und dem Gefühl, etwas zu verpassen. Aber: „Nicht alle Künstler*innen haben die Möglichkeit, sich so zu präsentieren”, sagt Laura. „Das ist nicht gerade positiv – besonders nachdem viele Künstler*innen von der Pandemie und dem Mangel an Aktivität betroffen waren.”


Das Ich ist längst zum Echo der eigenen TikTok-Schöpfung geworden. Man spricht zu sich selbst – und zu vielen anderen. Zumindest potenziell.


Ihre Aussagen sind weder ein Plädoyer für soziale Medien noch eine Absage an sie. Sie zeigen aber: Der Online-Auftritt gehört für viele DJs dazu wie die Reflexion des eigenen Tuns. Man kann die Plattformen nutzen und sie gleichzeitig hinterfragen. Sie für eigene Zwecke verwenden, ohne dem neoliberalen Verwertungsdruck zu unterliegen. Und sie dadurch in ein Werkzeug der Ermächtigung verwandeln, das innerhalb eines kaputten Systems funktionieren muss, aber gleichzeitig dagegen arbeiten kann.

Ein DJ blickt auf sein Smartphone (Illustration: Dominika Huber)

Das mag nach einer einfachen Lösung klingen: Alle Bedenken zum Social-Media-Konsum ausblenden und alles embracen, weil es noch viel einfacher wäre, sich nur auf die Auswirkungen von Social Media zu konzentrieren. Schließlich kennt man die Geschichten: Social Media sei schlecht für die Psyche, die Menschen und ein Dilemma.

Trotzdem können wir uns eine Welt ohne Insta-Stories nicht mehr vorstellen. Das Ich ist längst zum Echo der eigenen TikTok-Schöpfung geworden. Man spricht zu sich selbst – und zu vielen anderen. Zumindest potenziell. Deshalb kann man soziale Medien genauso gut akzeptieren, um nach Wegen zu suchen, die nicht nur persönliches Elend und Wut erzeugen; die Zeit verschwenden und emotionale Ressourcen aufbrauchen, sondern zum Vorteil des eigenen Wellbeings werden.

Oder man macht es wie DJ Marcelle. Die Niederländerin beobachte lieber das echte Leben, esse Fischsuppe – und freue sich auf Dinge, die kommen. „Zum Beispiel auf Buchungsanfragen”, sagt sie. „Wenn ich ein Smartphone hätte, würde ich ständig checken, ob ich neue Anfragen bekommen habe. Aber ich hasse diese ständige Erreichbarkeit.” Es mache unrund und süchtig, so Marcelle. „Dabei ist das Gefühl, sich auf Dinge zu freuen, eines der liebsten Gefühle, die wir als Menschheit teilen.”

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