Call Super & Parris – CANUFEELTHESUNONYRBACK (CANYOUFEELTHES)

Joseph Richmond Seaton mag gefragter B2B-Partner sein, an seinen Call Super-Platten arbeitet er jedoch gerne alleine. Die bislang einzige Ausnahme von dieser Regel – die gemeinsame EP mit Beatrice Dillon 2017 – zeigte jedoch, dass das gelegentliche Rausblinzeln aus dem eigenen Schneckenhaus lohnend sein kann. Bei seinem erneuten Kollaborationswagnis, diesmal mit Outta-Space-Dubstepper Parris, geht er noch einen Schritt weiter: Es hat den Anschein eines ganzheitlichen Kunstprojekts. Ein rätselhafter Text liegt CANUFEELTHESUNONYRBACK bei, vielsagende Fotografien von Menschen, die ins Unbekannte starren, zieren das Cover. Musikalisch ergänzen sich die beiden Künstler ziemlich hervorragend. Eine eigentümliche Mischung aus Verspieltheit und Düsternis durchzieht die beiden Tracks „Chiselers Rush” und „Majenta”, die Soundpatterns verschieben sich stetig auf ihrem Weg durch die Zeit. Am Ende meint man gar, beim stetigen Ringe n von Komplexität und Transzendenz angekommen zu sein, das Call Supers Debütalbum Suzi Ecto ausmachte. Bleibt also nur noch die Frage: Warum nicht öfter das Studio teilen? Holger Klein

Fiedel & Bodyjack – Duel Series I (Bodytrax)

Simples Konzept der neuen Duel-Serie auf Bodyjacks Bodytrax-Label: Bodyjack und ein weiterer Künstler steuern jeweils einen Original-Track bei, der dann vom anderen geremixt wird. Und bei Fiedel und Bodyjack funktioniert das schon recht hervorragend. Da passt sich der Loop-orientierte Techno des einen hervorragend an den minimalen House des anderen an. Heraus kommen so vier hypnotisch-repetitive Dancefloor-Werkzeuge, die Organisches mit Technoidem perfekt vereinen. Tim Lorenz 

Kellen303 – Risky (SPE:C)

Über die Person hinter Kellen303 ist wenig bekannt, selbst das Label weiß nicht viel mehr, als dass das Projekt aus Brooklyn stamme und „quite new” sei. Dieser etwas mysteriöse, unklare Zustand spiegelt sich auch in der Musik auf Risky: Zwar basieren alle vier Stücke auf Breakbeats, aber ob es sich hier um Electro oder doch eher um Dubstep-verwandte Post-Bass Music handelt, bleibt auch nach dem x-ten Hören offen. Und auch die Atmosphäre der Musik, die maßgeblich durch die überwiegend sehr fragmentarischen Arrangements, durch deren Luftigkeit und Durchlässigkeit entsteht, vermittelt etwas Offenes, nicht Greifbares, Geheimnisvolles. Mit anderen Worten: Tolle EP mit viel Tiefe und erfreulicher langer Halbwertszeit. Und, um die Unklarheit noch etwas auszuweiten: Vom 303 im Projektnamen sollte man keine Rückschlüsse auf die Musik ziehen – um Acid, soviel ist tatsächlich einmal klar hier, geht es absolut nicht auf Risky. Mathias Schaffhäuser

Ronan – Dream Portal (Planet Euphorique)

Es gibt die Gnade der späten Geburt und ihren bösen Bruder: Die Last der späten Geburt. Eine ganze Generation von Mittdreißigern steht gerade in Clubs rum und wundert sich, was für ein absurder Sound immer häufiger in Sets auftaucht. An das Trance-Revival hatte man sich ja wohl oder übel gewöhnt, doch das hier klingt eiskalt nach, naja, PROGRESSIVE HOUSE. Das ist wahrlich eine gute Nachricht für jene, die entweder alt genug sind, um im Omen in Frankfurt abgehangen zu haben (siehe vergleichbare Clubs in deiner Nachbarschaft), oder jung genug, um von schrecklichen Progressive-Sounds, die einem beim samstagnachmittäglichen Zappen auf Viva immer so genervt haben, wenig mitbekommen zu haben. Da stand damals Daisy Dee, krächzte – auf eine retrospektiv und sentimental betrachtet ganz coole Art und Weise – ins Mikro und verkündete den nächsten Hit von Quixotic, der eben nicht geil, sondern schlicht damals schon ganz ungeil war. Weder von Viva, noch von Daisy, geschweige denn von der Last 1996 die ersten Zeichen der Pubertät gespürt zu haben, weiß der Mittzwanziger Robin Lohrey aus der Nähe von Seattle, Washington. Ronan, wie sein Moniker lautet, ist nämlich gleich mehrfach begnadet: Grandioser Musiker mit Ausbildung auf dem Bostoner Konservatorium und darüber gleich ganz unbelastet in die weite Welt der Computer Music getaumelt, wie er es nennt.Diesen frischen, wenig abgeschmackten Style hört man sowohl auf seinem Label Eternal Ocean als auch hier auf D.Tiffanys Planet Euphorique, wo er mit Dream Portal reüssiert. Ein wirklich wahnwitziger progressiver Sound, der sich an den verträumten Electro- und tribalistischen Tanzflächen-Flirtereien der letzten drei Jahre orientiert, aber eine eigene Note findet. Hier wabert es mal, da cruncht es und an anderer Stelle darf eine 303 Synth-Hook spielen und die Tracks, die eh schon auf 140 oder 150 BPM hyperaktiv wie Ritalin-Kids zappeln, gleich in ganz neue Höhen schießen. Etwa zur gleichen Zeit, zu der Progressive House in den Clubs superhot war, durfte man an seinem 486’er PC die Turbotaste drücken, wenn man ein wenig mehr, ein Surplus, brauchte. Hier ist diese Taste auf allen Tracks voll durchgedrückt! Lars Fleischmann

Vin Sol – Supernatural (Craigie Knows)

Der US-Amerikaner Vin Sol ist ein alter Kumpel von Matrixxman. Beide verbindet eine Liebe zu Techno- und House-Platten aus den Neunzigern. Vin Sol ist dabei derjenige, der am liebsten den schnurgeraden Weg geht. Noch nie hat man beim Hören einer seiner Platten gedacht: Wow, eine neue Galaxie tut sich für mich auf. Aber: Seine Tracks garantieren einen mega Punch, klingen obendrein richtig gut und überraschen hin und wieder doch im Detail. Das trifft auch auf seine neue EP Supernatural zu, die irgendwie gut zum Glasgower Label Craigie Knowes passt, andererseits aber eine Geradlinigkeit ins Spiel bringt, die man dort so noch nicht gehört hat. Der Gewinner ist hier „Tribal Delusions”, das ziemlich deep daherkommt, aber einen absoluten Gewinner-Beat hat – work me, fordert das ultraklassische House-Sample. Ansonsten bietet diese 4-Track-EP drei weitere Banger zwischen Acid, Techno und House. Holger Klein