Datawave – Implant EP (Vortex Traks)

Electro ist, als Urzelle des Techno, ziemlich unzerstörbar. Eine Lebensform, die, wie frühe Mikroben etwa, bestens ausgerüstet ist, Jahrmilliarden oder größere Zeitspannen zu überdauern, je nachdem, wie lange das Universum noch durchhält. In den Benelux-Ländern gehört Electro längst zur DNA der dort beheimateten Musiker, auch zu der des Brüsseler Produzenten Gaétan Votion alias Datawave. Seine Implant EP begegnet der Tradition mit Respekt, wobei er über die üblichen Versatzstücke hinaus stets Details hinzunimmt, die seine Tracks von rein historisch informierten Ansätzen absetzen. Das mag eine elektronische Snare mit einem furztrockenen Gated Reverb sein wie in „Implant”, überraschende harmonische Wendungen in „Immune Compound” oder die hallenden Schleifgeräusche von „Thin Line”. Sind zwar alles Kleinigkeiten, die genügen aber für die Gegenwart. Für die Zukunft vielleicht auch. Das müssen zukünftige Spezies entscheiden. Tim Caspar Boehme

Djrum – Hard To Say / Tournesol (R&S)

Es war eine Weile ziemlich still um Djrum, den – hands down – eklektischsten Producer aus UK. Dieser Superlativ kann nur einem gehören, bei dem quasi jedes seiner Releases eine komplett neue Stilrichtung hervorbringt. Die jetzige Double A-Side-Platte auf der Sound-Institution R&S Records bildet natürlich keine Ausnahme. Ambient Gabber ist seine neueste Kreation. Obwohl der Genre-Bastard gar nicht ambivalenter sein könnte, schafft er es, dass es nicht nur irgendwie funktioniert, sondern einen völlig aus den Socken haut. Mit über 170 BPM schiebt sich in „Hard To Say” eine hallende Kickdrum über sphärische Soundskizzen, Trance-Bausteine aus den Neunzigern, ein sich wiederholendes hochgepitchtes Vocal-Sample, und rund rollende Percussions. Sogar Hardcore-Elemente vernimmt der geübte Hörer. Wie das Ganze überhaupt Sinn ergeben kann, ist schwer, nein, eigentlich gar ganz unmöglich zu erklären. „Tournesol” beginnt dann mit einem Mala-esquen Intro, zu dem sich ein Metronom gesellt, das vor allem Freunde des cleanen Mixings erfreuen dürfte. Was dann folgt, hat aber wenig mit Dubstep zu tun. Der Track mutiert vom Donkey Kong-Unterwasserlevel-Soundtrack zu einem breakigen Meisterwerk, welches einem die Sprache verschlägt. Um es kurz runterzubrechen: Am Höhepunkt regiert König Drum ’n’ Bass neben seiner Königin Acid-Breakcore. Lang mögen sie leben. Andreas Cevatli

Jimi Tenor & Freestyle Man – Are We It? (Studio Barnhus)

Gut gelaunter Deephouse ohne die erpresserische Attitude mutwilliger Ausgelassenheit prägt die aktuellste Veröffentlichung aus dem Hause Studio Barnhus. Bereits vor zwei Jahren hatten sich Lassi Lehto alias Jimi Tenor und Klas-Henrik Lindblad, der hierfür mit Freestyle Man sein ältestes Pseudonym reaktivierte, mit Sleepover auf Schwedens spannendstem Label als finnisches Dreamteam empfohlen. Auch die meisten der vier Tracks ihrer jüngsten EP zeichnen sich wieder durch ultratiefe, gleichwohl organisch wirkende, melodisch-geschmeidige Basslines aus, wie man sie auf Nu Groove-Releases des Jahres 1990 lieben gelernt hat. Manches erinnert auch an Matthew Herbert vor seiner Dogma-Konzept-Phase, wahlweise an den frühen St. Germain oder bessere Tracks von Felix Da Housecat. „Journey (That Mistook His Way For A Road)” nimmt sich der Rolle des Vocal-Hits an, „Jori’s House” brilliert mit einen Hauch von Acid, „Smoke & Alcohol” kehrt seine Chicago Jazz-Vibes heraus, der Titeltrack kombiniert Sitar-Sounds mit orbitalen Bleeps und extraterrestrischen Chören. Alles inklusive vieler Traversflötentöne und Fusionorgel-Sounds. Ausgesprochene Sommer-Platte mit einer Extraportion Swag (das Digital-Native-Attribut, nicht der mediokre Mittneunziger-Act). Harry Schmidt

Proc Fiskal – Shleekit Doss EP (Hyperdub)

Allen, die womöglich Sorge tragen sollten, dass es der Bassmusik gegenwärtig an den nötigen vitalen Impulsen fehlen könnte, sei mit Nachdruck der jüngste Beitrag des schottischen Produzenten Joe Powers alias Proc Fiskal ans Herz gelegt. Seit seinem Debüt, der Highland Mob-EP von vor zwei Jahren, weiß er mit seinen ohne Eile vorgelegten Veröffentlichungen das Kontinuum um Grime, Footwork und Verwandtes durch stets neue Verdrehungen in seine Außenbezirke zu erweitern, wo er komplexe Topologien erprobt, mit wahrscheinlichen und weniger wahrscheinlichen Sounds und Beats, mal tanzbar, meistens aber vor allem dazu angetan, den gesamten Körper durch seine spezifischen Schwingungen ins Staunen zu versetzen. Hier sind es etwa die dezent bearbeiteten, sehr eigenen Stimmen in Gesellschaft von 8bit-Sounds und hochdynamisch verkanteten Staccato-Rhythmen, die sich im Gedächtnis festsetzen. Verbunden mit dem Gefühl, dass sich da Kaputtes so organisiert, dass es eine neue tragfähige Konstruktion ergibt. Für was, wird man sehen. Tim Caspar Boehme

Vern & Milla – Untouchable (Keysound Recordings)

Wer sich die Gentrifizierungszitadelle in London nicht mehr leisten kann, trotzdem was mit Kunst und Krempel macht und im Brexit-Ja/Nein/Vielleicht-Poker nicht mehr durchblickt, lässt sich nicht auf dubiose Tricksereien ein und düst nach Bristol. Im schnuckeligen Portishead-Städtchen im Südwesten Englands tummelt sich aktuell wieder die kreative Elite. Der neue Bristol Sound – ein geiler Slogan für die aufgewärmte Chose aus den Neunzigern? Never! Vern & Milla kurbeln seit 2012 am Tor in die Unterwelt. Also Underground ohne Darkroom, aber mit dem beschissenen Gefühl, dass sich ein zerzauster Hauptstadt-Vogel gerade in einen Slim-Fit-Anzug presst, um im nächsten Moment eine Mauer um die Insel zu ziehen. Wenn Burial die zerschossene Perspektive auf eine fehlende Zukunft vor 13 Jahren auf eine Platte gepresst hat, zertrümmern Vern & Milla mit ihrer neuen EP Untouchable die Vorstellung, dass eine Zukunft ohne present shock überhaupt noch möglich ist. Aufrütteln, anecken, besser machen – neben Hyperdub fängt Keysound Recordings den verregneten Lokalkolorit einer Vergangenheit ein, die niemals stattgefunden hat – und beamt sie in eine Zukunft, die wir uns nicht mehr vorstellen können. Das neue Tête-à-Tête zwischen Keysound und den Typen aus Bristol ist deshalb so offensichtlich, dass man sich Acid in die Augen kippen möchte, um authentisch rumbrüllen zu können, warum die beiden Seiten erst jetzt zueinander gefunden haben. Untouchable randaliert an einarmigen Banditen in der Spielhalle, knackt den Highscore am Pacman-Automaten („Shokata”) und hetzt anschließend mit Taschen voller Pennys durch eine Stadt, die niemals schläft, sondern in neonfarbenem Rosa leuchtet („Yoshimitsu”). Futuristische Shizzle-Dizzle mit Vaporwave-Ästhetik. Christoph Benkeser