Foto: Felix Adler (Credit 00)

So ein Online-Mix ist schon irgendwie merkwürdig: DJs beweisen ihr Können und greifen dabei weitgehend oder sogar ausschließlich auf Musik zurück, die sie nicht selbst produziert haben. Umso erfreulicher, wenn mittendrin Produzent*innen einen Einblick darin geben, was die eigene Hardware hergibt. So auch bei Credit 00 und seinem Beitrag zum Groove-Podcast. Aufgenommen hat ihn der Rat-Life-Mitbegründer im niederländischen Club De School und als wäre die Adresse nicht schon Gütesiegel genug, bestechen die schwitzigen 62 Minuten dann auch noch mit retrofuturistischem Electro, einem Schuss Acid und jeder Menge aus Handarbeit gewonnener Energie. Mehr als nur ein Echo von Alexander Dorns Können, der sich zuletzt mit der EP Deep In The Jungle auf dem Dresdener Stammlabel Uncanny Valley zurückmeldete.


Ursprünglich kommst du aus dem Hip Hop, wie sowohl deiner Musik wie auch deinen Artworks deutlich anzumerken ist. Welche Bedeutung hatten dieser Sound und diese Kultur für dich als Jugendlicher im Kontext der Nachwende?
Hip Hop war von großer Bedeutung für mich in dieser Zeit. Ich wurde sozusagen durch Hip Hop sozialisiert. Ich bin in einem typischen DDR-Neubaugebiet aufgewachsen, die nach der Wende schnell zu sogenannten sozialen Brennpunkten wurden und nicht unbedingt zu den Stadtteilen gehörten, von denen man mit stolz gesagt hat: da komm ich her. Hip Hop zeigt dir aber, dass es keine Rolle spielt, wo du her kommst, wie du aussiehst oder wieviel Geld du hast. Was zählt ist, was du beim Tanzen, Malen oder Musik machen drauf hast und dass du allen Menschen offen und ohne Vorurteile gegenüber trittst. Wir sind damals auch oft mit dem Wochenendticket auf Hip Hop Jams in den Westen gefahren, das hat teilweise zehn Stunden gedauert und man mußte zehnmal umsteigen. Egal wo wir hingefahren sind – Heidelberg, Stuttgart oder Celle – den vielzitierten Ost-West-Konflikt haben wir nie zu spüren bekommen. Überall hattest du sofort einen gemeinsamen Nenner, es wurde zusammen getanzt oder sich gegenseitig ins Black Book gemalt und danach haben alle in der Turnhalle gepennt. Es ging dabei auch nie hauptsächlich darum bekannte Acts zu sehen, vielmehr um neue Leute kennenzulernen und sich gegenseitig auszutauschen. Ich bin froh, dass ich in jungen Jahren diese Kultur für mich entdeckt habe, die mir Werte vermittelt hat, ohne dabei spießerhaft mit dem Zeigefinger daherzukommen.

Für die Single The Metal Beat hast du dich von Fabrikgeräuschen inspirieren lassen, der Pressetext nannte Conrad Schnitzler als eine Inspiration. Was interessiert dich am Klang der Industrie? Heutzutage wirkt Fabriklärm ja wieder nahezu archaisch.
Ich kann nicht genau sagen, was mich daran interessiert. Ich weiß nur, dass es Musik in meinen Ohren ist. Mit Metal auf Metal zu schlagen klingt einfach unglaublich gut, das hat man ja auch schon bei Blixa Bargeld und den Einstürzenden Neubauten gehört. Diesen Klang synthetisch zu reproduzieren drängt sich geradezu auf. Schaltet man den Synthesizer an, braucht man nicht lange herumzudrehen und es klingt metallisch. Vielleicht liegt das daran, weil Metal den Strom so gut leitet!

Noch deutlicher wird der Einfluss von Schnitzler beziehungsweise der von ihm – nur mehr oder weniger willentlich – mitbegründeten Berliner Schule auf der ersten Seite deines Tapes Recordings From Schönbrunn Straße. Wie genau sind die Stücke entstanden?
Die Aufnahmen sind alle zwischen 2009 und 2012 in der Schönbrunn Straße in Dresden entstanden. Das war ein lustiges Haus damals, drei Etagen vollgepackt mit Schallplatten und Synths, neben mir haben da noch fünf andere DJs und Produzenten gehaust. Die Stücke sind alles One-Take-Recordings, ich habe damals nur so aufgenommen. Der 20-Minuten-Trip auf der A-Seite ist unter Einfluss von Psychedelika entstanden. Ich hab alle Geräte angemacht und angefangen zu spielen. Währenddessen hat die Stehlampe einen Kreis an die Zimmerdecke geworfen, deswegen hab ich das Stück „There’s a hole in the ceiling“ gennant.

Auch deine letzte EP Deep in the Jungle zeigt sich von der Umgebung inspiriert, in der sie entstanden ist – einem Winterpavillon mit Blick auf den Garten mitten in der Großstadt. Welche Auswirkungen hat das de facto auf deine Produktionsweise? Tracks wie „R You Ready 2 Jack“ klingen zuerst eher, als wären sie im Kohlekeller entstanden.
Die Platte hat ja zwei Seiten, die Street- und die Backyard-Seite. „R U Ready 2 Jack“ ist auf der Street Seite, da ist alles zugetaggt und es geht eher rau zur Sache. Die Backyard-Seite wurde komplett im Wintergarten produziert, eine für mich bis dahin eher ungewohnte Umgebung zum Musikmachen, das ganze Grün um mich herum hatte sicher auch Einfluss auf mich. Ich vermisse das jetzt auch ein bisschen im neuen Studio, da ist die Aussicht eher urban zubetoniert, aber das ist auch ganz nett. Vor allem kann ich da zu jeder Tag- und Nachtzeit so laut machen wie ich will. Grundlegend spielt die Umgebung für mich aber keine übergeordnete Rolle, glaube ich. Das findet alles mehr im Kopf statt bei mir. Ich kann mich an eine Session mit Vogelmensch erinnern, da haben wir das Auto voller Equipment geladen und sind in die Gartenlaube meiner Eltern gefahren, wir dachten da machen wir mal so richtig fröhliche Musik im Einklang mit der Natur, die Stücke wurden dann aber doch wieder gruftig dunkel.

Du betreibst das an Uncanny Valley angeschlossene Label Rat Life, der Roster reicht von Mono Junk zu Uncanny-Valley-nahen Namen sowie fast völlig unbekannten Produzent*innen. Aus welchem Gedanken heraus hast du Rat Life ins Leben gerufen und welches Konzept verfolgt das Label?
Sneaker und ich hatten damals diese Edits gemacht, die wir auf Schallplatte pressen wollten, wir hatten aber kein Geld, also haben wir unsere Freunde von Uncanny Valley gefragt, ob man das als eine Art Sublabel machen könnte. Die Idee für den den Namen spukte mir schon seit einiger Zeit im Kopf herum. Ich habe mal in Schottland auf dem Bau gearbeitet, da musste ich Tag für Tag Schubkarren voller Schutt zur Sperrmülltonne schieben und eines Nachts hatte da jemand diese Ratte rangemalt und Rat Life darunter geschrieben. Ich hab das gesehen und gedacht – wenn ich mich jemals tätowieren lasse oder ein Label starte, nehme ich das als Logo. Tattoos habe ich bis heute keine. Ein spezielles Konzept verfolge ich mit dem Label nicht. Wichtig ist mir, wie auch beim Auflegen, daß Musik aus verschiedenen Richtungen unter einem Dach zusammenkommt.

Letztes Jahr hast du mit Jacob Korn und Thomas Smorek alias Sneaker eine gemeinsame EP unter dem Projektnamen Serial Error veröffentlicht. Welchen Stellenwert haben Kollaborationen für dich als Produzent?
Kollaborationen können sehr viel Spaß machen aber auch schnell schwierig werden. Wenn man sich gegenseitig die brutal ehrliche Meinung über das Geschaffene ins Gesicht sagen kann, ist alles gut. Wenn das nicht geht, kann es schnell komisch werden. Bisher lief es zum Glück mit den meisten, mit denen ich etwas zusammen gemacht habe, glatt und es ist gutes Material dabei rausgekommen. Ende des Jahres wird es übrigens die nächste Serial Error Platte mit vier neue Stücken auf Rat Life geben!

Was war die Idee hinter deinem Mix für unseren Groove-Podcast?
Das ist die Aufnahme von meinem Live-Set, das ich im Juni in Amsterdam im Keller von De School gespielt habe. Oft denke ich beim Hören von Live-Mitschnitten „um Gottes Willen, was hab ich da gemacht“. Diesmal war ich aber sehr zufrieden und denke, man kann das als Mix hochladen.

Last but not least: Wie sehen deine Pläne als Produzent und Labelbetreiber aus?
Auf Rat Life kommt als nächstes eine EP vom Leipziger Electro Duo Westlake & Hayter und danach, wie gesagt, eine neue Serial-Error-Platte. Von mir solo sind zwei EPs in der Leitung, eine auf Out the Flat aus London und eine auf einem neuen Label aus Prag namens FM mit einem Egyptian-Lover-Remix!

Stream: Credit 00 – Groove Podcast 220