Foto: Konrad Kennedy (Smallpeople), Interview: Alexis Waltz

In den frühen 2010ern gehörten Smallpeople aus Hamburg zu den Acts, die die Deep-House-Welle lostraten und damit der Clubmusik nachhaltig ihren Stempel aufdrückten. Dabei sind Julius Steinhoff und Just von Ahlefeld nicht nur DJs und Produzenten. Durch ihren Plattenladen und ihre monatlichen Partys im Golden Pudel in Hamburg prägen sie die lokale Szene auch als Aktivisten. Ihr Beitrag zu unserem Groove-Podcast ist ein anderthalbstündiges, knisterndes Destillat ihrer Einflüsse – über schwelgerische Detroit-Sounds hin zu jackenden Traxx, Acid und beseelter Deepness.


Euer zweites Album ist im März erschienen – sieben Jahre nach dem Debutalbum. Warum hat das so lange gedauert? 
Just von Ahlefeld: Mehr oder weniger waren wir mit dem Album schon vor zwei Jahren fertig. Dann kam der Umzug unseres Plattenladens Smallville dazwischen, auf einmal waren es vier Monate, in denen man nicht dran gesessen ist und nichts mehr gehört hat. Dann haben wir überlegt und sind zum Schluss gekommen: Jetzt müssen wir nochmal komplett neu rangehen. 

Was habt ihr dann noch verändert? 
Von Ahlefeld: Am Ende sind zwei Stücke von der ersten Version übrig geblieben. Mit den Tracks, die noch dazu gekommen sind, war es eher so, dass sie aus einem Guss waren. Die ersten Sachen sind über drei Jahre hinweg entstanden, im Endeffekt haben die nicht so gut zusammen funktioniert.  
Steinhoff: Wenn wir im Studio sitzen, ist das nicht so, dass wir denken: Jetzt brauchen wir diesen oder jenen Track für das Album. Man macht ja mehr oder weniger Musik, die dann so entsteht, wo man nicht genau weiß, was passieren wird. Nach der Pause gab es dann den Moment, in dem wir gesagt haben: Jetzt arbeiten wir für’s Album. Vorher war es so, dass man wusste, man hat viele Tracks, die vielleicht noch zusammengestellt werden müssen. Dass wir dann den Gedanken hatten, jetzt kommt unser zweites Album,  das hat dem Ganzen dann auch gut getan. 

Wie hat sich das Gefühl verändert vom neuen Laden zum alten Laden, vom neuen Studio zum alten Studio?
Steinhoff: In der Hein-Hoyer-Straße früher, da hatten wir einen kleineren Laden, aber ein größeres Studio. Das war aber auch immer vollgestellt mit unseren Platten, das war auch unser Lager. Jetzt haben wir im Laden mehr Platz, da stehen auch alle Platten drin. Dafür haben wir ein kleineres Studio, das ist enger, sehr kompakt. Das hat dann gedauert, bis man sich den Ort erschaffen hat, an dem man sich wieder an die Musik setzen konnte. Er ist viel luftiger, da kommt den ganzen Tag Licht rein, da ist schon eine andere Stimmung. Einen Einfluss auf das Album hat der neue Laden aber nicht. 

Das gesamte musikalische Umfeld und die Situation von House hat sich seit eurem Debut ziemlich verändert. Wie seid ihr damit umgegangen?
Steinhoff: Ehrlich gesagt war das irgendwann so, dass wir gesagt haben, jetzt machen wir nochmal [das Smallpeople-Debutalbum] Salty Days an, da waren wir schon ziemlich weit in der Planung von dem neuen Album. Ich hatte dann so voll den Downer-Moment, weil ich das alte Album noch immer ziemlich toll fand. Ich hab das so gehört und dachte: Da kommt man eh nicht gegen an. Ich fand, das wir damals schon so etwas ziemlich Schönes erschaffen haben. Je länger wir nicht ans zweite Album gegangen sind, desto mehr gab es auch so ein Wissen darum, dass man sich dann Mühe geben muss. Irgendwann später hat es mir dann auch Spaß gemacht, weil wir begriffen hatten, was noch fehlt. Dann war es nicht mehr schwer, es fertigzustellen. Dann hat es sich tatsächlich auch gut angefühlt. Der Druck war weg.
Von Ahlefeld: Also ich hatte schon den Druck (lacht), muss ich sagen. Als wir das alte Album nochmal gehört haben, habe ich mich gefragt, wie schafft man das, noch mal diesen Flow hinzubekommen? Die Stücke passen auch alle irgendwie zusammen und drücken auch etwas aus. Einen bestimmten Zeitpunkt in unserem Leben, in unserer Karriere. Beim zweiten Album fand ich, dass es ein progressiver Schritt sein soll. Dass man nicht das erste Album komplett wiederholt. Dass es irgendwo auch was anderes ist. Ich glaube, am Ende ist das wirklich gelungen.
Steinhoff: Wir haben uns nicht von den Trends beeinflussen lassen, die gerade so rumschwirren. Natürlich lässt man sich beeinflussen, aber es war nicht so, dass wir etwas Bestimmtes angestrebt haben. 

In welchem Moment wusstet ihr, dass euch der Befreiungsschlag gelungen ist? 
Steinhoff: Wir hatten eigentlich so sieben Stücke zusammen. Und waren auf der Suche nach dem einen, achten Stück. Dann haben wir das irgendwann gemacht, und wussten, dass das eine Stück, das noch auf das Album kommen wird. Das ist selten so, dass wir den Track dann gleich fertig machen. Wenn wir einen Track machen, spielen wir den dann schon mal im Pudel. Da merkt man, okay, der wird gut, aber der ist noch nicht ganz fertig. Bis er dann fertig war, hatten wir noch fünf andere Stücke gemacht, weil man nicht immer nur an einem arbeitet. In diesem Moment sind dann noch zwei, drei andere Stücke entstanden, bei denen wir wussten: die gehören auch noch dazu. 
Von Ahlefeld: Das hat die Überzeugung gefestigt, die wir in das Album hatten. Insofern war es wirklich ein Befreiungsschlag.
Steinhoff: Es ist auch wirklich toll, dass wir diese monatliche Party im Pudel haben. Das geht um acht los, wir sind dann immer so um halb neun da, dann fängt es so ganz entspannt an. Um zehn kommen dann die Leute, und um halb elf fangen alle an zu tanzen. Man hat dann immer so ganz gut Zeit, zu hören wie etwas klingt, das man neu gemacht hat. Später kann man es dann auch spielen. Das ist ein Privileg unserer Residency.
Von Ahlefeld: Unbewusst sind wir dann doch beeinflusst worden von den Retrotrends und von den neuen Styles, die in den letzten paar Jahren aufgepoppt sind. In Momenten blitzen dann so Funken auf von irgendetwas, das gerade aus den neunziger Jahren wieder hochgeholt wird. Weil wir einen Plattenladen haben, kriegen wir das so ganz konkret mit. Wir haben aber nicht gesagt, dass wir irgendetwas nachmachen wollen. Da schwingt halt viel mit. 

Koze, Âme, Jazzanova – viele Acts gehen auf ihren Alben zu der Musik zurück, die sie beeinflußt hat, bevor sie zur elektronischen Musik kamen, zur Musik ihrer Jugend, Kindheit oder noch davor. Das Außen der Clubmusik interessiert Euch überhaupt nicht.  
Steinhoff: Wir wollten jetzt schon wieder ein Club-Album produzieren. Das ist einfach die Musik, die wir machen.
Von Ahlefeld: Ja, definitiv kein Konzeptalbum. 

Wie seid ihr beide überhaupt zum ersten Mal mit House in Kontakt gekommen? 
Steinhoff: Das ist eine gute Frage. Ich tatsächlich so richtig erst im Pudel, 2001, nachdem ich aus Freiburg nach Hamburg gezogen bin, da gab es die Changing-Weather-Abende mit Lawrence und Carsten Jost. Da bin ich mit der Musik so ganz eng in Berührung gekommen, das waren so Aha-Momente, wo ich wirklich zerspringen wollte, weil das so gute Musik war, die ich so noch nicht kannte. Davor habe ich zwar auch schon House gehört, aber erst relativ spät und über Umwege. Ich war Schlagzeuger, mit 15 war ich Punk und schnellere Dinge gehört. Später bin ich durch meine Schwester mit Hip-Hop in Berührung gekommen, dann hatte ich tatsächlich auch eine Drum’n’Bass-Phase. Als ich mir mit 19 meine Plattenspieler gekauft hab, kaufte ich mir auch House-Platten und fand das cool. Über den Bruder von einer Freundin bin ich dann in Hamburg auch bei einem DJ rumgehangen, der auch in den Kreisen unterwegs war, in denen ich später aktiv war. 
Von Ahlefeld: In den Neunzigern war ich in der Punk- und Hardcore-Szene aktiv und habe da auch in Bands gespielt und Konzerte organisiert. Manchmal habe ich dann auch in Indie-Discos aufgelegt. Da bin ich dann auch leicht in die elektronische Szene reingerutscht. Dann habe ich den Pudel kennengelernt und die Changing-Weather-Abende. Da habe ich mich aber noch nicht so in die Musik reingefühlt. Ich wusste, dass es da diesen Abend gibt, wo der DJ nette Musik spielt, aber ich habe mich noch nicht mit der Musik beschäftigt. Das hat dann auch ziemlich lange gedauert. Dann war es so mein Mitbewohner, der mir das Metro Area-Album in die Hand gedrückt hat. Das war für mich so ein Funke, wo ich dachte, ich fange jetzt mit der Musik an, die zu kaufen und zu hören. Was ich damals nicht verstanden hab, war, dass ich alte Musik gut fand, die es damals nirgendswo zu kaufen gab, also neunziger House-Sachen. Das war um 2003 rum, und in dem Moment war das halt total out. Und das Internet war da auch noch nicht so krass mit Informationen gefüllt. Das hat bei mir jedenfalls lange gedauert, mich da rein zu finden, in die Musik und in die Szene auch. 

Was lief bei Changing Weather? Das Dial-Label der Changing Weather-Macher Carsten Jost und Lawrence war ja schon irgendwie ein Minimal-Label. 
Steinhoff: Sehr verschiedene Sachen, Neunziger-lastig war es auf jeden Fall. Dann auch, was zu der Zeit beliebt war, Minimal aber eigentlich nicht. 
Von Ahlefeld: Das war die Hochphase von Dial, da gab es nicht nur House, sondern auch Technonächte.
Steinhoff: Kompakt war da auch voll groß, Superpitcher lief immer. 
Von Ahlefeld: Lawrence hat mich dann eingeladen, mit ihm im Pudel aufzulegen, als Carsten Jost mal nicht konnte. 
Steinhoff: Ich hatte da auch so einen Mitbewohner, der meinte irgendwann zu mir, du kennst voll viel nicht, was du kennen solltest. Der hatte leider nur CDs, der hat mir dann irgendwann einen Stapel von CDs gegeben. Da waren auch die ganzen Basic Channel-Sachen dabei, das war auch so ein Aha-Moment. Der Pudel war damals noch viel kleiner, aber das war schon so ein magischer Ort Anfang der 2000er. 

Wer waren die wichtigen DJs? 
Steinhoff: Marc Schneider war sehr präsent. Zoran Zupanic, das ist ein Hamburger Urgestein. Der hat früher das Tempelhof gemacht, das war so ein Hamburger Ur-House-Club. Heute legt er als Shumshum im Pudel auf. Es gab ja einige bedeutende Clubs in Hamburg. Koze hat auch oft gespielt im Pudel. Da ist schon einiges passiert. 

Wie habt Euch kennengelernt? 
Steinhoff: Durch Pete [Lawrence]. Da habe ich schon mit ihm den Plattenladen gemacht. Da meinte Pete irgendwann zu mir, lass uns mal in die Minibar gehen, da spielt Just, da gibt es gute Musik. Da haben wir uns zum ersten Mal gesehen. Dann meinte Pete, Just hat bestimmt auch Lust, mal im Laden zu helfen, weil Pete viel unterwegs war. Just hat dann eine Schicht gemacht und war auch sofort drin. Irgendwann ist Pete dann ausgestiegen, weil er eine Galerie gestartet hat, weil er keine drei Steuernummern haben wollte und auch viel in Berlin war. Wir haben dann gesagt: Lass uns mal treffen und Musik machen. Das ist dann sofort auch in eine Platte gemündet.
Von Ahlfeld: Das war die Laid 05. 

Dann ging es schnell los für euch. 
Steinhoff: Es hat schon lange gedauert, bis wir da reingekommen sind. Die Musik, die wir vorher gemacht haben, hat uns wenig geholfen. Als wir unser Label [das genauso heißt wie der Plattenladen, Smallville] gestartet haben, meinte Pete, da muss dann auch ein Stück von dir drauf sein, schick mal alles, was du hast. Er hat dann immer gesagt, was er denkt und gute Tipps gegeben. Wir saßen im Laden und haben die Sachen gehört. Da kam er rein und und hat gesagt, ja cool, das bringen wir raus auf [Dial-Sublabel] Laid. Er war total überzeugt davon. Da war es auch klar: jetzt brauchen wir einen Namen für das Projekt.

Wie seid ihr auf den Namen gekommen? 
Steinhoff: Die Idee kam von einem Freund von uns, er meinte wir sollten uns Small Village People nennen. Da haben wir natürlich erst mal gelacht, dann haben wir gedacht, wir nehmen das Ende weg. Smallville gab es als Name des Plattenladens vorher schon, das war eine Idee von Tobias Thomas, Pete hat das dann vorgeschlagen. Smallpeople war eine Weiterentwicklung davon.

Habt ihr mal überlegt, den Plattenladen aufzugeben und euch nur noch auf das Auflegen und Produzieren zu konzentrieren? Ständig fremde Musik hören zu müssen ist ja eine ziemliche Ablenkung.
Von Ahlefeld: Da hast du total recht. Wenn du sieben Stunden lang eine Kickdrum hörst, dann stumpfen die Ohren ab. Danach kannst du auf jeden Fall nicht mehr sagen, ich mach jetzt noch Musik. Da muss man sich schon einen Freiraum schaffen und seine Aufmerksamkeit woanders hin lenken. Also zu Hause höre ich zum Beispiel gar keine Musik mehr. 
Steinhoff: Trotzdem war das kein Gedanke, den Laden aufzugeben. Obwohl das schon so zwei ganz verschiedene Bereiche sind. Gleichzeitig gibt einem der Laden auch viel, weil man da so einen Ort hat. Das war auch immer total wichtig für Smallville, weil auch das Studio dort ist. Ein Ort, an dem man sich aufhält, an dem man Musik hört und auch Musik machen kann. Um Musik zu machen, treffen wir uns in der Regel morgens, bevor wir den Laden aufmachen. Am Anfang des Tages ist das oft leichter als am Ende des Tages. 

Viele Producer*innen versuchen, Einflüssen zu entgehen. Paul Kalkbrenner hat gesagt, dass er seit 1994 keinen Techno mehr gehört hat.
Von Ahlefeld: (lacht) Mich stresst das auch, wenn ich bei anderen Leuten bin und die sagen, sie machen jetzt eine Technoplatte an. Dann will ich das auch auf gar keinen Fall hören. Am schlimmsten ist das für mich in Restaurants. Da dampft mir das Gehirn.
Steinhoff: Im Club höre ich immer noch wahnsinnig gerne Musik. Da wir auch selbst Partys veranstalten, sind wir es gewohnt, Warm-Up zu machen, und vom Soundcheck bis zum Putzlicht vor Ort zu sein.

Ist das nicht anstrengend, alles von Anfang bis Ende mitzuerleben?
Steinhoff: Nee, gar nicht. Die Zeit verfliegt dann eher. Vielleicht auch, weil das Intro sehr lange ist. Das sind dann so 3 Stunden, in denen sich das langsam aufbaut. Man hat aber auch nie das Gefühl, dass das leere Momente sind, es ist immer irgendwas da. Da kommen dann auch viele Freunde, damit sich einer unterhalten kann, spielt der andere Mal dann mal alleine.

Wie lange geht eure Party in der Regel? 
Steinhoff: Das geht dann von halb neun bis um sechs, bei Move D durften wir bis um halb acht. Die Bar ist aber relativ strikt. Die haben auch ein neues Putzlicht, da will man dann auch wirklich aufhören, wenn das angeht. Dann klatschen alle. Und dann dauert es noch eine Viertelstunde, bis alle draußen sind. 

Stream: Smallpeople – Groove Podcast 217