Aïsha Devi – S.L.F. (Houndstooth)

Die Verknüpfung und Entfremdung von ungefähr allem, was nicht nur im Technoclub, sondern ebenso leicht in einem Kontext abstrahierter Hirn- und Gliedmaßverknotung – also von Yoga und Sex zu Braindance und Meditation – laufen kann, hat immer Konjunktur. So selbstverständlich und gut im Saft, so clever und abgefahren wie von der Nepal-Schweizer Produzentin Aïsha Devi kommen scharf abgekantete Splitterbeats, Bedroom-R&B mit hoch- und runtergepitchten, pasteurisierten Vocals, Enya-Style New Age und Game-Ambient dann aber doch nirgendwo anders zusammen. Die explizite und keineswegs verschämt oder abstrahiert-verbrämte Tech-Spiritualität ihrer Stücke wirkt dadurch ungemein authentisch. So kann Devi im Track „I’m Not Always Where My Body Is” den ultra-abgenudelten Achtziger-Bhagwan-Disco-Mitternachtsklassiker „Moments in Love” von The Art of Noise zitieren, ohne dass es im geringsten peinlich oder derivativ wirkt – das muss man erstmal hinkriegen. Die Balance zwischen experimenteller Klang- und Beatforschung, raunendem Geheimwissen und Urban- bzw. Trap-Mainstream ist auf der S.L.F.-EP auch für Devi außergewöhnlich schlüssig gelungen. Sie beschreibt ihre Stücke selbst im Hashtag-Format, als smarte Verbindung von spirituell-religiös konnotierten Trägern nicht näher ausgeführter, unaufdringlich esoterischer Restbedeutung und Biochemie wie Tech-Kultur-affinem Symbolismus. Etwa #SattvaLogos, #SatisVacuum oder #StrobAtomic. Ganz weit vorne also, was Lifestyle wie Lifescience angeht. Frank Eckert

DJ Haram – Grace EP (Hyperdub)

Großer Einstand, große Geste. DJ Haram zelebriert das Unreine des Clubs mit viel Anmut und Stil. Ethnische Perkussion, insbesondere Klänge der Daburka, mischen sich im Eröffnungstrack „No Idol“ mit elektronischem Beat, Flötensamples wechseln sich mit verzerrten elektronischen Akkorden ab. Ihre von Engeln und Monstern bevölkerte Fantasiewelt, die die Produzentin aus Philadelphia auf ihrer ersten EP für Hyperdub heraufbeschwört, durchziehen immer wieder solche Gegensätze. In „Body Count“ sind es Harfentöne, die auf trockene Pistolenschüsse folgen. Im abgehackt-luftigen 700 Bliss-Remix von „Candle Light“ bekommt DJ Haram noch stimmliche Unterstützung von ihrer Kollegin Moor Mother, die mit ihr das Duo 700 Bliss bildet. Spannung hält die EP bis zuletzt, gerade durch den klugen Einsatz von Pausen. Eines der stärksten Mini-Alben des Jahres soweit. Tim Caspar Boehme

Nachtbraker – Leonardo Ceviche (Nachtbraker)

Nachtbraker alias Maurits Verwoerd war ehedem eine niederländische Literaturhoffnung, bis er sich entschied, den Stift an den Nagel zu hängen und dafür die MPC von ebenjenem runterzunehmen. Seitdem hat die Nachteule (so die deutsche Übersetzung des niederländischen Spitznamens) etliche 12“ auf Labels wie Dirt Crew oder dem eigenen Quartet Series rausgebracht. Mit Leonardo Ceviche nun auch die Numero Due auf dem zweiten Imprint, schlicht Nachtbraker betitelt. Der Titeltrack mit dem verzeihlichen Wortspiel klingt wie eine gut gemachte funky House-Nummer, nicht zu sinister, nicht zu licht. Ein ausgewogenes Tool für das Mid-Size-Tanzspektakel. „One (For Mom)” ist derweil ein solcher Housetrack, wie man ihn auch von Labels wie Quintessential serviert bekommen könnte. Eine feine Analyse der House-Standards. Die B-Seite kommt mit zwei Versionen der gleichen Nummer: „Havel”. Ist das Original eine solide, nicht überspannte Nummer, die Bassline und Pads in den Sandkasten zum Spielen gibt, ist der „Trip Mix” inspiriert von Beat-Scene-Experimentchen, tatsächlich leicht verspult und im richtigen Maße für DJs unspielbar. Lars Fleischmann

Rotciv – Awakening EP (Funnuvojere Records)

Die dritte Katalognummer von Massimiliano Pagliaras jungem Label Funnuvojere Records kommt vom brasilianischen Producer Victor Rotciv, der mit Mister Mistery auch ein eigenes Label betreibt und gemeinsam mit Pagliara bereits als The Rimshooters in Erscheinung getreten ist. Der 5-Tracker des Wahlberliners lässt so gut wie keine Wünsche offen: Der Titeltune verbindet äußerst gelungen Minimal, Acid und Trance mit einem dezenten Disco-Feeling, das sich dann in der Akzentuierung des Viervierteltakts von „Good Spell” noch wesentlich deutlicher ausformuliert findet. Wieder fließender der Groove in „Know The Unknown”. 8-Bit-Bleeps mit einem Progressive-House-Touch. Im deepen „That’s A Lie” wird was von Vampiren gemurmelt, „Intermission” rundet die ausgezeichnete EP als Synthesizer-Ambient-Schaumbad ab. Was oft nur Behauptung bleibt – souverän gestaltete Vielfalt bei dezidierter Disposition –, Rotciv löst dieses Versprechen scheinbar mühelos ein. Hervorragende Platte. Harry Schmidt

SØS Gunver Ryberg – Entangled (Avian)

SØS Gunver Ryberg gelingt erneut der große Wurf. Entangled, der musikalisch verwandte Nachfolger von SOLFALD, besteht aus sechs auskomponierten Tracks, die sich mit Skit-artigen Klangexperimenten abwechseln. Wie von der Dänin gewohnt, ist die vorherrschende Atmosphäre eine dunkle und durchaus neurotische. Man hat von Anfang an das Gefühl, getrieben zu werden und einen festen Griff um sich zu spüren, der keine Entspannung erlaubt. Trotzdem möchte man sich nicht entziehen, denn die wunderbaren organischen Sounds wirken unmittelbar und klingen durch ihre brillante Produktion derart plastisch, dass man sich fasziniert in die industriellen Tiefen mitnehmen lässt. Diese unterstützen teils dumpfe, rauschende Breakbeats („Palacelike Timescale of Black”, „Levitation”). Wenn dann bei „The Presence_ Eurydike” das erste Mal Licht durchscheinen darf, erfreuen die sich verträumt öffnenden Harmonien, die stets mit gewaltigem Bass und Druck in den Mitten daherkommen und so die Nähe der Künstlerin zum Theater verraten. Lucas Hösel