Claro Intelecto – Forgotten Wasteland (Delsin)

Mark Stewart alias Claro Intelecto huldigt auf Forgotten Wasteland seiner Vergangenheit und meint mit dem Titel seiner neuen EP den Fleck, auf dem einst Manchesters Club Thunderdome florierte. Quasi das schroffere, dunklere und daher weniger bekannte Gegenstück zur Hacienda im Madchester der Neunziger. Während „The Thunderdome” und „Messages” wie ein Nachhall einer abgründigen Neunziger-Clubnacht klingen, schlurfen sich die Downbeats von „Sniffer Dog” in bester Andy Stott-Manier durch die post-industrielle Szenerie und „Sirens” packt noch eine gehörige Portion melodisches Drama obendrauf. Eine EP, die absolut zeitgemäß klingt und dabei doch immer den Sound der Neunziger mitschwingen lässt. Stefan Dietze

Henning Baer & Pablo Mateo – Sonic Driver Pt. 1 (Manhigh)

In den späten Fünfzigern startete das U.S. Militär drei bemannte Ballonflüge knapp über der Erdatmosphäre. Wir reden hier vom Schwebezustand in 30.000 Metern Höhe. Projektname: Manhigh. Diese Testreihe war namensgebend für Henning Baers eigenes Label. Passt perfekt, denn sowohl sein musikalischer Output als auch seine Karriere erreichten in den letzten Jahren ungeahnte Höhen. Auf dem nunmehr achten Release brechen Henning Baer und Pablo Mateo mit je einem Dancefloor-Track und einer cineastischen Drone-Exkursion durch die Wolkendecke. Die Split-Ep beginnt mit „Night City”, einem roughen Track mit viel Hallraum und einer 808, die durch gekonnte Effekt-Pedal-Manipulation einfach göttlich klingt. Die Handclaps und Snares schnalzen aber mal so richtig und die geschlossenen Sechzehntel-High-Hats harmonieren ausgezeichnet mit diesen. Gemeinsam verleihen sie dem Track einen wunderbar treibenden Flow. Bassdonnern und eine ja-was-ist-das-eigentlich-Klangwolke komplettieren das Werk. Darauf folgt eine gut sechsminütige Soundskizze, die gut und gerne auch als die Titelmusik eines dystopischen Sci-Fi-Films fungieren könnte. Auf der Flip-Side zeigt Baers Grounded Theory-Compagnon Pablo Mateo erst mal allen, wie es an einem Sonntagvormittag im Berghain eigentlich so klingt. Pulsierende analoge Synths und 4/4-Beat rufen bei Hörer*innen tranceartige Zustände hervor, bis dann ansteigende modulare Bleeps herrlich unaufgeregt den Höhepunkt einleiten. Einmal Klimax zum mitnehmen, bitte. Kommt sofort. Mateos zweite Kontribution „Network Genesis”, die irgendwo zwischen Ambient und Drone angesiedelt ist, hört man dann am besten mit Blick auf den blauen Riesen in den Weiten des Weltalls. Der Besatzung der ISS gefällt das. Andreas Cevatli

Moodymann – Sinner (KDJ)

Kenny Dixon Jr. ist zurück. Diesmal wirklich. Im Plattenladen. Sein letztes Album hat er nur sporadisch bei seinen Shows verschenkt. Jetzt dürfen wieder alle zuhören. Fünf Detroit-House und mehr Tracks, gemacht für cooles Cruisen auf den Freeways der Motor City. Stilistisch Neues gibt es nicht. Dafür altbewährter Moodymann-Style: dicke Funkbässe, gespickt mit klassischen Samples wie Camille Yarbroughs Soul-Funk-Klassiker „Take Yo‘ Praise”. Im Vergleich zu früher wirken seine Tunes heute klarer produziert. Auch seine Stimme, gewohnt schwer sexy übereinandergeschichtet in Stücken wie „I’ll Provide” oder „I Think Of Saturday”, verführt direkter. Mit „Deeper Shadow” und dem Vinyl-only Track „Sinner” gibt es zudem entspannten R&B-Soul für „Long Hot Sex Nights“. Eine Moodymann Trademark-Doppel-12inch eben! Michael Leuffen

Otik – Dioxide EP (Dext)

Liebe Filmemacher unter den Groove-Lesern, hier kommt eine Skript-Idee: Die Hauptfigur will sich, bevor sie zu dieser Electroparty geht (die reißerisch als the real US-shit beworben wurde), noch schnell die handelsübliche Wachmacherpille einverleiben, erwischt aber leider das falsche Behältnis und schluckt stattdessen LSD. Angekommen im Club setzt auch prompt die Wirkung ein (welch Timing!), und statt I-F oder Anthony Rother („the real US-shit“!) erklingt Otiks Dioxide EP, ein Track nach dem anderen: Das entrückt-bleepige Titelstück, dessen herrlich trippiges Sounddesign im zweiten Track aufgegriffen wird, dort kombiniert mit dubbig-housigem Beat und Synthies, die quer durch das Stereopanorama zischen und sich meckernd über unsere*n Tänzer*in lustig machen, und schließlich Bruce Carbons Remix von „Dioxide“ auf abgebremster Drum’n’Bass-Basis. Während alle Gäste szeneüblich-zahm im Groove schunkeln, ausdrucktänzelt unsere Protagonist*in mit – klar (!) -, großen Augen kreuz und quer über die Tanzfläche, um zu guter Letzt zum vollends beatlosen „Thea“ regungslos-verzückt in der Mitte der Crowd zu stehen, während drumherum die berühmte Post abgeht. Ok, vielleicht nicht die dollste Filmidee, aber definitiv eine geniale EP voller abgedrehter Elemente und inspirierter Breakbeats. Call it Psycholectro, oder Musik, wie man sie sich viel öfter wünscht. Mathias Schaffhäuser

Wata Igarashi – Kioku EP (The Bunker New York)

Sound geht durch die Ohren und die Haut in den Körper über, schlägt sich als Erfahrung nieder im sogenannten Körpergedächtnis. Das ist die Art und Weise, wie Erinnerungen als Zusammenspiel von Synapsen, Nerven, Muskeln und ergo Bewegungen im menschlichen Körper entstehen und gespeichert werden. Der Sound-Designer Wata Igarashi beschäftigt sich auf seinem dritten EP-Wurf Kioku (japanisch für Gedächtnis, Erinnerung) auf Bunker eben damit. Der Opener „Body” kommt mit einem harten Stampf-Beat daher, und bei genauem Hinhören, während sich der Körper wie automatisch den Rhythmus hingibt, kann man sich bei Bedarf auch auf die doch komplexeren Strukturen einlassen, die darüber hinwegfegen. „DNA” ist schon subtiler, es klingt wie ein LSD-Surf-Trip über die menschlichen Speicher-Stränge im eigenen Körper. Düster, aquatisch und irgendwie mysteriös. „Gravity” beschäftigt sich wieder mehr mit dem Bezug zur Außenwelt, es scheint, als habe er den Klang eines Flugzeuges am Himmel imitiert und lässt dieses über den Dancefloor kreisen. „Kioku” schlussendlich ist dann wieder abgefahren, fasst all die vorigen Erfahrungen zusammen. Runde Sache. Lutz Vössing