Anthony Naples – Fog FM (Incienso)


Anthony Naples’ Mini-LP Fog FM macht nur dann wirklich Sinn, wenn man ihre beiden Vorgänger kennt. Der New Yorker kanalisiert nun seine Ideen, die er auf Body Pill und Take Me With You zu erkunden versuchte. Waren die Stücke 2015 auf seinem Debüt noch bruchstückhaft, kurz und voller spürbarer Experimentierfreude, nahm die Musik 2018 auf Take Me With You schon greifbare Konturen an. Die Flüchtigkeit und die Roughness schwanden. Bereits mit „Fog FM”, dem Titeltrack, ist die Transformation vom Fragilen vollzogen. Die teilweise strukturlosen Sounds, die man bis anhin von seinen Alben kannte, sind passé. Tracks wie „Purple Iris” oder „Benefit” gehören mit ihrer treibenden Bassline in einen Club und lassen keine Zweifel aufkommen, dass sie dort auch funktionieren werden. Obwohl jetzt alles etwas clean und abgerundet klingt, hört man deutlich die Sprache Naples’ – dies wortwörtlich, denn er arbeitet auch mit seiner Stimme. Naples kombiniert die geradlinigen Strukturen des Chicago House mit seinem unverkennbaren Sounddesign. Dabei lässt er die Tracks in Monotonie schwelgen, wodurch die Wirkung der teils dezent eingesetzten Sounds nur noch verstärkt wird. Dominik André

Call Super – All We Have Is Speed/ All We Have Is Glue (Peach Discs)


Einmal mehr handeln Call Super-Titel von Drogen. Drehte sich in der Vergangenheit viel um Ecstasy (Fluenka Mitsu, Suzi Ecto), so ist Joe Seaton nun bei Speed und Klebstoff angekommen. Schön ist anders. Doch die Musik dieser Maxi ist wunderbar erhaben und zumindest in Teilen ätherisch. Es ist übrigens die erste Call Super-Platte für das Label Peach Discs, das von Gramrcy und Shanti Celeste betrieben wird. Letztere ist eine gute Freundin Seatons. Auf „All We Have Is Speed” federt sich ein minimal gehaltener Techno-Beat durch den knapp neun Minuten langen Track, begleitet von gläsernen Klängen und quakenden Fröschen, deren Gewässer mutmaßlich von einem Briefchen Speed kontaminiert wurde. Hier und auch auf der Rückseite, die Klebstoffschnüffeln als letzte Option ausgibt, hält der Engländer den Lauf der Zeit ganz souverän an. „All We Have Is Glue” knüpft an das musikalische Thema der A-Seite an, ist dabei aber fast schon zärtlich, was nicht zuletzt an diesem fluffigen Electro-Beat liegt. Holger Klein

Doublet – 707 (Doublet)


Tomoki Tamura hat früher in Japan Dance Music veröffentlicht, ging dann nach einem Zwischenstopp und reichlichem In- und Output in London letztlich nach Berlin, seine jetzige Heimat. Unter anderem formt er heute mit Guiseppe Tuccilo das Duo Doublet. Zwei Platten auf Tamuras Holic Trax später veröffentlichen sie nun weitere gemeinsame EPs selbstbetitelten Label. Die siebte Doublet-EP 707 vereint drei Nummern, die verschiedene Facetten des Duos zeigen. „Chotto Complications” kommt als loungiger, dubbig-halliger Techno-Track, geht dabei einen Schritt ins Ambient-Universum und bleibt angenehm entspannt. Leichte, liebe Melodien verzieren den Hintergrund. „Big Moon” ist ein gradliniger Club-Track, der genüsslich nach vorne schreitet, Deep House ohne jeden Schnick-Schnack. „Tiger Nuts” ist ein verscratchter, ausgesprochener Dub-Track. Deep aber uplifting, fast albern ist er hier und da und zeigt eine weiteres, drittes Gesicht des Duos. Tamura kann auch moody, Tuccilo gibt dem ganzen Feuer. 808 folgt in Bälde. Lutz Vössing

Konduku – Kıran Remixes (Nous’klaer Audio)


Ein Jahr ist es her, dass der niederländische Newcomer Konduku sein Erstlingswerk mit überzeugender Klangästhetik herausbrachte. Und wie kann man den Geburtstag eines Debüts besser würdigen als mit von Freund*innen produzierten Remixen? Genau das haben Tammo, upsammy, DB1 und Forest Drive West getan und vier polyrhythmische Originale aus Ruben Uvez‘ Feder individuell neu interpretiert. Während der Brite Forest Drive West die düster-dubbigen Bubbles von „Güneş” in noch dunklere technoide Sphären à la Pessimist katapultiert, verleiht Tammo der experimentell-verspielten Seite von „Kızılırmak” eine bedrohliche Härte, die keinen nachhallenden Bassline-Wumms braucht, um wumms zu machen. Auch enttäuscht upsammys vor sich hin plätschernde Transformation des an Hessle-Audio-Veröffentlichungen erinnernden „Pembe Alan” ebenso wenig wie DB1s Neuauslegungen – der hat nämlich gleich zwei Remixe beigesteuert, die dem UK-Style der Archetypen heiter entgegenkommen. Franziska Finkenstein

P.E.A.R.L. – Life of Pleasures EP (Mord)


Mit der Word EP von SHXCXCHCXSH und Uuns ominöser Tanzfluroffenbarung „Hell Is Empty“ reicherte Bas Mooy den Label-Katalog von Mord in den ersten Monaten des Jahres erneut durch hochpotente Techno-Derivate industrieller Prägung an, für die die Rotterdamer mittlerweile aus gutem Grund bekannt sind. Bestenfalls eine Handvoll europäischer Labels (Northern Electronics und Semantica etwa) können mit dieser konstant hohen Veröffentlichungsqualität Schritt halten, ohne hier und da mal einen Aussetzer zu verbuchen. Doch auch mit dem nun veröffentlichten Mord-Debüt von P.E.A.R.L., als EP ausgewiesen aber mit gut 37 Minuten eher albumlang, bleibt dieser Aussetzer fern. Die sechs Tracks des Spaniers bieten so ziemlich den gleichen pumpenden Kühlturm-Flair, in dem auch schon sein Longplayer Temptation Through Impatience von 2017 räucherte. Allerdings klingt das Sampling auf „Life Of Pleasures“ ein Stück weniger originell – oder mehr straight forward, je nachdem wie man halt gerade drauf ist. Viel mehr als sehr ordentlich durchexerziert sind Cuts wie der Titeltrack, das säurehaltige „The Pain Of Regret“ oder „Collapsed“ mit seinen super bedrohlichen UFO-Synths über bollerndem Beat zwar nicht, werden aber trotzdem vom Amsterdamer Warehouse Elementenstrat über den Cross Club in Prag bis zu Moskaus Gazgolder in diversen Sets für taube Beine und Ohren sorgen, keine Frage. Nils Schlechtriemen