Abstraxion – Black Vulture EP (Dischi Autunno)


Man vergisst gelegentlich, wie bedeutend die Jahre 2005 bis 2007 waren für die Clubszene. Wo vorher House-, Techno- und Indieszenen getrennt voneinander feierten, kamen plötzlich Menschen unter Bannern wir Ed Banger oder Nu Rave zusammen. Gerade für die ehemaligen Gitarren-Fetischisten war „We Are Your Friends“ ein Eingangstor in einen Lifestyle, der trotz rotziger Attitüde Rockismen ablegte. Vorhang auf für Abstraxion. Der Franzose Harold Boué erschien erst vorsichtig und dann immer prominenter auf dem Tableau. Mit ordentlich Support von Erol Alkan oder James Holden ergab sich eine Karriere, die bis heute mit ähnlichen Mitteln punkig und clubbig zugleich ist. Auch der Neuling Black Vulture ist ein House-Techno-EBM-Hybrid für Leute, die „Verschwende deine Jugend“ nicht nur gesehen, sondern auch gelesen haben. Da freuen sich sicherlich auch Dischi Autunno-Labelbetreiberinnen Jennifer Cardini and Noura Labbani, die nicht erst mit ihrem Release von Curses bewiesen haben, dass sie genau für diese Musik zu haben sind. Electronic Body und Wave kommen hier auf einem saftigen Bassspuren-Bett zusammen. Black Merlin schien das derweil nicht breitbeinig genug, weswegen sein Remix von Boshaftigkeit getrieben ist. Die drei weiteren Tracks, die den Philosophen Nietzsche, Bourdieu und Deleuze gewidmet sind, halten den Grundton des Openers aufrecht. Nochmal rund macht es Interstellar Funk, der aus „Deleuze Fight“ eine Elektro-Nummer bastelt, die jedem Detroiter gut zu Gesichte stünde. Lars Fleischmann

Kris Baha – My Master (Pinkman)


Im Rahmen der Power Station-Partys hat sich Kristian Bahoudian seit 2012 einen Ruf als routinierter Revivalist der guten alten EBM-Ästhetik in Melbournes Clubszene erarbeitet. Cuts vom Kaliber eines „Mind Your Head” oder der Skinny-Puppy-Edit „Lockdown” sind eben auch jenseits aller Retrofetische ziemlich überzeugend produziert und bleiben dabei besonders einer Idee hörbar treu: Tanzbares und Träumerisches in exakter 50/50-Dosierung aus den Speakern quillen zu lassen, ohne einem von beiden zu irgendeinem Zeitpunkt den Vortritt zu gewähren. Ein Akt der Vermittlung zwischen Gestern und Heute, zwischen den Spuren, den Bahoudian als Kris Baha auch auf seinem neuesten Release meistert. My Master ist mit einer guten halben Stunde Laufzeit entweder als längere EP oder Minialbum zu sehen und hält auf beiden Seiten drei stattliche Clubklopper nach belgischer Schule bereit, denen in puncto Sounddesign und Ausführung auch Front 242 oder Nitzer Ebb kaum noch was hinzuzufügen hätten. Es brummt und wummert, während die unverzerrten Vocals mit leichtem Hinterzimmerhall neben industriellem Schlagwerk lamentieren. Düster ist das schon, aber auch unbedingt rhythmisch anstiftend und im altbackensten Sinne cool, wenn man denn so will. Kris Baha liebt und kennt diesen Sound offenbar wie seine Lederwestentasche – und ist außerdem einer der wenigen, denen man solche stilistischen Rückgriffe abkauft, ohne von Plagiaten reden zu wollen. Lief das auf den Snax-Partys im Ostgut, bevor es zum Berghain wurde? Nils Schlechtriemen

RHR – Nocturnal Fear (Omnidisc)


Kann Musik ‘vorausdenkend’ sein? ‘Zukunftsorientiert’? Diese Begriffe bietet das Wörterbuch an, wenn man ‘forward thinking’ eingibt, das erste Begriffspaar aus dem Werbetext zu RHRs EP Nocturnal Fear. Und die Antwort kann nur lauten: Natürlich nicht! Sie braucht es nicht zu sein und sollte es besser auch nicht versuchen. Macht RHR ein Glück auch nicht, dafür aber vermittelt er ein Gespür für Gegenwart, für Realität – nicht, weil seine Musik auch etwas Düsteres und Hartes hat. Sondern durch das Klangbild, durch seine Sound-Mélange, die, egal ob er sich in eher Electro-geprägten oder klar technoiden Gefilden bewegt, Klischees ausweicht. Sie nicht bedient, sondern munter darauf los zetert und etwas wagt. Über das einleitende „Colapso“ mit eindeutigem Electro-Bezug und diffus-kaputten Synth-Bässen geht es über den minimalistischen Technotrack „2303“ mit vordergründigem Trance-Tarnnetz und hintergründig-maulenden Analogfröschen hin zum Höhepunkt der EP, dem schnellen und unheimlichen Electro-Techno-Hybrid „Fluxo“, der in seiner Ahnenreihe neben Kraftwerk auch Cabaret Voltaire führt. Und nach knapp fünf Minuten ist alles vorbei und der Kritiker ruft ‚REWIND‘ in die Homeoffice-Stille. Mathias Schaffhäuser

Rampa – They Will (Innervisions)


Gregor Sütterlin alias Rampa zeigt mit seinem neuen Release auf dem Berliner Label Innervisions Zähne. Ob das noch als schelmisches Grinsen vor hell erleuchteten Verstärkertürmen zu deuten ist oder der Kiefer bereits im flackernden Bunker mahlt, ist auf den ersten Blick nicht ganz klar. Schließlich schmeißt der Keinemusik-Mitgründer mit der EP They Will mal eben vier Banger raus, die mit aufgepumpten Kicks so groß wie Monstertruckreifen alle Freund*innen der deeperen Houseschiene in Ekstase die Hände nach oben reißen lassen, gleichzeitig aber auch technoideren Genoss*innen jenseits von Summerfeeling und Sangria ein paar ungelenke Bewegungen aus den eingerosteten Knochen entlocken sollten. Zum Beispiel mit dem grimmigen „They Will“, das sich mit großkalibrigen Bässen in Sechzehntel-Salven auf ein drei Kilometer entferntes Ziel kalibriert, ein wenig rumklappert, mit dem ersten Drop den Finger an den Abzug legt und von dort an geradewegs nach vorn drischt und eine glatte Schneise durch die verhuschten Vocal-Samples zieht – bumm! Weniger Techno, mehr House gibt es bei „Tell Me Are We“, auf dem sich Rampa mit den dänischen Elektropoppern von WhoMadeWho zusammengetan hat. Deren Sänger Jeppe Kjellberg suhlt sich mit Falsettgesang in einer fein arrangierten, hin und her wippenden Clubhymne, die mit puristischen Synthies zur Peak Time wohl ebenso gut funktionieren wird wie auf dem Weg in die Arbeit – oder im neuen Werbespot von Kia. Mehr als solide übrigens auch „Lavender Boogie“, ein mit verschleppten Bongos gespicktes Tribal-Masterpiece, das stoisch seine Kreise zieht. Der Blick gesenkt, die Beine schnell. Bleibt eigentlich nur eins zu sagen: Laut aufdrehen. Ordentlich wummern lassen. Christoph Benkeser

S.O.N.S – Lost Tales Volume I (S.O.N.S)


Shibuya, Shinjuku, Shimokitazawa, Shin-Okubo: Die ersten vier EPs von S.O.N.S waren nach vier Bezirken Tokios benannt. Damit ist jetzt Schluss, der französischen Produzent Timothée Victorri nimmt eine softe stilistische Neuausrichtung vor. Mit einer Verbindung von Anonymität und Verknappung sowie einem ausgesprochen umfangreichen Verständnis für die Verknüpfung zentraler Genregruppen der 1990er konnte Victorri innerhalb kürzester Zeit eine umfangreiche Fangemeinde für sich gewinnen. Auf seinen Platten thematisierte er Trance und Jungle-affine Breakbeats, bevor die Revivals so richtig losgingen. Dabei ist Victorri ein Tüftler. Japanischer Synth-Pop aus den 80ern interagiert in seinen Tracks mit den Breakbeat-Samples klassischer Jazz-Funk Stücke, die wiederum von live eingespielten Drums und flirrenden Arpeggios konterkariert werden. Eine dezente Acid-Note ist allgegenwärtig. Er modelliert und hübscht auf, ohne zu viel von den Ecken und Kanten des Ausgangsmaterials wegzunehmen. Strings, Breakbeat und Acid finden sich auch auf der A-Seite seiner neuen Platte. Die wirbelnden Violinen rücken das Stück jedoch in einen fernöstlichen Kontext, der auf der B-Seite noch stärker zum Tragen kommt. „Sheherazaad“ erinnert hier an das percussionlastige, opulente Schlussmoment von „The Prophecy“ auf Shin-Okubo One Night Stand, das bisweilen wie ein Viola Klein-Track wirbelt. Auf „Sheherazaad“ wird es noch eine ganze Spur esoterischer und vertrackter. Er klingt nach Kalabrese, er klingt nach dem Markttreiben auf einem Basar, nach Live-Jam und nach Festivalfloor. Der Richtungsschwenk ist grundsätzlich begrüßenswert, zeigt er doch, dass Victorris Werk noch nicht erschöpft ist. Hierbei muss jedoch betont werden, dass auch auf den vier vorherigen Platten trotz desselben Konzepts nie Stillstand herrschte und fast jeder Track zu überraschen wusste. The Lost Tales Vol. I reiht sich in diesem Zusammenhang in ein überdurchschnittlich starkes Portfolio ein, ohne die Wucht zu erzeugen, wie dies vormals Tracks wie „A New Life (Planet Earth Mix)“, „City Of Fear“ oder „Tribute To The Truth“, die Hommage an Mark Goddard, vermochten. Felix Hüther