Mit Klängen wie Kristall wurde Caterina Barbieri zur herausragenden Vertreterin einer neuen Introspektion in der Clubmusik, ganz ohne Bummbumm. Bei einem Treffen erzählt sie von ihrem kreativen Kampf mit der Technik, den Puccini-Arien ihrer Großmutter und warum sie den Synthesizer spielt wie eine Gitarre. Arno Raffeiner hat Caterina Barbieri nach einer Sequencer Demonstration auf der Berliner Technikmesse Superbooth gesprochen. 

Die Fingernägel verraten sie, und Caterina Barbieri weiß es. Sie schaut auf ihre Hände: links raspelkurz geknabbert, rechts lang und spitz, aber mit unvermittelten Brüchen. „Ich habe immer schon an meinen Nägeln gekaut”, sagt sie. „An der linken kann ich meiner Nervosität freien Lauf lassen. Bei der rechten versuche ich mich zu beherrschen. Meine Mutter sagt immer, dass das meine gespaltene Persönlichkeit widerspiegelt. Die rechte ist die gute Hand, die linke die böse.” Ihre gute ist die Zupfhand, die böse die Greifhand: Barbieri spielt seit ihrer Kindheit klassische Gitarre. Mit Anfang 20 entdeckte sie, dass man mit diesen Händen auch noch andere Dinge machen kann. Eine ganz besondere Art von Schachspiel zum Beispiel, die sonst kaum jemand in der aktuellen Musiklandschaft beherrscht.

Barbieri sitzt in Oberschöneweide, am Stadtrand im Südosten Berlins, auf einer Parkbank in der Abendsonne. Auf der Superbooth, einer Fachmesse für Patchkabelsalat und die zugehörigen Modular-Nerds, hat sie eben ein kurzes Live-Set gespielt, das unter der Überschrift stand: „What is the relationship between musicians, their gear, and their music?” Bei der Produktvorstellung eines unkonventionellen Sequencers, die ihrem Auftritt vorausgeht, wird das Thema überhaupt nicht angesprochen. Aber sie demonstriert es dann mit jeder Faser ihres Körpers: ein 15-minütiges Lehrstück in Ecstatic Computation. So hat Barbieri ihr jüngstes Album genannt.

Ihre Erscheinung hat etwas Strenges. Auf Fotos lächelt Barbieri nie. Clean cut ist ihr Look, fast kantig. Der Trademark-Bubikopf ist mit der Präzision eines Laser-Cutters geschnitten, und doch hängen ihr die Haarsträhnen abwechselnd von links und rechts immer wieder neckisch ins Gesicht. So klingt auch Barbieris Musik: nach einer penibel ordnenden und einer impulsiven, ruhelosen Hand. Auch ihre Ästhetik hat etwas Strenges. Sie ist offensiv technologisch, sehr durchdacht und strukturiert. Und doch wirkt sie nicht kalt, sondern lebendig. Manchmal wird es richtig wuselig. Wie gerastertes Chaos.

Opern-Oma und Puccini-Pathos

Barbieri ist in Bologna aufgewachsen, einer traditionell links orientierten Stadt im Norden Italiens mit einer großen Universität und regem Kulturleben, oft eingehüllt vom Nebel der Po-Ebene. Nach einigen Jahren in Berlin ist sie vor Kurzem zurück nach Italien gezogen und lebt nun in Mailand. Ihre Großmutter war Opernsängerin und beeinflusst die Enkelin auch Jahre nach ihrem Tod. Das ist so ein italienisches Klischee”, erzählt sie, „aber ich kann mich erinnern, wie meine Großmutter sich am Klavier selbst begleitet und diese epischen und emotionalen Puccini-Arien gesungen hat. Das gewisse Pathos, das man in meiner Musik vielleicht finden kann, kommt bestimmt von dieser Erfahrung.”

Barbieri begann früh mit dem Musikmachen. Sie zupfte an der Gitarre, war am Konservatorium und spielte danach in Noise-Bands, bevor sie Elektro-Akustik studierte und den Synthesizer als Werkzeug für die eigene künstlerische Emanzipation entdeckte. „Technik habe ich immer als Befreiung wahrgenommen”, erklärt sie. „Es heißt ja, dass elektronische Musik Maschinenmusik ist. Aber ich habe eher die klassische Musik so wahrgenommen: Man muss seine Instinkte unterdrücken und wird selbst zu einer Art Automat.”

“Man denkt, wenn man ein bestimmtes Gerät kauft, offenbaren sich dadurch automatisch die Geheimnisse der Musik. So ist es nicht. Das ist nur eine Illusion, die der Musikmarkt verkaufen will.”

In ihrer Uni-Abschlussarbeit untersuchte sie die Wechselwirkungen zwischen der traditionellen Musik Nordindiens und dem Minimalismus US-amerikanischer Komponisten wie La Monte Young. Davor ging sie für ein Austauschjahr nach Schweden. „Stockholm war fundamental für mich”, sagt sie. „Dort konnte ich mit alten analogen Synthesizern arbeiten – eine Begegnung, die mein Leben und meine Art, Klang wahrzunehmen, vollkommen verändert hat. Ich hatte Sound nie zuvor so gehört, auf diese profunde, meditative, fast mikroskopische Weise.”

Mensch-Maschine-Schach

Diese Erfahrung ist Barbieris Musik anzuhören. Im Normalfall nutzt sie nur eine Handvoll klar konturierter Klänge. Außerdem: viel Raum, viel Transparenz und Mut zur Lücke. Kein Kickdrum-Wumms weit und breit, kein Hi-Hat-Zischen. Pure Eisesklarheit. Die Rhythmik entsteht aus einander durchdringenden Arpeggio-Kaskaden – und mitunter langen Pausen, in denen die Phrasen nachhallen. Gegen Maximalisierungstendenzen setzt diese Musik Strategien wie Verdichtung und Ausdünnung durch simple Manipulationen in der Echokammer.

Barbieri konnte im Elektronmusikstudium in Stockholm ausgiebig einen alten Buchla-Synthesizer nutzen, mit dem sie ihr erstes, 2014 erschienenes Album Vertical aufnahm. Seither verschiebt sie ihren Fokus von Gedröhne zunehmend ins Melodische und arbeitet vor allem mit analogen Modularsystemen. Sie schätzt die Geräte für die Möglichkeiten, die sie bieten, sieht den nicht enden wollenden Hype darum aber äußerst kritisch: „Viele legen sich diese enormen Systeme zu, und die Musik macht dann ‘bli, blu, blop’ – das war’s. Es kommt mir absurd vor, dass die Leute eine so obsessive Beziehung zu den Geräten haben. Für mich ist das ein Signal des vorherrschenden Materialismus, der auch in der Musik verbreitet ist. Man denkt, wenn man ein bestimmtes Gerät kauft, offenbaren sich dadurch automatisch die Geheimnisse der Musik. So ist es nicht. Das ist nur eine Illusion, die der Musikmarkt verkaufen will.”

“Mir geht es mehr um einen Status von Hypnose, von Trance, bei dem man den Eindruck hat, zu laufen, obwohl man nicht von der Stelle kommt. Dann wird die Gegenwart absolut. Das ist es, was mich wirklich antreibt, dieses besondere Zeitgefühl.”

Barbieri macht sich über die Mensch-Maschine-Beziehung ihre eigenen Gedanken: „Ich sehe dieses Verhältnis zur Maschine immer wie eine Partie Schach. Man macht einen Zug und fällt dann ausgehend vom Zug des Gegners seine nächsten Entscheidungen. Aber man muss eben den richtigen Zug finden. Mit den Geräten ist es im Grunde das gleiche. Es hat auch etwas von einem Orakel: Nur wenn man die richtige Frage stellt, wird man eine brauchbare Antwort bekommen.”

Patterns Of Consciousness hieß Barbieris zweites Album. Der Titel steht programmatisch für ihre Beschäftigung mit den Mustern und der Manipulation unserer Wahrnehmung. „Für mich ist Klang ein Mittel der Meditation, der Konzentration, auch der Veränderung von Bewusstseinszuständen”, sagt sie. Ihre Musik ist ein Angebot zur Versenkung. Die Bewegung, die Clubmusik so oft als überdeutlichen Imperativ in ihre Rhythmen einschreibt, ist hier ins Innere verlagert. Es wundert nicht, dass Barbieri damit bei Veranstaltungen wie The Long Now und dem Festival Berlin Atonal, der Hochmesse des Nicht-Tanz-Techno, als Galionsfigur einer neuen Introvertierung gefeiert wird. Körperspannung und Atemkontrolle statt Kistenstapler-Tanz.

Harmonische Wolken

Barbieris aktuelles Hauptthema: Zeit. Beziehungsweise deren Aufhebung, Abschaffung, Zerstörung. Dieser Prozess vollzieht sich in ihrer Musik ganz gewaltfrei, fast unmerklich und kann überaus angenehme Effekte hervorrufen. Oft bleibt in der Schwebe, ob man Zehn-Minuten-Epen wie „Fantas“, das Eröffnungsstück von Ecstatic Computation, als Einladungen zu einem Trance-Ritual verstehen soll. Denn in der manischen Klarheit liegt immer auch schon der Zitterkrampf, die Nervosität vor dem nächsten Ausbruch – den Barbieri ihrem Publikum nie wirklich gönnt.

„Was mich am meisten interessiert, ist die Wahrnehmung der Zeit. Ich will ein Tempo finden, das in gewisser Weise aufgehoben ist, scheinbar statisch, aber zugleich doch voller Bewegung”, erklärt sie und hat auf der Parkbank in Oberschöneweide offensichtlich viel Spaß beim Philosophieren. „In mancher Hinsicht ist meine Musik sehr cinematisch, nämlich im Sinne von Kinese: Bewegung. Die Patterns sind oft schnell und treibend. Aber es interessiert mich nicht besonders, wohin diese Bewegung führt. Mir geht es mehr um einen Status von Hypnose, von Trance, bei dem man den Eindruck hat, zu laufen, obwohl man nicht von der Stelle kommt. Dann wird die Gegenwart gewissermaßen absolut. Das ist es, was mich wirklich interessiert, was mich antreibt, wenn ich komponiere: dieses besondere Zeitgefühl.”

Verantwortlich für die besondere Ästhetik dieses Gefühls ist tatsächlich Barbieris Gitarre, die sie in Zukunft auch wieder öfter aus dem Koffer holen will. „Eigentlich spiele ich den Synthesizer wie eine Gitarre. Ich erzeuge aus Arpeggi durch lange Patterns und Delays eine harmonische Illusion, eine Wolke. Und auch mein Timbre ist gitarristisch. Ich mag nämlich brillante Klänge. Sehr sogar”, sagt sie und lacht. Die Gitarre spielt sie immer noch ohne Plektrum. Mit ihren Fingernägeln.

Am 16. Juni präsentiert Caterina Barbieri im Funkhaus in Berlin das A/V-Projekt Time-blind mit dem Multimediakünstler Ruben Spini.