April 2019: Die einschlägigen Compilations

5Bogdan Raczynski – Rave ‘Till You Cry (Disciples)


Ein neues Album von Bogdan Raczynski, das ist für einige Braindance-Fanatics wie Weihnachten und Record Store Day an einem Tag. Aber, da muss leider etwas dämpfend dazwischen gegrätscht werden, richtig neu sind die Stücke auf dem Doppelalbum Rave ‘Till You Cry nicht, zumindest, was ihre Entstehungszeit betrifft. Es handelt sich um Unveröffentlichtes und Versionen von bereits Erschienenem, aufgenommen zwischen 1999, als Raczynski gleich mit drei Alben auf Rephlex in die Szene stürmte, und 2007, dem Veröffentlichungsjahr seines letzten Albums Alright!. Entsprechend vielfältig ist das Album stilistisch: Harter Drum’n’Bass, ratternde IDM-Miniaturen, dazu die teilweise regelrecht lieblichen, zarten Melodien der Aphex Twin-Schule, aber auch weniger Kategorisierbares, abstrakte Freestyle-Electronica mit verspielten Strukturen und der ganzen Wundertüte aus dem Synthesizerkosmos. Gerade diese letzte Gruppe von Tracks gibt dem Album seine Relevanz im Hier und Jetzt, lässt es in keinem Moment gestrig erscheinen – und macht zudem großen Spaß! Mathias Schaffhäuser

4Daniel Avery – Song For Alpha: B-Sides & Remixes (Phantasy)


2018 erschien das Album Song for Alpha, auf dem Daniel Avery erneut auf eindrucksvolle Art und Weise flexible Klanglandschaften erschuf, die durch ihre ambientartigen Einflüsse stark darin sind, entrückte Stimmungen innerhalb eines festgelegten Beatgerüstes zu erzeugen, ohne dabei ins Kitschige abzudriften. Auf seinen neu erschienenen B-Sides & Remixes präsentiert Avery nun neun weitere Songs, die den hohen Standard halten. Beim Hören bekommt man wieder das Gefühl einer Distanz zur direkten Umwelt, denn sich träumerisch modulierende Synth-Flächen und Patterns, die teils von sanften („AQPAN6102“) und teils von dumpferen Drums („Under the tallest Arch“) unterlegt sind, entfalten eine hypnotische, schlafwandlerische Wirkung. Trotzdem beweist der Brite mit „Radius“ und dem Acid-Brecher „Hyper Detail“ auch sein Gespür für Schärfe und Druckvolles.
Die anschließend dargebotenen Remixe könnten in ihren Stilen nicht unterschiedlicher sein, was das Durchhören sehr aufregend macht. Während Obscure Shape & SHDW den Song „Projector“ zum Beispiel in einen harten, pragmatischen Sound überführen, geleitet Jon Hopkins „Glitter“ zu einem epischen Höhepunkt, um anschließend in der Destruktion zu enden. Herausragendes Highlight ist ohne Zweifel der Remix zu „Slow Fade“ von Actress, bei welchem in flirrenden und rauschenden Sounds eine wahnsinnig intensive, surreale Atmosphäre entsteht, die mit großartiger Sensibilität immer wieder neu geformt wird. Aber auch sonst gibt es keine ernsthaften Fehltritte. Lucas Hösel

3Richie Hawtin presents F.U.S.E. – Dimensions 25th Anniversary Edition (Plus 8)


Ich weiß noch, mit welch enthusiastischer Vorfreude ich anno 1993 das erste Mal Richie Hawtins Dimension Intrusion in den CD-Player einlegte. Nach Maßstab setzenden Clubhymnen wie dem gemeinsam mit Joey Beltram und Mundo Muzique produzierten „Vortex“ und natürlich auch den F.U.S.E.-Vorauskopplungen „F.U.“ oder „Substance Abuse“ war die Erwartungshaltung für weitere Adrenalinbomben zumindest bei mir gänzlich in den Orbit entschwebt. Es kam dann aber doch alles ganz anders, und Hawtin entwickelte mit Dimension Intrusion die viel beachtete Blaupause eines Künstleralbums jenseits des Dogmas der Tanzfläche. Bei Songs wie dem Titeltrack „Dimension Intrusion“ mit seinem artifiziellen Detroit Trance und Downbeat-Anleihen eröffnen sich auf einmal gänzlich andere Perspektiven hin zu einer zeitlosen Form eines grenzüberschreitenden elektronischen Musikverständnisses. Und mit dem dramatisch-cineastischen „Another Time (Revisited)“ oder dem John Carpenter-beeinflussten „Mantrax“ gibt es auf dem Album eine mehr als willkommene Wiederbegegnung mit Hawtins eigener Vergangenheit. Neben der Remix-EP „Train-Tracs“ wird die streng auf 500 Stück limitierte Vinyl-Sammleredition aber erst so richtig komplett mit Computer Space, ein bislang noch unveröffentlichtes und von Hawtin im gleichen Zeitraum komponiertes Album. Herzstück ist der knapp 40-minütige Titelsong, analoge Ambientsäure jenseits von Zeit und Raum. Auch der stärker industriell forcierte „Runner“ umgibt Computer Space mit einem dem Zeitgeist entrückten Hauch von Ewigkeit. Ob das zusammen mit dem, zugegebenermaßen extrem schick geratenen, Vinyl-Boxset mit exklusiven Drucken von Plus 8-/m_nus-Chefdesigner Matthew Hawtin genügt, um den Kaufpreis von 300 Euro locker zu machen oder man doch lieber auf den digitalen Release wartet, muss der Richie-Hawtin-Fan für sich entscheiden. Jochen Ditschler

2Various Artists 01 (ШЩЦ/SHITS)


Eine der fraglos interessantesten elektronischen Musikstile hatte ihren Höhepunkt in den frühen Neunzigern: AFX, µ-Ziq und Luke Vibert sind wohl mit die bekanntesten Vertreter des sogenannten Braindance. Ein erhöhter Fokus auf ungewöhnliche Strukturen, Eklektizismus, Emotionen und Mut, neue Wege zu gehen zeichneten dieses Genre aus. Daraus hervor ging dann die Intelligent Dance Music, kurz auch IDM genannt, die das Jahrzehnt beherrschte. SHITS, ein junges Kollektiv aus Kiev, nimmt sich dieser Stilrichtung an. Mit ihrer ersten Compilation zeigt die Gruppierung um A-Body, dass da noch einiges herauszuholen ist. 24 Tracks, die eigentlich unterschiedlicher nicht sein könnten, aber eine Gemeinsamkeit haben: Diversität ist Trumpf. Das passt auch hervorragend, denn Braindance kann seit jeher eh nur als Spektrum verstanden werden. Wenn man also nicht schon vertraut mit dem Genre ist, klingt das alles sehr neu und aufregend. Fröhlich tanzen die Synapsen und erfreuen sich der ungewohnten Klänge. Die hüpfen nämlich recht munter hin und her, verbreiten gute Laune und helfen einem dabei, drei einfach mal gerade sein zu lassen. Andreas Cevatli

1Watergate 26 by WhoMadeWho (Watergate Records)


Die Dänen von WhoMadeWho zeichnen für die aktuelle und bereits 26. Ausgabe der Watergate-Reihe verantwortlich, auf der sie ein sehr clubtaugliches Set zusammenstellen, das trotzdem die Bandbreite abdeckt, für die Jeppe Kjellberg, Tomas Barford and Tomas Høffding selbst stehen. Zwischen einer Reihe eigener Tracks und Remixes findet sich mit Kenton Slash Demon, dOP, Ruede Hagelstein, Otto B oder Echonomist gute Gesellschaft für eine gemeinsame Clubnacht, die vor allem in den emotionaleren Momenten bleibenden Eindruck hinterlässt. Sehr schön ist etwa „Blue Days“ von Speaking Minds & Amarcord als Fast-Closing Track, gefolgt von WhoMadeWhos „Smile“. Der Mix hangelt sich sowohl durch funktionales Clubmaterial als auch durch discoide Kuhglocken-Momente, gepaart mit leicht rockistischen Einflüssen und bleibt doch immer fest auf dem Boden des Watergate-Mainfloors verankert. Stefan Dietze