Jeden Tag werden DJ-Mixe ins Netz geladen. Manche sind besser, manche sind schlechter und nur wenige werden uns jahrelang begleiten. Jeden Monat sucht das Groove-Team die fünf besten des vorangegangenen Monats aus, präsentiert in alphabetischer Reihenfolge. Diesen Monat mit Afrodeutsche, Mike Stockell & Jordan Plange, object blue, Rising Sun und Watercolor. Und wer danach noch nicht genug hat, schaut einfach mal beim Groove-Podcast vorbei.

5Afrodeutsche – 19th January 2019 (NTS Radio)


Afrodeutsche ist eine Producerin mit ghanaischen, russischen und deutschen Wurzeln, die sich seit geraumer Zeit von Manchester aus in ganz Großbritannien einen Namen macht. Das liegt nicht zuletzt an ihrer monatlichen NTS-Radioshow, in deren Rahmen sie ihre sperrigen Eigenproduktionen mit Breakbeat, Jungle, IDM und sonstigen Spielarten abseits des 4/4-Kontinuums vermischt. Dabei gelingt es ihr aber stets, einen stringenten Faden zu spinnen, der durch verschiedenste Phasen der Historie elektronischer Musik verläuft.

Afrodeutsches Mix aus dem Januar geriet dabei nochmal eine Spur hyperaktiver als ihr sonstiger Output und marschiert geradewegs gen Dancefloor: Rasche Tempowechsel, zuckende Percussion und praktisch keine Verschnaufpausen – auch die spärlich eingestreuten Interludes halten nur kurz an – lassen zu keiner Sekunde Langeweile aufkommen. Nach etwa 45 Minuten reist der Hörer sogar noch flugs ans Ende der UK Hardcore-Ära: Krome & Times “This Sound Is For The Underground” von 1992 im bis heute unpopuläreren Original stellt die Nerven ein weiteres Mal auf die Zerreißprobe. Nahtlos schiebt Afrodeutsche “Raize It Up” von den Freestylers nach, das im UK sechs Jahre später für Furore sorgte und ähnlich unnachgiebig klingt. Kurz: Ein wunderbar abwechslungsreicher Trip, der in einer Stunde eine hohe Bandbreite an Einflüssen verarbeitet. Maximilian Fritz

4Mike Stockell & Jordan Plange – The Purple Door, 19.01.2018 (KMAH Radio)


KMAH ist ein unabhängiger Radiosender aus Leeds, der breit aufgestellt ist: Von House und Techno über Jazz, Funk und Soul bis Hip Hop läuft hier eigentlich alles. Das Team konzentriert sich vor allem auf die lokale Szene. Nichts desto trotz spielen dort auch Residents wie John Heckle, Happa oder A Sagittariun. Alle zwei Wochen gibt es das Beste aus der Plattensammlung von KMAH-Gründer Mike Stockell zu hören, hier mit Verstärkung von Jordan Plange.

Auf knapp zwei Stunden macht sich der angenehme Sound der beiden Jungs breit: Bouncender House, bleepiger Minimal und hypnotische Grooves. Trotz der Tatsache, dass Minimal und Techhouse in den letzten 10 Jahre immer mehr zu abwertenden Begriffen verkommen sind, hat man das Gefühl, dass die beiden sich damit nicht zufrieden geben und es irgendwie immer wieder schaffen, noch die eine ungehörte Platte herauszukramen, die frei ist von Kitsch und Klischee. In Zukunft sollten wir den Blick wohl des Öfteren mal nach Leeds richten. Benjamin Kaufman

3object blue – Dekmantel Podcast 211


object blue scheint gerade, man kann es nicht anders sagen, auf dem aufsteigenden Ast zu sein. Nach vereinzelten Stücken auf Compilations veröffentlichte sie im vergangenen Jahr ihre Debüt-EP „do you plan to end a siege?“. Und landete prompt in einigen Jahresbestenlisten. Ihren experimentellen, glitchigen Sound, der zwischen Techno und Club Music anzusiedeln ist, zeigt sie in diesem Mix für Dekmantel in voller Bandbreite. Von der Stimmung bleibt es dabei fast durchgehend kühl, manchmal wird es geradezu feindselig. In Kombination mit dem ultrafuturistischen Klang des Mixes der perfekte Soundtrack für die politisch düsteren Zeiten.

Zu Beginn überwiegen noch die knisternd-kicklosen Tracks, ein Track von Shelley Parker („Masonry Pier“) setzt dem jedoch ein Ende; das Knistern bleibt. Es wird punchy und fast tanzflächenorientiert – aber nur fast. Mal ist es eine Trap-Hi-Hat (M.E.S.H. – „Imperial Sewers“), mal ein Track voller Leerstellen (Logos – „Atlanta 96“), die einen aus dem Konzept bringen: Sollte hier nicht zumindest etwas „Techno“ drin sein? Dieses Label ist nicht ganz falsch, schließlich kommen gegen Ende noch Tracks von BFTT („Kueen“) und die Zusammenarbeit zwischen Laurel Halo und Hodge („Tru“). Und object blue verblendet diese höchst unterschiedlichen, im charakterlichen Kern aber doch ähnlichen Tracks auf meisterliche Weise. Cristina Plett

2Rising Sun – Vinyl Dj Mix (Techno Set)


Erinnerungen knistern, und das umso mehr in unserer Szene. Manchmal macht dieses Knistern selbst die beste Musik. Dave Sumner alias Function erzählte mir einmal von Jeff Mills’ Zeit im New Yorker Club Limelight. Sumner erinnerte sich an aufregende Tage, in denen Techno vor allem eins auslöste: Schock. Dazu gehörte auch das Knistern der Platten, die Mills legendärer Weise achtlos neben sich auf einen Stapel schmiss, nachdem er sie vom Turntable gezogen hatte. Wenn immer Sumner, so erzählte er mir, damals zum Plattenladen lief und aus den Crates die Singles zog, die Mills in der Nacht zuvor gespielt hatte, schien beim ersten Durchlauf etwas zu fehlen: Das markante Knistern und Knacken der heruntergespielten Exemplare aus Mills’ Plattenkiste gehörte für ihn unbedingt zu dem, was die Musik an sich ausmachte, was ihnen überhaupt erst diesen Schockeffekt verlieh.

Der betont nüchtern “Vinyl Dj Mix (Techno Set)” betitelte Mix von Steffen Laschinski unter seinem bekanntesten Pseudonym Rising Sun ist voll von diesem Knistern der Erinnerungen, die sich tief in die Rillen seiner Platten gegraben haben oder gar in der Produktion als Stilmittel verwendet wurden. Laschinski geht den Mix härter an als das Gros seiner eigenen Produktionen, denen bisweilen eine verträumte Melancholie anhängt. Obwohl über gut 54 Minuten jede Menge New Age-Flächen wie Wolken am Horizont aufziehen, regiert das Miteinander von Kick, Hi-Hat und Bassline, ist das Tempo rasant. Zwischen hartem Techno auf den Koordinatenpunkten der Detroit-Berlin-Achse und dem sanften Ruhepuls der zweiten Detroiter Welle sowie Ausflügen ins Vorreitergenre Electro kommt uns hier eine lebensfreudige Zukunftsvision aus der Vergangenheit als sanfter Schock entgegen. Eine Idee davon, wie das damals war – ob nun mit Jeff Mills im Limelight oder aber im Tresor in Berlin. Ein wuchtiger Throwback zurück zu einer Zeit, die uns Laschinski mit größtmöglichem Knistereinsatz in Erinnerung ruft. Kristoffer Cornils

1Wordcolour (Blowing Up The Workshop 101)


Ambient will sich nicht von Umgebungsgeräuschen absetzen. Die sphärischen Tracks wollen nicht für ihre künstlerische Ambition und Distinktion gewürdigt werden, sondern mit dem Ort und der Stimmung des Ortes, an dem die Musik läuft, verschmelzen. Die genrebildenden Produktionen von Brian Eno und vielen Nachkömmlinge kämpfen aber damit, wirklich beiläufig zu klingen. Enos Music For Airports nimmt die funktionale, austauschbare Architektur von Flughäfen auf. Klingelnde Kassen, Toilettenspülungen oder Babygeschrei tauchen aber nicht auf. In diesem Mix entwickelt Wordcolour ein Verständnis von Ambient, das den menschlichen (Stör-)Faktor mit einbezieht.

Wordcolour verbindet Ambient von Pariah, Jenny Hval oder William Basinski mit Filmausschnitten, Youtube-Clips und field recordings. Judy Garland kommt ebenso vor wie die Muppets, Evan Parker, Kate Bush oder die Youtuber*innen Yosemitebear62 oder Yvette ASMR. Arbeiten aus dem elektronischen Studio des BBC aus den 1960er Jahren treffen auf Yvettes „Tingly Inaudible Whispering & Applying Different Lip Gloss“, Parkers Free Jazz-Saxophon auf Yosemitebear62s Begeisterung für die Regenbogen im Yosemite Nationalpark. Wenn hochtrabende Avantgarde-Heldentaten mit verschrobenen Pop-Phänomen kommunizieren ist Ambient endlich im Ambiente angekommen. Alexis Waltz