Cover photo: Miles Opland (Jay Glass Dubs)

Dimitris Papadatos ist eine der aktuell produktivsten Figuren in der elektronischen Musik. Schon ein Jahr nach seinem Debüt als Jay Glass Dubs veröffentlichte der in Athens geborene Produzent 2016 fünf unterschiedliche Platten und hat ein Zuhause auf so unterschiedlichen Labels wie Berceuse Heroique, Not Wavings Ecstatic und Bokeh Versions gefunden, kürzlich arbeitete er mit der Lyrikerin und Songwriterin Leslie Winer für eine neue Platte zusammen. Wie sein Name bereits offenbart ist Papadatos‘ musikalisches Sujet der Dub – eine Technik, die ihre Ursprünge in den Studios Jamaikas hat und noch heute auf der ganzen Welt Wiederklang findet. Papadatos fokussiert sich auf einen „kontrafaktischen historischen Ansatz“, wie er es formuliert, der mit philosophischen und ästhetischen Konzepten wie Musique Concrète verbunden ist. Daneben präsentiert er einen facettenreichen Musikgeschmack auf seinen Mixtapes und Gast-Mixen für Hessle Audio, Bokeh Versions, FACT magazine oder anderswo, welche sich nicht ausschließlich auf Dub begrenzen. In unserem Interview, das seiner Performance auf Belgiens Meakusma Festival vorausgeht, haben wir über Griechenland, Überlebensschwierigkeiten als Musiker und seine Herangehensweise an Dub gesprochen.


 

Wie sahen deine ersten Berührungspunkte mit der Dub-Musik aus, während du in Griechenland aufgewachsen bist? Welche Platten waren für dich wegweisend?
Meines erstes Zusammentreffen mit dem breiteren Spektrum des Genres kam irgendwann in den neunziger Jahren zustande, als ich der griechischen Armee diente, soweit ich mich erinnern kann. Ich hörte schon immer Hardcore-Punk und Post-Punk und Sachen wie PiL und Bauhaus. Aber ich begann, die Dub-Methodologie erst richtig zu verstehen, als ich Lee ‚Scratch‘ Perrys Return Of The Super Ape hörte. Natürlich waren Perry, Dennis Bovel, King Tubby, Sly And Robbie und Bullwackie nur ein paar der Genies, die in vielerlei Hinsicht elektronische Musik seit Beginn der Siebziger fortlaufend beeinflusst haben. Ich würde aber nicht sagen, dass deren Musik einen Einfluss auf die anfänglichen Jay Glass Dubs-Produktionen hatte. Es waren mehr ihre Ideen das Studio betreffend, ihr Verständnis von Sound als räumlicher Formen, die mich neugierig gemacht haben – die sehr spezifische, rohe Musikalität in Verbund mit der Tatsache, dass ihre bahnbrechenden Arbeiten sich immer noch als pulsierend und frisch, bereit zum Erkundetwerden und Nachdenken waren. Ich sehe meine Arbeit mit Dub nicht als unverhohlene Aneignung des Genres. Es geht mehr um die Methodologie als um alles andere.

Erzähl mir von Athen und seinen für dich inspirierenden Aspekten – gibt’s da eine Dub-Szene?
Griechenland hat eine ziemlich ausgeprägte Sound-System-Kultur, an der ich nie wirklich teilgenommen habe. Es gibt Sound Clashes, an denen ich ab und zu teilnehme und ich kenne einige Leute, die in der Szene großartige Arbeit leisten. Auf der anderen Seite gibt es unzählige Bands und Künstler*innen, die während der warmen Zeiten den Vibe des Genres in ihre Musik einbauen, um ein bisschen Sommertaschengeld zu machen, indem sie einer falschen Beach-Party-Idee von Dub für die nachfolgenden Generationen nacheifern. Glücklicherweise ist Athen eine Stadt, die eine düstere Dimension hat, und ich meine und hoffe, dass diese in meiner Musik mitschwingt. Athen hat sehr spezielle Probleme. Das größte ist, dass es keinen wirklich wichtigen Raum für Künstler*innen gibt, um aufblühen und ihre Arbeit auf das nächste Level heben zu können. Es gibt keine Finanzierung, keine staatliche Unterstützung oder etwas in der Richtung. Die meisten Gelder, die für kulturelle Zwecke ausgegeben werden, steckt man in die archäologische Forschung. Griechenland ist in vielerlei Hinsicht in seiner glorreichen Vergangenheit gefangen, der einzige Geld bringende Aspekt des Landes. Natürlich passiert viel Spannendes. Einige großartige visuelle Künstler*innen und Musiker*innen arbeiten momentan in Athen, es gibt von Artists betriebene Räume, die fantastische Arbeit präsentieren und nette, kleine Venues für Konzerte und Partys. Aber all diese sind verdammt dazu, ihren DIY-Charakter zu behalten, da der finanzielle Beistand zu gering ist. Was allerdings sehr inspirierend an Athen ist, ist seine harte und archaische Natur, die in Kontrast zum prallen Sonnenlicht steht. Wir haben schon von klein auf gelernt, dass nichts unter der Sonne verborgen bleibt, und das ist einfach unbezahlbar.

Deine Performances sind mit der Kompositionstechnik Musique Concrète verbunden. Wie kam es dazu, dass du Pierre Schaeffers Konzept und Pionierarbeiten im Sampling- und Remixing-Kontext kennengelernt hast?
Ich war schon immer an akustischer Klangkunst und die Anwendung philosophischer Konzepte auf Musik interessiert. Mein Interesse für solche Ansätze wurde geweckt, als ich die Arbeiten von Künstler*innen wie Throbbing Gristle, Nurse With Wound, Coil und so weiter entdeckte. Es war eine logische Entwicklung von dort zum Schaffen von Luc Ferrari, Pierre Schaeffer, Janni Christou und anderen. Was diese Pionier*innen gemacht haben, hat sich unterschwellig auf viele Bereiche in der Musik, von Psychedelia bis Hip Hop ausgewirkt. Es wäre ein Fehler, diesen Umstand zu übergehen. Diese Artists haben es auf eine revolutionäre Art und Weise geschafft, ein hermetisches System zu durchbrechen und boten eine neue Form des Hörens, indem sie gegenüber dem grimmigen und limitierten Akademismus ihrer Zeitgenoss*innen als eine Art Trojanisches Pferd fungierten. Ich persönlich habe oft mit Feldaufnahmen gearbeitet und das mache ich immer noch, aber auf eine andere Art und Weise. Meine Wurzeln liegen in der freien Improvisation. Ich habe sehr immersive Erfahrungen erlebt während ich mit anderen Leuten gespielt habe, und in Umfeldern wie diesen steht die Arbeit dieser elektronischen Vorreiter auf dem Plan.

Warum bevorzugst du das Konzept gegenüber Programmieren und trackbasiertem Arbeiten?
Zuerst mal finde es sehr interessant und herausfordernd, unterschiedliche Taktarten, Rhythmen, Loops und Samples und andere zerstreuten Elemente wie Stimmen und Feldaufnahmen in etwas komplett Neues zu verwandeln, das sich auf einem Festival wie jeder beliebige andere Act anhören würde. Mein Zugang ist vor allem der eines Komponisten. Ich möchte, dass meine Kompositionen Überraschungselemente beinhalten, Melodien, Harmonien, Intervalle und ungewöhnliche Akkordwechsel aufweisen. Mein Modus Operandi erlaubt es mir, mich auf die Verteilung von Klängen und den Raum, der zwischen ihnen entsteht. Mir geht es vor allem um die Machart von Effekten, vielleicht sogar mehr als um den Klang an sich.


Stream: Leslie Winer and Jay Glass Dubs – YMFEES

Jay Glass Dubs könnte als ein Ansatz gelten, die Geschichte des Dubs neu zu schreiben.
Ich beziehe mich auf einen kontrafaktischen Ansatz, eine Quasi-Realität, in der Dub etwas komplett anderes ist, der aber dem gleichen kreativen Anfangspunkt entsprang – nur auf einem umgekehrten historischen Zeitstrahl. Das Konzept ist stark vom „kontrafaktischen Konditional“ und den Thesen von Philosophen wuie Roderick Chisholm und Steve Goodman (alias Hyperdub-Gründer Kode9) ebenso beeinflusst wie von Comicbuch-Szenarien über Paralleluniversen und natürlich meiner eigenen Fantasie. Ich habe debn allergrößten Respekt vor den Leuten, die diese Musikgeschichte geschrieben haben, und dieser Respekt ist in meiner Arbeit widergespiegelt. Ich versuche, niemanden zu imitieren oder mir etwas neu anzueignen, sondern benutze Elemente, die mir zur Verfügung stehen und bemühe mich, meine eigenen Erfahrungen zum Ausdruck zu bringen. Wenn ich in Kingston, Bristol oder Köln leben würde, wäre ich wohl kaum fähig gewesen, dieselbe Art von Musik zu machen. Das ist Dub, wenn er in Athen entstanden wäre, erfunden von einer bestimmten Person – mir.

Gab es schon immer theoretische Ansätze in deiner musikalischen Produktionsweise, die Priorität haben und die der praktischen Umsetzung vorausgehen?
Ich arbeite seit mehr oder weniger 15 Jahren mit Klang und in dieser Zeit habe ich mich in vielen unterschiedlichen Richtung herumgetrieben, von Rock bis hin zu Grime und von Folk zu subtraktiver Synthese. Ich war schon immer daran interessiert, wie ein theoretisches Konzept mit einem akustischen Output funktioniert, wie man es darin übersetzen kann. Brian Enos Oblique Strategies, die Ideen von KLF und Iannis Xenakis haben meinen Zugang beeinflusst. Die praktische Umsetzung könnte den anfänglichen Ansatz beinhalten oder aber nicht, denn ich muss diese Konzepte meinem Publikum nicht zwangsläufig näher bringen. Manchmal gefällt es mir, wenn zwischen meiner Musik oder den Labels eine Art Insider-Witz besteht, der sich erst nach einer Weile selbst erklärt.

King Tubby gilt gemeinhin als der Erfinder des Dubs. Ein Freund von ihm, Niney the Observer, sagte mal in einem Interview, dass eine von Tubbys Methoden es war, Songs aus dem Radio aufzunehmen: „Ab einer bestimmten Uhrzeit schaltete er nachts das Radio ein und gab es in seinem eigenen Sound wieder.“ Außerdem benutzte er alltägliche Klänge von der Straße. Kurz gesagt: Seine Methode erinnert mich an dich, als du die Stimme eines Nachbarn aufgenommen und benutzt hast. Beide Ansätze sind mehr oder weniger mit Sampling aus dem näheren Umfeld verknüpft. Inwieweit wirkt dein Umfeld auf dich musikalisch ein?
Ich mag diese Verbindung, die du gemacht hast, sehr. Genau das ist es eigentlich. Ich habe schon immer sehr bescheidene Ausdrucksmittel benutzt. Wenn ich arbeite, mag ich Einschränkungen und ich versuche, diese in den Prozess einzubringen. Ich möchte benutzen, was mir zur Verfügung steht. Das ist etwas, was ich durch eine sehr limitiertes oder noch nicht mal existentes Budget gelernt habe. Es ist wunderbar, wie aus etwas unglaublich Schlichtem und Bescheidenem große Kunst entstehen kann. Ich benutze alles Mögliche als Instrument: Sprachen, Samples, Loops. Diese Einschränkung kann tatsächlich zu vielen spannenden Resultaten führen. Wechselnde Umfelder, Leute aus unterschiedlichen musikalischen Kulturen treffen, ist eigentlich der wichtigste Gewinn, den mir meine Arbeit bietet. Seit Kurzem nehme ich gerne Samples von Laiko-Platten, die ich begeistert sammle. Laiko ist urbane Musik aus Griechenland, die größtenteils nach den fünfziger Jahren aufgenommen wurde. Das Genre wurde von seriösen Kritiker*innen und Musikwissenschaftler*innen relativ verächtlich behandelt. Auf mein Songwriting aber hat es vermutlich den größten Einfluss. Ich fand traditionelle Musik schon immer interessant, sie ist wie ein Faden, der meine Musik mit der Musik meiner Vorfahr*innen verbindet und den ich intakt halten will. Diese Einflüsse sind jedoch nicht offensichtlich für die Zuhörer*innen – das ist ja genau das, was ich versuche, zu erreichen: Die Dinge aus ihrem Kontext zu reißen und sie zu verzerren.

Photo: Ivan Zoloto

Nachdem wir über den methodologischen Ansatz gesprochen haben, lass uns auf die emotionale Komponente in deiner Musik zu sprechen kommen. In einem Interview sagtest du mal, dass du dich während der Aufnahmen zu III in einem „Übergangsstadium“ befandest.
Als Musiker zu arbeiten ist ein schwieriges Unterfangen. Als ich allen Mut zusammen nahm und entschloss, mich ganz auf die Musik zu konzentrieren, musste ich mit damit auseinandersetzen, was ziemlich hart sein kann. Die Unsicherheit, sei es im kreativen oder finanziellen Bereich, die diese Entscheidung mit sich bringt, kann sich stark auf die eigene Arbeit auslösen. Noch immer krebse ich finanziell herum. Manche Leute mögen den Eindruck haben, dass du Geld hast und einen Rock’n’Roll-Lifestyle lebst, wenn du Platten rausbringst und Gigs hast. Das ist weit von der Realität entfernt und kann nerven. Ja, ich kann mich von meiner Musik ernähren und ja, ich schaffe es, mit meiner Musik zu wachsen und in besseren Locations mit besserem Honorar zu spielen, aber die Realität bringt einen immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Ich bin den gleichen Anstrengungen und Problemen ausgesetzt wie jemand mit einem regulären Job und ich lebe auf dem gleichen Planeten und habe die gleichen Überlebensschwierigkeiten wie jede*r. Künstler*innen sind keine magischen Kreaturen, die über allem schweben. Es gibt diesen Irrglauben, dass die meisten Leute, die das machen, was ich mache, einen Rückhalt haben, ein finanzielles Federbett, dass ihnen erlaubt, ihre Arbeit frei und sorglos auszuüben. Dieser Irrglaube resultiert in einer emotionalen Störung. Und in dieser Störung kann ich besser und konzentrierter zu arbeiten. Kreativität war schon immer und wird immer einen Weg für mich bieten, die Welt zu überleben und meinen Verstand zu behalten. Epiktet würde sagen, dass Kreativität das ist, was die „Freiheit der Seele“ nährt, und das ist etwas, das mir kein politisches System, keine menschliche Beziehung oder finanzielle Probleme nehmen können.


Stream: Jay Glass Dubs – Jay Glass Dubs