Grafik: Albrecht Gaebel

Es ist schon eine ganze Weile her, dass Leibniz. in der Groove als Hoffnungsträger gehandelt wurde – ein bisschen mehr als vier Jahre, um genau zu sein. Seitdem hat uns Moritz Paul nicht enttäuscht: Neben einer Reihe von EPs für die Uncanny Valley-Ableger shtum und Rat Life startete der mittlerweile wieder in Berlin ansässige Produzent die Projekte DJ OK und DJ bwin – beides, anders als der Name vermuten lässt, Duos – und gründete gemeinsam mit seinen Studiopartnern ein Label, hundert. Nachdem dort vor Kurzem seine EP Online erschien, gibt Leibniz uns nun mit seinem Beitrag zu unserem Groove-Podcast einen kleinen Einblick in das, was noch im Recordings-Ordner seines Smartphones beziehungsweise auf der heimischen Harddisk zu hören ist: Sein Mix besteht rein aus eigenen Produktionen sowie einem Remix und Kollaborationsarbeiten mit Skee Mask und Gramrcy.

 


 

Du samplest für deine Tracks gerne kurze Gesprächspassagen und andere Soundbits von YouTube, vor allem auf deiner letzten Platte Online. Was reizt dich daran?
Beim klassischen Sampling werden Schallplatten verwendet, bei denen die Künstler im Vornherein bewusst etwas Auditives erschaffen haben. Bei YouTube ist der Ton meist unbewusst von Usern mit hochgeladen worden. Es ist meist einfach das was die (Handy-)Kamera in dem Moment mit aufgenommen hat. Das macht das Resultat spontaner und authentischer. Die Frage nach Authentizität finde ich zur Zeit auch spannender als je zuvor. Alles ist kopierbar und reproduzierbar. Kopieren und Reproduzieren passiert bewusst. YouTube hat aber diesen Charakter eines unbewussten kollektiven Gedächtnisses, in dem sich einfach alles befindet, was dem Menschen als wichtig erscheint. Der kleinste gemeinsame Nenner aller Videos auf YouTube ist nicht unbedingt ‘das muss jemand anderes sehen’ sondern mehr ‘das muss ich mir merken’. Dazu kommt, dass es unendlich ist. Niemand kann jemals alles auf YouTube gehört haben, da mehr hochgeladen wird als man es Gleichzeit hören könnte. Das finde ich spannend. Es gibt auf Reddit einen Subbreddit, der mich sehr beeinflusst hat und sich mit der Tiefe YouTubes beschäftigt. Im Vergleich zu anderen sozialen Netzwerken wirkt YouTube noch purer und unverfälschter. Videos haben extrem unterschiedliche Hintergründe und werden trotzdem erstmal alle auf der selben Plattform hochgeladen. Meine Idee dahinter ist auch, dass ein Kollektiv aus Menschen unbewusst an der Kreation meiner Kunst teil nimmt. Ich löse mich vielleicht bald komplett in den Tiefen von YouTube auf. Kunst und Künstler einfach auflösen im Unbewussten. Geil.

Wie gestaltet sich in dem Sinne das Digging nach Samples? Lässt dich du treiben, suchst du nach bestimmten Arten von Video? Und nach welchen Kriterien entscheidest du, was du aufnimmst und wie du es in deine Stücke einbaust?
Ich habe ein paar Techniken, aber meistens lasse mich mit der Video Recommendation durch die Algorithmen treiben. Als einziges richtiges Kriterium gilt: keine reine Musik.

Online markierte die erste Katalognummer des Labels hundert, das du gemeinsam mit deinen Studiopartnern von DJ OK und DJ bwin betreibst. Welches Konzept verfolgt ihr mit hundert?
Wir wollen eine Plattform schaffen, auf der wir unsere Musik und die von unserem Freunden veröffentlichen. Wir sehen uns nicht als reines Vinyl-Label und wollen uns auch in anderen Medien ausprobieren. Demnächst erscheint eine Posterreihe, die unser Designer Albrecht Gaebel kuratiert.

Dein Beitrag zu unserem Groove-Podcast besteht ausschließlich aus eigenen Stücken, inklusive eines Remixes und zwei Kollaborationen. Warum das anstatt eines klassischen DJ-Mixes und wie bist du ihn angegangen?
Der Mix besteht zusätzlich aus kleinen Aufnahmen, die ich mit meinem Handy gemacht habe bei Reisen und in der Kneipe. Ich mag Mixe mehr, die eine Thematik verfolgen. So reine ‘das sind platten die ich mag’-Mixe langweiligen mich gerade etwas. Ich bin Produzent und habe viele Tracks, da lag das nahe. Ich fand es spannend einen dramaturgischen Bogen eines DJ-Sets eben nur mit eigenen Tracks aufzunehmen.

Obwohl du als Solo-Künstler schon sehr produktiv bist, suchst du ständig die Zusammenarbeit mit anderen Produzenten. Welchen Mehrwert siehst du in der Kollaboration?
Man lernt verschiedene Blickwinkel und Herangehensweisen auf das Produzieren kennen. Ich sehe diesen Austausch für mich immer als Bereicherung. Shoutout an Skee Mask und Gramrcy an der Stelle!

Gemeinsam mit Stanley Schmidt und Solaris hast du Ende Januar die Veranstaltungsreihe Fier aus der Taufe gehoben, für die erste Ausgabe habt ihr Mark Fell, Black Merlin, Orson Wells und DJ Fart In The Club eine recht vielseitige Bandbreite von Artists und DJs eingeladen. Was ist der Gedanke hinter der Serie und wie geht ihr die Programmierung beziehungsweise das Booking an?
Die Veranstaltung versucht einen Bogen zwischen Techno und Konzert zu spannen. Mark Fell hat unter seinem Alias Sensate Focus gespielt, bei dem zwar nur Club-Sounds zu hören sind, aber in poly-rhythmischen Pattern. Sowas finden wir spannend. Kurz darauf habe ich im Zelt Pop-Musik gespielt, Orson Wells habe ich nicht gesehen, aber ich bin mir sicher, dass er Jungle gespielt hat und Essika hat Members of Mayday gedroppt. Wir wollen wissen wo die Grenzen von Club-Musik und ihren Veranstaltungen sind. Viele Veranstaltungen wirken heutzutage verkrampft und gehen auf Nummer sicher. Das ist langweilig.

Last but not least: Wann können wir dich in nächster Zeit hinter den Decks oder live erleben und wie sehen deine Pläne als Produzent und Labelmitbetreiber aus?
Auf hundert kommt als nächstes von DJ OK eine EP namens Private Messages raus. Als Leibniz. mache ich ein kleines Album auf Tape bei PH17, bei Molten Moods wird eine Clubplatte erscheinen und irgendwann wird auch noch eine kleines Album auf hundert. Ansonsten kommen noch ein paar Remixe raus und wir machen als Label bald mehr Mode, Videos und Kunst. Des Weiteren könnte ich mir auch gut vorstellen in Zukunft Bücher, Workshops oder Powerbanks anzubieten.



Stream: Leibniz. – Groove Podcast 145

01. Tunis
02. Hamam
03. Shoyu
04. Trance u
05. Farron – Spring Break Ya Neck (Leibniz Remix)
06. Twister
07. Commit (with Gramrcy)
08. Rant (with Skee Mask)
09. Sa
10. Cossacks
11. Water Tune
12. OP
13. 666
14. Codein
15. La Marsa

Vorheriger ArtikelA DJ’s DJ: Delta Funktionen über Intergalactic Gary
Nächster ArtikelAlek S: Videopremiere von “Consciousness Outline (Roberto Clementi Remix)”
Kristoffer Cornils war zwischen Herbst 2015 und Ende 2018 Online-Redakteur der GROOVE. Er betreut den wöchentlichen GROOVE Podcast sowie den monatlichen GROOVE Resident Podcast und schreibt die Kolumne konkrit.