Vorschaubild: Sven Marquardt. Zuerst erschienen in Groove 170 (Januar/Februar 2018).

Fiedel, Errorsmith und ihr gemeinsames Projekt MMM sind vielleicht das letzte Berliner Technogeheimnis. Wie kaum ein anderer Track verkörpert „Donna“ von MMM die Aufbruchsstimmung des Berlin in den späten Neunzigern. Bisher wurden ihre lebendigen, unberechenbaren Tracks hauptsächlich von DJs aus den unterschiedlichsten Zusammenhängen gefeiert. Mit dem Errorsmith-Album Superlative Fatigue auf PAN und einem Berghain-Mix von Fiedel für Ostgut Ton wollen sie nun auch intensiver von der Bühne aus mit der globalen Technogemeinde kommunizieren.

Ich bin mit Fiedel und Errorsmith in Errorsmith’ Studio in einer alten Fabrik in Berlin-Treptow verabredet. Fiedel kennen viele als Resident-DJ des Berghain. Als Einziger dieser Gruppe von DJs verfolgt er einen breakbeatlastigen, bassverliebten Sound. In seinen Sets und Tracks kommunizieren gebrochene Rhythmen mit gradlinigem Techno. Weil er als Jugendlicher in der DDR einen kruden Mix aus Dance Music und Pop spielte, weil sich in den frühen Neunzigern die einzelnen Formen von Tanzmusik noch nicht voneinander getrennt hatten, war es für ihn im Gegensatz zu späteren DJ-Generationen keine Voraussetzung, sich auf einen bestimmten Sound festzulegen.


Stream: MMM (Errorsmith & Fiedel) – Donna

Bei Fiedel steht das Auflegen im Zentrum seiner Arbeit, bei Errorsmith ist es das Produzieren. Auch wenn seine Meilensteine aus den späten 90er- und frühen Nullerjahren stammen, ist Errorsmith nach wie vor einer der kompromisslosesten Producer der Stadt. Seine Tracks sind von einem radikalen Avantgarde-Anspruch getrieben, er benutzt keine gängigen Rhythmen und Klänge. Seine ersten Maxis klangen, als wolle er virtuosen Beat-Slicern wie Herbert oder Autechre beweisen, dass noch mehr möglich ist. Wie kein anderer Musiker der gesamten Szene setzt er diesen Anspruch auch auf einer technischen Ebene um. Als Entwickler eigener Software-Synthesizer baut er seine Instrumente selbst. Diese selbstgeschaffene Klangwelt wirkt kompromisslos futuristisch, in den Tracks entwickelt sie eine nicht zu kontrollierende Ruhelosigkeit. Errorsmith hat keinen geringeren Anspruch, als jegliche Form von Erwartbarkeit zu vermeiden. Dieses Ideal bringt ihn selbst an seine Grenzen: Bisher sind von ihm allein nur wenige Platten erschienen. Jetzt veröffentlicht er nach 15 Jahren ein neues Album auf Pan.

Der gelassene Fiedel und der unruhige Errorsmith sind entgegengesetzte Charaktere, vielleicht funktionieren sie deshalb so gut als Duo. Als MMM produzierten sie einen der größten und schönsten Technohits der Neunziger: Der kalte Funk von „Donna“ ist vom elektronischen Discosound von Donna Summer und vom schroffen Funk von Anthony Shakir oder Aux88 geprägt. Die endlos modulierten Synthesizer klingen so bohrend wie verspielt zugleich, so insistierend wie unbekümmert.

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