Fotos: Christoph Mack. Zuerst erschienen in Groove 170 (Januar/Februar 2018).

Musikalisch saß Nils Frahm schon immer zwischen den Stühlen, intime Klavierimprovisationen fanden sich auf seinen Platten ebenso wie rhythmische Juno-60-Sequenzen. Mit All Melody hat der 35-jährige Musiker nun sein bislang vielfältigstes Album aufgenommen. Im Interview erzählt er über Hausmusik mit seinem Vater, DJ-Sets im Hamburger Golden Pudel Club und den Einfluss, den sein neues Studio auf seine Musik hat.

Wer Nils Frahms Musik nur von seinen Platten kennt, kann leicht den Eindruck gewinnen, dass dahinter ein in sich gekehrter Mensch vom Schlage eines James Blake steckt. Wer ihn schon mal im Konzert gesehen hat, weiß, dass der gebürtige Hamburger auch ein Talent als Alleinunterhalter hat. Beim Interviewtermin verspätet er sich leicht, die Polizei hatte sein Auto aufgrund der erhöhten Fahrgeschwindigkeit angehalten. Aufgewachsen ist Nils Frahm mit der ECM-Plattensammlung seines Vaters (der auch einige Plattencover für das Münchner Label fotografierte), als Teenager wurde er zum Fan von 4 Hero und Matthew Herbert.

Diese verschiedenen musikalischen Welten finden sich auch heute in seiner Arbeit wieder. Als einziger Musiker tritt er sowohl bei den traditionsreichen Proms in der Royal Albert Hall wie auf Sven Väths 50. Geburtstag auf und spielt auf so unterschiedlichen Festivals wie dem Montreux Jazz und Melt!. Seine Stücke werden millionenfach in Spotifys „Peaceful Piano“-Playlist gehört, während sich auf seiner eigenen Late Night Tales-Compilation Tracks von Rhythm & Sound und Four Tet finden.

Mit seinem neuen Album All Melody hat Nils Frahm sein Soundspektrum deutlich erweitert und klingt dennoch nach sich selbst. Synthesizer-Improvisationen machen diesmal den Kern des Albums aus und neben Solostücken hat er auch mit befreundeten Musikern und Instrumenten wie Trompete, Cello und Bass-Marimba sowie einem Chor zusammengearbeitet. Möglich wurden die Aufnahmen für das Album erst durch Nils Frahms neues Studio. Er selbst nennt es „den vielleicht schönsten Proberaum Berlins“. Tatsächlich ist das noch deutlich untertrieben. Der Saal 3 im Berliner Funkhaus ist mit 140 Quadratmetern und fast sieben Meter Deckenhöhe nicht nur von der Größe und Akustik her ein Pendant zum legendären Abbey Road Studio 2.

Der Raum wurde in den 50er-Jahren als Aufnahmesaal für Kammermusik konzipiert und steht heute unter Denkmalschutz. Die Wände sind mit stilisierten Lilien versehen, die Decke besteht aus Holzkassetten. Neben dem eigentlichen Saal befindet sich ein Kontrollraum, für den Nils Frahm ein neues Mischpult bauen ließ, dahinter ist ein Echoraum, der in einer Zeit vor Effektgeräten dazu diente, den Aufnahmen Raum zu verleihen. Für All Melody hat er ihn neu mikrofoniert. Über ein Jahr lang hat Nils Frahm den Raum renovieren lassen, hat auch neue Anschaffungen bis ins Detail an den Stil des Saals angepasst: Als Synthesizerständer dienen alte Registerschränke und der Monitor wurde in passendem Holz eingefasst.

Die meiste Zeit wurde das Gebäude an der Spree vom Rundfunk der DDR benutzt. Seit 2016 ist der große Hauptsaal auch der Öffentlichkeit zugänglich, unter anderem fanden hier bereits Konzerte mit Kaitlyn Aurelia Smith, Giegling und Ricardo Villalobos statt.

 


 

Wie kamst du zu diesem prächtigen Aufnahmestudio?
Ich hab das Gefühl, dass der Raum mich gefunden hat. Ich war hier schon diverse Male drin, sowohl hinter dem Glas als Produzent im Kontrollraum als auch als Musiker davor. Zum Beispiel hab ich hier auch den Soundtrack zu dem Film Victoria eingespielt. Irgendwann habe ich dann den Eigentümer Uwe Fabich kennengelernt und er fragte mich, ob ich hier nicht einziehen möchte. Das ging dann ganz schnell. Ich hab dann unter anderem eine Belüftung einbauen und den Holzfußboden im Kontrollraum neu verlegen lassen. Das war alles sehr stickig und muffig. Als ich hier einzog, war der Raum zwar toll, aber total abgerockt.

Vorher befand sich dein Studio im Schlafzimmer deiner Wohnung. Das ist ein ganz schön großer Schritt vom Bedroom-Studio zu einem 140-Quadratmeter-Saal mit hervorragender Akustik.
Mein Schlafzimmer war für mich schon immer auch ein Studio. Und eigentlich ist das auch immer noch so, nur umgekehrt. Ich verbringe hier auch viele Nächte auf der Matratze, die im Kontrollraum liegt. Bei mir zu Hause ist das mit meinen ganzen Instrumenten irgendwann an ein Limit gekommen. Zusätzlich zu meinem Studio hatte ich neben dem Sisyphos Club auch noch einen 14-Quadratmeter-Proberaum, in dem meine PA, mein Fender-Rhodes-Piano und meine Keyboards standen. Aber das war alles bis oben hin zugestellt: ein Albtraum aus Platzmangel.

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