Als Mieter müsstet ihr doch ein Vorkaufsrecht gehabt haben, oder wäre der Kauf des Gebäudes nicht eine Option gewesen?
Das wäre der einzige gangbare Weg gewesen, um das Watergate langfristig als Club und auch als Arbeitgeber zu sichern. Wir waren sogar mit unserer Hausbank so weit, dass wir es tatsächlich hätten bewerkstelligen können, nur der alte Vermieter hat sich kurzfristig für einen anderen Käufer entschieden. Die Annahme, dass es ein Vorkaufsrecht für Gewerbemieter gibt, ist leider nicht richtig. Der Gewerbemieter hat in Deutschland kein Recht, nur viele Pflichten. Es gibt weder ein Vorkaufsrecht noch eine Begrenzung oder Staffelung des Mietzinses. Ist der Mietvertrag erst mal zu Ende, kann der Vermieter machen, was er will. Er kann sich weigern, dir einen neuen Mietvertrag zu geben, er kann die Miete erhöhen so hoch er will, sprich er kann das doppelte, das 10-fache oder das 100-fache verlangen. Der Markt regelt den Preis, wie es so schön heißt! Meiner Meinung nach müsste hier der Gesetzgeber schnellstens reagieren, sonst wird es in absehbarer Zeit keine klein- oder mittelständische Betriebe in den Innenstädten mehr geben. Egal ob Club oder Tischlerei! Das Real-Estate-Casino ist eröffnet und die Politik hofiert bei den internationalen Geldgebern. Welche Stadt – die meisten sind ja hoch verschuldet – traut sich den internationalen Investoren Obergrenzen, sprich Regularien aufzuerlegen? Ganz so nebenbei: Berlin hat ungefähr 60 Milliarden Euro Verbindlichkeiten offen und wenn man die Beamtenpensionen bis 2040 mit einrechnet, sogar um die 140 Milliarden! Die 0-Zins-Politik der EZB sowie die immense Verschuldung von Bund, Land und Städten gibt den Investoren die Möglichkeit, sich alles anzueignen. Das geht alles auf unsere Kosten. So werden unsere Lebenswerke zerstört, Firmen werden abgewickelt und gehen in die Pleite. Das System muss weiter am Leben gehalten werden, eigentlich eine Insolvenzverschleppung!

Wie kommuniziert ihr mit dem neuen Besitzer des Gebäudes, gibt es da irgendeine Hoffnung auf Konsens?
Wir haben schon einige Sitzungen hinter uns. Der Konsens ist, dass wir weiterhin bleiben dürfen, die Miete sich aber verdoppelt. Mehr ist hier nicht zu erreichen! Man kann dem Investor auch nicht viel vorwerfen. Er agiert im Rahmen der gesetzlichen und mietrechtlichen Vorgaben. Er kauft teuer, also vermietet er auch teuer! Das Problem liegt hier ganz klar beim Gesetzgeber. Wo ist der Bestandsschutz für lokale Unternehmungen?

Wie siehst du die Entwicklung in der unmittelbaren Nachbarschaft? Druck kommt ja von unterschiedlichen Richtungen, sei es die Gentrifizierung durch große Firmen, Bauprojekte und ein immer kommerzieller werdendes Nachtleben mit offener Straßenkriminalität.
Kreuzberg hat durch sein traditionell linkes Umfeld Grüne und Linke in der Bezirkspolitik, die in ihren Möglichkeiten versuchen, die soziokulturelle Vielfalt zu erhalten. Es wird im Zuge der sogenannten Modernisierung weiterhin Entwicklungen geben, die auch Kreuzberg immer mehr zu einer gewöhnlichen Stadtmitte machen. Städte sind mittlerweile Renditeobjekte für internationale Investoren – bis die Blase platzt. Doch dann sind wir schon alle gegangen worden. Von der Entwicklung der Renditemaximierung werden nur die Projekte ausgenommen sein, die das Glück haben, in einem Haus zu sein, welches gemeinschaftlich betrieben wird oder wenn der Privatinvestor kein Interesse an Verdrängung oder Maximierung seiner Rendite hat. Die zunehmende Straßenkriminalität ist auch ein Faktor, der unter anderem der Globalisierung geschuldet ist. Die Menschen, die keine Arbeit finden oder aufgrund ihres Status nicht legal arbeiten dürfen, fangen an zu dealen oder zu klauen. Von irgendetwas wollen die auch leben und sie müssen auch etwas nach Hause zu ihren Familien schicken. Die sind schließlich nicht zum Partymachen hierher gekommen. Der Rückzug der Politik aus dem öffentlichen Straßenland durch das Abschaffen von X Stellen zum Beispiel bei der Polizei trägt sicherlich nicht zur öffentlichen Sicherheit bei!