„Wir spielten die Trommeln bei der Messe. Manchmal groovten wir fünf Minuten lang dahin und gingen dann plötzlich in ein Drum-Break über – die Leute flippten aus“, sagt Steve und lächelt. „Dadurch lernten wir schon sehr früh, wie man das Publikum in den Griff bekommt.“ 2002 bekamen sie Appetit auf Musik, die über die angesagten HipHop-Hits hinausging. Vater Steve Martinez senior versorgte seine Söhne mit Perlen aus seiner Plattensammlung, mit Klassikern aus den Fächern Jazz, Salsa und Disco. „Jazz mochten wir vor allem, weil wir als Schlagzeuger ein Faible für interessante Rhythmen hatten“, sagt Steve. „Das Disco-Zeug von Sylvester und Powerline fanden wir vor allem in Kombination mit Geschichten unseres Vaters toll.“ Dieser war nämlich zur Hochphase der Disco-Bewegung ein Stammgast in legendären New Yorker Clubs wie der Paradise Garage. Durch Erzählungen von seinen Abenteuern unter der Spiegelkugel und den Sets des legendären Larry Levan leckten die zwei Brüder Blut – und beschlossen selber DJs zu werden. Allerdings ohne wirklich zu wissen, was ein DJ so macht. „Oh Mann, ich wünschte, es hätte damals schon YouTube gegeben“, sagt Steve.

„Wir hatten keine Ahnung davon, wie es im Inneren eines Clubs oder wie der Alltag eines DJs aussieht. Wir hörten uns einfach DJ-Mixes unserer Helden wie Quentin Harris, Louie Vega und Dennis Ferrer an und brachten uns das Auflegen mit billiger Software selbst bei”. Und nicht nur das: Sie schickten erwähnten Idolen auch bald begeisterte Mails, in denen sie ihren Respekt bekundeten. Dennis Ferrer war angeblich so von der Fanpost der Teenager gerührt, dass er einen Mix von ihnen anforderte – und ihnen daraufhin einen 4-Uhr-Früh-Slot im legendären Club Shelter anbot. Von der New York Times in einem Interview 2008 darauf angesprochen, meinte Ferrer: „Ich hatte keine Ahnung, ob die zwei gut sind oder nicht. Aber ich dachte, beschere den Kids doch ein verfrühtes Weihnachten, warum nicht?“

The Martinez Brothers by Greg Swales

Dieser Auftritt 2006 war die erste richtige DJ-Erfahrung der Martinez Brothers. Und die zwei Grünschnäbel packten die Chance beim Schopf. Ihr Vater musste sie vom Eingang bis zur DJ-Kanzel begleiten, die beiden waren damals erst 17 und 14 Jahre alt. Dort angekommen allerdings mischten sie den Laden nach allen Regeln der DJ-Kunst auf. Nach einer Stunde leerten sich angeblich die anderen Floors des Clubs, weil alle die zwei DJ-Wunderknaben sehen wollten. So erinnert sich zumindest Ferrer: „Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Der Promoter fragte mich, ob ich später die Decks wieder übernehmen würde. Ich sagte nur: Wozu?“

Extrovertierter Armakrobat & introvertierter Kopfnicker

Diese unglaubliche Energie, die die Martinez Brothers bei ihren Gigs freisetzen, ist auch an diesem Abend in London bis in die letzte Clubecke spürbar. Als die beiden die DJ-Kanzel entern, spielt Tiga gerade seine Schlussnummer. Der kanadische Veteran ist in diesem Monat Resident im XOYO, für seine letzte Nacht hat er die Brüder gebucht. Nach einigen Umarmungen und Witzchen über Tigas Andre-Agassi-Jacke legt Steve mit seinem neuen Edit eines Heaven-17-Klassikers los. Danach gleich eine weitere Eigenproduktion: „Stuff In The Trunk“, die aktuelle Single der beiden, Miss Kittin am Mikrofon.