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Die Solomun-Tapes, Teil 1: Wiedererweckung in einer neuen Welt

Solomun ist weltweit einer der bekanntesten House-DJs, vielleicht sogar der bekannteste. Mit seiner hünenhaften Gestalt, seinen ruhigen, energiegeladenen Grooves und seiner Ausdauer bildet er für Tänzer:innen auf der ganzen Welt einen Fixpunkt hinter dem DJ-Pult. Chefredakteur Alexis Waltz traf ihn in Hamburg für ein ausgiebiges Gespräch über seinen Werdegang.

Ein zweistöckiges Haus im beschaulichen Hamburger Stadtteil Harvestehude: Hier sind nicht nur Solomuns Label DIYnamic, sein Management und die Booking-Agentur seines Partners Adriano Trolio ansässig, sondern auch zwei neu gegründete Firmen, die verschiedene Projekte im Technologiebereich verfolgen. So geht es hier trotz Corona vergleichsweise geschäftig zu. Mladen Solomun aber wirkt gelassen.

Solomun und seine Crew waren im Jahr 2012 auf dem Cover der GROOVE. Damals war er eine Hamburger Szenegröße, hatte gerade seine DIYnamic-Familie aufgebaut und machte mit dem EGO seinen eigenen Club. Ein Jahrzehnt später ist er ein internationaler Superstar, der wie kein anderer das Geschehen in der House Music überschattet. Anlass des Gesprächs ist sein zweites Album Nobody Is Not Loved, auf dem so verschiedene Künstler:innen wie ÄTNA, Zoot Woman, Planningtorock und Hollywood-Star Jamie Foxx zusammenkommen.

Wir sprechen aber ebenso über sein Erleben der Pandemie. Die habe ihn dazu gebracht, mehr Zeit in Hamburg zu verbringen als in den vergangenen 15 Jahren, sagt er und fügt lächelnd hinzu: „Zur Freude meiner Mutter.” Auch die GROOVE-Titelgeschichte von 2012 zeichnet Solomun als Familienmensch. Auf der einen Seite ist seine House-Familie mit Label und Club. Aber auch seine eigene Familie ist präsent: Seine Schwester, die heute auch als DJ aktive Magdalena, managte damals den Club. Auch wenn seine Arbeit auf mehreren Ebenen einen persönlichen Touch hat: Privates versuche er aus Social Media herauszuhalten.

Solomun hat gut lachen (Foto: Chino Moro)

Wie bei allen Künstler:innen interessiert mich, wie Solomun die elektronische Musik entdeckt hat. Ein Cousin, der 20 oder 21 war und gerade anfing auszugehen, habe ihm eine Kassette mit einem Live-Mitschnitt aus einem Club geschenkt. „Warum man einem Zehnjährigen so eine Kassette schenkt – keine Ahnung! Du hörst dann ja Musik auf eine Art und Weise, wie du sie noch nie zuvor gehört hast”, lacht er. Trotzdem sei er sofort von den fremden Sounds begeistert gewesen. „Das war wirklich spannend, nochmal ein ganz anderer Sound, den ich noch nicht aus dem Radio kannte.”

GROOVE: Das war 1984 oder 1985.

Der Samen war gesät, das war eine Erweckung. Wir hatten ein Haus der Jugend bei uns im Viertel. Das war ein Auffangbecken, damit die Jugendlichen keinen Mist bauen. Eine Diskothek gab es auch, immer mittwochs, zwischen sechs und zehn Uhr. Mit 14 habe ich angefangen, dorthin zu gehen. Das war natürlich keine richtige Diskothek. Da waren Jungs auf dem Dancefloor, die mit den Mädels Fangen spielten, und die Musik lief nebenher. Aber manchmal hat auch jemand getanzt. Ein Betreuer bemerkte, dass ich ein Rieseninteresse an der Musik zeigte.

Wer war dort für die Musik zuständig?

Ich habe dort gelernt, aufzulegen und Vinyl zu mixen. Der Betreuer hat mich beauftragt, die Platten für das Haus der Jugend auszusuchen. Da gab es ein Budget von 80 Mark. Das hat mich reingezogen. Nach einem Jahr hatte ich eine kleine Plattensammlung aufgebaut. Die durfte ich dann auch behalten, das war total lieb von denen. Oder ich habe mir im Nachhinein eingeredet, dass ich sie behalten durfte – das weiß ich nicht mehr. (lacht)

Hast du auch außerhalb des Hauses der Jugend gespielt?

Später, mit 17, habe ich auch ab und zu auf kleinen Privatpartys von Freunden aufgelegt. Irgendwann hat mir jemand auf einer Party alle Platten geklaut. Ich hatte mein ganzes Geld für die Platten ausgegeben. Geld von Geburtstagen, vom Jobben – das war alles weg. Das war für mich ein Dämpfer. Danach waren erst mal andere Sachen Thema. Ich habe mich verloren und verlaufen und erst spät wieder den Weg zur Musik gefunden.

Wann war das?

Ich war 22, 23. Anselm [Woesler, Anm. d. Red.], ein Freund von mir, der heute für mich arbeitet, hat mich auf eine Party mitgenommen. Antonelli Electr. hat live gespielt. Ich war vorher mal auf einer Goa-Party, was ich spannend fand. Die Musik war okay, aber vor allem habe ich dieses Trancige, dieses Sich-Fallenlassen verstanden. Ich mochte das Losgelöste, das Nicht-Wertende, was diese Szene an sich hatte. Jeder war dort willkommen. Dann war ich aber auf dieser Party mit Antonelli und total geflasht. Die Musik, dieser melodische Techno, hat mich echt mitgenommen. Das war die Wiedererweckung.

„Dann war ich aber auf dieser Party mit Antonelli und total geflasht – das war die Wiedererweckung.”

Dazwischen liegen in Solomuns Biografie mehrere Stationen. Nach der Schule und einer eher orientierungslosen Phase arbeitet er schließlich ein paar Jahre lang für die kleine Firma seines Vaters als Trockenbau-Monteur auf dem Bau. Nach der Wende ist er für drei Monate auf Montage auf einer Baustelle in Greifswald. Sein Vater beschäftigte zu dieser Zeit Verwandte aus Bosnien, die vor dem Bürgerkrieg nach Hamburg geflohen waren. Mladen ist einer der wenigen deutschen Muttersprachler und sitzt bald, kaum 20 Jahre alt, mit Bauleitung und Architekt:innen an einem Tisch. „Am Anfang habe ich dagegen rebelliert, dass mein Vater mich zu sich auf den Bau geholt hat. Aber mit der Zeit habe ich immer mehr Interesse daran entwickelt. Und je mehr ich gelernt habe, desto mehr Spaß hat mir das Ganze auch gemacht.”

Wie hast du begriffen, dass deine Zukunft nicht auf dem Bau liegt?

Es gab einen Moment in Greifswald. Wir haben zu viert in einem Container geschlafen. In einem größeren Container befand sich die Gemeinschaftsküche, in der wir abends immer gekocht und den einen oder anderen Slivovic getrunken haben. Der Job war anstrengend, aber die Abende mit den Kollegen, die ja Familie waren, die waren schön und lustig. Die Toiletten befanden sich natürlich auch in einem Container. Irgendwann am letzten Abend, als wir das Projekt abgeschlossen hatten, musste ich diesen Ort mal aufsuchen. Dann saß ich da so auf der Toilette, keine Menschenseele war da, ich war in meine Träume vertieft und dachte mir: „Dieses Leben hier ist zwar nicht schlecht, aber vielleicht gibt es ja auch noch was anderes.” Da hat sich meine kreative Seite zu Wort gemeldet.

Du wolltest keine Karriere in der Baubranche machen, das ist nur zu verständlich. Wo aber wolltest du hin?

Es war erst mal nur ein Gefühl: Ich musste den Kopf frei kriegen und Zeit für mich haben. Glücklicherweise hatte ich ein bisschen was gespart und konnte mir die Auszeit leisten.

Wie ist diese Phase dann zu Ende gegangen?

Irgendwann hatte ich das Gefühl, wieder was machen zu müssen. Ich habe mit Aushilfsjobs angefangen, als Bellboy im Hotel gearbeitet und Koffer hochgetragen. Danach war ich bei einer Firma tätig, die Events veranstaltet hat. Dort habe ich einen Rekord gebrochen und 24 Stunden am Stück gearbeitet. Ich habe den Aufbau gemacht, Tische aufgestellt, die Gläser poliert, die Bar gemacht, am Ende noch gespült und abgebaut. Aber das hat mir wirklich Spaß gemacht, das war eine Clique, da gab es ein Gemeinschaftsgefühl. Eigentlich habe ich am liebsten an der Spüle gearbeitet, im Unterhemd, und mich mit den Kellner:innen, die die Gläser gebracht haben, gebattlet: „Was? Das ist alles, was ihr habt?”

Auf dem Bau geschwitzt, im Kino desillusioniert, in der Musik gehört

In Solomuns Leben gibt es zu dieser Zeit neben der Musik noch eine weitere Leidenschaft: das Kino. Der heute weltbekannte Regisseur Fatih Akin, ein Freund Solomuns aus Teenager-Zeiten, feiert in den Neunzigern seine ersten Erfolge. Er inspiriert auch ihn, sich im Filmbereich auszuprobieren. Er hilft bei einem Dreh des Abschlussfilms eines Freundes seiner damaligen Freundin. „Ich habe Zombies gespielt, ich habe hinter der Kamera geholfen, Kaffee gekocht, Kabel getragen und alle möglichen anderen Aufgaben erfüllt”, erinnert er sich. „Das war so inspirierend, das als DIY-Ding umzusetzen. Mit so wenig Mitteln so viel hinzubekommen.”

Mladen beginnt bei Filmproduktionen zu arbeiten: als Fahrer, als Praktikant, Aufnahmeleiter, Beleuchter und irgendwann auf der Kamerabühne. Er gründet mit zwei Freunden eine Produktionsfirma, Hajde Productions, mit der er für 5000 Mark einen aufwendigen Kurzfilm produziert. Ein Regie-Praktikum an einem Tatort-Set und vor allem ein Empfang der Hamburger Filmförderung zeigen ihm aber, dass er sich trotz seiner Leidenschaft für den Film mit dem zwischenmenschlichen Umgang in der Branche nicht anfreunden kann. „Ich war an dem Abend vielleicht auch sehr sensibel, aber ich habe mich bei dem Empfang mit den ganzen aufgesetzten Leuten überhaupt nicht wohlgefühlt. Da war so viel Pose und Affektiertheit, damit bin ich nicht klargekommen. Heute muss ich sagen: zum Glück. Dadurch habe ich mich dann ganz auf die Musik konzentriert, die ja parallel lief und immer mehr Platz eingenommen hat.”

Dieses Mal hatte Solomun weniger Ersparnisse als nach der Zeit auf dem Bau. Von seinem letzten Geld kaufte er sich einen Computer und besorgt sich eine gecrackte Version von Logic.

„Es ging schon um Spaß.”

Im Schanzenviertel veranstaltet Solomun seine erste Partys in einer ehemaligen Autowerkstatt eines Freundes, der dort künstlerisch mit Stahl arbeitet. Die Veranstaltung bewirbt er nur mit selbstgemachten Flyern und Mundpropaganda, trotzdem stehen hunderte Leute vor der Tür. „Vielleicht war die Location interessant, vielleicht hatte man damals auch das richtige Umfeld oder man hat einfach nur Glück gehabt”, mutmaßt Solomun. 

Die nächste Etappe ist eine monatliche Party. In der Bernsteinbar im Schanzenviertel legt Solomun unter seinem ersten DJ-Namen DJ Play auf. Hier lernt er auch seinen späteren Partner Adriano Trolio kennen, der bis heute sein Booker ist. Adriano war damals schon Veranstalter in Hamburg. „Er war ziemlich erfolgreich mit La Cage, das war damals die beliebteste Schwulenparty der Stadt. Er fand toll, was ich gemacht hab. Weil die Bernsteinbar zu klein wurde, fragte er, ob wir nicht gemeinsam was Neues starten wollen.” 

Im alten C&A-Gebäude am Nobistor am Ende der Reeperbahn eröffneten im Jahr 2002 die Clubs Phonodrome, Click und Echochamber. „Das Echochamber war eine Misch-Location, dort gab es Drum’n’Bass, Electro und Hip Hop. Wir sind mit unserem neuen Namen ‚DIY Electronics’ hingegangen, um eine regelmäßige Party für unsere Freunde zu machen.”

Das war zu der Zeit des rigiden Minimal. Ihr wart Außenseiter, vielleicht etwas offener und poppiger im Sound.

Nicht unbedingt poppiger, aber auf jeden Fall melodischer. Es stimmt schon, im Minimal-Bereich waren wir weniger aktiv und haben nicht so viel Techno gemacht. Wir haben aber bei unseren Bookings ein größeres Spektrum abgedeckt. Jesper Dahlbäck etwa haben wir auch gebucht, oder Ark aus Paris. Kristian von Âme war einer der Ersten, der vor 20 Jahren bei mir gespielt hat. Da hat er bei mir auf der Couch gepennt – das würde ihn heute wahrscheinlich so wenig stören wie damals. (lacht)

Ihr hattet eine positive, hedonistische Ausstrahlung. Es durfte mehr als die Bassdrum sein.

Klar, es ging uns schon um Spaß, und nicht darum, verkopft zu sein. Außerdem fand unsere Party nur einmal im Monat statt. Wir haben gemacht, worauf wir am meisten Lust hatten. Natürlich gab es damals Clubs, die echte Institutionen waren und mehr für die Szene getan haben als wir mit unseren DIY-Partys. Ob das der Golden Pudel Club mit der Dial-Posse war, die dort regelmäßig gespielt hat. Oder das Click, das es leider nicht so lange gab, das aber im House- und Techno-Bereich zu der Zeit vielleicht am meisten bewirkt hat und eine echte Alternative zu Berlin war. Die Tanzhalle darf man nicht vergessen, die eine enge Verbindung zu den Kölnern rund um Kompakt hatte. Das sind drei Clubs, die ich selber sehr geliebt habe, wo ich oft und lange zu Gast war.

Eine Dreiecksgeschichte aus Club, Label und Auflegen

2004 werden die DIY-Electronics-Partys heimatlos, nachdem das alte C&A-Gebäude, das die Echochamber beherbergte, abgerissen wird. In dieser Zeit hat Solomun seinen ersten Berlin-Gig im Rio und seinen ersten Auftritt auf der Fusion. Dort lernt er H.O.S.H. kennen, der später sein Mitbewohner wird. In dieser Zeit wird auch Martin Stimming, der „Techno-Rebell aus Frankfurt”, Teil der Gruppe. Solomun und er fangen an, gemeinsam Tracks zu produzieren.

Was die Partys angeht, haben Adriano und Mladen das Gefühl, dass sie etwas Eigenes brauchen: „Räume für uns, in denen wir Kunst und Musik verbinden. Wir wurden in der Schanze fündig, in einem Hinterhof”, erklärt Solomun. Ihnen schwebt ein Ort vor, der unter dem Vereinsmantel verschiedene künstlerische Sparten verbindet. In Berlin ist das zu dieser Zeit schon ein gängiges Modell, in Hamburg noch eher unbekannt. „Unten befand sich eine türkische Bäckerei namens Rodi Brot, die bis heute ganz Hamburg mit Fladenbrot beliefert. Im ersten Stock waren die Jesus-Freaks, das war eine leicht freakige christliche Community, die dort ihre Gottesdienste abhielt. Und darüber befand sich ein Kindergarten.”

So grimmig blickt Solomun selten drein (Foto: Chino Moro)

DIY werden also zu Untermietern der Jesus-Freaks und aus Rodi Brot wird der RoDIY e.V.
„Wir haben gefragt, ob wir deren Räume umbauen können. Adriano und ich haben da unser ganzes Geld reingesteckt, haben gebaut, gestrichen, gewerkelt. Dort hatten wir unsere erste wöchentliche Veranstaltung, jeden Samstag.” Die Party heißt Saturday, I’m in Love, benannt nach dem Song „Friday, I’m in Love” von The Cure. Bei der Eröffnung spielen Daniel Schoeps, Solomuns heutiger Manager, und Jakob Grunert, der bei verschiedenen Solomun-Musikvideos Regie geführt hat. Sie interpretieren „Friday I’m in Love” als „Saturday I’m in Love” auf zwei Fender Rhodes. Vor jedem Event findet eine Lesung – Die RoDIYssee – statt, unter der Woche gibt es Ausstellungen. Die Veranstaltungen werden zu dieser Zeit nur via E-Mail beworben.

In der Zwischenzeit produziert Solomun mit Stimming Musik. Kai Fraeger vom Hamburger Vinyl-Vertrieb Wordandsound motiviert ihn, sein eigenes Label zu gründen. Der Name war schnell gefunden: DIYnamic.

Auf DIYnamic firmierst du von Anfang an als Solomun, nicht mehr als DJ Play.

An einem Abend haben wir mit Eurokai, der das Label liebe*detail gemacht hat, und einem anderen Freund abgehangen und gekifft. Ich habe irgendwann gesagt: „Jungs, ich habe das Gefühl, ich brauche einen neuen DJ-Namen.”

Du hattest das Gefühl, dass die Zeiten von DJ Play vorbei sind.

Bevor ich begann, Musik zu veröffentlichen, hatte ich noch die Chance, einen DJ-Namen zu finden, der nicht DJ Play ist. Wir hatten eine Menge an lustigen und unsinnigen Namen auf dem Tisch. Als wir schon im Gehen waren, meinte Kai zu mir: „Warum nennst du dich eigentlich nicht Solomun?” (lacht) „Das ist dein Nachname, ist doch super.” Ich wäre da nie drauf gekommen. Aber irgendwie hatte es was, so kurz und knapp, wie es war.

Wie ging es nach dem RoDIY mit den Veranstaltungen weiter?

Mit unserer Party im Uebel & Gefährlich, die wir im Anschluss an das RoDIY gemacht haben, sind wir eine große Marke geworden. Das war die Energie. Wir haben gemerkt, dass wir ein Netzwerk haben, wir haben verstanden, was wir können.

Im EGO, eurem ersten eigenen Club, den ihr 2009 eröffnet habt, hattet ihr am Anfang Probleme mit dem Geschäftsführer. Ihr musstet ihn im Zuge eines Kompromisses mit dem Eigentümer beschäftigen.

Er hat uns leider völlig im Stich gelassen und wollte eine übertriebene Abfindung kassieren. Das war richtig anstrengend. Wir mussten Anwälte beschäftigen. Außerdem starb zu dieser Zeit auch mein Vater.

Dennoch wurde das EGO eine Erfolgsgeschichte.

Die Verbindung von Club, Label und Auflegen war für mich eine schöne Dreiecksgeschichte, weil sich alles gegenseitig befruchtet hat. Ich hatte im Gebäude vom EGO mein Studio oben über dem Club. Martin hatte sein Studio nebenan. Außerdem hatten wir Platz für unsere Büros, von wo aus meine Schwester den Clubbetrieb gemanagt hat.

Wie haben sich Club und Label gegenseitig befruchtet?

Wir haben den DIYnamic-Sound in den Club gebracht. David August, H.O.S.H., Stimming, Kollektiv Turmstrasse und ich waren Residents. Dadurch war man nicht abhängig von den Gast-DJs. Einmal im Monat waren Smallville zu Gast. Und viele von den Künstler:innen, die wir damals als Gäste gebucht haben, treffe ich ja heute immer noch sehr regelmäßig, ob es Dixon, Nina Kraviz, Carl Craig, Seth Troxler oder Maceo Plex ist.

„Energie folgt immer der Aufmerksamkeit. Das begleitet mich mein ganzes Leben.”

Mit dem EGO geht 2014 ein Kapitel in Solomuns Karriere zu Ende, unser Gespräch im verregneten Hamburg aber noch lange nicht. Nach etwas mehr als zwei Stunden spüre ich, wie mich das Gespräch fordert und auch Solomuns Konzentration scheint ein wenig nachzulassen. Ein anderes Interview wäre bald vorbei. Nicht dieses. Wir sind noch lange nicht in der Gegenwart angekommen. Es gibt noch viel zu sagen. Einen Moment später ist Solomun wieder ganz da, und ich fühle, was seine Fans millionenfach auf Clubs und Festivals gespürt haben: Dieser Mann lässt einen nicht im Stich. Er hört nicht mitten in der Geschichte auf, er zieht es bis zum Ende durch, auch wenn ihn dabei ein Kollege stützen muss.

Er habe noch nie so lange mit einem Journalisten geredet, sagt er am Ende des Gesprächs. Dass das Interview trotz seiner Länge von fast vier Stunden nicht ermüdend ist, liegt vielleicht daran, dass bei Solomun Beharrlichkeit nie zu Verbissenheit führt; dass er das Interview mit derselben Gelassenheit beendet, mit der er es begonnen hat. In mir hallen Sätze nach, die er am Anfang des Gesprächs gesagt hat: „Energie folgt immer der Aufmerksamkeit. Das begleitet mich mein ganzes Leben. Man ist dieser Leidenschaft und diesem Gefühl gefolgt, weil man es will. Deshalb ist daraus etwas entstanden. Dass ich am Ende den Weg der Musik eingeschlagen habe, hat einen Grund gehabt. Die Vorgeschichte mit dem Tape als Kind, dann diese Haus-der-Jugend-Episode, dann die Wiedererweckung in einer neue Welt. Etwas hat sich in mir entwickelt.”

Wie Mladen zum international aktiven DJ wurde, erfahrt ihr im zweiten Teil 2 der Solomun-Tapes, der nächste Woche erscheinen wird.

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