Kollektive Sehnsucht nach Freiheit

Auch bei der kreativen Coverart, wegen der die Giegling-Platten begehrt und gefeiert sind, steht das kollektive Gestalten im Vordergrund. Beuys’ viel zitierten Ausspruch „Jeder Mensch ist ein Künstler“ nimmt Syć wörtlich und stellt sich in die Tradition des Fluxus, dessen avantgardistische Anhänger seit den Sechzigern den althergebrachten Begriff des Kunstwerks elementar angriffen. Bei der Gestaltung von Matthias Reilings Release „Gefällt Mir Nicht Mehr“ ließ das Kollektiv daher reale Gefängnisinsassen das Blut auf das Cover malen. Andere Plattenhüllen gaben sie zum Ausmalen an Kindergärten oder Seniorenheime. An der Gestaltung der Platte „The Golden Age“ von Map.ache waren Menschen mit Behinderung beteiligt. „Uns geht es um eine neue Art von Kunst, die den Individualismus überwinden muss. Das steckt hinter Syć: ein horizontales Denken, das keine Hierarchien kennt.“ Dass die Giegling-Platten als Unikate oft teuer auf Discogs verkauft werden, ärgere sie daher schon, denn um Wirtschaftlichkeit gehe es ihnen nicht.

„Uns geht es um eine neue Art von Kunst, die den Individualismus überwinden muss.“

„Es ist immer dieser gewisse irrationale Mehraufwand, der das, was wir machen, ausmacht. Jedes Cover wird von uns einzeln gestaltet, das Ø Festival haben wir auf einer schwer zugänglichen dänischen Insel gemacht, die nur limitierte Platzkapazitäten hat. Da wird nicht drauf geachtet, ob das jetzt wirtschaftlich ist oder nicht“, beschreiben sie die idealistische Quintessenz. Als politische Kapitalismuskritik wolle das Kollektiv seine Kunst aber dennoch nicht verstanden wissen. Vielmehr gehe es um einen gelebten Idealismus, eine kollektive Sehnsucht nach Freiheit und um die Leidenschaft für die gemeinsame Sache. Gleichzeitig versteht das Kollektiv seine Kunst als eine Art soziales Experiment, das auch für das gesellschaftliche Zusammenleben eine Übung sein kann.

Syć bewegen sich an der Schnittstelle zwischen Kunst, Kultur und Sozialem und erschaffen durch ihre Arbeit soziokulturelle Räume, in denen neue Arten der Partizipation und Selbstverwirklichung entstehen können. Oder etwas weniger akademisch ausgedrückt: Syć ist eine Gruppe von Freunden, die sich ihren Idealismus nicht nehmen lassen und für sich und andere eine Realität erschaffen, die einfach ein bisschen besser ist als die, in der wir sonst leben müssen.

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