David Mancuso war offen schwul. Seine Partys gaben Woche für Woche vielen Homosexuellen der Stadt ein Zuhause. Doch niemals verstand er das Loft als einen explizit schwulen Ort. „Ich will mit dem Loft sozialen Fortschritt möglich machen“, das war seine Maxime. Egal welche Altersgruppe, egal welche soziale Klasse, egal welche Ethnie oder Sexualität – bei ihm zuhause sollten alle in Liebe vereint sein. „Love Is The Message“ war für den New Yorker mehr als nur ein Liedtitel oder catchy klingender Slogan. Seine eigene Sexualität lebte David Mancuso niemals ausschweifend aus, anders als viele seiner Zeitgenossen in der sorglosen Zeit vor AIDS. Er übte sich über viele Jahre in asketischer Enthaltsamkeit, was auch Sex miteinschloss. Zeit seines Lebens ist Mancuso ein Hippie geblieben, eine Party sollte für ihn immer eine umfassende sinnliche Erfahrung sein. Sein Loft war ein Ort, in dem die Hippie-Ideale und -Träume der Sechzigerjahre weiterlebten. Es war eine soziale Utopie, ein Experiment, so wie die Partys des LSD-Apostels Timothy Leary, die er in den Sixties besuchte. Aktiv war er sowohl in der Bürgerrechtsbewegung als auch in Gruppierungen, die sich für Schwulenrechte einsetzten. Bei sich zuhause wollte er diese Ideale umgesetzt sehen.


Stream: MFSBLove Is The Message

1974 musste Mancuso umziehen, das neue Domizil in der Prince Street war noch größer. Inzwischen waren die Loft-Partys längst eine Institution im New Yorker Nachtleben. Schon früh arbeitete er mit der Musikindustrie zusammen, so manche Release-Party fand in seinem Loft statt – was er sich selbstverständlich honorieren ließ. Inzwischen waren DJs wichtige Faktoren geworden, wenn es darum ging, einer Platte zum Durchbruch zu verhelfen. Disco war gerade dabei aufzublühen, entsprechend gab es immer mehr DJs, die wiederum immer größere Schwierigkeiten hatten, an die richtige Musik zu kommen, zumal die Gagen meist klein waren und von dem wenigen Geld auch noch Platten gekauft werden mussten. An gute Promos kam nur, wer wirklich gute Beziehungen hatte. Dieser Diskriminierung und Vetternwirtschaft wollte David Mancuso mit seiner Idee eines DJ-Pools ein Ende bereiten. Der Pool, der die DJs gegenüber den Plattenlabels vertrat, war eine Non-Profit-Organisation, demokratisch verfasst. 26 DJs gehörten zu den Gründungsmitgliedern. 1978 waren bereits 300 DJs an Bord. Die Sache war ein voller Erfolg, DJs wie Labels profitierten. David Mancuso wurde dieses Projekt jedoch zu viel, er übergab den Pool schließlich an Judy Weinstein, die ebenfalls zum Loft-Team gehörte und knapp zehn Jahre später mit Frankie Knuckles, David Morales und Satoshi Tomiie die Produktionsfirma Def Mix gründen sollte.

Der reisende Gastgeber

So klangvoll sein Name war, Engagements in anderen Clubs interessierten David Mancuso lange Zeit gar nicht. Ein großer Clubgänger war er ohnehin nie. In den Nullerjahren ging David Mancuso erstmals als DJ auf Reisen. Seine Idee war, sich nicht als DJ buchen zu lassen, er wollte wie im Loft Gastgeber sein. Also musste auch die Anlage seinen hohen Ansprüchen genügen. Die erste Loft-Party im Ausland fand in Tokio statt. Dort hin ließ er sieben riesige Klipschorn-Lautsprecher verschiffen. Doch das Konzept seiner Partys ließ sich nicht exportieren. Viel zu ergeben huldigte das Publikum in Tokio und anderswo der längst in die Geschichtsbücher eingegangenen Legende. Die auswärtigen Gigs widersprachen ja auch seinem eigenen Ethos, denn nun stand seine Person im Mittelpunkt. In New York waren es auch später noch Partys für seinen erweiterten Freundeskreis. Viele der Leute, die zu ihm kamen, kannte er. Das gab ihm die Möglichkeit, die Nacht auf ganz spezielle Weise mit den Gästen gemeinsam zu zelebrieren, ein Konzept, das sich einfach nicht exportieren ließ. Wenn er beispielsweise wusste, dass auch Balletttänzer anwesend waren, spielte er öfter mal klassische Musik. Das waren die magischen Momente, die David Mancuso im Zusammenspiel mit dem Publikum kreierte.

Finanziell war der Loft-Macher nie komplett abhängig von seinen Partys, stets hatte er andere Jobs, zeitweise arbeitete er sogar in der Personalabteilung eines großen Unternehmens. Von der Idee seiner Partys war er bis zuletzt begeistert. Etwas mit anderen zu teilen, in einem Geist der Liebe, das war es, was ihn erfüllte. Reich wurde er nicht, ein Auto konnte er sich beispielsweise niemals leisten. Alles was er brauchte waren seine Partys, die bis 1999 tatsächlich bei ihm zuhause stattfanden, und ein Rückzugsort in den Bergen. „Ich werde das bis an mein Lebensende machen“, kündigte er Mitte der Neunzigerjahre in einem Interview an. Dabei blieb er.

Hört hier ein dreistündiges DJ-Set von David Mancuso auf einer Loft-Party.


Video: David Mancuso’s Loft Party – Valentine’s Weekend 2009