Wenn elektronische Popmusik organisch, natürlich und sinnlich sein möchte, leiht sie sich ihre Inspiration gerne bei etablierten mehr oder weniger nah verwandten Genres und Traditionen. So wird aus Electronica und bei amerikanischen Wurzelmusiken geborgter Authentizität „Folktronica“. So wird aus Electronica und bei spätromatischer Komposition geborgter Instrumentierung und Songstruktur dann „Neoklassik“, und aus einer vom jeweiligen Standpunkt aus angeeigneten exotischen Tradition dann „World Music“ oder gar „World Music 2.0“. Also meist nicht mehr als eine freundliche Umschreibung für das große Gähnen, für die fremdakustische Aufmöbelung des Altbewährten. Spannender wird es, wenn dabei echte tradierte Erfahrungen mitspielen, oder Umstände die es erlauben abseits der eigenen Komfortzonen zu arbeiten.

Die beinahe unheimlich jung gebliebene Japanerin Haco etwa, kann auf Fertigkeiten und Eindrücke aus fast vierzig Jahren diversester experimenteller Musikproduktion zurückkommen. Angefangen hat sie bei der verspielten Avantgarde-Pop-Combo After Dinner der sie in den achtziger Jahren vorstand, später hat sie mit der Szene um das Label „Improvised Music from Japan“ kollaboriert und Klänge produziert, die sich zwischen ultrafokussierter minimalistischer Spontanimprovisation und unerbittlicher Elektroakustik bewegen. Zudem hatte und hat sie einen Part im Psychedelic-Rock Kollektiv Acid Mothers Temple & The Melting Paraiso UFO. Dazwischen und daneben hat sie solo aber auch immer wieder verhältnismäßig konventionellen J-Pop gemacht. Auf den ersten Blick hat ihr jüngstes Album Qoosui (Someone Good) nicht viel mit all diesen Erfahrungen zu tun, aber dann doch alles. Dieser zauberschöne Shoegaze-Ambient-Pop mit verhallt verhaltenem Gesang könnte weicher und zarter nicht sein – also denkbar weit von Avantgarde-Getöse, neutönender Strenge und psychedelischem Noise entfernt – und wäre doch ohne den Weg dahin nicht vorstellbar. Allein die hintergründige Existenz und die Tiefe dieses Wissens „auch anders zu können“, auf das sie hier gar nicht mal unbedingt zugreift, macht Hacos neues Album außergewöhnlich und großartig. 


Video: Haco – Tidal

Jérémy Labelle aus Saint-Denis auf Réunion kann auf das kreolische Erbe seiner Heimat zurückgreifen. Die kleine Insel im indischen Ozean östlich von Madagaskar hat in dieser Hinsicht eine besonders reiche Tradition. La Réunion, eine der letzten verbliebenen französischen Kolonien, war trotz der tendenziell isolierten Lage immer ein Schnittpunkt im west-östlichen Austausch von Waren, Sklaven (früher), Touristen (heute) und Kulturen, zwischen Europa, Asien und Afrika. Maloya, der widerständige Folk der Insel und heute als Weltkulturerbe konserviert, war bis in die neunzehnsiebziger Jahre hinein von der französischen Regierung verboten. Das inseleigene Genre ist ein Beispiel für Kreolisierung von Sitten und Kulturen. Labelle treibt diese Vermischung und Hybridisierung noch weiter indem er auch die global-westliche elektronische Popmusik für sich zu nutzen versteht. Sein Album Univers-Île (Infiné) kann gleichermaßen authentisch wie modern-hybrid auf die Sitar-Drone Ästhetik des östlichen Nachbars Indien wie auf die komplexen Percussiongrooves der westlichen Nachbarn Madagaskar und Südafrika zurückgreifen. Die erstaunliche Bandbreite von Labelles Produktionen ist schon auf der Vorab-EP Benoîte (Infiné) zu hören. Vom feinen Maloya-Pop des Titelstücks, dem die Réunioner Sängerin Nathalie Natiembé zusätzlich Klasse verleiht, über die klappernde Slidegitarren-Blues-Electronica „Soul Introspection“ zu den ins abstrakte Extrem getriebenen Percussion-Glitch „Babette“, der sich ungefähr so anhört als würde eine mit verschieden großen Kürbissen gefüllte Bassdrum einen geschotterten Abhang hinuntergerollt.

Stream: Labelle – Babette

Wie eine respektvolle Einverleibung fremder Musiktraditionen in einen zutiefst westlichen Kontext authentisch und ohne kolonialistische Arroganz funktionieren könnte, hat das Penguin Café Orchestra schon in den späten siebziger Jahren vorgemacht. In ihrem Fall waren es westafrikanische und ostasiatische Idiome die sie in eine originelle Kaffeehausmusik einbanden. Klingt ein bisschen wie Neoklassik, kann aber einfach viel mehr. Dass diese spezifische Mischung ihren Reiz nicht verloren hat beweist das vom Sohn des schon 1997 verstorbenen Bandleaders des originalen Orchesters wiederbelebte Penguin Café. Die zeitgenössische, elektrifizierte Variante des Kaffeehausgeschrammels, Postrock, ist ebenso gut geeignet die Untiefen der postmodernen Beliebigkeit zu umschiffen, zumindest dann wenn so gewiefte Profis wie Astrïd & Rachel Grimes am Werk sind. Through the Sparkle (Gizeh) das erste Erzeugnis der transatlantischen Fernbeziehung der Postrockpionierin aus Louisville, Kentucky am Piano, und dem starkelektrischen Folkrock-Quartett aus Nantes, Frankreich greift die Errungenschaften des Penguin Café Orchestra auf und erweitert sie mit einer delikaten Pathosschwere die der postrockenden Vergangenheit Grimes‘ bei Rachel’s Tribut zollt.

Stream: Astrïd & Rachel Grimes – M5

Das Penguin Café Orchestra und Rachel’s könnten auch die Wegmarken sein an denen sich Orchard orientiert. Das jüngste Bandprojekt des Ici D’Ailleurs-Labelbetreibers Stéphane Grégoire hat keine feste Besetzung, so dass sich die einzelnen Stücke des Albums stilistisch nicht wirklich festklopfen lassen wollen, aber doch knapp innerhalb der Grenzen von Postrock und Neoklassik bleiben. Auf Orchards Debüt-LP Serendipity (Ici D’Ailleurs/Mind Travel Series) spielt Aidan Baker eine zentrale Rolle, so ist es kein Wunder, dass in einigen Tracks auch düstere Gitarrenfeedback-Drones der Spielart eine Rolle spielen, wie sie in Bakers elektronischem Doom-Metal Duo Nadja wegbereitend etabliert wurden. Die weiteren beteiligten Musiker sind ebenfalls überraschend divers: Elektrotüftler Chapelier Fou, Flamenco-Gitarrist Gaspar Claus und der Lyoner Noise/Punk-Veteran Franck Laurino. Zudem war noch der mit der „Haikyo“ Szene assoziierte Fotograf Francis Meslet wesentlich an der inhaltlichen und grafischen Gestaltung des Albums beteiligt. Eine ordentlich unordentliche Wundertüte also.

Stream: Orchard – We Host You