Das Instrument des Belgiers Otto Lindholm ist das sperrigste und knarzigste der Klassik, der Kontrabass. Das ist schon mal eine exzellente Voraussetzung um sich der Produktion von allzu romantischem Kitsch zu entziehen. Dazu spielt Lindholm den Bass auf eine Weise die das traditionell erreichte tonale Spektrum des Instruments erweitert. Er zerdehnt und zerrt die Töne mikrotonal und verlässt so den engeren Rahmen der europäischen Melodik. Ein Kontrabass kann wie eine mongolische Pferdekopfgeige klingen, oder wie eine frühmittelalterliche Laute, wenn man ihn nur lässt. Zudem vesrchleift Lindholm seine Klänge in Loops und Echos, Glitches und Drones. Sein zweites Album Alter (Gizeh, VÖ 13.10.) kann so als klare Ansage an die rhapsodische Etüdenseligkeit der neobürgerlichen Neoklassik verstanden werden. Lindholms düster dräuende Soundscapes kommen erstmal schroff und abweisend daher, und sind doch vielfach anschlussfähig: an Freak Folk, Psychedelic Rock, Doom Metal und in den lichteren Momenten sogar an Ramin Jawadis „Game of Thrones“ Soundtrack.


Stream: Otto Lindholm – Fauve

Treffen sich zwei altbewährte Hippie-Erschrecker wie Hans-Joachim Irmler von Faust, der wohl unverkifftesten Krautrockcombo der Siebziger, und Carl Oesterhelt von den Diskurs-Wavern F.S.K., ist einiges möglich – sogar entspannter Schönklang. Und das wo sich ihre zweite Kollaboration als Irmler/Oesterhelt von der Poesie des zwischen Spätromantik und Frühmoderne changierenden Krawallmachers und Ikonoklasten Comte de Lautréamont inspirieren ließ. Die Gesänge des Maldoror (Klangbad) bettet die gleichnamige Vorlage, den einzigen zu Lebzeiten veröffentlichten Text des jung gestorbenen Poeten, nicht einfach in eine musikalische Begleitung. Es erfindet sie neu, mit unerwarteten Mitteln. So spielen ein Münchner Streichquartett und die städtische Blaskapelle von Irmlers Homebase Scheer auf der Schwäbischen Alb tragende Rollen. Auf Zitate des originalen Textes verzichten Irmler und Oesterhelt dagegen fast vollständig. Stattdessen wird das Album von einem collageartig arrangierten Neben- und Ineinander von leichter Neoklassik und scharfen Orgel- und Synthesizerdrones charakterisiert. Die gute alte Moderne. Langweilig wird sie nie.
Stream: Irmler/Oesterhelt – Zweiter Gesang

Apropos Moderne. Der Amerikaner Mario Díaz de Leon hat den abrupten, überfordernden, stressigen Character der rhythmischen Avantgarde des frühen zwanzigsten Jahrhunderts inhaliert, sowohl die populären Varianten (Stravinskys „Le Sacre du Printemps“, Richard Strauss und Carl Orff) als auch kompromisslosere Neutöner wie Giacinto Scelsi oder Olivier Messiaen. Insbesondere Scelsis „Ritual March“ scheint eine der Folien für de Leons Sanctuary (Denovali) gewesen zu sein. Zu all dem spielt der promovierte Musikwissenschaftler – heutzutage offenbar fast unvermeidbar – noch in einer konzeptuellen Metal-Band und produziert kühle Dark Ambient-Soundscapes unter dem Alias Oneirogen. So ist Sanctuary ein von jeder Seite betrachtet ungewöhnliches Album geworden: zugängliche Neue Musik mit elektronischen Mitteln aber traditionell akustisch, vom TAK Ensemble eingespielt, die Stilmittel elektronischer Popmusik von Glitch bis IDM umgedeutet in eine organische Avantgarde.

Stream: Mario Diaz de Leon – Sanctuary (Demo Version)

Die musikalische Referenz von Jonny Nash und Suzanne Kraft (Diego Herrera) ist weniger die europäische Klassik, Romantik oder Moderne, als der Noir-Jazz ihrer Heimat Los Angeles beziehungsweise Südkalifornien. Auch wenn die beiden seit kurzem in Amsterdam leben und ihr gemeinsames Album Passive Aggressive (Melody As Truth) in der regengedämpften Einsamkeit der englischen Provinz aufgenommen haben, ist die sonnenverbrannte Melancholie und die unterschwellige Düsternis der neonhell beleuchteten wüstentrockenen Nächte Kaliforniens in jeder Sekunde spürbar. Ihr Album übersetzt diese Irritation in Ambient der allerschönsten Sorte.

Jonny Nash & Suzanne Kraft – Hanging Glass Structure