Foto: Maximilian Montgomery (Kode9)
Zuerst erschienen in Groove 157 (November/Dezember 2015).

Während des Videointerviews sitzt Steve Goodman alias Kode9 im selben Raum seiner Londoner Wohnung, den Ragnar Schmuck 2008 für unsere Musikzimmer-Serie fotografierte. Das Plattenregal ist jedoch nicht mehr da. „Es ist ins Schlafzimmer gewandert“, sagt der 41-Jährige und lacht. Mit Vinyl legt der Hyperdub-Labelchef und Dozent für „Sonic Culture“ an der University of East London nicht mehr auf. 2015 ist er aus praktischen Gründen endgültig auf USB-Sticks umgestiegen. Schallplatten kauft er weiter, bevorzugt im Second-Hand-Laden um die Ecke: „Seltsames Zeug ohne Beats zum Zuhause-Hören“.

6. Wendy Carlos & Rachel Elkind – The Shining (Main Title) (Warner Bros., 1980)

Manchmal glaube ich, dieses Stück lief im Krankenhaus, als ich geboren wurde. Es taucht andauernd in meinem Leben auf! Oft fange ich meine DJ-Sets damit an und spiele danach „IDGAF (I Don’t Give A Fuck)“ von Ludacris. Jeder DJ braucht solche Stücke, mit denen er den Raum durchlüften, neue Spannung aufbauen kann. Wenn du Glück hast, gehen die Leute, die nichts damit anfangen können, raus und du hast eine aufgeschlossenere Crowd – für diesen Zweck einer meiner Favoriten.

5. Philip Glass – Koyaanisqatsi (Island Records, 1983)

Koyaanisqatsi habe ich wohl so oft gesehen wie keinen anderen Film. Bis vor Kurzem gab ich einen Kurs über Filmmusik und zeigte ihn jedes Mal. Er führt vor, wie man Bedeutung erzeugt, ohne etwas zu sagen. Zum ersten Mal sah ich Koyaanisqatsi in den achtziger Jahren und realisierte, dass wir inmitten einer gesellschaftlichen und technologischen Beschleunigung leben. Ich liebe den lang gezogenen, wortlosen Aufbau des Soundtracks. Er und die Zeitrafferbilder haben mein Hirn neu verdrahtet.

4. The Spaceape – Xorcism (Space Ape, 2013)

Mein Freund und musikalischer Partner wollte mit dieser selbst produzierten und verlegten EP „Xorcism“ Dämonen austreiben. Unter den Releases von Spaceape, an denen ich nicht mitgearbeitet habe, gefällt mir diese am besten. Zur Untermalung seiner Reime wählte er Percussion aus Haiti, die eine neue und delirierende Ader in ihm hervorbrachte. Zur Zeit der Aufnahme versuchte Stephen, seine Krebserkrankung mit nicht traditionellen Heilmethoden zu bekämpfen. Leider ging dieser Kampf 2014 verloren.

3. Ryuichi Sakamoto – Esperanto (MIDI Inc., 1985)

Brian Eno und Jon Hassell prägten den Begriff „Fourth World Music“: Musik, die mit modernen Mitteln Einflüsse aus anderen Kulturen und Epochen aufgreift. Dieses Album ist ein unfassbar gutes Beispiel dafür. Sakamoto schrieb es ursprünglich für ein Ballettstück. Die Kombination von Glocken, Xylo- und Vibrafonen, Synthesizern, Sample-Schnipseln und Stimmen garantiert, dass Esperanto niemals altert. Ich finde, das Stück „Rain Song“ ist einer der absoluten Höhepunkte der Musikgeschichte.

2. DJ Rashad – Just A Taste Vol. One (Ghettophiles, 2011)

Diese EP ist wahrscheinlich die beste des großartigen, 2014 gestorbenen DJ Rashad. Mit „Ghost“ enthält sie einen seiner bewegendsten Tracks. Der Titel bezieht sich auf einen Footwork-Tanzschritt. Es ist magisch, wie er das von Kanye West produzierte Nas-Stück „Still Dreaming“ samplet, das wiederum auf einem Diana-Ross-Sample beruht. Da bekomme ich Gänsehaut! Rashads Musik ist besonders, weil sie auf Raves funktioniert und mehr Gefühle transportiert als die meiste elektronische Musik.

1. Paul Hart ‎– Futurism (Bruton Music, 1981)

Diese verträumte Platte mit Library Music habe ich in einem Laden in Istanbul entdeckt. Ich habe sie eigentlich nur wegen des Titels gekauft, sie enthält hauptsächlich Siebziger-Jahre-Fusion-Jazz, der für die Verwendung in Filmen oder Werbespots gedacht war. Aber dann habe ich das letzte Stück „Prospect“ für den Track „Mirage“ auf meinem neuen Album Nothing gesamplet, vor allem, weil es mich an Ryuichi Sakamotos Soundtrack für den japanischen Film Merry Christmas, Mr. Lawrence erinnerte.