Interview: Heiko Hoffmann & Eric Mandel; Fotos: Super Quiet (Moscoman, Abu Ashley & Mehmet Aslan)

Zuerst erschienen in Groove 161 (Juli/August 2016).

Disco Halal, Hamam House oder Arabtronics – egal wie man die Mischung von Four-to-the-Floor-Clubmusik mit arabischen und türkischen Sounds auch nennen mag, unstrittig ist, dass dieser Mix auf europäischen Dancefloors zunehmend Aufmerksamkeit findet. Wir haben uns mit Moscoman, Mehmet Aslan und Abu Ashley – drei in Berlin lebenden Protagonisten der Szene – zusammengesetzt und mit ihnen über ihr Interesse an der Musik des Nahen Ostens und die Herausforderungen, sie in einen Clubkontext einzubeziehen, gesprochen.

 


 

Könnt ihr zunächst erzählen, wie ihr begonnen habt, euch für eine Verbindung zwischen arabischer beziehungsweise türkischer Musik und elektronischer Tanzmusik zu interessieren?
Khaled Elsayed alias ABU ASHLEY: Ich kam [vor zwei Jahren] an den Punkt, an dem mich die Musik, die ich machte, langweilte: Im Wesentlichen benutzte ich eine Roland Drummachine plus Synthesizer. Ich wollte etwas anderes machen, und als mein Schwager, der so ziemlich jedes nahöstliche Instrument beherrscht, nach Amerika kam, brachte er mich darauf, das mit Housemusik zu fusionieren.

Es waren also keine anderen Platten, die dich inspiriert haben, sondern dein Schwager?
ABU ASHLEY: Genau. Viele arabische Musik ist für mich eher cheesy. Ich würde sie nicht als inspirierend bezeichnen, ich sitze nicht da und bin ergriffen oder so.
Chen Mosovoci alias MOSCOMAN: Manches ist cheesy. Aber wenn ich höre, wie Musiker westliche Einflüsse in ihre eigene Sprache übersetzt haben, denke ich daran, wie ich selber arbeite. Ich höre etwas und will es reproduzieren, aber es endet immer so, wie ich eben bin. Es ist nicht mehr das Original. Und ägyptische, libanesische und syrische Musik haben eine Art von Seele, die du nirgendwo anders findest. Das ist nahöstliche Musik für mich. Ich nenne türkische Musik nicht nahöstlich, denn sie ist türkisch. Wenn es in Arabisch ist, ist es Naher Osten. Als Israeli kann ich selbst israelische Musik nicht als nahöstlich bezeichnen, denn sie kommt aus Russland, Polen, Westeuropa. Wir nennen sie Ashkenasi. Natürlich war arabische Musik um uns, das hat mich dann am Ende auch angezogen. Und seit ich hier in Berlin bin, mit ein bisschen Distanz, fühle ich mich in ihr auch viel mehr zu Hause.

Moscoman
Moscoman

Wie bist du dann dazu gekommen, arabische Sounds zu verarbeiten?
MOSCOMAN: Ich habe ja immer House gemacht, seit ich 17 war. Es war alles groovy, New York House aus den Neunzigern, Body & Soul, wie immer du es nennen willst. Und als ich dann die türkischen und arabischen Songs gehört habe, klang es für mich wie Motown. Detroit Music, nur eben türkisch. Es war Disco. Und Mehmet Aslan und Barı K. haben all diese vergessenen Platten wieder zum Leben erweckt. Aber es haben noch viele andere Teil an dieser Auferstehung.
MEHMET ASLAN: Ich denke, erst kamen die Reissues, dann die Edits. Das Label Finders Keepers [veröffentlichte türkische Reissues, Anm. d. Red] fing ungefähr gleichzeitig mit Barı K. an, um 2006 herum. Als ein Freund mir Istanbul 70 [stilbildende 45er-Serie mit Edits bzw. Doppel-Vinyl mit den Originalen auf Ilan Ersahins Label Nublu, Anm. d. Red.] vorspielte, hab ich überlegt, wie ich das im Club spielen könnte, und machte erst mal gar nichts damit. Ein paar Monate später hatte ich die Idee, ein paar Samples davon mit ins Studio zu nehmen. Also machten wir diesen einen Track, „Gazel“, und den hörte Ata vom Robert Johnson. Er spielte bei uns in Basel, hörte den Track und wollte ihn haben, um ihn in Istanbul zu spielen. Dort hörte ihn Barı und nahm Kontakt zu mir auf, woraufhin ich ihn in die Schweiz einlud, und so ging es los.

Hast du türkische Musik gehört, als du aufgewachsen bist?
MEHMET: Ja klar, Popmusik und in Filmen, aber eher unbewusst. Als ich mit dem DJing angefangen habe, hat sie keine Rolle gespielt. Aber selbst als ich die Discomusik gehört habe, konnte ich mir nicht vorstellen, wie man sie im Club spielen kann.
MOSCOMAN: Ist ja auch immer noch nicht so leicht.
MEHMET: Doch, denn das fiel zusammen mit so einem Wendepunkt, an dem es mir so vorkam, als könntest du gerade alles spielen.

War der englische DJ Johnny Rock alias Afacan Soundsystem ein Einfluss für dich?
MEHMET: Ja klar! Er und Barı. Als ich Barı meine ersten Edits schickte, schickte er sie an Johnny Rock weiter, der dieses Hamam-House-Label hatte. Er ist ein unglaublicher Digger, in jedem Bereich, aber vor allem bei den türkischen Sachen weiß und kennt er alles.


Stream: MoscomanA Shot In The Light

Was hat euch vom DJ-Standpunkt aus interessiert, diese Welten zusammenzubringen?
MOSCOMAN: Es ist viel interessanter als diese normale, langweilige Musik.
MEHMET: Ich denke, ich kann mich dazu irgendwie besser verhalten. Und das sind musikalisch wirklich interessante Sachen, auch wenn es eine Menge Mist gibt.
MOSCOMAN: Ganz viele schlimme Sachen, aber die sind die teuersten. Die Leute wollen die schrägen Sachen, nicht die orchestralen, die den Großteil der türkischen Discomusik ausmachen, und die epischen Momente.

Khaled, hast du dich auch für die Musik der Siebziger interessiert?
ABU ASHLEY: In der ägyptischen Musik gibt es nicht so viel Variation; es gab, glaub ich, auch keine Discomusik in Ägypten oder Libanon.
MOSCOMAN: Oh doch, im Libanon gab es viel Disco, die Brüder Rabani waren auch Könige der Disco!
ABU ASHLEY: Ja klar, und es gibt auch ägyptische Popmusik. Und klar, den Vibe kenne ich. Aber im Wesentlichen geht es bei denen immer nur um eines: um Liebe. Du liebst dein Land, deine Religion oder eben eine Frau oder einen Mann.

Woher kommt die Musik, die du in deiner Radiosendung „Yalla!“ auf Berlin Community Radio spielst?
ABU ASHLEY: Überwiegend von meinen im Nahen Osten lebenden Freunden, die ich nach Tracks frage. Wobei meine arabischen Freunde arabische Musik hassen und alle meine ägyptischen Freunde eher seltsame experimentelle Noisemusik machen. Sie wollen nicht auf ihre Region festgelegt werden.