Foto: Michael Breyer (Electric Indigo)

Zur Geschichte Electric Indigos ließe sich mittlerweile ein ganzes Buch füllen. Das erste Kapitel dieses Buches wäre Wien gewidmet, wo Susanne Kirchmayr Ende der achtziger Jahre erst Jazz und Funk, später dann Detroit Techno für sich entdeckte und den oft übersehenen Beitrag der Stadt zum europäischen Techno-Boom entschieden mitgestaltete. Auch in Berlin, wo sie Mitte der neunziger Jahre im Hardwax arbeitete. Neben ihrer Arbeit hinter den Kulissen und den Decks machte sich Electric Indigo zugleich als vielseitige Produzentin einen Namen und gründete 1998 schließlich das Netzwerk female:pressure, um Genderungerechtigkeiten innerhalb der Szene nicht nur aufzudecken, sondern auch aktiv dagegen anzugehen. 2016 ist Kirchmayr aktiver denn ja und fand trotzdem die Zeit, einen Mix für den Groove-Podcast aufzunehmen und ein paar Fragen zu beantworten.

 


 

Seit 2009 befindet sich dein eigenes Label indigo:inc im Winterschlaf, deine letzten Releases erschienen auf den Labels anderer. Kürzlich hast du mit der Seven EP die zweite Katalognummer für HET beigetragen. Wer steckt hinter dem Label und welche Verbindung hast du dazu?
Cio D’Or hat uns kurzgeschlossen. Hagen Richter macht das Label und steht, wie mir scheint, dem ://about:blank sehr nahe. Das ist ja auch einer meiner Lieblingsclubs. Ich hab also zwei kleine Skizzen geschickt und unter anderem Hector und Tensal für einen Remix vorgeschlagen. Zusammen mit der Releaseparty im Rahmen der Blank Generation (Partyreihe im ://about:blank, Anm. d. Red.) wurde das ganze dann eine runde Sache. Ich freu mich immer, wenn jemand was von mir veröffentlichen will. Meine Musik ist ja eher widerspenstig und nicht unbedingt auf Dancefloor-Funktionalität getrimmt. In diesem ://about:blank-Zusammenhang und in vollem Vertrauen zu Cio hab ich dann auch gleich zugesagt, obwohl ich Hagen überhaupt nicht kannte.

Du bist nicht nur als Live-Act mit club-kompatibler Musik aktiv, sondern verfolgst auch zahlreiche experimentell veranlagte Projekte wie etwa Soundinstallationen und Multichannel-Konzerte. Wo liegen die Schnittpunkte dieser Seiten deines Schaffens?
Ja, ich bin in den letzten 12 Jahren immer mehr in diesen Avantgarde- und Neue Musik-Kontext reingerutscht. Wie die meisten Leute, die aus einem mir verwandten Techno-Umfeld kommen, interessieren auch ich mich viel mehr für Klänge und Texturen, als für Songs und schnell erschließbare Arrangements. In der Klangcharakteristik liegt dann auch der Großteil der Gemeinsamkeit. Aber tatsächlich finde ich auch die experimentelleren Varianten von Clubmusik viel ansprechender als nach bewährtem, gängigem Muster gestrickte Tracks.

Zuletzt warst du bei den Darmstädter Ferienkursen mit einem Live-Set sowie einem Vortrag zu Gast. Was könnte die Clubkultur von eher akademisch ausgerichteten Veranstaltungen wie diesen lernen?
Ich hab dort auch einen viertägigen Workshop für Granularsynthese gehalten. Ich glaube, dass Lernen und Wissensaustausch für alle von Vorteil ist. Es gibt ja auch bei vielen Festivals für elektronische (Tanz-)Musik-Workshops, Panels oder Lectures. Die Ferienkurse sind ein intensives, zweiwöchiges Trainingscamp mit vielen Konzerten – sowas kann man sich selbstverständlich für alle möglichen Genres vorstellen: eine Veranstaltung, bei der der Fokus auf den “Studierenden”, den registrierten Teilnehmer_innen liegt. Bedarf gäbe es sicher genug! Bei meinem Workshop waren auch nicht nur Akademiker_innen sondern eine bunte Mischung aus Leuten mit ganz verschiedenen Backgrounds.

„Naturally, she also DJs“, heißt es trocken über dich auf deiner Homepage. Was treibt dich nach über einem Vierteljahrhundert Auflegen noch an?
Die Musik und die tollen, netten Leute, die diese Musik machen. Es hat einen ganz wichtigen sozialen Aspekt für mich. Auflegen, Feedback für Tracks geben, Begeisterung für die Entwicklung von Kolleginnen und Kollegen, in Kontakt mit diesen über viele Länder verteilten Künstler_innen zu stehen, die oft aus ganz unterschiedlichen Bereichen kommen, ist immens motivierend. Aber abgesehen davon mag ich Clubs, die Kraft von lauten Bässen und Beats, diese gewisse Auflösung von Raum, Zeit und Individuum, die bei guten Parties passiert!

In deinem Mix für den Groove-Podcast lässt du viel Raum für experimentelle Spielarten von Techno. Hattest du für diesen Mix ein bestimmtes Konzept im Hinterkopf?
Das ist immer eine Frage der momentanen Gemütsverfassung und des Materials, das mir gerade zur Verfügung steht. Ich versuche immer, ziemlich neue Tracks zu verwenden, weil das Zeitgemäße, Neue seit 25 Jahren ein ganz zentraler Aspekt bei DJ-Sets für mich ist. Mir scheint selber, dass der Mix für Groove besonders experimentell oder besonders wenig Dancefloor-kompatibel geraten ist. Das könnte damit zusammenhängen, dass ich ihn unmittelbar nach meiner Rückkehr von den Darmstädter Ferienkuren gemacht habe! Aber prinzipiell muss ich sagen, dass mich 08/15-Drumpattern und Standardsounds oft in einem Maß langweilen, dass es fast in Ärger umschlägt. Im Club kann das natürlich ganz anders sein, da gibt es die zwingende Gewalt der Lautstärke, die Eindringlichkeit der gnadenlosen Wiederholung. Aber im Studio oder zuhause, wo ich ja meine Podcasts und Mixaufnahmen gestalte, empfinde ich das anders. Trotz allem spiele ich auch in Clubs möglichst viele eher ungewöhnliche, gebrochene Tracks. Die Kunst besteht dann darin, die so zu verbinden, dass die Leute das nachempfinden können und einen Zugang dazu finden. Das gelingt nicht immer und ist naturgemäß mit einem höheren Risiko des Scheiterns verbunden.

1998 hast du das Netzwerk female:pressure begründet. Welche grundlegenden Veränderungen hast du seitdem in Hinsicht auf die Diversität hinter den Decks beobachten können?
Es gibt auf jeden Fall eine größere Problembewusstsein zur Zeit und das Thema ist ziemlich hip. Die “guten” Veranstalter_innen sind sich ihrer Verpflichtung zu Diversität im Line-Up bewusst geworden und die Veränderungen sind z. B. bei Festivals wie CTM deutlich sichtbar, den “bösen” ist das sowieso egal. Es gibt natürlich auch immer mehr Frauen, die DJs sind, erfolgreich Musik machen, oder VJs/bildende Künstlerinnen sind, die im Bereich elektronische Musik/Clubkultur arbeiten. Außerdem hat sich der Fokus den letzten Jahren erweitert: ethnische Zugehörigkeiten, Hautfarbe, Alter, Klasse, sexuelle Orientierung etc. – all diese Aspekte werden neben dem Geschlechterverhältnis im Hinblick auf Ausschluss- und Inklusionsmechanismen durchleuchtet. Die Szene, vor allem in Berlin, scheint politischer geworden zu sein. Zumindest wird der Status Quo analysiert und die Geschichte aufgearbeitet.

In den letzten Jahren wurden die von female:pressure erhobenen Zahlen zur Genderverteilung auf zum Beispiel Festival-Line-Ups oft von der Presse herangezogen. Wo aber würdest du auf Seiten der Presse und also Musikmagazinen wie der Groove Nachholbedarf sehen?
Medien spielen selbstverständlich eine zentrale Rolle. Festivals und Clubs sind davon abhängig, renommierte Acts zu präsentieren – einerseits, um als relevant zu gelten, andererseits um ökonomisch erfolgreich zu sein. Die besondere Heraushebung von einzelnen Künstlerinnen, die dadurch eine Art Exotinnenstatus bekommen, halte ich auf Dauer jedenfalls für kontraproduktiv. Auch Listen von 10 oder 12 oder 20 “besten” oder “wichtigsten” weiblichen DJs sind immer unzureichend und verstärken eher die Annahme, dass es sich bei ihnen um Ausnahmen handelte. Wichtig ist es hingegen, in aller Regelmäßigkeit auf Diversität in der Berichterstattung zu setzen. Damit wir irgendwann wirklich nur noch die Individuen und ihre künstlerische Arbeit betrachten können und nicht erst mal lesen müssen, wie es denn so ist, als Frau in einer Männerdomäne tätig zu sein…

Last but not least: Was können wir im Jahr 2016 noch von dir erwarten und wo stehst du in nächster Zeit wieder hinter den Decks?
Als nächstes kommt ein Remix auf OVUNQUE raus, den ich für Svart1 gemacht habe. Im Herbst stehen zwei Akusmoniumkonzerte an. Ich habe bisher noch nie auf einem Akusmonium gespielt und bin schon ganz gespannt! Ebenfalls im Herbst erscheint auch ein Filmporträt über mich in der IMAfiction Serie. Die nächsten Gigs sind beim Przemiany Festival in Warschau und beim female:pressure / Rituals Abend im Suicide Circus, Berlin, auf den ich schon sehr gespannt bin. Mitte September bin ich beim Dame Electric Festival in New York, das Dorit Chrysler in Zusammenarbeit mit dem Austrian Cultural Forum organisiert. Da werde ich ein Konzert spielen, bei einem Panel teilnehmen, einen Workshop halten und seit langem auch wieder mal in NYC auflegen. Zu meiner großen Freude wird auch die legendäre Suzanne Ciani mit dabei sein! Später dieses Jahr bin ich noch bei Wien Modern und im Tresor – eine schöne Mischung! Insgesamt gibts also einige Konzerte vorzubereiten. Außerdem bin ich bis nächstes Jahr in einem wissenschaftlich-künstlerischen Forschungsprojekt der Technischen Universität und der Universität für Angewandte Kunst Wien eingebunden. Wir arbeiten da an der Umsetzung eines Projekts zur Publikumsbeteiligung an Konzerten mittels Mobile App.

 


Stream: Electric IndigoGroove Podcast 71

01. In Aeternam Vale – Hole [DEMENT3D 013]
02. Electric Indigo – 109.47 degrees
03. Svart1 – II / Electric Indigo Remix [OVUNQUE 002]
04. OAKE – L’Esclandre [Stroboscopic Artefacts SAM024]
05. DJ Red – Sweet Silence [Electric Deluxe 047]
06. Edit Select – Loop Continue / Dino Sabatini Remix [Dreiklang 002]
07. Monolake – Geometry Engine [imbalance computer music ML-031]
08. B12 – Conduktor [FireScope 002]
09. Charlotte Isabelle – Geridoo [Stroboscopic Artefacts SAM023]
10. Datura Dilema – Sun Gods [Subsist 4]
11. DJ Red – Underwater [Electric Deluxe 047]
12. Electric Indigo – 109.47 degrees
13. Vertical Spectrum – Moving Object [Nachtstrom 130]
14. Peter van Hoesen – P2ME [Dekmantel UFO 1]
15. Klaudia Gawlas – Dark Ride [Recode Musik 052]
16. Onon – In Time [FAITH 005]
17. Monolake – Dystopia [imbalance computer music ML-029]
18. Dubit – IV [Telemorph 003]
19. Rrose – Emboli [Khemia 002]
20. Electric Indigo – 109.47 degrees