gamut inc, das Künstlerduo Marion Wörle und Maciej Śledziecki, kuratiert seit 2021 das Berliner AGGREGATE Festival – die deutsche Plattform für computergesteuerte Pfeifenorgelmusik. Zur sechsten Ausgabe (30. September bis 1. Oktober) bringen sie unter anderem Laurie Spiegels elektronisches Meilensteinwerk „The Expanding Universe“ auf die neu midifizierte Orgel des Konzerthauses Berlin und präsentieren mit Tristan Perichs „Infinity Gradient“ ein Stück für Orgel und 100 selbstgebaute 1-Bit-Lautsprecher.
Im Interview sprechen Wörle und Śledziecki darüber, wie sie Künstler:innen aus der Clubmusik wie Rrose für die Orgel gewinnen, wie sie mit dem sakralen Kontext der St. Hedwigs-Kathedrale umgehen – und wie eine halbjährige Suche nach Laurie Spiegels E-Mail-Adresse schließlich zu einer der ungewöhnlichsten Kollaborationen des Festivals führte.
Nach welchen Kriterien wählt ihr die Künstler:innen aus, und wie viel Erfahrung mit der Orgel setzt ihr voraus, wenn jemand wie Rrose aus der Clubmusik kommt?
Das Festival findet zum 6. Mal in Berlin statt. Angefangen haben wir 2021 mit der Idee, eine Szene aufzubauen, weil es damals kaum Musiker gab, die Orgeln mit Computern steuerten. Elektronische Musiker kennen sich meist gut mit MIDI aus, die Übertragung auf die Orgel fällt ihnen leicht. Die Analogie liegt auf der Hand: Die Fußbezeichnungen der Oszillatoren und der Aufbau additiver Synths sind ursprünglich von der Orgel inspiriert. Rrose war von Anfang an dabei – kennengelernt haben wir uns, als Seth [Horvitz, d.Red.] seine „Studies for automated piano“ in Berlin aufgeführt hat. Sein Spektrum reicht, wie bei Phillip Sollmann aka Efdemin, weit über den Club hinaus. Für die diesjährige Edition hat er analog dazu „Studies for Automated Organ“ komponiert. Am meisten interessiert uns, wenn Künstler keine Stilkopien machen, sondern diesem wahnsinnig vielseitigen Instrument einen eigenen Klang abgewinnen.

Die Orgel wird oft über ihren sakralen Kontext definiert: Wie geht ihr kuratorisch damit um, dass ein Teil des Festivals weiterhin in einer Kathedrale stattfindet?
Keiner von uns hätte gedacht, dass wir so viel Zeit unseres erwachsenen Lebens in Kirchen verbringen würden. Wir spielen seit 2010 computergesteuerte Orgeln, und es ist toll zu sehen, wie sich das Verhältnis von Gemeinden und Organisten zu unserer Musik verändert hat. Inzwischen gibt es technikaffine Organisten, die neben dem händischen Spiel selbst mit Computersteuerung arbeiten: Hampus Lindwall in Paris, der mit Stephen O’Malley spielt, Sebastian Heindl in der Gedächtniskirche oder Marcel Andreas Ober, Domorganist der St. Hedwigs-Kathedrale, der beim diesjährigen Festival im Duo mit Benjamin Geyer auftritt. Auch bei Tristan Perichs „Infinity Gradient“ kommt der Organist James McVinnie hinzu, der u. a. Kollaborationen mit Squarepusher hatte. Es geht auch darum, die Organisten einzubinden und auch immer behutsam zu sehen, was in der jeweiligen Gemeinde möglich ist, manche sind für wildere Sachen offener als andere.
Wie habt ihr mit Laurie Spiegel entschieden, welche Klänge des GROOVE-Systems sich auf Orgelpfeifen übertragen lassen, und wo musstet ihr die Stücke gegen das Original verändern?
Wir beschäftigen uns intensiv mit der Resynthese von Klängen durch Orgelpfeifen und arbeiten an einer Installation, in der 2027 unsere eigenen Orgelmodule – BLACK SQUARE – miteinander „sprechen“ sollen. Nachdem Laurie eine erste Fassung von „East River Dawn“ gehört hatte, meinte sie, es klinge, als sei es für Orgel komponiert. Dabei kommt die Orgel im Konzerthaus, die im Zuge unserer Residenz midifiziert wurde, voll zum Einsatz. Das Stück „Drum“ stellt eine Herausforderung dar, weil die im Original elektronisch synthetisierten, drumähnlichen Klänge auf der Orgel nachgebildet werden müssen. Dafür nutzen wir unsere Modularorgel BLACK SQUARE, die der belgische Orgelbauer Tony Decap für uns entwickelt hat: Der Luftdruck jeder Pfeife lässt sich individuell und millisekundenschnell verändern – so können wir noch tiefer in die Resynthese gehen.
Wie habt ihr euch mit Laurie ausgetauscht?
Ein halbes Jahr haben wir nach einer E-Mail-Adresse gesucht. Auf unsere Anfrage am Abend kam am nächsten Morgen eine Absage: Sie könne sich nicht vorstellen, dass „The Expanding Universe“ auf der Orgel gut klinge. Schade, dachten wir, aber fair enough. Eine Stunde später kam eine zweite Mail: Sie habe sich angehört, was wir mit der Orgel machen – und meinte wir könnten loslegen. Seitdem schicken wir Entwürfe, und sie kommentiert erfreut. Wo es Partituren gibt, hat sie uns Noten geschickt, vieles haben wir aber transkribiert. Ein intensiver Prozess, weil die Stücke so vielstimmig sind und die Stimmen durch Filter und Modulationen ineinanderzugleiten scheinen. Das hat unseren Respekt vor Lauries Pionierleistungen noch vergrößert – technisch, vor allem aber musikalisch.








