Gary Numan denkt David Bowie, No Wave und Kraftwerk zusammen und ist dabei gar nicht so weit von Miss Kittin & The Hacker entfernt. Das düsteres Vermächtnis der frühen Computermusik von Laurie Spiegel erscheint zum ersten Mal als regulärer Release, das zweite Nu Era-Album zum ersten Mal auf Vinyl. The Connection Machine erstes Album ist eines der bestgehütesten Geheimnisse der Szene und Internal Empire von Robert Hood ist vielleicht das wichtigste Technoalbun überhaupt.

Gary Numan – I Assassin (Beggars Banquet)

Einen Preis für Ausdauer hat er allemal verdient. Andererseits hat Gary Numan mit der Regelmäßigkeit, mit der er bis heute veröffentlicht – vielleicht auch, weil nicht alles davon großartig geraten sein mag –, von seinen eigentlichen Leistungen auf lange Sicht eher abgelenkt. Neben seinen unbestrittenen Verdiensten mit Tubeway Army sind das seine frühen Soloalben. I Assassin von 1982 bietet trocken-reduzierten Funk, der in seinen allerbesten Momenten, wie in der Auftaktnummer „White Boys and Heroes“, State-of-the-Art-Catchiness samt Fretless Bass mit dräuenden Keyboards vermischt, wie überhaupt das mehr oder minder stark zutage tretende Abgründige eine der Qualitäten von Numan bleibt, die hier genau in der richtigen Balance gehalten wird. Die bevorzugt alienesken Synthesizer kommen dann in der zweiten Hälfte der Platte verstärkt zum Einsatz. Unaufdringlicher Klassiker in einem auf unnötige Kompression verzichtenden Remastering. Tim Caspar Boehme

Laurie Spiegel – The Expanding Universe / Unseen Worlds (Unseen Worlds)


Schockiert sei sie gewesen, berichtet die US-amerikanische Komponistin Laurie Spiegel in einem Interview. Die Soziologiestudentin hatte in London auf eigene Faust Gitarren- und Kompositionsunterricht genommen und an der renommierten Juilliard School in New York ein entsprechendes Studium, unter anderem auf der Renaissance- und Barocklaute, aufgenommen und den Studierenden wurde dort doch tatsächlich ein gesamtes Jahr für die Entwicklung eines Musikstücks eingeräumt! Das betreffende Interview hat sie mit sich selbst geführt, erstmals erschienen ist es 1980, auf dem Cover von The Expanding Universe. Die vier darauf enthaltenen Stücke sind als so frühe wie gelungene Beispiele von am Computer erzeugter Musik längst als Klassiker identifiziert und in den Kanon des Genres aufgenommen. Zwischen 1974 und 1976 entstanden, dokumentieren sie die Anfänge von Spiegels postserieller Musik. John Fahey und Bach nennt sie als Einflüsse, ihre langsam sich entwickelnden Texturen zeigen zwischen Drone und Minimal Music einen dritten Weg auf. Alle sind in diesem Release enthalten, zusätzlich, wie bereits 2012 beim ersten Reissue, 15 weitere Tracks aus dieser Epoche, die zur eingehenderen Beschäftigung mit dieser Pioniergestalt der programmierten Musik einladen, darunter „Kepler’s Harmony Of The Worlds“, das sich auch auf der Goldschallplatte an Bord der Raumsonde Voyager befindet. Elf Jahre später erschien mit Unseen Worlds ein Nachfolger, der als einer der letzten, kaum beachteten Releases des New-Age-Labels Scarlet Records. Eine Wiederveröffentlichung auf Spiegels eigenem Label Aesthetic Engineering hatte nahezu den Status einer Privatpressung. Insofern handelt es sich hier um die erste wirklich professionell platzierte Edition dieses hinreißenden Klangentwurfs – gewissermaßen die nachgetragene Geburt eines bislang verheimlichten Ambient-Meilensteins. Hatte Spiegel für ihr Debüt in den Bell Labs deren Software GROOVE (kein Witz) nutzen können, entwickelte sie später ihre eigene Software Music Mouse. Damit sind auch die zwölf Tracks auf Unseen Worlds entstanden, dessen Titel sich auf das I Ching, das chinesische Buch der Wandlungen bezieht. Gegliedert in Thesis, Archetypen, Antithesis und Synthesis lässt Spiegel ein Gegenbild zum solaren Strahlen ihres Debüts entstehen, ein Universum dunkler Materie, dem man sich nur schwer entziehen kann. Harry Schmidt

Nu Era – The Third Adam (Omniverse)


Im Jahr 2013 veröffentlichte Marc Mac von 4Hero ein zweites Album seines sporadisch betriebenen Techno-Projektes Nu Era, knapp 20 Jahre nachdem auf dem Reinforced-Sublabel Reflective eine Platte erschien, die heute sowas wie ein Heiliger Gral ist. Die Rede ist von der seltenen, ersten Nu Era-LP Beyond Gravity. Kaum einer hat sie. Als The Third Adam vor etwa sechs Jahren herauskam, war die Freude groß, und doch waren nicht wenige enttäuscht, denn es gab die 15 Stücke zwischen deepem Detroit Techno, 80er-Electro Funk, Jazz, späterem 4Hero-Sound und Broken Beats nur auf CD und digital. Nun soll eine Wiederveröffentlichung diesen Missstand beheben. Das gelingt leider nur teilweise, denn leider traf Marc Mac die Entscheidung, nur eine Einzel-LP mit acht Stücken herauszubringen. Es fehlt somit fast die Hälfte des Albums. Wenn man beispielsweise nicht auf “Warped Soul” mit seinen Anklängen an den UR-Klassiker “Jupiter Jazz” verzichten will, und das sollte man keinesfalls, dann führt kein Weg an der digitalen Version von The Third Adam vorbei. Das soll jetzt nicht heißen, dass die Auswahl an Stücken, die Marc Mac für die LP getroffen hat, schlecht wäre. Alleine der Titeltrack klingt schlicht fantastisch, ist er doch eine wunderbare Melange aus deepem Techno, 4Hero-haften Pianoakkorden, einer Jazz Funk-Bassline und einem eleganten Breakbeat. Natürlich warten jetzt immer noch alle auf eine Wiederveröffentlichung von Beyond Gravity. Aber hey: tatsächlich war Marc Mac mit seinem zweiten Album The Third Adam doch schon so viel weiter als damals im Jahr 1994. Holger Klein

Robert Hood – Internal Empire (Tresor)


Erschienen vor fast 25 Jahren, war Robert Hoods Internal Empire nicht nur Startschuss für sein eigenes Label M-Plant sondern auch für einen Sound, der in seinem Minimalismus bahnbrechend neu und stilprägend für die gesamte Geschichte des Techno werden sollte. Internal Empire schuf den Blueprint für einen aufs Wesentliche reduzierten Sound, der maximalen Effekt mit minimalen Mitteln generiert und damit Heerscharen von Techno-Releases in den 90ern und danach prägte. Damit spurte er sowohl die Loipen für den chronisch überhitzten Rowdy-Techno von Cristian Vogel, Neil Landstrumm und Co., der vornehmlich auf Tresor erschien und die verschwitzten Dancefloors der 90er in den Wahnsinn trieb, als auch für den frühen Kompakt‘schen Minimalismus, der dann aber recht schnell in poppigere Gefilde kippte, und er stellte nicht zuletzt auch die Weichen für den Berghain‘schen Kathedralen-Techno der Neuzeit. Die Ansätze für all das waren in Internal Empire schon angelegt, von schrullig verklingelten Uptempo Tracks wie „Parade“ oder „Multiple Silence“ bis hin zu zeitlos minimalistischen Meisterwerken wie „Master Builder“ oder der reduzierten Deepness von „Home“. Schon damals zeichnete sich schnell ab, dass Robert Hood hier eines der stilprägenden Alben seiner Zeit geschaffen hatte. Die letzten 25 Jahre haben dahinter nochmal ein dickes Ausrufezeichen gesetzt. Stefan Dietze

The Connection Machine – Painless (Down Low)


Seit 1994 machen Natasja Hagemeier und Jeroen Brandjes unter dem Namen The Connection Machine Musik. Ihre erste EP erschien auf Carl Craigs Label Planet E, dann folgte neben ein bisschen Gewusel in Nebenprojekten noch eine Platte auf U-Trax und schon war das aus Utrecht stammende, heute in Brabant auf dem Land lebende Musikerpaar wieder für zehn Jahre weg. Bis sie im Jahr 2004 wieder auftauchten, mit ihrem ersten Album Painless. Eine Platte, die einen in ihrer Rätselhaftigkeit in den Bann zog, wenn man denn von ihrer Existenz wusste. Doch in den letzten Jahren hat sich herumgesprochen, wie gut Painless ist. Knapp drei Jahre nachdem das niederländische Duo mit Presentiment überraschenderweise ein zweites Album präsentierte, kommt das Connection Machine-Longplay-Debüt nun erstmals auf Vinyl in die Läden. Verwurzelt ist diese Musik im Detroit Techno, doch so richtig festmachen lässt sich das gar nicht. Zum Tanzen will Painless niemand bewegen, dafür sind die so gar nicht irdisch wirkenden Stücke zu sehr neben der Spur. Wer The Connection Machine hört, der hört Stimmen. Immer wieder tauchen welche auf, weit im Hintergrund, grummelnd oder humanoid. Ähnlich fesselnd und seltsam ist wohl nur die Musik von Drexciya. Manchmal, zum Beispiel auf dem Stück “Core Dump”, erinnert der Connection Machine-Sound aber auch an einen anderen Niederländer, an Like A Tim und seine experimentierfreudigen frühen Platten. Schön, dass Painless wieder da ist. Holger Klein