Alle Ausgaben der Platten der Woche findet ihr hier.
Artefakt – Flow Tide (Delsin)
Mit Flow Tide kehrt Artefakt zum niederländischen Techno-Label Delsin zurück und taucht tief in ein in jene Zwischenwelt aus melancholischer Electronica, hypnotischem Wüsten-Techno und organischen Klanglandschaften, die das Projekt seit jeher auszeichnet. Fünf Tracks, die sich eher wie eine Strömung als wie eine klassische EP bewegen: geduldig, detailreich und mit einer eigentümlichen, leicht verschobenen Wärme.
Der Titeltrack öffnet mit einem sanften, jedoch präsenten Groove und weiten Flächen, bevor „Undertow” mit Halftime-Beats und hypnotischen Synths den Sog in die Tiefe noch verstärkt. „Blackwater” wirkt agiler und organischer, während „Tarpon” und „Ray” auf der B-Seite erstmals schwere Kicks auffahren. Trotzdem bleibt der Sound auch hier immer kontrolliert und atmosphärisch.
Dabei erinnert Flow Tide an jene frühen Delsin-Veröffentlichungen, die Techno nicht als starres Raster verstanden, sondern als offenen Raum für Textur, Melodie und Atmosphäre. Gleichzeitig klingt die EP keineswegs retro. Sie ist reduzierter, reif und oft auch cinematisch in ihrer Wirkung. Erwähnenswert ist auch die persönliche Dimension hinter der Platte: Erstmals seit dem Start von Artefakt als Duo im Jahr 2012 wurde diese Veröffentlichung allein von Nick Lapien produziert. Flow Tide gilt also auch als stiller Neubeginn. Dabei ist es kein Bruch mit dem bisherigen Sound geworden, sondern dessen organische Weiterentwicklung. Leopold Hutter

Carrier – Thresholds (Carrier)
Es ist nicht weniger als brutale Urgewalt, mit der Carrier zu Werke geht. Dass er dabei die Filigranität eines Kunstschmieds an den Tag legt, macht seine Musik zur singulären Erscheinung. Nach dem Erfolgsalbum Rhythm Immortal aus dem letzten Jahr, mit dem Guy Brewer sein ehemaliges Alias Shifted endgültig abstreifte und das in Zeiten zerfaserter Veröffentlichungsdynamiken einen der wenigen Konsens-Hits der letzten Jahre darstellte, folgt die EP Thresholds.
Die macht genau dort weiter, wo die klaustrophobischen Gewaltexzesse mit Sinn für Subtilitäten im letzten Jahr aufhörten. Ungerader Techno mit fortwährendem Tieffrequenzrumoren, der unberechenbar zuckt, als hätte man der Spinne aus Stephen Kings It die Augen ausgestochen. Der Bedrohung wohnt aber Verlockung inne: Jeder stolpernde Takt, jede Geräuschkulisse aus den Untiefen des Angstkosmos eine sensorische Überwältigung. Maximilian Fritz

DJ Honesty – Unknown Pleasures EP (No Speakers)
Dub Techno ist noch lange nicht tot. Der in Köln geborene, heute in Lissabon lebende DJ Honesty ist mit seinen Veröffentlichungen zwischen Dub, Bass Music und hypnotischen Grooves schon lange eine feste Größe in diesen Genres. Mit der Unknown Pleasures EP gibt er nun sein Debüt auf dem Label No Speakers.
Mein Favorit ist „Gomma Natural”. Gleich der Einstieg mit seinem Breakbeat beamt kurz zu Winks „Higher States Of Consciousness (Tweekin Acid Funk Remix)”, diesen alten Banger, bei dem sich Acid und Breakbeat so wunderbar gegenseitig ineinander verschrauben, dass es dir einfach nur den Schalter rausdrückt. Davon ist „Gomma Natural” allerdings ein gutes Stück entfernt, kein Acid-Breakbeat-Monster. Stattdessen strudelt sich der Track aus einem tiefen Subbass, warmen Flächen und leicht angezogenen Acid-Tönen heraus ziemlich entspannt in seinen eigenen Flow. Auch der extrem-feine Dub-Techno-Track „Noneties” arbeitet mit diesem angenehm wobbelnden Bass und einem feinen Breakbeat. Ein Track, der klasse federt. Der Titeltrack setzt dagegen stärker auf den Drive nach vorne. Und Arkajos Remix zieht die Schraube anschließend beim Tempo sogar noch etwas an. Liron Klangwart

Fort Romeau – Lovin‘ U EP (Rekids)
Es ist ein Hit! Dazu später mehr. Der in London lebende Produzent Michael Green ist Fort Romeau und hat bereits auf Ghostly, Cocoon und Running Back veröffentlicht. Für die neue EP auf Rekids setzt Green auf House Music.
So in „No Limit”, wo Bassdrum, Snare und Handclaps im Vordergrund stehen, trocken anlaufen, bevor sie dann in weiche Pads und verträumte Frauenstimme getaucht werden, bis ein Madchester-Piano die Atmo gut aufheizt. Relaxt in die Mitternachtsstunde geht es damit. „Breathe” tänzelt hingegen trippiger über den Beat, mit spärlichen Melodie-Parts und einem wie in Bronze getauften Clap. Das Titelstück schließlich empfiehlt sich für jeden nur erdenkbaren Floor, ist vorstellbar auf den Main Stages dieser Erde ebenso wie im Keller. In „Lovin’ You” erklingt eine Frauenstimme, darüber legen sich ein Streicherbogen sowie Himmelssynthesizer – das sitzt. So easy, dass Fort Romeau sich noch eine Orgel leistet und mit der gelegentlichen Vocal-Phrase eine Hymne über sechs Minuten Länge erschallt. Christoph Braun

Que Sakamoto & NT feat. Paulo Santos – Bruma EP (Planet Mushroom)
Que Sakamoto, der DJ aus Tokio, wandert die Achse zwischen Brasilien und seinem Heimatland entlang. Und es klöngelt, klingelt und perlt. „Misterioso” kleckert Blätterrascheln und ein Sopran-Vocal zu Comic-Stimmen und Breakbeats. „Ilusao” auf der A2 kommt daher als House-Stück in halber Zählweise und mit funky Orgel-Chords. Es entwickelt sich vom mausgrauen Beginn her eine schiere Lust zu tanzen. Auf der B-Seite kommen die selbstgemachten Instrumente stärker zum Tragen, die Paulo Santos in Brasilien baut und spielt. „Beleza” scheint mit Stahlsaiten über eine ebenso metallene Oberfläche zu schaben und wölbt sich von dieser psychedelischen Außenseite nach innen, voll der Trip. Zum Schluss klingt das Titelstück an: Das gitarrenartige Instrument darauf erinnert ein wenig an die mongolische Pferdekopfgeige und wird von Sakamoto und seinem Tokioter Produzenten NT mit Live-Schlagzeug und Perkussion hinterlegt. Und schon wieder landet das Stück in einer Endlosschleife, die sich nur scheinbar stets weiter variiert. Christoph Braun
