Jarred Beeler kommt aus Sydney und hat Wurzeln im Libanon. Seit ein paar Jahren fühlt sich der Producer und DJ in Berlin „halbwegs” zu Hause, wie er im GROOVE-Interview sagt. Unter dem Namen DJ Plead veröffentlicht er von dort aus arabisch beeinflusste Clubmusik auf Labels wie AD 93 und Livity Sound. Sein zweites Album Please erscheint nun bei Smalltown Supersound. Es ist das genaue Gegenteil seiner bisherigen Musik: sphärisch, ja sogar verletzlich.
Wer es mit der Verletzlichkeit ehrlich meint, weiß: Sie lässt sich nicht einfach so veröffentlichen. Beeler hat an den Stücken herumgewerkelt, wollte sie reparieren, irgendwann wegschmeißen. Erst Joakim Haugland, der Smalltown-Macher, hat die richtigen Worte gefunden, um das zu verhindern. Das Resultat: arabische Musik aus dritter Generation. Und eine Heimat, die es so nie gab, die sich Beeler aber jetzt, mit 35, in Melodien nachbaut.
Katholisch erzogen, permanent schuldig, nie wirklich angekommen. Für dieses Gefühl gibt es eigentlich keinen besseren Albumtitel als Please. GROOVE-Autor Christoph Gleich hat sich mit Jarred Beeler darüber unterhalten.
GROOVE: Du siehst müde aus, Jarred.
Jarred Beeler: Ich bin erst vor ein paar Tagen aus den USA zurückgekommen und hänge immer noch in diesem furchtbaren Jetlag fest. Das Problem ist: Je älter ich werde, desto schlimmer wird es. Ich versuche daher, lange Reisen so gut es geht zu vermeiden.
Das heißt, du bleibst erst mal in Berlin?
Zumindest bis Ende des Jahres. Bist du auch hier?
Ich lebe in Wien.
Herrlich. Ich habe dort zwar noch nie gespielt, aber ich will unbedingt mal hin. Die Kaffeehäuser, das Motherland des Cappuccinos!
Der heißt hier eigentlich Melange.
Österreich fasziniert mich total. Auch weil ich mit Deutsch aufgewachsen bin, mein Vater kommt ja aus der Schweiz. Gleichzeitig war Österreich im deutschsprachigen Raum für mich immer dieser mysteriöse Ort. In meinem Kopf war das so eine Art Satellitenstaat, den ich nur aus den österreichischen Filmen von Ulrich Seidl und Michael Haneke kannte. Dieser Humor von denen hat mich beeindruckt. Ich dachte nur: What the fuck!
Du bist also mit Deutsch aufgewachsen?
Ja, ich war auf einer internationalen Schule in Sydney. Vielleicht bin ich deshalb ganz gut darin, Akzente herauszufiltern. In meiner Familie hat wirklich jeder einen anderen Akzent. Mein Vater sprach manchmal Schweizerdeutsch, meine Mutter hat diesen australischen Akzent, meine Großmutter einen libanesischen. Ich schätze, daher kommt meine Obsession mit Identität, also: dieses permanente Bedürfnis, verstehen zu wollen, wo die Leute herkommen.
Und trotzdem sprichst du kein Wort Arabisch?
Leider nein. Meine Mutter hat es mir als Kind einfach nicht beigebracht.
„Einen Sound zu kreieren, in dem ich mich geborgen fühle, ist ein Teil von mir.”
Das ist bei mir und meiner Mutter genau dasselbe. Sie kommt aus Ungarn, hat mir aber nie die Sprache beigebracht.
Ich habe das Gefühl, unsere Eltern haben uns um diese Sprache beraubt. Sie stand uns eigentlich zu, aber sie haben sie uns weggenommen, indem sie passiv damit umgegangen sind. Na ja, wahrscheinlich ist Kindererziehung an sich schon anstrengend genug. Trotzdem verstehe ich erstaunlich viel. Meine Großmutter spricht oft Arabisch mit mir, und ich reime mir das dann zusammen. Wobei schwer zu sagen ist, wie viel davon einfach nur Kontext und Intuition ist.
Ich habe gelesen, dass du dir deine Identität quasi über das Kopieren von Hochzeits-Kassetten deiner Tanten zusammengereimt hast. Irgendwie fühlt sich Please wie der Versuch an, eine Heimat zu erfinden, die es für dich so nie gab.
Das ist ein interessanter Gedanke, und vielleicht stimmt er sogar. In gewisser Weise fühlt es sich nämlich an, als würde ich mir in meiner Musik eine eigene Heimat erschaffen, weil ich mich sonst nirgendwo so richtig zugehörig fühle. Ich lebe jetzt seit ein paar Jahren in Berlin, aber ich bleibe nie lange an einem Ort. Einen Sound zu kreieren, in dem ich mich geborgen fühle, ist ein Teil von mir. Gleichzeitig hasse ich das Wort „Identität” mittlerweile.
Weil es so überfrachtet ist?
Ja, ich kann daran irgendwie nicht mehr glauben. Ich halte es für eine Halluzination oder einen Fiebertraum, in dem jeder krampfhaft versucht, sich eine Identität zusammenzubasteln, wobei ich mir gar nicht sicher bin, ob es die in der Form, wie wir sie uns vorstellen, überhaupt gibt.
Das Gleiche gilt für das Wort „Nostalgie”. Vor ein paar Jahren wäre das noch eine ziemlich gute Beschreibung für dein Album gewesen. Heute klingt der Begriff fast schon erbärmlich.
Ich weiß genau, was du meinst. Wenn man diese Begriffe immer und immer wieder benutzt, verlieren sie völlig ihre Bedeutung. Natürlich gibt es in diesen Stücken so eine Art Nostalgie, die wir mit Nostalgie assoziieren. Aber es ist nicht so, dass ich dabei im Sinne einer reinen Nostalgie an irgendetwas Vergangenes denke. Ich sehne mich nicht nach der alten Zeit.

Das Albumcover jedenfalls ist die absolute Momentaufnahme. Kaffee, Schlüssel, Telefon, Tigerbalsam, Pillen – sind das die Schnappschuss-Essentials des DJ-Plead-Lebens?
Das Lob dafür gebührt Lucia Jost, die das Foto gemacht hat. Ihr großartiges Konzept dahinter war, mich bei etwas völlig Unbefangenem, Alltäglichem zu zeigen. Einfach weil das genau mein Leben ist. Es fängt dieses Gefühl ein, dass ich ständig in Eile bin. Ich trinke Kaffee, während ich gleichzeitig esse. Verrückt, oder?
Ich habe auf dem Bild auch einen Papst-Franziskus-Schlüsselanhänger entdeckt.
Das hat eine gewisse Ironie, obwohl ich katholisch erzogen wurde. Irgendwie ist es aber rührend, Franziskus da mit drauf zu haben, nicht?
Dass das Album Please heißt, passt jedenfalls. Das klingt ein bisschen wie ein winselndes Betteln um Vergebung, oder?
Absolut, ich bin permanent voller Scham und Schuldgefühle. Das ist einfach dieser eingebaute Katholizismus in mir. Auch der Name DJ Plead kommt ja vom Flehen um Vergebung. Es gibt da so eine Schuld, die mich mein ganzes Leben lang begleitet. Nicht unbedingt, weil ich irgendetwas falsch gemacht hätte. Es ist eher so ein diffuses Grundrauschen.
Kannst du dich an deine allererste Erinnerung erinnern, die dich mit Musik verbindet?
Wow. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, gibt es da dieses Lullaby, „Little Boy Blue”, das meine Mutter mir immer vorgesungen hat. Das macht mich heute noch emotional. Später war ich besessen von Billy Ray Cyrus‘ „Achy Breaky Heart”. Danach stand ich total auf Toni Braxtons „Unbreak My Heart”. Beides übrigens verletzliche Songs über gebrochene Herzen.
Und beide drehen sich um: Vergebung.
Wir suchen doch alle nach Erlösung, oder?
Es ist interessant, dass du das Wort „verletzlich” benutzt. Ein Wort, das zwar im Pressetext zum Album auftaucht, im Musikdiskurs mittlerweile aber komplett verkommen ist.
Sicher, aber für mich stimmt es trotzdem. Musik wie diese zu veröffentlichen, gibt mir das Gefühl, extrem schutzlos zu sein. Es fühlt sich nämlich fast so an, als würde ich singen. Während der Großteil meiner früheren Musik rein funktional war, zeige ich mich hier zum ersten Mal im Umgang mit meinen eigenen Dingen. Und ja, das ist mir peinlich.
Deine eigene Musik ist dir peinlich?
Na ja, schon. Joakim, der das Label [Smalltown Supersound, Anm.d.Red.] leitet, musste mich quasi coachen, weil ich permanent Zweifel an den Tracks hatte. Ich habe an den Stücken herumgeschraubt und versucht sie zu reparieren, aber er meinte nur: Geh‘ einen Schritt zurück und lass‘ sie genau so, wie sie sind. Joakim war also essenziell für dieses Album, weil ich mir selbst nicht traue. Bei Dance Music kann ich das. Aber bei dieser Art von Musik ist alles viel unvorhersehbarer. Ihr Zweck ist abstrakter.
„Es fällt mir extrem schwer, auf mein jüngeres Ich zurückzublicken, ohne zu cringen.”
Das heißt, eine einfache Melodie darf dir inzwischen passieren?
Schon. Obwohl ich als Jugendlicher Gitarre gespielt habe, habe ich das lange Zeit völlig aus den Augen verloren. Deshalb war meine Musik auch so clubfokussiert. Jetzt bewege ich mich genau in die entgegengesetzte Richtung.
Weißt du, woher dieses Bedürfnis plötzlich kommt?
Es war schon immer in mir, aber ich habe mich davor versteckt. Vor Kurzem hat mir ein Schulfreund eine Aufnahme geschickt, auf der wir zusammen an der Gitarre jammen. Das klang verblüffend ähnlich zu den Melodien, die ich heute auf dem Keyboard einspiele. Im Grunde hat sich also gar nicht so viel verändert.
Du bist jetzt 35, richtig?
Ja.
In dem Alter fangen alle noch mal intensiv an, über ihre Jugend nachzudenken, oder? Da kommen ziemlich unterschiedliche Sachen hoch.
Darüber denke ich ständig nach. Und ich beneide die Leute, die noch einen guten Draht zu ihrem damaligen Ich haben. Manche haben ja eine richtige Beziehung zu ihrem Teenager-Selbst. Bei mir ist das gefühlt überhaupt nicht so. Ich habe das vor langer Zeit komplett abgehakt. Deswegen fällt es mir extrem schwer, auf mein jüngeres Ich zurückzublicken, ohne zu cringen. Aber wir kommen wohl langsam in das Alter, wo das auch wieder möglich wird.
Hast du eine Ahnung, warum du dein jüngeres Ich damals zurückgelassen hast?
Na ja, da ist eben etwas, wovor man Angst hat, weil es sich im Jetzt festsaugen könnte, oder? Ich kenne allerdings viele Leute, die auf ihre Teenagerzeit zurückblicken und auf eine sehr liebevolle Art über sich selbst lachen können. Das sieht gesund aus, aber wer weiß? Vielleicht ist es auch völlig okay, einfach durchs Leben zu gehen, ohne sich ständig im Kreis zu drehen.

Du hast anfangs über deinen Jetlag gesprochen und dass dich das alles immer mehr mitnimmt. Glaubst du, kommt irgendwann der Moment in deinem Leben, an dem du des permanenten Unterwegs-Seins müde wirst?
Ich lebe genau in diesem Widerspruch: Ich bin erschöpft davon, ich will, dass es aufhört, aber ich kann nicht aufhören, unterwegs zu sein. Ich weiß noch nicht, warum. Oder vielleicht weiß ich es, will es mir aber gerade nicht eingestehen. Denn was wären die Alternativen? Entweder ich lebe in Australien – was das Aus fürs Touren bedeuten würde. Oder ich lebe hier, und wenn ich hier lebe, muss ich akzeptieren, dass mein Leben nun mal genau so aussieht.
Das klingt hart.
Ja, ich bin mir aber nicht sicher, ob es das Reisen an sich ist, das mich so auslaugt, oder diese Shows zu spielen, was mich psychisch extrem anstrengt. Wie auch immer, ich sehne mich wahnsinnig nach Routine. Dieses Leben fühlt sich in meinem Alter irgendwie nicht mehr angemessen an, oder?
Jedes Mal, wenn das jemand sagt, muss ich an diesen Song von Baz Luhrmann denken, „Everybody’s Free (To Wear Sunscreen”).
Warte, hast du gerade Baz Luhrmann gesagt?
Ja, der Regisseur, der mal diesen Song gemacht hat.
Der kommt tatsächlich aus derselben Ecke in Sydney, in der ich aufgewachsen bin.
Du kennst ihn also?
Nein, aber wir haben mal eine Zeit lang im selben Studio gearbeitet.
Das Zitat aus seinem Song geht jedenfalls ungefähr so: „Die interessantesten Leute, die ich kenne, wussten mit 20 nicht, was sie mit ihrem Leben anfangen sollten. Einige der interessantesten 40-Jährigen, die ich kenne, wissen es immer noch nicht.”
Ha, das lässt mich hoffen! Aber was soll ich sagen: Letztendlich ist mein Leben richtig schön.