GiGi FM: „Wenn ich Ableton öffne, habe ich keine Agenda”

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GiGi FMs Mix für unserer Podcast-Reihe findet ihr hier.

Den Tanz als Ursprung, elektronische Musik als dessen logische Konsequenz: Ursprünglich Ballerina, hat sich GiGi FM in den letzten Jahren als DJ profiliert. Ihre Sets bestechen mit einer spezifischen Körperlichkeit und resonieren gleichzeitig auf einer emotionalen Ebene. Was daran liegen mag, dass die Französin in ihrem Schaffen Physis und Spiritualität zusammenbringt. Maximilian Fritz hat sie in Berlin zum Gespräch getroffen.

Die Orangerie im Körnerpark zu Neukölln, kurz nach 14 Uhr. GiGi FM hat sich um fünf Minuten verspätet, wofür sie sich via Anruf extra entschuldigt hat. Sie trägt Pikachu-Socken, was den Einstieg ins Interview leicht macht. Von Pokémon wandert das Gespräch sofort zu einer von vielen wichtigen Inspirationsquellen für die DJ, Producerin, Tänzerin, Sängerin: Videospiele und japanische Kultur im Allgemeinen. Die Soundtracks von Ghost In The Shell, Akira oder Death Note seien für Japaner:innen „ganz normale Filmmusik. Wir Musiknerds flippen aus, wie cool das ist.” Selbst wenn jemand keine Videospiele möge, „gefallen ihm die Soundtracks von Ape Escape, Mario Kart, Secret of Mana oder Tekken.”

Auf ihrer aktuellen EP Shelter Our Time lassen sich diese Einflüsse bislang am deutlichsten erkennen. Schon der Opener „Neptune” klingt mit seiner Liquid-Drum’n’Bass-Zärtlichkeit wie das Menü eines futuristischen Racing-Spiels aus den Neunzigern. „Here and Now” wirkt in seiner Melodie von japanischer Environmental Music, Kankyō Ongaku, inspiriert, ehe Gigi ihre Stimme einsetzt und für Pop-Momente sorgt, ähnlich denen einer pinkpantheress. Breakbeats, Jungle, Drum’n’Bass gehören seit ihrer Londoner Zeit in den Zehnerjahren zu ihrer musikalischen DNA. Kürzlich spielte sie in Amsterdam auf einem Wall-of-Sound-Event von DVS1. Dort habe sie mit Amapiano angefangen, dann UK-Zeug, ein Missy-Elliott-Instrumental, Dub, Jungle, Footwork gespielt – und natürlich einen Videospiel-Soundtrack: „Ich hatte immer einen Videospiel-Ordner auf meinem Stick. Den Bomberman-Soundtrack spiele ich immer noch. Bei Wall of Sound habe ich zwei Tracks daraus gespielt. Die sind so krass!” Die Adelung folgte auf dem Fuß: DVS1 meinte nach ihrem Set, dass er und seine Frau den Dancefloor kaum verlassen konnten.

In der globalen und deutschen Szene wurde GiGi FM, ihr Künstlername ist ein Akronym ihres Klarnamens Giulia Fournier-Mercadante, aber nicht zuletzt als Techno-DJ bekannt. Spätestens ihr Mix für den RA-Podcast vor vier Jahren, eine tiefschürfende, spirituelle Hypnotic-Techno-Exkursion, heute bei über 200.000 Plays auf SoundCloud, verhalf ihr zum internationalen Durchbruch. Wenige Wochen nach seinem Erscheinen spielte sie erstmals in der Panorama Bar, an einem von ItaloJohnson zusammengestellten Finest Friday. „Das war das erste Mal, dass ich im Building gespielt habe. Ehrlicherweise habe ich an dem Abend etwas getrollt. Ich wollte ein paar Amapiano-Tracks spielen, ein bisschen was von Future Sound of London, punkige Sachen. Tatsächlich hat es den Leuten aber super gefallen. Ich war wahrscheinlich die Einzige, die dachte, dass sie trollt.”

Der entscheidende Schlüssel zur Künstlerpersönlichkeit von GiGi FM liegt in ihrer Motorik. Von Kindesbeinen an Tänzerin, kommt sie im Zuge dieser Passion erstmals mit elektronischer Tanzmusik in Kontakt, wie es so schön heißt: Auf der Tanzschule Alvin Ailey in New York spielt ihr der Lehrer Functions „Disaffected” vor, eine hypnotische Technonummer ähnlich Rroses „Waterfall (Birth)”. „Dave [Sumner, alias Function, d.Red.] freut sich immer noch darüber, dass ich ihm das erzählt habe.” Die Klasse soll dazu improvisieren. „Ich dachte mir nur: Was zur Hölle ist das? Dazu zu tanzen, fiel mir sehr leicht.”

Tanzen fällt ihr leicht (Foto: Alfonso Lara Oakes)

Sicherlich auch, weil sie auf der renommierten Schule, für die sie ein Stipendium bekam, die Striktheit des klassischen Balletts ablegen konnte, das sie noch in Frankreich praktizierte – und weil sie in Paris in ihrer Kindheit und Adoleszenz negative Erfahrungen macht: „Leute wollen dich in Schubladen stecken, auch physisch. Wenn du Ballett machst, hast du viel Druck, was deine äußere Erscheinung betrifft. Die Ausbildung kann traumatisierend sein: Ich bin Latina und habe einen sehr weiblichen Körper. Wenn du neun bist und dir gesagt wird, dass du dick bist, ist das uncool. Dann kam die Pubertät, und meine Figur entwickelte sich noch weiblicher. Ich kam zurück auf die Schule, und die waren aufgebracht.”

„Ich war damals schon diese kleine autistische Keyboard-Person”

Gigi will weg, nimmt also ein Bewerbungsvideo auf und schickt es an Tanzschulen auf der ganzen Welt: Buenos Aires, London, Boston, New York, Tokio. Tatsächlich nimmt sie jede einzelne, sie entscheidet sich für New York. Der afroamerikanische Namenspatron der Schule Alvin Ailey, der 1989 an den Folgen einer AIDS-Erkrankung starb, interpretierte Tanz freier, nicht zuletzt in der Tradition Lester Hortons, bei dem er selbst Schüler war. Zeitgeistig, kontemporär, mit Verlass auf die Urgewalt des Ausdrucks, ohne geistige Scheuklappen. Was keineswegs bedeutet, dass die Ausbildung ein Zuckerschlecken war: Gigi hatte eine merit scholarship, musste sich für ihr Stipendium als Arbeiterkind in einem kompetitiven Umfeld also jedes Semester aufs Neue beweisen. Trotzdem fiel ihr das Tanzen zu modernen Musikästhetiken leichter: Performances zu schwarzer Musik waren, anders als beim Ballett in Frankreich, nicht mehr verpönt.

Und dann wäre da noch ein weiterer Faktor, der streng regulierte Umgebungen für sie verkompliziert: „Immer wenn ich Musik gemacht oder getanzt habe, hat mich nichts anderes gekümmert. Auch das ADHS ist dann verschwunden oder hat mir sogar geholfen.” Schon als Kind sei deutlich geworden, dass Gigi sich auf dem Spektrum befinde. „Ich war damals schon diese kleine autistische Keyboard-Person”, sagt sie lachend und zeigt mir ein Video von sich, auf dem sie schon mit zwei Jahren ein Keyboard hält wie andere Kinder ein Stofftier. „Als ich noch sehr klein war, wollte ich an Weihnachten, als es Zeit für die Bescherung war, meinen Rekorder nicht weglegen. Ich habe ihn dann kurz auf ein Regal gestellt, meine Geschenke aufgemacht und bin sofort wieder zu ihm gelaufen.” Sie sei als Kind sehr hyperaktiv gewesen, weswegen ihre Eltern mit ihr viel ausprobiert hätten: Tanzen, Singen, Klavier, Theater, mit 13, 14 zieht Gigi dann nach New York.

Foto: George Nebieridze

Auch im Gespräch fällt es manchmal schwer, mitzuhalten. Gigi fragt unablässig nach, scheint währenddessen aber schon den nächsten spruchreifen Gedanken in ihrem Kopf parat zu haben, sie wirkt hyperfokussiert und zerstreut zugleich, in ihren Sätzen mischen sich amerikanisches und britisches Englisch – sie lebte in New York, später zehn Jahre in London – und Französisch – ihre Großeltern emigrierten von Neapel nach Frankreich, ihre Mama ist als Erste aus der Familie in Frankreich geboren, Gigi ist in Paris aufgewachsen –, das sich vor allem bei spontanen Gefühlsreaktionen Bahn bricht. Sie weiß selbst, dass das überfordern kann, und fängt das humorvoll auf. Als ich entgegne, dass es so besser sei, als Interviewpartnern alles aus der Nase ziehen zu müssen, fragt sie wie aus der Pistole geschossen: „Sagt ihr das im Deutschen auch? Hat das mit Mumifizierung im Alten Ägypten zu tun? Im Französischen sagen wir das auch, nur dass man den Wurm aus der Nase zieht.” Es sind diese abrupten Volten und Einwürfe, die das Gespräch kennzeichnen.

Wo wir schon beim Alten Ägypten sind: Gigi hat ein Faible für Mythologie, das sie mit ihrem Vertrauten Donato Dozzy teilt. Sie erzählte dem Italiener etwa vom Buch The Cosmic Serpent, Beobachtungen und Nachforschungen des Anthropologen Jeremy Narby, der unter peruanischen Indigenen lebt und in deren von Ayahuasca katalysierte Wissenswelt eintaucht. Spiritualität, die Lust am Glauben kennzeichnen Gigis Wesen. Weil sie darüber lachen kann und Doppelbödigkeiten zulässt, mutet sie anders als manche affektierten Kolleg:innen, die sich als spirituelle Instanzen mit Deutungshoheit inszenieren, aber liebenswert schrullig an. Als ich ihr erzähle, dass ich auf einem Festival am Wochenende ihren Kumpel Quelza kennengelernt habe, entfährt ihr sofort, dass Leo am selben Tag wie sie Geburtstag hat: Beide seien sie virgo crazy maniacs. Auch Donato und sie hätten „festgestellt, dass ihre Geburtstage nur vier Tage auseinanderliegen.”

GiGi FM (Foto: George Nebieridze)
Foto: George Nebieridze

Immer wieder kommen wir außerdem auf Verschwörungstheorien zu sprechen. Jene der lustigen, harmlosen Art, nicht jene, die DJs und Raver:innen, deren Gehirne immer noch auf den Wäldern und Wiesen des Exzesses aus den Neunzigern festfrittiert sind, verbreiten. Gigi gewinnt Verdachtsmomenten, dass Avril Lavigne eine Doppelgängerin hat oder Michael Jackson noch lebt, auf unbestürzende Weise Lustiges ab. Sie glaubt an extraterrestrisches Leben und weist auf Parallelen zwischen den Bilderwelten verschiedener Kulturen hin: Griechisch-romanisch, keltisch, äthiopisch, was bei mir Erinnerungen an die Präastronautik-Koryphäe Erich von Däniken weckt, für Gigi aber zur essenziellen Kombination aus Mythologie und Astrologie gehört.

Doch bei allem Ulk stellt sie unmissverständlich klar: „Ich bin Lebensromantikerin und away with the fairies, aber ich glaube an Wissenschaften und Fakten. Ich glaube nicht an etwas, zu dem es keine Fakten gibt. Bestimmte Sachen schön zu finden und bestimmte Ideen zu mögen, muss nichts mit den eigenen Überzeugungen zu tun haben” – eine Künstlerpersönlichkeit, bereit zu gesellschaftsfähigem Konsens.

Auch ihr Label Sea~rène, auf dem sie bislang nur ihre eigene Musik veröffentlicht hat, dreht sich um kosmische, ursprüngliche Zusammenhänge: „We are Sea~rène swimming in-between supernatural tides, forever following the emotional waves of the universe”, heißt es im Mission Statement. Techno, Bass, Breaks, Ambient – Gigi FM vereint sicherlich auch deshalb so viele Stile auf sich, weil für sie alle dieselbe Triebfeder haben: Im Anfang war der Tanz. Maurice Ravels Boléro von 1928 ist für sie „das erste Stück elektronische Musik überhaupt. Alleine wegen des Schlagzeugrhythmus. Der stoppt irgendwann, dann kommt ein neues Instrument und spielt exakt denselben Loop! Die Instrumente übernehmen voneinander und spielen die exakt selbe Melodie. Das ist ein Loop!”

„Es ist wie die Liebe: Nichts bleibt gleich, alles entwickelt sich. Darauf muss man sich einstellen.”

Besonders die dramatische, körperliche Interpretation des Boléro von Maurice Béjart, eines französischen Tänzers, hat es Gigi angetan. Technisch gesehen sei aber La Messe pour le temps présent, an dem Béjart ebenfalls beteiligt war, ihr Erstkontakt mit elektronischer Musik: Eine suite de danses von 1967, die verschiedene Musikkulturen zu einem psychedelischen Dickicht aus Synthesizern und Schwindel vermischt.

Weniger artsy, dafür umso raviger – zwei Pole, die sich für Gigi definitiv nicht ausschließen –, ging es auf dem BLOC Festival in Wales zu: Dort sah sie erstmals Nina Kraviz, hörte Egyptian Lover mit einem Liveset auf einer Poolparty und entdeckte Jungle profunder für sich, alles eingebettet in ein ausgefallenes, abgedrehtes Gesamtkonzept, das hierzulande an das leider eingestellte Format Nachtiville erinnert: „Sie hatten zwei Sender: Bloc TV hatte die seltsamsten Filme, sprechende Vaginas, italienischen Horror, der sich wie ein K-Hole anfühlte. Auf dem anderen lief Und Täglich Grüßt Das Murmeltier in Dauerschleife.”

Vom inzwischen ebenfalls eingestellten BLOC Festival aus lassen sich leicht Kontinuitätslinien bis zur aktuellen EP ziehen. Und darüber hinaus: Gigi arbeitet laufend an weiterer Musik. Das bedeutet jede Menge Studiozeit zwischen den Gigs an den Wochenenden, erst kürzlich etwa ein b2b mit Efdemin in einer brechend vollen ELSE.

Foto: George Nebieridze

GiGi FM erntet seit einigen Jahren die Früchte ihrer Arbeit und einer Karriere voller Umwege und mutiger Entscheidungen: „Ich lege nun seit fast zehn Jahren auf und habe erst seit zwei Jahren CDJs zuhause. Ich konnte mir vieles nicht leisten.” Sie paart Arbeiterklassen-Ethos mit Pragmatismus und einer Mentalität, die nicht forciert, sondern Unwägbarkeiten einkalkuliert. „Ich verstehe, dass das [ihr Erfolg, d.Red.] nicht ewig währt. Wenn ich aber 55 bin und immer noch touren sollte, denke ich mir: Fuck yeah!” Oder, ein wenig poetischer: „Es ist wie die Liebe: Nichts bleibt gleich, alles entwickelt sich. Darauf muss man sich einstellen.”

Dass hinter all dem, was Gigi in den letzten Jahren erreicht hat, jahrelange harte Grundlagenarbeit steckt, vergisst man bei einer nonchalanten, federleicht auftretenden Persönlichkeit wie ihr gerne. Gegen Ende unseres Gesprächs blickt sie auf ihren Werdegang zurück und stellt klar, dass sie nicht umsonst steht, wo sie steht. „Ich kann dir als Tänzerin und Musikerin sagen: Es dauert zehn Jahre, bis du etwas perfektioniert hast. Wenn du nicht geduldig, passioniert und diszipliniert genug bist, dann lass‘ es. Versuch’s meinetwegen, denn man weiß nie, aber du solltest dir keine Hoffnungen machen. Wenn du jemanden das erste Mal triffst, werdet ihr auch nicht sofort beste Freunde.”

Foto: Noémie Lacote

Harte Arbeit und ein Leben für die Kunst stellen also keinen Widerspruch dar. Ein wenig erinnert sie damit an die Herangehensweise von David Lynch, hinter dessem bahnbrechenden Surrealismus ein rigider Tagesablauf steckte. Disziplin, die dem Werk zugute kam, bei voller künstlerischer Freiheit, die sich auch Gigi nimmt: „Ich mache Musik. Wenn ich Ableton öffne, habe ich keine Agenda.”

Das nimmt man ihr nicht nur musikalisch ab: 2022 fand sich ein Insta-Live von GiGi FM auf dem Parallel Festival in vielen Feeds. Darauf zu sehen: Eine dauergrinsende Gigi, wie sie sich eine halbe Ewigkeit selbst filmt und das Gelände erkundet. In dem Video prallen eine gewisse Form der Spiritualität, Spontaneität und Selbstbestimmtheit aufeinander. GiGi FM ist keine jener Künstler:innen mit Kontrollzwang, keine DJ, die mit einer ausgeklügelten Marketingstrategie aufgebaut wurde. Sie ist Nerd mit Hang zum Obskuren, Tänzerin, Kosmopolitin – und nicht zuletzt Raverin mit scheinbar unendlichen Energieressourcen.

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